Für die Thea­ter­pro­duk­tion von She­rid­ans „Die Läs­ter­schule” (The School for Scan­dal) lohnt es sich, das Leben des Autors und seine Zeit zu ver­ste­hen. Das Stück ist zwar recht zeit­los, den­noch ent­stand es in einem ganz bestimm­ten his­to­ri­schen Kon­text. Die fol­gen­den (ein­ge­rückt dar­ge­stell­ten) Zitate stam­men aus der „Kul­tur­ge­schichte der Mensch­heit” (Durant). Die­ses immense Werk hat mir mal eine Tante geschenkt, in der Hoff­nung, ich könnte diese Bücher gebrau­chen. Und gele­gent­lich ist es echt prak­tisch, die­ses uner­schöpf­li­che Nach­schla­ge­werk zur Ver­fü­gung zu haben. Denn sowohl der deut­sche wie auch der eng­li­sche Wikipedia-​​Artikel sind recht knapp gehalten.

She­ridan wird in die­sem Werk als rede­ge­wal­ti­ger, libe­ra­ler Staats­mann erwähnt, gleich zu Beginn des Kapi­tels Das poli­ti­sche Drama (1756−1792) wird er neben ande­ren berühm­ten Red­nern erwähnt.

Die indus­tri­elle Revo­lu­tion war der umwäl­zendste Pro­zess, der poli­ti­sche Kampf war das erre­gendste Drama der zwei­ten Hälfte des 18. Jahr­hun­derts in Eng­land. Nun mach­ten die Gigan­ten eng­li­scher Bered­sam­keit — Chat­ham, Burke, Fox und She­ridan — das Unter­haus zur Bühne erbit­ter­ter und fol­gen­schwe­rer Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen dem Par­la­ment und dem König, zwi­schen dem Par­la­ment und dem Volk, zwi­schen Eng­land und Ame­rika, zwi­schen dem Gewis­sen Eng­lands und den eng­li­schen Gewalt­ha­bern in Indien und zwi­schen Eng­land und der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion. Die poli­ti­sche Struk­tur lie­ferte den Rah­men und bil­dete den Mecha­nis­mus des Spiels.
S. 230

Etwas aus­führ­li­cher wird dann sein tur­bu­len­tes Leben geschil­dert. Er stand stän­dig am Rande des Ruins, es gelang ihm aber stets, aus eige­ner Kraft das Ruder herum zu rei­ßen. Zudem konnte er eine der schöns­ten Frauen gewinnen.

Im Bunde mit Burke und Fox in der Füh­rung des libe­ra­len Flü­gels der Whigs stand ein zwei­ter Ire, Richard Brins­ley She­ridan. Sein Groß­va­ter, Tho­mas She­ridan, ver­öf­fent­lichte Über­set­zun­gen aus dem Grie­chi­schen und dem Latei­ni­schen und eine Kunst des Wort­spiels, die sei­nen Enkel ange­steckt haben mag. …
So war Richard durch sein Her­kom­men für die Lite­ra­tur und das Thea­ter vor­be­stimmt, hatte sie wohl auch im Blut. 1751 in Dub­lin gebo­ren, wurde er mit elf Jah­ren nach Har­row geschickt, blieb hier sechs Jahre und erhielt eine gute klas­si­sche Erzie­hung; mit zwan­zig ahmte er sei­nen Groß­va­ter durch Ver­öf­fent­li­chung von Über­set­zun­gen aus dem Grie­chi­schen nach. In die­sem Jahr, 1771, ver­liebte er sich, wäh­rend er in Bath bei sei­nen Eltern wohnte, hef­tig in das lieb­li­che Gesicht und die lieb­li­che Stimme von Eliza­beth Ann Lin­ley, die, sieb­zehn Jahre alt, bei den von ihrem Vater, dem Kom­po­nis­ten Tho­mas Lin­ley, ver­an­stal­te­ten Kon­zer­ten sang. Wer eines von Gains­bo­roughs Bild­nis­sen von ihr gese­hen hat, wird ver­ste­hen, dass Richard nicht anders konnte, als sich in sie zu ver­lie­ben. Für sie musste das glei­che zutref­fen, wenn wir sei­ner Schwes­ter glau­ben wol­len, die ihn für unwi­der­steh­lich hübsch und lie­bens­wert hielt. „Seine Wan­gen hat­ten die Glut der Gesund­heit; seine Augen, die schöns­ten in der Welt …, ein zar­tes und lei­den­schaft­li­ches Herz …, die glei­che spie­le­ri­sche Phan­ta­sie, der glei­che echte und unver­let­zende Witz, der sich spä­ter in sei­nen Schrif­ten zeigte, erhei­terte und ent­zückte den Fami­li­en­kreis. Ich bewun­derte ihn, betete ihn fast an. Ich hätte mit Freu­den mein Leben für ihn geopfert.”

