Wir begin­nen am Haupt­bahn­hof, der nach der Flut 2002 reno­viert wurde. Immer noch erstaunt mich die helle Ein­gangs­halle mit der kreis­run­den Öffnung oben. Ansons­ten sind es die glei­chen Läden wie immer schon, nur den grü­nen mar­ché gab es vor­her nicht, die etwas geho­bene Gas­tro­no­mie hat im Dresd­ner Haupt­bahn­hof Ein­zug gehal­ten. Die Züge fah­ren vor allem zu säch­si­schen Zie­len, nach Gör­litz im Osten, Zwi­ckau im Erz­ge­birge, Leip­zig im Nord­wes­ten des Frei­staats. Nur ein Fern­ver­kehrs­zug hat sich auf die Tafel ver­irrt, nach Nürn­berg kann fah­ren, wen es ganz weit in den rich­ti­gen Wes­ten zieht.

Ich sehe die Stadt mit neuen Augen, möchte sie mei­ner Beglei­te­rin zei­gen, ihren Charme neu ent­de­cken. Wir lau­fen in Rich­tung Innen­stadt die Pra­ger Straße ent­lang. Gleich am Bahn­hof erhebt sich das Kugel­haus, ein moder­ner, glä­ser­ner Bau mit zwei Qua­dern, in deren Mitte eine Kugel thront. Das Kugel­haus ver­deckt die größte Bau­sünde nach der Wende, ein rie­si­ges Loch, wel­ches einst ein Ein­kaufs– und Büro­vier­tel wer­den sollte. Aber es wurde nichts dar­aus, so man­cher Inves­tor ging pleite. So ent­stand statt eines gro­ßen Wurfs moder­nes Stück­werk am Wie­ner Platz vor dem Haupt­bahn­hof. Eben das Kugel­haus, rechts noch ein so ein glä­ser­ner Qua­der mit Geschäf­ten und Restau­rants, wei­ter links steht auch noch so ein Teil.

Man wollte das aus sozia­lis­ti­schen Zei­ten stam­mende Ensem­ble der Pra­ger Straße scham­voll bede­cken. Hätte man es doch so gelas­sen, den Wie­ner Platz als Frei­flä­che vor der brei­ten Fuß­gän­ger­zone, wel­che links von den drei Hotel­qua­dern mit den klang­vol­len Namen Lili­en­stein, König­stein und Bas­tei begrenzt wurde, rechts von einem ande­ren Hotel­qua­der, an wel­chen sich der volu­mi­nö­seste Plat­ten­woh­nungs­qua­der, den es gibt, anschloss. Abge­schlos­sen wurde diese wahr­ge­wor­dene Vision einer sozia­lis­ti­schen Groß­stadt vom Rund­kino, einem Zylin­der, der auch als Achse gese­hen wer­den konnte. Aber die­ses Ensem­ble durfte so nicht ste­hen blei­ben, im Enthu­si­as­mus der ers­ten Nach­wen­de­jahre sollte alles getilgt wer­den, was an die 40 Jahre Sozia­lis­mus erin­nerte. Eine Meile mit Ein­kaufs­häu­sern ent­stand, die man so über­all fin­den kann. In spä­te­ren Jah­ren ging man behut­sa­mer vor, die im Innen­hof eines 50er Jahre Wohn­blocks neu ent­stan­dene Alt­markt­ga­le­rie passt sich bes­ser in die his­to­ri­sche Bau­sub­stanz ein.

Ein kur­zer Schlen­ker am Rund­kino, in wel­chem jetzt Pizza Hut resi­diert, bringt uns zum Kris­tall­pa­last, dem gewag­ten Kino­neu­bau der 90er Jahre. Auch hier ist das Bemü­hen deut­lich, mit einer zeit­ge­mä­ßen, asym­me­tri­schen Form dem his­to­risch beding­ten, städ­te­bau­li­chen Anspruch Dres­dens gerecht zu wer­den. Von der Bevöl­ke­rung belä­chelt, mit Archi­tek­tur­prei­sen über­häuft, wie so oft stößt archi­tek­to­ni­scher Ehr­geiz auf das Unver­ständ­nis derer, die es dann tag­täg­lich nut­zen. Aber gerade in Dres­den mit sei­nen ein­drucks­vol­len Barock­bau­ten wür­den die meis­ten Ein­woh­ner am liebs­ten alle neue­ren Bau­ten auch im Barock­stil gestal­ten. Der Spa­gat zwi­schen Bewah­rung des Stadt­bil­des und zeit­ge­mä­ßem Bauen ist schwie­rig in die­ser Stadt.

