Stel­len Sie sich vor, Sie hät­ten abso­lut keine Fan­ta­sie — wäre das nicht ein trost­lo­ses Dasein? Denn erst das Her­vor­ru­fen von Bil­dern und Ideen jen­seits des Exis­tie­ren­den lässt Sie unbe­kannte Pro­bleme lösen und ermög­licht es Ihnen, sich in andere Men­schen hin­ein­zu­ver­set­zen und somit zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen aufzubauen.

Eine ganz große Por­tion Fan­ta­sie brau­chen Sie beim Thea­ter­spie­len. Wenn Sie in einer the­ma­tisch arbei­ten­den Gruppe sind, die anhand eines Grund­the­mas Sze­nen impro­vi­siert und fes­tigt, ver­steht sich Fan­ta­sie von selbst. Aber auch bei einem fes­ten Stück brau­chen Sie Fan­ta­sie, denn der Text legt Ihre Rolle nur schein­bar fest. Es gibt extrem viele Lücken, die Sie mit Ihrer eige­nen Vor­stel­lungs­kraft fül­len müs­sen. Nur dann wer­den Sie Ihre Rolle plas­tisch spie­len und die Zuschauer bewegen.

In die­sem Bei­trag möchte ich die beson­dere Rolle der Fan­ta­sie beim krea­ti­ven Thea­ter­pro­zess beleuch­ten und Übun­gen zei­gen, wel­che Ihre Fan­ta­sie zu beflügeln.

Phan­ta­sie im All­tag — Die Macht der Gedanken

Ein jeder Mensch hat Fan­ta­sie, die meis­ten nut­zen sie aber, um sich in nega­tive Spi­ra­len zu stür­zen. Wie schnell und plas­tisch kann man sich den schlech­ten Aus­gang einer Hand­lung aus­ma­len, sei es nun der ein klä­ren­des Gespräch, die Bewer­bung bei der Traum­firma oder eine schwie­rige Wan­der­tour. Durch die­sen Stru­del nega­ti­ver Gedan­ken legt man in die Hand­lung nicht die volle Kraft und Ent­schlos­sen­heit hin­ein, es wird ja ohne­hin schief gehen. Und meist bewahr­hei­tet es sich, die Macht der selbst­er­fül­len­den Pro­phe­zei­ung ist bekannt.

Schö­ner ist es, wenn Sie Ihre Fan­ta­sie auf den posi­ti­ven Aus­gang len­ken und sich die wun­der­ba­ren Fol­gen aus­ma­len. Genauso wich­tig ist die bewusste und posi­tive For­mu­lie­rung der eige­nen Wün­sche, wel­che oft uner­war­tete Türen öffnen und den Wunsch Wirk­lich­keit wer­den lassen.

Kon­stan­tin Sta­nis­law­ski und Fantasie

Nach Sta­nis­law­ski ist das Ziel des Schau­spie­lers, auf der Bühne eine Hand­lung aus­zu­füh­ren, die inner­lich begrün­det, logisch, fol­ge­rich­tig und in der Wirk­lich­keit mög­lich sein muss. Man geht also nicht von einem Gefühl aus, in das man sich hin­ein­stei­gert, son­dern kon­zen­triert sich auf eine kon­krete Hand­lung. Diese erweckt dann die Gefühle.

Um eine sol­che Hand­lung zu fin­den, benutzt Sta­nis­law­ski die Begriffe Wenn und vor­ge­schla­gene Situa­tion. Durch das Wenn wird aus der unmit­tel­ba­ren Wirk­lich­keit eine Thea­ter­szene. Die Frage Wenn ich einen Brief in der Hand hätte, was wür­den Sie dann tun? regt Ihre Fan­ta­sie und Vor­stel­lungs­kraft an, Sie über­le­gen sich eine Hand­lung. Im Fall des Brie­fes wür­den Sie ihn wahr­schein­lich neh­men und nach­schauen, ob er an Sie adres­siert ist. Die vor­ge­schla­gene Situa­tion ist eine Zusam­men­fas­sung aller Umstände, wie sie durch Stück und Insze­nie­rung vor­ge­ge­ben sind, also Zeit, Ort, Lebens­um­stände, Requi­si­ten, Kos­tüme, etc. Sie ist völ­lig fik­tiv und ent­steht durch die Fan­ta­sie der Beteiligten.

Ein Thea­ter­text hat immer Lücken. Es ist zum Bei­spiel meist nur der Ort der Hand­lung beschrie­ben, sagen wir ein Salon. Woher kom­men Sie, wenn Sie durch die rechte Tür in den Salon ein­tre­ten? Was haben Sie vor­her drau­ßen gemacht? War es da kalt oder warm, ange­nehm oder unan­ge­nehm? Haben Sie mit ande­ren Leu­ten gespro­chen? Warum tre­ten Sie über­haupt ein? Was geschah vor­her, bevor das Stück beginnt? Jede Rolle hat ein eige­nes Leben gelebt bis zu die­sem Zeit­punkt, dar­über gibt es meist nur wenig Anhalts­punkte im Text. An unend­lich vie­len Stel­len ist Ihre Fan­ta­sie als Schau­spie­ler gefragt.