Elza­beth Ann hatte viele Ver­eh­rer, dar­un­ter auch Richards älte­ren Bru­der Charles. Einer von ihnen, Major Mathews, reich, aber ver­hei­ra­tet, beläs­tigte sie so nach­hal­tig, dass sie Lau­da­num nahm, um sich zu ver­gif­ten. Sie erholte sich wie­der, ver­lor jedoch allen Lebens­wil­len, bis Richards Ver­eh­rung sie wie­der auf­hei­terte. Mathews drohte, Gewalt anzu­wen­den; dar­auf floh sie halb aus Furcht, halb aus Liebe mit She­ridan nach Frank­reich, hei­ra­tete ihn (1772) und nahm dann Zuflucht in einem Klos­ter in der Nähe von Lille, wäh­rend Richard nach Eng­land zurück­kehrte, um sei­nen Vater und den ihren zu ver­söh­nen. Er trug zwei Duelle mit Mathews aus; Sie­ger im ers­ten, schonte er Mathews Leben; betrun­ken beim zwei­ten, ent­waff­nete er sei­nen Geg­ner, ließ das Duell in einen Ring­kampf aus­ar­ten und kehrte, mit Blut, Wein und Kot beschmiert, nach Bath zurück. Sein Vater ent­eig­nete ihn, doch Tho­mas Lin­ley holte Eliza­beth Ann aus Frank­reich zurück und gab ihrer Ehe den Segen (1773).

Zu stolz, sich von sei­ner Frau durch öffent­li­ches Sin­gen unter­hal­ten zu las­sen, ent­schloss sich Richard, zwei­und­zwan­zig Jahre alt, ein Ver­mö­gen durch Stü­cke­schrei­ben zu erwer­ben. Am 17. Januar 1775 wurde seine erste Komö­die, Die Riva­len, in Covent Gar­den auf­ge­führt. Sie wurde schlecht gespielt und schlecht auf­ge­nom­men; She­ridan besorgte einen bes­se­ren Dar­stel­ler für die füh­rende Rolle, und eine zweite Auf­füh­rung (28. Januar) eröff­nete eine Serie von dra­ma­ti­schen Erfol­gen, die She­ridan Ruhm und Reich­tum brach­ten. Bald sprach ganz Lon­don von Sir Anthony Abso­lute, Sir Lucius O’Trigger und Miss Lydia Lan­gu­ish und ahmte Mrs. Mala­props Wort­ver­wechs­lun­gen nach („For­get this fel­low, illi­te­rate him quite from your memory”; „as head­strong as an alle­gory on the banks of the Nile”). She­ridan hatte einen uner­schöpf­li­chen Vor­rat von wit­zi­gen Ein­fäl­len in sei­nem Hirn, ver­streute sie auf jeder Seite, stat­tete Lakaien mit Geist aus und ließ Nar­ren wie Phi­lo­so­phen spre­chen. Die Kri­ti­ker klag­ten, die Per­so­nen seien nicht immer kon­se­quent in ihren Reden, und der Witz, der in jeder Szene knat­terte und aus fast jedem Mund spru­delte, ver­derbe die Poin­ten durch Über­maß; nichts­des­to­we­ni­ger genoss das Publi­kum den Spaß und tut es bis zum heu­ti­gen Tag.

