Das letzte Mal war ich 1991 in Wien. Mit den Eltern ging es nach Bul­ga­rien in den Urlaub, da lag Wien auf der Route und wir stat­te­ten die­ser berühm­ten Stadt einen klei­nen Besuch ab. Doch die Erin­ne­run­gen an die­sen ers­ten und bis­her ein­zi­gen Besuch ver­blass­ten rasch, ein Cafe mit Stüh­len und Tischen, Öster­rei­chi­sche Schil­ling, wel­che 1:7 getauscht wur­den, Schau­fens­ter, ein gro­ßer Platz — mehr ist nicht hän­gen geblieben.


Mein Auf­ent­halt in Wien begann mit die­ser hei­ßen Scho­ko­lade, typi­scher­weise wird dazu ein Glas Was­ser serviert.

Nun also ein Besuch mit vie­len Leu­ten aus dem Labor (stellt euch dies bitte schwei­ze­risch betont vor, also auf der ers­ten Silbe) und ande­ren Bekannt­schaf­ten. In meh­re­ren Grup­pen flo­gen oder (zug)fuhren wir gen Osten, an den äußers­ten Rand von Öster­reich. Diese Kurio­si­tät ist geschicht­lich bedingt, das rie­sige Reich der Habs­bur­ger erstreckte sich noch bis zum Ers­ten Welt­krieg viel wei­ter in süd­öst­li­cher Rich­tung. Und für die­ses rie­sige Gebiet wurde Wien gebaut, über­haupt stammt die Mehr­zahl der Pracht­bau­ten aus die­ser Zeit (Ende des 19. Jahr­hun­derts). Kai­ser Franz-​​Joseph ließ die mit­tel­al­ter­li­che Fes­tungs­an­lage schlei­fen und hatte viel Platz, sich mit schö­nen Gebäu­den ein Denk­mal zu set­zen. Der Kern der Stadt liegt im Inne­ren die­ses ehe­ma­li­gen Fes­tungs­rin­ges, das Zen­trum bil­det ohne Zwei­fel der Ste­phans­platz mit dem gleich­na­mi­gen Dom.


Schloss Schön­brunn ist die Resi­denz der Habs­bur­ger Mon­ar­chen. Es liegt ein wenig außer­halb Wiens.

Ich erlebte Wien als schmu­cke, pom­pöse Groß­stadt, das vom alten Glanz der Habs­bur­ger zehrt. Die Stadt ist durch ihre Flach­heit unüber­sicht­lich, die Rolle der pracht­vol­len Bau­ten wird dadurch aller­dings ver­stärkt. Es gibt keine Berg­hänge im Hin­ter­grund, wel­che die mensch­li­chen Bau­ten in Rela­tion rücken, in allen Rich­tun­gen ste­hen ein­drucks­volle Haus­fron­ten, wel­che nur durch den Him­mel begrenzt wer­den. Die Donau fließt auch nicht gerade durchs Zen­trum, so dass eine natür­li­che Tei­lung der Stadt wie in Paris oder Dres­den nicht vor­han­den ist. Häu­ser, Stra­ßen, Cafes, Thea­ter, Muse­ums­quar­tier, Oper, Par­la­ment, Rat­haus — alles steht auf glei­cher Höhe, die ein­zi­gen Weg­wei­ser im Stra­ßen­la­by­rinth sind die hohen Rat­haustürme und natür­lich der ein­ge­rüs­tete Turm des Ste­phans­doms. Es ist für mich unge­wohnt, Zürich und Dres­den haben mich in ande­rer Rich­tung geprägt.


Das Wie­ner Burg­thea­ter — Mekka für Thea­ter­freunde, hier wirk­ten Tho­mas Bern­hard, Claus Pey­mann und Achim Benning.

