In Ergän­zung zu mei­nem kur­zen Bei­trag zum Stück vom 8.11.08 möchte ich mich hier inten­si­ver mit dem Inhalt und den ange­spro­che­nen The­men des Stü­ckes Arka­dien von Tom Stop­pard beschäftigen.

Das zeit­ge­nös­si­sche Stück wurde 1993 urauf­ge­führt und zählt mit Rosen­crantz and Guil­dens­tern Are Dead zu den bes­ten des Autors. Es beein­druckt durch eine starke Hand­lung und die über­zeu­gen­den Cha­rak­tere. In einem Raum tref­fen zwei Zei­ten auf­ein­an­der, 1809-​​12 und die Gegen­wart. Das Haupt­thema des Stü­ckes ist Ver­än­de­rung, bezo­gen auf Wis­sen und Mode. Des wei­te­ren spie­len die unver­än­der­li­chen The­men sexu­elle Anzie­hung und Tod eine wich­tige Rolle.

Der eng­li­sche Land­sitz Sid­ley Park ist Ort der Hand­lung. Die Eigen­tü­mer sind die Cover­lys, eine aris­to­kra­ti­sche eng­li­sche Fami­lie. Das Haus und seine Umge­bung wur­den so gestal­tet, dass sie einer idea­li­sier­ten Land­schaft ähneln, den Arka­dien des römi­schen Dich­ters Ver­gil. In die­sen idyl­li­schen Gefil­den tum­meln sich Schä­fer und Schä­fe­rin­nen. Im Stück wird mehr­mals Bezug auf das latei­ni­sche Zitat „Et in Arca­dia ego” genom­men, wel­ches sich mit einem „Auch in Arka­dien bin ich” über­set­zen lässt. Jedoch exis­tiert noch eine andere Deu­tung, bekannt ist das Zitat näm­lich auch aus einem Gemälde von Nico­las Pous­sin, wo es auf einem Grab steht. In die­sem Zusam­men­hang könnte man es auch dem Tod in den Mund legen, der dann höh­nisch aus­spricht: „Sogar in Arka­dien bin ich”. Tom Stop­pard scheint diese düs­tere Deu­tung über­nom­men zu haben, kom­men doch zwei der Prot­ago­nis­ten auf tra­gi­sche Weise ums Leben.

Schafhirten in den Arkadien
Nico­las Pous­sin: „Die Schaf­hir­ten von Arka­dien” oder „Et in Arca­dia ego” (1638−39)

Ein wei­te­res Thema ist die wan­delnde Bedeu­tung einer idea­len Umge­bung, von Arka­dien. War der Gar­ten von Sid­ley Park um 1730 geprägt von stren­ger Geo­me­trie und Sym­me­trie, wichen diese For­men dann geschwun­ge­nen Pfa­den und sanf­ten Hügeln, wel­che im Zeit­al­ter der Auf­klä­rung als natür­li­che Land­schaft ange­se­hen wurde. Doch die nächste Ver­än­de­rung steht 1809 ins Haus, ange­lehnt an die Vor­stel­lun­gen der Roman­tik soll eine gotisch-​​wilde Land­schaft mit künst­li­chen Fel­sen, Rui­nen und einer Ere­mi­tage ent­ste­hen. Die­ser Wan­del in der Land­schafts­ar­chi­tek­tur geht ein­her mit begin­nen­den Zwei­feln am schein­bar voll­kom­me­nen Welt­bild des Issac New­ton. Ein Sym­bol für die­sen Wan­del ist der Wunsch Tho­ma­si­nas, eine Glei­chung für die Form der Glo­cken­blume zu finden.

