Wie spielt man gut Thea­ter? Wie stellt man einen Cha­rak­ter glaub­wür­dig und authen­tisch dar? Darum krei­sen meine Gedan­ken immer wie­der. Bald schon wird unser Regis­seur die Rol­len ver­ge­ben, und ich will natür­lich eine gute abbe­kom­men. Zur Übung sol­len wir uns einen Mono­log her­aus­su­chen und am Mitt­woch vor­tra­gen. Ich nehme natür­lich den von Joseph, es ist ein­fach die span­nendste Rolle.

Er ban­delt mit Maria an, die er aber nur wegen der Mit­gift hei­ra­ten will. Dane­ben läuft aber noch ein Flirt mit Lady Teazle, der leicht frus­trier­ten Ehe­frau des schon älte­ren Sir Peter. Der Mono­log setzt ein, nach­dem Lady Teazle ihn gerade „ertappt” hat, wie er vor Maria auf die Knie ging. Er beschwich­tigt sie, denn eigent­lich inter­es­siert sie ihn schon. End­lich allein, setzt er an:


Da bin ich in einer schö­nen Lage! Ich wollte ihre Gunst
nur gewin­nen, damit sie mir bei Maria nicht in die Quere
käme, und jetzt habe ich mich noch in sie ver­liebt. Wenn
das her­aus­kommt — die Sache wird gefähr­lich. Aber sie
las­sen? Gerade wo sie anfängt, hoff­nungs­voll zu wer­den?
Wie schön ist die Ver­su­chung, die man über­win­det, indem
man ihr erliegt! Und ich denke, wenn man so mora­lisch ist
wie ich, hat man sich wahr­lich ab und zu ein wenig Erho­lung
ver­dient.

Diese Stelle zeigt den wah­ren Cha­rak­ter von Joseph, der in der Gesell­schaft sonst ein sehr geschlif­fe­nes und höf­li­ches Betra­gen an den Tag legt. Sein öffent­li­ches Lächeln erstarrt und der Macht­mensch kommt zum Vor­schein. Liebe ist ihm hin­der­lich, da sie seine Pläne hin­sicht­lich Maria gefähr­den könn­ten. Bei „gefähr­lich” gibt es dann eine Wende. Er mag Gefahr, da er sich als Herr der Lage fühlt. Er will alles gleich­zei­tig, sich an Maria her­an­ma­chen und gleich­zei­tig eine Affäre mit Lady Teazle. Hier könnte man die dämo­ni­schen Züge zum Vor­schein kom­men las­sen, seine Gier nach Ein­fluss und Frauen. Aber die wahre Her­aus­for­de­rung ist, Bewe­gung hin­ein­zu­brin­gen. Zuerst der nach­denk­li­che Teil, da könnte man her­um­lau­fen und eher leise vor sich hin reden. Doch dann muss man auf das Publi­kum zu gehen, so aggres­siv es geht, ent­fes­selt. Damit sie das wahre Gesicht hin­ter der Ober­flä­che sehen. Ich bin gespannt, ob ich das so umset­zen kann…

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