Das Ziel des Schau­spie­lers ist es, wäh­rend des gan­zen Stü­ckes sowohl die äuße­ren (fik­ti­ven) Umstände wahr­zu­neh­men als auch seine inne­ren Asso­zia­tio­nen und Bil­der. Es ent­steht dann eine Art Film, der den Schau­spie­ler zu jedem Zeit­punkt in die rich­tige Stim­mung ver­setzt. Die­ser Film ist das Kunst­pro­dukt des Schau­spie­lers, es ent­springt sei­ner Fan­ta­sie und wird wäh­rend des krea­ti­ven Pro­zes­ses fort­lau­fend über­prüft und ver­fei­nert, schließ­lich muss jede Hand­lung logisch und fol­ge­rich­tig sein.

Wenn Sie auf der Bühne ein Wort mecha­nisch sagen oder etwas mecha­nisch tun ohne zu wis­sen, wer Sie sind, woher und warum Sie kom­men, was Sie hier brau­chen, wohin Sie gehen und was Sie dort tun wer­den, dann haben Sie phan­ta­sie­los gehan­delt, und Ihr Auf­ent­halt auf der Bühne, ob kurz oder lang, war für Sie keine Wahr­heit — Sie han­del­ten wie ein auf­ge­zo­ge­ner Mecha­nis­mus, wie ein Auto­mat.
[1] S. 50

Michael Tsche­chow und Imagination

Das schau­spie­le­ri­sche Genie Michael Tsche­chow hatte ohne Zwei­fel eine sehr leb­hafte Fan­ta­sie. Er regt an, sich nach einem lan­gen Tag zu ent­span­nen, dann trä­ten Erin­ne­run­gen in Erschei­nung, durch­mischt auch von völ­lig unbe­kann­ten Gestal­ten, an deren Schick­sal man mehr und mehr Anteil nähme. Als Künst­ler soll­ten Sie ler­nen, diese Gestal­ten zu beherr­schen, um sie für das Her­an­bil­den der eige­nen Rolle zu nut­zen. Ganz anders als Sta­nis­law­ski ver­lässt sich Tsche­chow auf seine Intui­tion und lässt im Unter­be­wusst­sein seine Figu­ren reifen.

Um sich die­ser Figu­ren zu bedie­nen, kön­nen Sie den Text zum einen ver­stan­des­mä­ßig ana­ly­sie­ren. Aber mit der Zeit stellt sich dann eine Gefühl­lo­sig­keit ein. Der andere Weg ist, Fra­gen an die auf­tau­chen­den Gestal­ten zu stel­len und mit Geduld und Kon­zen­tra­tion deren Ant­wort abzu­war­ten. Tsche­chow betont die Not­wen­dig­keit, die Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit zu trai­nie­ren. Dann liefe neben dem All­tags­le­ben noch ein wei­te­rer Pro­zess par­al­lel, im Unter­be­wuss­ten. Und mit aus­rei­chend Übung kön­nen Sie die­sen unter­be­wuss­ten Pro­zess für die Erschaf­fung künst­le­ri­scher Figu­ren benutzen.

Übung zur Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit: Üben Sie mit einem sim­plen Gegen­stand die vier Pha­sen des Kon­zen­tra­ti­ons­pro­zes­ses. Ich habe mit einer gel­ben Papri­ka­schote ange­fan­gen und ver­sucht, mir mög­lichst viele Details daran vorzustellen.

  1. Fest­hal­ten
  2. Her­an­zie­hen
  3. Auf ihn zu gehen
  4. Ein­drin­gen

Die Sinne soll­ten dabei ent­spannt sein, dann mit kom­ple­xe­ren Gegen­stän­den, Geräu­schen, Men­schen, fik­ti­ven Gegen­stän­den, lite­ra­ri­schen Gestal­ten fortsetzen.

Wenn Sie die Tech­nik der Kon­zen­tra­tion ein­mal beherr­schen, wird Ihnen auf­fal­len, wie Ihr gan­zes Wesen auf­lebt, erstarkt und an Har­mo­nie und Tat­kraft dazu­ge­winnt. Beim Spie­len wer­den diese Eigen­schaf­ten auch auf der Bühne sicht­bar. Das Form­lose und Dif­fuse ver­schwin­det, und Ihr Spiel wird viel über­zeu­gen­der.
[2] S. 21

Als wei­te­ren Schritt soll­ten Sie Ihre Vor­stel­lungs­kraft trai­nie­ren. Neh­men Sie eine Szene aus einem Thea­ter­stück, wel­ches Sie gut ken­nen und las­sen Sie diese immer wie­der ablau­fen. Dabei kön­nen Sie bestimmte Aspekte vari­ie­ren, zum Bei­spiel die Beto­nung eines Cha­rak­ter­zu­ges. Mit die­ser Fähig­keit kön­nen Sie im Pro­ben­pro­zess auch allein an einer Szene arbei­ten, indem Sie sie vor Ihrem inne­ren Auge ablau­fen lassen.

Fazit

Fan­ta­sie ist essen­zi­ell für Schau­spie­ler und nütz­lich für alle. Mit Fan­ta­sie lebt es sich schö­ner und ihr Trai­ning sollte des­halb einen gro­ßen Raum ein­neh­men. Pro­bie­ren Sie es aus!

Quel­len

[1] Stanislawski-​​Reader — Die Arbeit des Schau­spie­lers an sich selbst und an der Rolle, aus­ge­wählt und her­aus­ge­ge­ben von Bernd Ste­ge­mann, Hen­schel Verlag

[2] Michail A. Čechov, Die Kunst des Schau­s­pierlers, Mos­kauer Aus­gabe, Ver­lag Urachhaus

[podcast]http://www.mwellner.de/sound/2009–10-16.mp3[/podcast]

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