In der zwei­ten Zeit­ebene des Stü­ckes, der Gegen­wart, erforscht die aktu­elle Haus­her­rin die Geschichte des Gar­tens. Dane­ben recher­chie­ren die Auto­rin Han­nah und der Lite­ra­tur­pro­fes­sor Bern­hard ver­gan­gene Ereig­nisse. Wäh­rend Han­nah sich mit der Ere­mi­tage beschäf­tigt, ist Bern­hard ver­ses­sen dar­auf, mit dem berühm­ten Gast Lord Byron wis­sen­schaft­li­chen Ruhm zu erlan­gen. Außer­dem ent­deckt Valen­tine Coverly, ein Wis­sen­schaft­ler, die Notiz­bü­cher Tho­ma­si­nas und bemerkt darin ihre Vor­ah­nun­gen des­sen, was heute als Cha­os­theo­rie und Ther­mo­dy­na­mik bekannt ist. Valen­tine ist fas­zi­niert von der Cha­os­theo­rie, die für ihn eine Ver­schmel­zung von Vor­her­be­stim­mung und Zufall bedeu­tet und dann doch wie­der regel­mä­ßige Struk­tu­ren offenbart.

Das Unvor­her­sag­bare und das Vor­be­stimmte ent­fal­ten sich zugleich, um alles so zu erschaf­fen, wie es ist. Es
ist so, wie die Natur sich selbst erschafft, auf jeder Stufe, die Schnee­flo­cke genauso wie der Schnee­sturm. Ich find das alles zutiefst beglü­ckend. Wie­der ganz am Anfang zu sein und fast nichts zu wissen.

Eine irdi­schere Erklä­rung des Unvor­her­sag­ba­ren kommt von der acht­zehn­jäh­ri­gen Chloe Coverly:

Das Uni­ver­sum ist schon deter­mi­nis­tisch, wie New­ton gesagt hat, viel­mehr, es möchte gern so sein, aber was ein­zig und allein total schief­läuft, is’, daß Leute irgend­wel­che Leute mögen, die an die­ser Stelle im Plan nicht vor­ge­se­hen sind.

Dies ist eben­falls ein Thema, wel­ches sich durch das ganze Stück zieht. Schon die ers­ten Worte dre­hen sich um Liebe und Sex, und tat­säch­lich sind die meis­ten Cha­rak­tere ver­liebt, jedoch wird ihr Gefühl meist nicht erwi­dert. Semp­ti­mus hat zwar Sex mit Mrs. Cha­ter, emp­fin­det jedoch offen­sicht­lich wenig für sie. Statt­des­sen liebt er Lady Croom, was diese durch einen Brief erfährt, den er für den Fall sei­nes Todes in sei­nem Zim­mer hin­ter­legt. Er wird dann auch am Abend auf ihr Zim­mer bestellt, muss dann jedoch einem pol­ni­schen Kla­vier­stim­mer wei­chen. Tho­ma­sina schwärmt von Lord Byron, ver­liebt sich aber in Sep­ti­mus, der jedoch ihre Liebe nicht erwi­dern kann und will. Cap­tain Brice ist ganz ver­rückt nach Mrs Cha­ter, die er dann nach dem Tod des unglück­li­chen Ezra Cha­ter ehe­licht. Im Jetzt ver­führt Ber­nard Chloe, um sie aber bal­digst sit­zen zu lassen.

Und so ist das Stück mit all sei­nen amou­rö­sen Ver­stri­ckun­gen zugleich ein Zeit­por­trät eines ent­schei­den­den Moments in der Geschichte. Der Glaube an die Auf­klä­rung, an die ratio­nale Erklä­rung aller Dinge, wurde erst­mals erschüt­tert. Und dies ver­bin­det Stop­pard mit einer his­to­ri­schen Figur, die die­sen Übergang ideal ver­kör­pert: Lord Byron. Er erscheint nie­mals auf der Bühne und ist doch der Mit­tel­punkt des Interesses.

Eine tie­fer gehende Ana­lyse fin­det sich in Tom Stop­pard: A Faber Cri­ti­cal Guide: Rosen­crantz and Guil­dens­tern Are Dead, Jum­pers, Tra­ves­ties, Arcadia

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