Ein noch grö­ße­rer Erfolg war The Duenna (Die Anstands­dame), die ihre Pre­miere in Covent Gar­den am 2. Novem­ber 1775 erlebte; sie lief in ihrer ers­ten Sai­son fünf­und­sieb­zig Abende lang und brach den von der Bett­le­r­oper 1728 auf­ge­stell­ten Rekord von drei­und­sech­zig Auf­füh­run­gen. David Garrick am Drury-​​Lane-​​Theater war beun­ru­higt über diese starke Kon­kur­renz, konnte jedoch keine bes­sere Abwehr fin­den, als The Dis­co­very (Die Ent­de­ckung), ein Thea­ter­stück von She­rid­ans vor kur­zem ver­stor­be­ner Mut­ter, wie­der in den Spiel­plan auf­zu­neh­men. Vom Erfolg berauscht, bot She­ridan an, Garricks hal­ben Anteil am Drury Lane zu kau­fen; Garrick, die Last sei­ner Jahre füh­lend, wil­ligte für 35000 Pfund ein; She­ridan über­re­dete sei­nen Schwie­ger­va­ter und einen Freund, 10000 Pfund bei­zu­steu­ern, inves­tierte selbst bare 300 Pfund und nahm für den Rest ein Dar­le­hen auf (1776). Zwei Jahre spä­ter trieb er wei­tere 35000 Pfund auf, erwarb mit sei­nen Part­nern das Eigen­tums­recht an dem Thea­ter und über­nahm die Leitung.

Viele glaub­ten, er habe sich zuviel zuge­traut; doch She­ridan sorgte für einen wei­te­ren Tri­umph, indem er The School for Scan­dal (Die Läs­ter­schule), den größ­ten dra­ma­ti­schen Erfolg des Jahr­hun­derts, schrieb und am 8. Mai 1777 auf­führte. Der Vater des Autors, der seit Richards Flucht vor fünf Jah­ren geschmollt hatte, ver­söhnte sich mit sei­nem Sohn. Nach die­sen Sie­gen gab es eine Pause in She­rid­ans Auf­stieg. Die Dar­bie­tun­gen des Drury-​​Lane-​​Theaters erwie­sen sich als unpo­pu­lär, und das Gespenst des Bank­rotts erschreckte die Part­ner. She­ridan ret­tete die Situa­tion durch eine Farce, The Cri­tic (Die Kri­tik), eine Satire auf eng­li­sche Dra­men und dra­ma­ti­sche Auto­ri­tä­ten. Doch seine gewohnte Saum­se­lig­keit spielte ihm einen Streich, denn zwei Tage vor der ange­setz­ten Auf­füh­rung hatte er die letzte Szene noch nicht geschrie­ben. Durch eine List lock­ten sein Schwie­ger­va­ter und andere ihn in einen Raum im Thea­ter, gaben ihm Papier, Feder, Tinte und Wein, hie­ßen ihn das Stück voll­en­den und sperr­ten ihn ein. Er kam mit der gewünsch­ten Auf­lö­sung her­aus; sie wurde geprobt und für gut befin­den. Die Pre­miere (29. Okto­ber 1779) war ein wei­te­res Lächeln For­tu­nas für den unbe­re­chen­ba­ren Iren.

Er sah sich nach neuen Wel­ten um, die noch zu erobern waren, und ent­schloss sich, ins Par­la­ment zu gehen. Er zahlte den Wäh­lern von Staf­ford fünf Guineen für ihre Stim­men, und 1780 über­nahm er einen Sitz im Unter­haus als glü­hen­der Libe­ra­ler. Gemein­sam mit Fox ver­folgte er War­ren Has­tings, und an einem strah­len­den Tag stach er sie beide aus. Inzwi­schen lebte er mit sei­ner vor­treff­li­chen Frau in Glück und Luxus, berühmt für seine Kon­ver­sa­tion, sei­nen Witz, seine Über­schweng­lich­keit, seine Freund­lich­keit und seine Schul­den. Lord Byron cha­rak­te­ri­sierte das Wun­der: „Was She­ridan auch immer getan hat oder zu tun gedenkt, war und ist vor allem ande­ren immer das Beste sei­ner Art. Er hat die beste Komö­die geschrie­ben, das beste Drama, die beste Farce …, den bes­ten Vor­trag (Ein Mono­log auf Garrick) und hat schließ­lich die aller­beste Rede gehal­ten …, die je in die­sem Land ver­fasst oder gehört wurde.” Und She­ridan hatte auch die Liebe der lieb­lichs­ten Frau Eng­lands gewon­nen, und er hatte sie behalten.