Aber nach den architektur-​​ideologischen Schlacht­fel­dern fin­den wir auf dem Alt­markt erst­mal Ruhe, die­sen freien Platz gab es schon immer so und wird es auch immer so geben mit dem Blick zur his­to­ri­schen Alt­stadt in die eine Rich­tung und der unmit­tel­bar angren­zen­den dunk­len Sil­hou­ette der Kreuz­kir­che in die andere Rich­tung. Ledig­lich der Stil der angren­zen­den Haus­fas­sa­den vari­iert ein wenig, 50er Jahre-​​Wohnhaus-​​Fassaden zur Lin­ken und Rech­ten, dem DDR-​​Kulturpalast direkt vor uns und einem neue­ren Gebäude hin­ter uns.

Aber die Frau­en­kir­che lockt, sie erscheint so nah von hier, und damit sind wir wie­der auf einem sym­bol­las­ti­gen ideo­lo­gi­schen Minen­feld gelan­det. Lange Zeit hatte man den Trüm­mer­hau­fen ste­hen gelas­sen, aus dem nur wenige Mau­er­reste auf­rag­ten. Es war ein Mahn­mal mit beein­dru­cken­der Sym­bo­lik, zeigte es doch Zer­stö­rung unmit­tel­bar und erin­nerte an jene Bom­ben­nacht im Februar 1945, wel­che die gesamte bis dahin ver­schont geblie­bene Innen­stadt in Mit­lei­den­schaft zie­hen und Zehn­tau­sen­den Men­schen das Leben kos­ten sollte. Sollte man diese Kir­che wie­der auf­bauen und damit einen Schluss­strich ziehen?

Mir wäre die Erhal­tung des Mahn­mals lie­ber gewe­sen als die­ser baro­cki­sie­rende Wie­der­auf­bau, wel­cher nicht nur die Innen­stadt über­ragt, son­dern auch die Auf­merk­sam­keit wie ein Magnet auf sich zieht, weg von den vie­len ande­ren, schüt­zens– und bewah­rens­wer­ten his­to­ri­schen Gebäu­den. So steht jetzt die­ser glo­cken­för­mige Klotz da, wel­cher als Sym­bol für so ziem­lich alles dient, für Ver­söh­nung, Kriegs­gräuel, Neu­be­ginn, Barock, hei­lende Wun­den, Anden­ken, inter­na­tio­nale Soli­da­ri­tät, pro­tes­tan­ti­sche Bür­ger­lich­keit und den Welt­frie­den. 13.000 Ton­nen Sand­stein über uns, die Kup­pel ist an eini­gen Stel­len über zwei Meter dick. Eigent­lich ein Wun­der, wie George Bähr das damals kon­stru­iert hat. Mit­tags­an­dacht mit zen­tra­ler Füh­rung, damit man die Kir­che nicht nur als Sehens­wür­dig­keit abhakt, son­dern auch als Got­tes­haus wahr­nimmt. Des­halb natür­lich zuerst der Light-​​Gottesdienst, viel Orgel­mu­sik, nur wenige kön­nen das eine Kir­chen­lied mit­sin­gen oder an den rich­ti­gen Stel­len Amen sagen. Die Frau­en­kir­che hat keine Gemeinde, es sit­zen immer wie­der andere Tou­ris­ten drin, die eigent­lich nur mal die­ses präch­tige Gebäude von innen sehen woll­ten. Es ist so unna­tür­lich hell, Kir­chen müs­sen dun­kel sein und nach vie­len Hun­dert Jah­ren Weih­rauch rie­chen. Das Mahn­mal wäre jeden­falls bes­ser gewesen.

Wir gehen noch zur Syn­agoge, dem letz­ten umstrit­te­nen Glanz­werk moder­ner Archi­tek­tur. Zwei Klötze, der eine dreht sich zum Dach hin. Genial, wenn man die Hin­ter­gründe kennt, den Platz­man­gel wegen der Stras­sen­bahn­li­nie am Ori­gi­nal­stand­ort der alten Syn­agoge, die von den Nazis in der Kris­tall­nacht abge­brannt wurde, die jüdi­sche Tra­di­tion des Zel­tes als Got­tes­häu­ser der Noma­den, die begrenz­ten finan­zi­el­len Mit­tel der klei­nen Dresd­ner jüdi­schen Gemeinde — die­ser Ent­wurf hat all dies berück­sich­tigt und aus den vie­len Nöten eine archi­tek­to­ni­sche Tugend gemacht. Aber die Abnei­gung der Dresd­ner gegen alles Nicht­ba­ro­cke macht natür­lich auch an die­ser Stelle nicht Halt. Jedoch haben wir nicht viel Zeit, sind schon über die Brühl­schen Ter­ras­sen dahin­ge­flo­gen, strei­fen die Syn­agoge und das Gemein­de­haus auch nur kurz, um mit der Stra­ßen­bahn zum Haupt­bahn­hof zu kommen.

Ähnli­che Arti­kel /​ Rela­ted posts:

  1. Dresden-​​​​Spaziergang
  2. Rund­gang durch Dresden
  3. Dres­den zu Ostern
  4. Dres­den am Wochenende
  5. Frauenkirchen-​​​​Mania

Ähnli­che Arti­kel bereit­ge­stellt von Yet Ano­ther Rela­ted Posts Plu­gin.