Das ist mal wie­der total fik­tiv! Die Idee kam mir bei einer Kurz­ge­schichte von Harry Mulisch.

Sehr geehr­ter Herr X,

bevor ich zum lei­der etwas uner­freu­li­chen zen­tra­len Anlie­gen die­ses Schrei­bens komme, möchte ich doch zual­ler­erst mei­ner tie­fen Dank­bar­keit Ihnen und Ihrer geschätz­ten Fami­lie gegen­über Aus­druck ver­lei­hen. Wie Sie selbst ganz bestimmt am bes­ten wis­sen, ist es kei­nes­wegs ein­fach, in Zürich eine Woh­nung zu fin­den. Oft befin­det man sich in der Gesell­schaft von Dut­zen­den Mit­be­wer­bern und nur wenn For­tuna einem hold zulä­chelt, kann man schließ­lich eine der begehr­ten Behau­sun­gen bekom­men. Hinzu kommt noch die erschwe­rende Tat­sa­che, dass ich zur Zeit der Woh­nungs­su­che noch in Deutsch­land weilte und somit zu allen Besich­ti­gungs­ter­mi­nen, wel­che ich mir natür­lich ver­suchte ent­spre­chend zurecht­zu­le­gen, eine sechs­stün­dige Zug­fahrt auf mich neh­men musste. Sie kön­nen sich gar nicht vor­stel­len, wie glück­lich ich schließ­lich war, als ich von Ihnen die Zusage erhielt, in diese schmu­cke Woh­nung ein­zie­hen zu dür­fen! Seien Sie also ver­si­chert, dass ich Ihnen sehr dank­bar bin und mit die­sem Brief sich daran ganz gewiss nichts ändern wird.

Aber gerade weil ich Ihnen so gewo­gen bin und ich Sie auch stets als eine Per­son erlebt habe, der das Wohl der Mie­ter am Her­zen liegt, möchte ich doch auf einige klei­nere Unan­nehm­lich­kei­ten hin­wei­sen. Ich habe es mir auch weiß Gott nicht leicht gemacht, lange Zeit habe ich gewar­tet und die lei­der den­noch wach­sen­den Ein­schrän­kun­gen in mei­nem Wohn­kom­fort hin­ge­nom­men, aber da keine Bes­se­rung in Sicht ist, habe ich mich nun doch zu die­sem Schritt entschlossen.

Die Pro­bleme, um nun end­lich ganz kon­kret zu wer­den, tre­ten in allen Räu­men auf, jedoch in sehr unter­schied­li­cher Form. Der wun­der­schöne Par­kett­fuß­bo­den im Wohn­zim­mer hat sich im Ver­lauf eini­ger Monate fast voll­stän­dig mit fei­nen grauen Flo­cken bedeckt, wel­che durch jeden Schritt auf­ge­wir­belt wer­den und zu Beein­träch­ti­gun­gen der Atem­wege füh­ren. Die Her­kunft die­ser an sich zwar fas­zi­nie­ren­den, im vor­lie­gen­den Fall aber doch eher stö­ren­den Struk­tu­ren ist mir völ­lig unbe­greif­lich. Ich habe sie jedoch auch ganz oben im Dach­bo­den bemerkt und ver­mute, dass sie dort ihren Ursprung haben und durch Öffnun­gen im Mau­er­werk oder andere Undicht­hei­ten ihren Weg in meine Woh­nung gefun­den haben. Auf jeden Fall habe ich sie nicht her­ein­ge­bracht und wüsste auch nicht, wie ich sie her­stel­len soll.

Im Bade­zim­mer zeich­net sich indes­sen ein zwar auf den ers­ten Blick ver­wand­tes, bei nähe­rer Betrach­tung doch ver­schie­de­nes Bild. Die rät­sel­haf­ten grauen Flo­cken tre­ten auch dort auf dem Boden auf, im Spül­be­cken und der Wanne sind jedoch zusätz­lich noch Ver­fär­bun­gen und Inseln mit einer dunk­len, schlei­mar­ti­gen Sub­stanz vor­han­den. Auch hier ist mir völ­lig unklar, wie diese sub­ver­si­ven Par­ti­kel den Weg in das Bade­zim­mer gefun­den haben. Ich habe die Tür auch sofort nach dem ers­ten Auf­tre­ten die­ser Phä­no­mene stets geschlos­sen gehal­ten, um das Ein­drin­gen von außer­halb zu unter­bin­den. Doch trotz pein­li­cher Ein­hal­tung die­ser mir selbst auf­er­leg­ten Regel ver­schärfte sich das Pro­blem eher noch. In letz­ter Zeit schei­nen diese Dinge fast eine Art Eigen­le­ben ent­wi­ckelt zu haben. So inter­es­sant diese Beob­ach­tun­gen sicher­lich für die Wis­sen­schaft sind, so stö­rend und abscheu­er­re­gend emp­finde ich sie in so naher Nach­bar­schaft im Bad.

Doch nun zur Küche. Im dor­ti­gen Spül­be­cken tre­ten ganz ähnli­che Phä­no­mene wie die im Bad beschrie­be­nen auf, nur dass hier eher ein dun­kel­braune Fär­bung der gal­lert­ar­ti­gen Inseln zu beob­ach­ten war. Wesent­lich besorg­nis­er­re­gen­der sind hin­ge­gen die Gescheh­nisse, wel­che in dem einen Top ihren Anfang nah­men. Wie­der aus völ­lig rät­sel­haf­ten Grün­den bemerkte ich nur wenige Tage nach dem Kochen einen abscheu­li­chen Gestank, wel­cher aus eben­je­nem Topf kam, in dem ich die Bra­ten­soße nach einem lecke­ren Rezept mei­ner Oma zube­rei­tet hatte. Nur wenig spä­ter ent­deckte ich rie­sen­große Maden, wel­che in der Küche umher­kro­chen. Aus die­sen schlüpf­ten aller­lei Insek­ten her­vor, die es sich mitt­ler­weile in der Küche gemüt­lich gemacht haben. Es war fas­zi­nie­rend, in welch kur­zer Zeit die Natur Ein­zug gehal­ten hat in die­sem Raum, in dem ich doch eigent­lich mein ganz natür­li­ches Hun­ger­be­dürf­nis stil­len wollte. Sie ver­zei­hen sicher­lich die­ses Wort­spiel. Nun, mitt­ler­weile traue ich mich ein­fach nicht mehr hin­ein, meine Vision einer fried­li­chen Koexis­tenz stieß ins­be­son­dere bei den Wes­pen auf wenig Gegenliebe.

Ich hoffe, der Ernst der Situa­tion ist Ihnen anhand mei­ner Schil­de­run­gen klar gewor­den. Mit die­ser Woh­nung, so froh ich auch bin, darin zu woh­nen, stimmt etwas nicht. Ich bitte Sie, umge­hend Maß­nah­men ein­zu­lei­ten, um das wei­tere Aus­brei­ten von Leben ein­zu­däm­men und mir wie­der die Grund­flä­che zur Ver­fü­gung zu stel­len wie im Miet­ver­trag vereinbart.

Mit freund­li­chen Grü­ßen, Ihr A. B.

No rela­ted posts.

Ähnli­che Arti­kel bereit­ge­stellt von Yet Ano­ther Rela­ted Posts Plu­gin.