Um unser Thea­ter­stück „Arka­dien” bes­ser zu ver­ste­hen, möchte ich mich noch ein wenig mit der poli­ti­schen, wirt­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Situa­tion Eng­lands in der frü­hen Zeit­ebene (1809÷12) beschäf­ti­gen. Die Gegen­wart, wel­che als zweite Zeit­ebene auf­taucht, ist intui­tiv zugäng­lich und dient auch mehr der Illus­tra­tion der Gescheh­nisse vor 200 Jah­ren. Um nicht in der Flut des Mate­ri­als unter­zu­ge­hen, seien hier ein paar Leit­fra­gen formuliert.

  1. Wel­che poli­ti­sche Situa­tion herrschte damals vor?
  2. Wel­chen Klas­sen gehö­ren die Prot­ago­nis­ten an?
  3. Wovon leb­ten sie (wirt­schaft­li­che Basis)?
  4. Was geschah in der Wis­sen­schaft zu jener Zeit?
  5. Wel­chen Ein­fluss hat­ten die im Stück zitier­ten Schriftsteller?

1809 war Napo­leon auf dem Gip­fel sei­ner Macht. Er hatte zuvor durch mili­tä­ri­sche Siege alle wich­ti­gen König­rei­che Euro­pas geschla­gen und ihnen seine Bedin­gun­gen dik­tiert. Nur Eng­land war durch die Insel­lage unge­scho­ren davon­ge­kom­men. Napo­leon rief die Kon­ti­nen­tal­sperre aus, im fran­zö­si­schen Ein­fluss­be­reich war aller Han­del mit Eng­land ver­bo­ten. Zudem drohte eine Inva­sion der bis dato unge­schla­ge­nen fran­zö­si­schen Armee. Eng­land war also auf sich gestellt und schaffte es, dem über­mäch­ti­gen Feind zu trot­zen. Es war dann auch der Aus­stieg Russ­lands aus der Kon­ti­nen­tal­sperre, der die Bezie­hun­gen zwi­schen Frank­reich und Russ­land abkühlte und zum Russ­land­feld­zug Napo­le­ons 1812 führte, der Beginn sei­nes Nie­der­gangs. Eng­land ging aus die­ser schwie­ri­gen Zeit als Sie­ger her­vor und sollte inner­halb von 50 Jah­ren zur glo­ba­len Hege­mo­ni­al­macht aufsteigen.

Im Thea­ter­stück spie­len die unmit­tel­ba­ren poli­ti­schen Ereig­nisse keine Rolle, da es auf einem abge­le­ge­nen Land­sitz spielt. Jedoch ist der Wider­wille gegen die fran­zö­si­sche Vor­herr­schaft an eini­gen Stel­len spür­bar, bezieht sich dann aber auf die Wissenschaft.

HANNAH: „Das Tes­ta­ment des Ver­rück­ten dient als eine War­nung gegen die fran­zö­si­sche Mode… denn eine fran­zö­si­sierte Mathe­ma­tik hat ihn in die melan­cho­li­sche Gewiss­heit einer Welt ohne Licht und Leben ver­setzt… die wie ein höl­zer­ner Ofen ist, der sich selbst ver­zeh­ren muss, bis Asche und Ofen wie eins sind, und die Wärme aus der Welt ver­schwun­den ist.„

Das Klas­sen­be­wusst­sein war in Eng­land recht stark ent­wi­ckelt, wenn­gleich die Klas­sen nicht mit Kas­ten zu ver­glei­chen waren. Der Adels­ti­tel wurde nur auf den ältes­ten Sohn ver­erbt, alle ande­ren Kin­der gehör­ten recht­lich gese­hen zum Bür­ger­tum. Die im Stück vor­kom­men­den Crooms gehö­ren zum obers­ten Adel. Der Reich­tum die­ser obers­ten Schicht begrün­dete sich auf Land­be­sitz und den damit ver­bun­de­nen Ein­nah­men durch Acker­bau und Vieh­zucht. Auf­grund der nach Ein­fluss stre­ben­den Fabrik– oder Fir­men­be­sit­zer (Groß­bür­ger­tum) herrschte ein stän­di­ger Wett­be­werb um die Zuge­hö­rig­keit zur Aris­to­kra­tie, Auf– und Abstieg waren gän­gig, wenn auch selten.

Neben den ade­li­gen Crooms gehö­ren die rest­li­chen Prot­ago­nis­ten dem Bür­ger­tum an. Sep­ti­mus Hodge genoss eine wis­sen­schaft­li­che Aus­bil­dung, stammt also wahr­schein­lich aus einem begü­ter­ten, bür­ger­li­chen Eltern­haus. Dann scheint er seine Zeit als Salon­löwe in Lon­don gehabt zu haben, wel­che er aber wohl aus finan­zi­el­len Grün­den (Ent­er­bung?) zuguns­ten einer Anstel­lung als Haus­leh­rer auf­gab. Tho­ma­sina hat als Toch­ter kei­nen Anspruch auf den Adels­ti­tel, die­ser steht ihrem Bru­der Augus­tus zu. Die Cha­ters sind wohl auch dem Bür­ger­tum zuzu­ord­nen, genau so wie der Land­schafts­ar­chi­tekt Noakes.

