Ich komme zu spät, war noch klet­tern drau­ßen in der Säch­si­schen Schweiz. Müde bin ich, aber es waren schöne Wege und über­haupt ein schö­ner, son­ni­ger Herbst­tag. Am Papst waren wir, einem aus­ge­dehn­ten Fel­sen in der Nähe von König­stein, Arne hatte ihn vor allem wegen der Süd­seite aus­ge­wählt. Dort ließ es sich trotz der küh­len Tem­pe­ra­tu­ren aus­hal­ten, auch der Fel­sen war warm genug zum Klet­tern. Vor unge­fähr fünf Jah­ren hatte ich mit Arne sei­nen ers­ten Weg gemacht, an einem kal­ten Novem­ber­tag lan­de­ten wir erst nach Umwe­gen auf dem Gip­fel. Heute lief es bes­ser, die rich­ti­gen Wege waren schnell gefun­den und erklom­men. Der raue Sand­stein fasste sich gut an, es fühlt sich grif­fi­ger als der rut­schige Kalk­stein oder Gra­nit der Alpen. Und so kam ich nach einem lan­gen Tag an fri­scher Luft mit vie­len schö­nen Erin­ne­run­gen und mit die­ser woh­li­gen Müdig­keit zum Klas­sen­tref­fen und war auch gleich einige Minu­ten zu spät.

Vor unse­rer Schule war eine rie­sige Traube, der Bau­zaun ließ auch nicht viel Platz bis zur Straße und einige tra­ten auch auf die Fahr­bahn raus, um alle zu begrü­ßen und die bekann­ten Gesich­ter wie­der zu sehen. Alle Gesich­ter waren ver­traut, die Namen spran­gen mir sofort ins Gedächt­nis und die Atmo­sphäre war locker und redselig.

Nein, ich bin nicht mehr in Dres­den. Ich wohne in Zürich.

Und du bist also bei einem Inkas­so­un­ter­neh­men? Krasse Sache, an der Schnitt­stelle zwi­schen Soft­ware und den Pro­zes­sen, Auto­ma­ti­sie­rungs­grad von 85%, die Mah­nun­gen gehen raus, Eska­la­ti­ons­stu­fen, alles auto­ma­tisch, nur am Ende greift mal ein Mensch ein.

Ich wohne in Zürich, nein, das ist nicht die Hauptstadt.

Und du baust an Atom­kraft­wer­ken in Bay­ern? Hätte ich dir nie zuge­traut. Wie soll ich jetzt noch ruhig schlafen?

Ich bin noch am pro­mo­vie­ren, aber nicht mehr lange.

Und du bist mit dei­nem Freund zusam­men gezo­gen? Aber er ist momen­tan in Aus­tra­lien und kommt erst in ein paar Wochen zurück? Super.

Ich mache jetzt was mit vir­tu­el­ler Realität.

Und du fliegst mor­gen wie­der nach China, Filme schnei­den? Weih­nach­ten in Peking, na das wird bestimmt auch lus­tig. Dann gibt es halt Pekin­gente zum Weihnachtsabend.

Der Loko­mat ist ein Reha­bi­li­ta­ti­ons­ro­bo­ter für Leute, die nicht mehr lau­fen können.

Und du woll­test also kei­nen Kai­ser­schnitt? Trotz Becke­nend­lage eine nor­male Geburt, das kann ich verstehen.

Rudern mache ich jetzt ab und an, kann ich echt empfehlen.

Und du warst in Win­ter­thur, ganz in der Nähe von mir? Chu­chich­äschtli, so heisst das wirk­lich. Und man schnu­uft dur äs Muul (atmet durch den Mund). Wit­zig, diese Schwei­zer Spra­che. Arzt im Prak­ti­kum gibt’s nicht mehr, aber es ist doch das Glei­che. Der Anfang ist hart.

Und Impro-​​Theater mache ich auch noch.

Und du bewirbst dich bei einer ande­ren Firma? Wurde aber auch Zeit. Deine alte Firma war ja nicht so der Hit. Ich drü­cke dir die Daumen.

Ich muss dann nächs­tes Jahr mal schauen, wo ich mich bewerbe.

kleine Auf­träge machst du also gar nicht mehr? Lie­ber gleich große, der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­auf­wand frisst bei klei­nen den Gewinn auf. Inter­net­shops für Schuhe, tolle Sache die­ses Demandware. Lohnt sich aber erst ab 2 Mil­lio­nen Umsatz. Also nichts für mich. Was ver­kaufe ich eigent­lich? Wissen?

Unser Stück hieß „Zehn kleine Neger­lein”, das von Aga­tha Christie.

Und du bist doch nicht an Kriegs­schif­fen, son­dern nur an Yach­ten? Und die Frau fürs Leben hast du auch getrof­fen? Weih­nach­ten kom­men alle zu dir, Eltern und Schwie­ger­el­tern und Geschwis­ter. Praktisch.

Käse­fon­due esse ich wirk­lich ab und zu.

Und du bist also jetzt Dok­tor, der erste in die­ser Runde. Und stolz drauf. Danke für den Gedicht­band, ich schau mal rein.

Die ETH ist eini­ger­ma­ßen renom­miert, das kann man schon sagen.

Und du spielst Quake? Man kann sich da also durch Sprin­gen und Dre­hen extrem schnell bewe­gen, man muss nur wäh­rend des Flu­ges nach links drü­cken und beschleu­nigt. Oder man schießt eine Rakete an die Wand, der Rück­stoß macht einen noch schnel­ler. Die Figu­ren lau­fen also nicht mehr, son­dern flir­ren mit die­sen Tricks durch die Luft. Eine andere Art der Fort­be­we­gung, wie bei der Möwe Jona­than, krass.

Ich war vor­hin noch klet­tern, war echt schön.

Und deine Firma ging pleite, eine andere hat dich über­nom­men, viele andere wur­den ent­las­sen, hef­tig. Aber Haupt­sa­che bei dir läuft’s gut, mit den Kindern.

Zürich ist echt schön.

Und du willst mor­gen wan­dern gehen? Nein, ich kann lei­der nicht, du weisst ja, die Fami­lie, alles verplant.

Man sieht sich, in fünf Jahren.

Nach­trag (Sta­tis­tik, ein­be­zo­gen sind 40 Leute): Unge­fähr die Hälfte mei­ner Klasse wohnt zur Zeit in Dres­den, die andere ist ver­streut vor allem in Deutsch­land, wobei nur Leip­zig und Ber­lin mehr­fach genannt wur­den. Im Aus­land leben vier Leute: Sabine in Peking, Mischa in Leu­ven (Bel­gien), einen hat es nach Oxford (Eng­land) ver­schla­gen und mich nach Zürich. Ver­hei­ra­tet sind 14 ehe­ma­lige Klas­sen­ka­me­ra­den, Kin­der haben 10.

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