Es rückt näher. Eine rie­sige dun­kel­graue Wand wälzt sich auf uns zu. Aus dem Osten — wie in Herr der Ringe — naht das Unheil. Gehen wir trotz­dem wei­ter? Links lächelt uns der Pila­tus an, der Blick wan­dert ent­lang des gebo­ge­nen Seil­bahn­ka­bels nach oben, wo zwei teure Hotels über Luzern und dem Vier­wald­stät­ter­see thro­nen. Doch es gibt da oben auch den Gip­fel der Berg­wan­de­rer, irgendwo hin­ter den Hotels, in der Nähe der Seil­bahn­berg­sta­tion. Wo man Damen in Stö­ckel­schu­hen begeg­net, sich einen Augen­blick anschaut und sei­ner Wege geht, zwei Wel­ten auf einem Gipfel.

Composition

Der Wind frischt auf, lähmt uns. Die Son­nen­creme haben wir ver­ge­bens gekauft, statt­des­sen wird sich bald die Undurch­läs­sig­keit unse­rer Regen­be­klei­dung bewei­sen müs­sen. Denn ein­fach so ins Tal wol­len wir nicht fah­ren, zumin­dest ein biss­chen wan­dern sollte noch mög­lich sein von hier aus, etwas ober­halb der Baumgrenze.

Blauer Him­mel über uns, so fing die Wan­de­rung an. Eine Seil­bahn­sta­tion waren wir dann doch mit­ge­fah­ren, damit wir die rest­li­chen tau­send Höhen­me­ter dann gut schaf­fen. Wan­der­ten durch Wäl­der auf sanft anstei­gen­den Wegen zum Fuß des Pila­tus. Gut aus­ge­baute Wege, einige Wan­de­rer — kei­ner hatte Son­nen­creme -, Kuh­glo­cken­ge­läut, wie man sich eine Sonn­tags­wan­de­rung vor­stellt. Moose sind gefähr­lich und lie­fern sich so man­che Schlacht mit den Far­nen, doch nur in der Nacht und nor­ma­ler­weise weitab vom Wan­der­weg, wo har­mo­ni­sches Zusam­men­le­ben nur vor­ge­gau­kelt wird.

Im Zug ein Vor­bote des Regens, kurz vor Luzern spritzte es auf ein­mal an die Schei­ben, doch schon vor dem Bahn­hof war der Regen ver­ges­sen und der Berg im Blick. Haus­berg der Luzer­ner, und Tho­mas erzählte vom Band­weg, dem schöns­ten Weg zur Spitze, jetzt lei­der gesperrt wegen Stein­schlag­ge­fahr. War er ihn noch gegan­gen? Viel­leicht noch, bevor dann ein rie­si­ger Fels­sturz ihn unpas­sier­bar machte. Nein, man kann da nicht durch, zu gefähr­lich sind wei­tere Fels­stürze, selbst mit Helm zu riskant.

Wir essen erst­mal was unterm Dach, das Unwet­ter hat begon­nen. Leute ren­nen über den Platz, brin­gen sich in Sicher­heit vor dem Sturz­re­gen, der nun her­un­ter­pras­selt. Einige haben Regen­capes an, wir essen Brot, Salami und Käse. Vor­her ein Müs­li­rie­gel, oder was hier in der Schweiz so heisst, crun­chy ist ein Syn­onym für hart und tro­cken und mei­len­weit von Corny ent­fernt. Corny, so könnte ein Pro­dukt nicht hei­ßen in einem eng­lisch­spra­chi­gen Land, steht es doch für abge­dro­schen, blöd und kit­schig. In Deutsch­land ver­bin­det man Korn damit, und einen gesun­den Energieschub.

Das Unwet­ter ist über uns, man sieht in Rich­tung Wes­ten noch den lich­ten Him­mel, die Land­schaft dort ist noch von der Sonne beschie­nen, wäh­rend hier Knall­grau domi­niert und man den nahen Gip­fel zwi­schen den Wol­ken nicht mehr erken­nen kann. Auf einem Pfos­ten des Klet­ter­gar­tens haben sich ein paar Seil-​​Abenteurer zusam­men­ge­hockt, ihre Sil­hou­et­ten zeich­nen sich gut ab gegen den hel­len Hin­ter­grund, das könnte man glatt fotografieren.

In Eigen­tal, was man auch mit h schrei­ben kann, sitzt das Mili­tär, ein unpas­send net­tes Gebäude ohne Wach­pos­ten, mit Wiese davor und adret­ten Hin­weis­schil­dern. Die Ein­fahrt ist offen, kein Mensch zu sehen, am Bus­wen­de­platz hef­tet ein Zet­tel mit der Tele­fon­num­mer vom Schiess­stand­chef. Von fern hört man die Schiess­übun­gen, aber viel­leicht war dies auch bei einer ande­ren Wan­de­rung. Zu fern, aber doch passt es in die­ses Tal, wir reden über Flie­gen, Flug­staf­feln beim Züri Fäscht und das in der Schweiz abge­stürzte deut­sche Flug­zeug. Was kam her­aus bei der Klä­rung der Absturz­ur­sa­che? War wohl wenig spek­ta­ku­lär und schaffte es nicht in die Schlag­zei­len, auch der Absturz war nur in der Schweiz ein Thema und weni­ger im nörd­li­chen Nachbarland.

Matsch ist über­all, man ver­sinkt mit jedem Schritt, meine Hosen sehen furcht­bar aus. Es spritzt immer ein wenig hoch und bleibt an der hel­len Hose haf­ten. Das könnte man glatt foto­gra­fie­ren, aber erst spä­ter, in einer ruhi­gen Minute. Ein Bild, in dem sich die vie­len Schritte aus­drü­cken, in dem diese Wan­de­rung sicht­bar wird.

Shoe

Das Ende? Wir tra­fen uns am Bahn­hof, bereits um acht Uhr mor­gens. Gro­ßes Gedränge, immer sind da Leute, die has­tig wo hin müs­sen. Bau­ar­bei­ten, andere Gleise. Die Abfahrt rückt näher. Ich bin allein.

Ähnli­che Arti­kel /​ Rela­ted posts:

  1. Star Wars — kri­tisch betrachtet
  2. Pila­tus

Ähnli­che Arti­kel bereit­ge­stellt von Yet Ano­ther Rela­ted Posts Plu­gin.