S. 243ff.

Lei­der war das Glück She­ridan dann spä­ter nicht mehr so hold.

Das Leben brauchte län­ger, um She­ridan zu ver­nich­ten. Er hatte sich Burke und Fox in der Ver­tei­di­gung Ame­ri­kas und im Kampf gegen Has­tings ange­schlos­sen; zusam­men mit Fox begrüßte er die Fran­zö­si­sche Revo­lu­tion. Inzwi­schen starb die Frau, deren Zau­ber und Sanft­mut beliebte Gesprächs­the­men sei­ner Freunde waren und die ihre Schön­heit in die Waag­schale gewor­fen hat­ten, um ihm bei sei­ner Erobe­rung eines Sit­zes im Par­la­ment zu hel­fen, im acht­und­rei­ßigs­ten Lebens­jahr an Tuber­ku­lose (1792). She­ridan brach zusam­men. „Ich habe ihn Nacht für Nacht wie ein Kind wei­nen sehen”, sagte ein Bekann­ter. Er fand Trost in der Toch­ter, die sie ihm gebo­ren hatte; doch auch sie starb im glei­chen Jahr. Wäh­rend die­ser Monate sah er sich vor die Auf­gabe gestellt, das Drury-​​Lane-​​Theater umzu­bauen, das wegen Alters­schwä­che nicht mehr den Sicher­heits­be­stim­mun­gen ent­sprach, und um diese Arbei­ten zu finan­zie­ren, ging er hohe Ver­pflich­tun­gen ein. Er hatte sich an ein ver­schwen­de­ri­sches Leben gewöhnt, obgleich er es mit sei­nem Ein­kom­men nicht bestrei­ten konnte; er borgte, um die­sen Stil bei­zu­be­hal­ten. Als seine Gläu­bi­ger zu ihm kamen, um ihn zu mah­nen, behan­delte er sie wie Lords, bewir­tete sie mit Likör, Höf­lich­keit und Witz und schickte sie in einer Stim­mung fort, die seine Schul­den fast ver­ges­sen ließ. Er betä­tigte sich bis zum Jahr 1812 wei­ter im Par­la­ment, dann wurde er nicht wie­der­ge­wählt. Als Mit­glied des Unter­hau­ses hatte er auf Grund der par­la­men­ta­ri­schen Immu­ni­tät nicht ver­haf­tet wer­den kön­nen; nun stürz­ten sich seine Gläu­bi­ger auf ihn, beschlag­nahm­ten seine Bücher, seine Bil­der und seine Juwe­len; aber als sie sich anschick­ten, ihn selbst ins Gefäng­nis zu schlep­pen, warnte ein Arzt sie, She­ridan könnte unter­wegs ster­ben. Er starb am 7. Juli 1816, fünf­und­sech­zig Jahre alt. Bei sei­ner Beer­di­gung war er wie­der ein rei­cher Mann, denn sie­ben Lords und ein Bischof tru­gen ihn zur Westminsterabtei.

S. 280f.

Inter­es­sant in all­dem erscheint mir, dass die Rolle von Charles im von uns pro­du­zier­ten Stück recht gut zum Cha­rak­ter She­rid­ans passt. Joseph als sein Gegen­spie­ler lässt sich nicht so ohne Wei­te­res in der Bio­gra­fie ent­de­cken, lässt sich aber recht gut durch den Gegen­satz zu Charles definieren.

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