Mit der sechs­ten Lek­tion endet der Grund­kurs Stanislawski-​​Strasberg des Zen­trums für Ent­wick­lung im Schau­spiel. Als Beson­der­heit soll­ten wir par­al­lel zur sen­so­ri­schen Erin­ne­rung einen gelern­ten neu­tra­len Text spre­chen. Danach haben wir uns mit der Ver­kör­pe­rung einer Per­son beschäf­tigt. Mein per­sön­li­cher Höhe­punkt des Abends war das Dar­stel­len der Fenstersturz-​​Szene als Selbst­mör­der auf dem Fenstersims.

Auf­wär­men, sen­so­ri­sche Erin­ne­rung mit Text

Wie beim letz­ten Mal soll­ten wir die sen­so­ri­sche Erin­ne­rung mit dem Spre­chen eines neu­tra­len Tex­tes kom­bi­nie­ren. Und es gab Momente, in denen mir dies gelang! Momente, in denen der Text ein­fach so aus mir her­aus floss und durch die Emo­tion gefärbt wurde. Vor­her hatte ich den Text sehr kon­trol­liert und immer gleich gespro­chen, mit mei­ner trai­nier­ten Text­le­se­stimme. In den weni­gen glück­li­chen Momen­ten sprach ich deut­lich weni­ger kon­trol­liert, ließ den Text ein­fach kom­men im Ver­trauen dar­auf, dass er rich­tig sei. Das war ein ech­tes aha-​​Erlebnis.

Inter­es­san­ter­weise haben viele Schau­spie­ler ein ähnli­ches Pro­blem, wenn sie auf der Bühne eine Rolle ver­kör­pern. Sie spre­chen den Text mit ihrer sono­ren Stimme, und zwar immer ähnlich. Aber das ist natür­lich weit weg vom Ideal der authen­ti­schen Ver­kör­pe­rung, bei dem sich auch die Stimme der jewei­li­gen Rolle und Stim­mung anpas­sen würde.

Heute besuchte ich eine Gene­ral­probe, wo mir diese Sache wie­der auf­fiel. Einige Dar­stel­ler spra­chen sehr deut­lich und akzen­tu­iert, aber immer gleich, so dass ihre Sprech­weise fast etwas Mecha­ni­sches hatte. Das war schade, bei einer ansons­ten sehr schö­nen Insze­nie­rung eines schwie­ri­gen Stü­ckes (Gefähr­li­che Lieb­schaf­ten).

Ver­kör­pe­rung

Die Haus­auf­gabe war ja gewe­sen, eine Per­son zu beob­ach­ten und mög­lichst viel von ihr auf­zu­neh­men. Dies soll­ten wir jetzt ver­wen­den, um uns selbst die­ser Per­son ähnlich zu machen. Eine voll­stän­dige Imi­ta­tion ist nicht erstre­bens­wert und auch nicht mach­bar, das Ergeb­nis wird folg­lich eine Inter­pre­ta­tion der Per­son mit eini­gen mar­kan­ten Merk­ma­len sein.

Ich selbst fühlte mich mit mei­ner beob­ach­te­ten Per­son nicht ganz wohl, man bemerkt erst beim Dar­stel­len, dass man sehr wenige Dinge wirk­lich gut beob­ach­tet hat. Wie genau geht die Per­son, wie spricht sie? Wir soll­ten einen kom­plet­ten Tages­ab­lauf als diese Per­son durch­le­ben, da musste ich natür­lich die Fan­ta­sie spie­len lassen.

Für eine gute Ver­kör­pe­rung emp­fahl unser Lei­ter, mal einen gan­zen Tag lang die Rolle zu leben. Dann wür­den sich viele span­nende Impulse für die Dar­stel­lung auf der Bühne erge­ben. Als bril­li­an­tes Bei­spiel nannte er den Film Capote mit Phi­lip Sey­mour Hoff­mann. Den hatte ich zufäl­lig auch gese­hen, es war in der Tat ein bedrü­ckend authen­ti­sches Por­trät des Schrift­stel­lers. Allein die hohe Stimme war unglaub­lich ner­vig und damit wohl sehr nahe am Original.

Fenstersturz-​​Szene

Es war der Höhe­punkt des Kur­ses, die Dar­stel­lung eines selbst­mord­ge­fähr­de­ten Man­nes auf dem Fens­ter­sims. Der Text war vor­ge­ge­ben, ein Dia­log zwi­schen dem Selbst­mör­der und einer Kom­mis­sa­rin, die ihn auf­hal­ten will. Am Ende springt der Mann.

KOMMISSAR/​IN
Sagen Sie mir was sie gewollt haben, Sophie…
Sie sind aus dem Haus gegan­gen und haben Ihren Sohn gesucht… und
Dann haben Sie ihn gefunden…

SOPHIE/​SVEN
Ich wollte mich vor den Zug mit ihm… ich und er zusam­men vor den Zug…
Er hat so fest geweint… sein Kopf tat ihm weh.
„Ich wi l l nach Hause” hat er geschrien… „nach Hause” … Ich musste ihn doch beruhigen.

Aus­schnitt aus der Szene „Fens­ter­sturz„

Ich hatte mich gut vor­be­rei­tet. In der Klet­ter­halle nutzte ich eine kleine Platt­form, die sich unge­fähr zehn Meter über dem Boden befand. Als ich mich fort umdrehte und in die Tiefe blickte, spürte ich sehr deut­lich die Höhe. Es sah viel höher aus als vom siche­ren Boden. Und ich musste mich echt über­win­den, da run­ter­zu­sprin­gen, trotz Seil. Ein paar Sprünge spä­ter wusste ich, wor­auf es ankam – nur nicht nach unten schauen, eher nach vorn und einen Schritt machen.

Abge­se­hen von der Sturz-​​Vorbereitung hatte ich nicht so viel Zeit inves­tiert. Die Situa­tion, ein Vater zu sein, der sei­nen wei­nen­den Sohn aus­ver­se­hen erstickt, war recht fremd für mich. Ich wollte beim Betre­ten der Bühne schon abge­schlos­sen haben mit dem Leben, zog weiße Baum­woll­ho­sen an und einen wei­ßen Pull­over. Es sollte jen­sei­tig aus­se­hen, und man sollte auf dem Pull­over Spu­ren des Todes­kamp­fes sehen, ein­fach Flecken.

Das Feed­back war posi­tiv, die Szene war zwar etwas zu lang gera­ten, aber Marco gefiel mein gestör­tes, zurück­ge­nom­me­nes Spiel des Selbst­mör­ders gut. Auch das Zuhö­ren hatte deut­lich bes­ser geklappt als letzte Woche. Und beson­ders gut spür­bar sei die Höhe gewesen.

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