Die Wis­sen­schaft in Eng­land war zu die­ser Zeit prak­tisch ori­en­tiert, man über­ließ ande­ren die Mathe­ma­tik und abs­trak­ten Wis­sen­schaf­ten. Die wesent­li­chen Anstöße zur Ther­mo­dy­na­mik, wel­che das Theo­rie­ge­bäude New­tons zum Wan­ken brin­gen soll­ten, stamm­ten von Fran­zo­sen. Im Stück ist es Tho­ma­sina, die das vor­aus­ahnt, ihr Tutor Sep­ti­mus kann ihr da nicht folgen.

Die Dich­ter Wil­liam Words­worth, Samuel Tay­lor Cole­ridge und Robert Sou­they wer­den von als Seen­dich­ter (Lake Poets) bezeich­net, da sie zeit­weise gemein­sam im Seen­di­strikt des nord­west­li­chen Eng­lands leb­ten. Ins­be­son­dere Words­worth und Cole­ridge ver­band über einige Zeit eine enge Freund­schaft, sie reg­ten sich gegen­sei­tig an und gaben gemein­sam einen Gedicht­band (Lyri­cal Bal­lads, 1798) her­aus, wel­cher die eng­li­sche Roman­tik ein­läu­tete. Words­worth ent­wi­ckelte sich zum ehr­wür­di­gen, klas­si­schen, etwas selbst­ge­fäl­li­gen alten Wei­sen, wäh­rend Cole­ridge zwar genia­ler in sei­ner Dich­tung, dafür aber sehr wech­sel­haft war, er ver­fiel dem Opium und wan­delte sich spä­ter vom Dich­ter zum Philosophen.

Aber nun zu George Gor­don Byron, genannt Lord Byron, dem eigent­li­chen Hel­den des Stü­ckes, der den Übergang vom Ratio­na­len zum Irra­tio­na­len treff­lich ver­kör­pert. Bereits seine Vor­fah­ren hat­ten einen Hang zum dra­ma­ti­schen, inten­si­ven Leben. Sein Groß­on­kel Wil­liam wurde „der böse Lord” genannt, er tötete einen Ver­wand­ten in einem impro­vi­sier­ten Duell in einer Wirts­stube und wurde des Tot­schla­ges für schul­dig befun­den. Sein Groß­va­ter John Byron führte ein aben­teu­er­li­ches Leben zur See, spä­ter wurde er „the Nauti­cal Lover” genannt, wegen sei­ner Lieb­schaf­ten in jedem Hafen. Lord Byrons Vater Cap­tain John Byron han­delte sich durch sei­nen Lebens­stil den Bei­na­men „Mad Jack” ein. Seine schot­ti­sche Mut­ter Cathe­rine Gor­don of Gight war die zweite Frau des Vaters, sie brachte eben­falls eine edle und hek­ti­sche Erb­masse mit. Bei der Geburt von George Gor­don Byron wurde sein Fuß ver­un­stal­tet, zeit­le­bens litt er an einem hin­ken­den Gang. Er war sehr emp­find­lich, wenn er wegen sei­nes Gan­ges ange­spro­chen wurde und ent­wi­ckelte einen gro­ßen Ehr­geiz, um von die­ser Behin­de­rung abzulenken.

Eins sei­ner ers­ten erfolg­rei­chen Werke war „English Bards and Scotch Review­ers” (1809), in dem er sich über die auf­kom­mende roman­ti­sche Bewe­gung lus­tig machte. Wie in „Arka­dien” berich­tet, ver­ließ er Eng­land 1809 für seine Kava­liers­tour, die ihn durch die Teile Euro­pas brin­gen sollte, wel­che noch nicht unter der Herr­schaft Napo­le­ons standen.

Thou shalt believe in Mil­ton, Dry­den, Pope;
Thou shalt not set up Words­worth, Cole­ridge, Sou­they …
We learn from Hor­ace, „Homer some­ti­mes sleeps”;
We feel, wit­hout him, Words­worth some­ti­mes wakes.

Das andere im Stück zitierte Werk „Childe Harold’s Pil­gri­mage” erschien 1812 und ist eine auto­bio­gra­fi­sche Rei­se­be­schrei­bung. Mit die­sem zwei­ten Werk wurde Byron rich­tig berühmt und genoss sei­nen Erfolg als Lon­do­ner Salonlöwe.

Quelle:

Will und Ariel Durant, Kul­tur­ge­schichte der Mensch­heit, Band 18, Die Napo­leo­ni­sche Ära

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