Doch zum eigent­li­chen Zweck unse­res Besuchs — dem WU-​​Ball an der Hof­burg. Wir hat­ten uns alle­samt fein her­aus­ge­putzt, um dem Kleid­er­re­gle­ment zu genü­gen (schwar­zer Frack/​Smoking/​Anzug und Fliege für die Her­ren, boden­lan­ges Abend­kleid für die Damen). Und so misch­ten wir uns unter die vie­len Gäste, ich kannte — wie zu erwar­ten — kei­nen der sons­ti­gen Anwe­sen­den. Die Hof­burg mit ihren rie­si­gen Sälen, groß­zü­gi­gen Trep­pen­häu­sern, alten Gemäl­den und dem Nach­hall alter Zei­ten war ein idea­ler Ort für einen sol­chen, eher tra­di­tio­nel­len Ball. Wenn die vie­len Han­dys und Mini-​​Kompakt-​​Digital-​​Kameras nicht gewe­sen wären, hätte man sich glatt um eini­ges in die Ver­gan­gen­heit ver­setzt gefühlt. Die (Ver-)Kleidung bil­dete den wesent­li­chen Bestand­teil die­ser Zeit­reise, im Anzug läuft man ein­fach ein wenig auf­rech­ter, wenn auch natür­li­cher. Die Damen im Kleid schwe­ben dahin, müs­sen aber stets bedacht sein, nicht über ihr Kleid zu stol­pern. Die­ser Gegen­satz ver­stärkt den Zau­ber weib­li­cher Aus­strah­lung im tra­di­tio­nel­len Sinne, majes­tä­tisch und zer­brech­lich zugleich.


Grup­pen­foto der Zürich-​​Fraktion.

Im Übri­gen kamen mir die Män­ner viel uni­for­mier­ter vor, die Wahl­rei­heit beschränkt sich auf die Hemd­farbe (obwohl weiß schon fast zwin­gend ist) und die Flie­gen­größe und –farbe. Die wahr­haf­ten Exo­ten tru­gen also eine rote Fliege oder ein hell­blaues Hemd. Die Klei­der bei den Damen boten da schon einen deut­lich dif­fe­ren­zier­te­ren Ein­druck, ein jedes hob sich deut­lich vom Rest ab, sowohl in Form als auch Farbe.

Musi­ka­lisch wurde neben den obli­ga­to­ri­schen Wal­zern und klas­si­schen Tän­zen auch moder­nere Kost gebo­ten, im Rit­ter­saal spielte eine Rock’n’Roll-Band und an ande­rem Ort gab es Jazz vom Feins­ten zu hören. Da ich lei­der nur im Wal­zer mit­hal­ten kann, beschränkte sich meine tän­ze­ri­sche Leis­tung auf einige Wal­zer im Haupt­saal. War aber schön, vor allem beim schnel­len Wie­ner Wal­zer kam ich schnell in einen leich­ten Rausch, ein mode­ra­ter, ange­neh­mer Dreh­wurm bemäch­tigte sich mei­ner. Zwi­schen­durch gab es auch immer wie­der was zu sehen, ein Eröff­nungs­pro­gramm mit Ein­zug der Debü­tan­ten, zwei für mich völ­lig unin­ter­es­san­ten Reden und Eröff­nungs­wal­zer für alle bil­dete den Anfang. Um Mit­ter­nacht wurde zur Qua­drille gebe­ten, ein lus­ti­ger Mitmach-​​Tanz mit an sich ein­fa­chen Figu­ren, die man aber nie so schnell hin­kriegt und sich amü­san­ter­weise in die fal­sche Rich­tung bewegt oder ein­fach impro­vi­siert. Diese Ver­wir­run­gen der noch nicht so Geschul­ten sind wohl das eigent­lich Span­nende, außer­dem die gleich­zei­tige, rhyth­mi­sche Bewe­gung von allen Teil­neh­mern im Saal, wenn’s dann doch klappt.

So blei­ben jetzt deut­lich mehr Erin­ne­run­gen an zwei erleb­nis– und bild­rei­che Tage in der öster­rei­chi­schen Haupt­stadt. Ich fand es schön und werde sicher­lich nicht zum letz­ten Mal in Wien gewe­sen sein.

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