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mathias wellner

auf den spuren meiner selbst

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Kategorie: kultur

Spre­chen ist eine Kunst, die nur wenige beherr­schen. Seine eige­nen Fähig­kei­ten bezüg­lich Spra­che zu ver­bes­sern lohnt sich, nicht nur fürs Thea­ter. Denn eine volle, wohl­klin­gende Stimme strahlt Selbst­si­cher­heit und Kom­pe­tenz aus, was in allen Lebens­la­gen nütz­lich ist. Im Thea­ter ist eine ver­ständ­li­che Aus­spra­che natur­ge­mäß zen­tral, da das Publi­kum sonst wenig von der Auf­füh­rung hat. Und außer­dem beste­hen die meis­ten Stü­cke vor allem aus Text, die Regie­an­wei­sun­gen hal­ten sich eher in Grenzen.

Der Weg zu einer bes­se­ren Spra­che ist lang. Es lohnt sich, ein Gehör dafür zu ent­wi­ckeln, geschulte Spre­cher in Radio und Fern­se­hen soll­ten ein Vor­bild sein. Erst heute habe ich in der Tages­schau inten­siv dar­auf geach­tet, wie der Spre­cher das r aus­spricht, hin­ten in der Kehle (Nord­deutsch­land) oder vorn an den Zäh­nen (Süd­deutsch­land, Schweiz, Öster­reich). Die nord­deut­sche Vari­ante domi­niert, was auch dem gepfleg­ten Bühnen-​​Deutsch entspricht.

Büh­nen­deutsch in der Schweiz

In der Schweiz mit einer star­ken Stel­lung des Dia­lekts ist die Frage der Büh­nen­spra­che hei­kel. Die wenigs­ten Schwei­zer kön­nen akzent­frei Hoch­deutsch spre­chen, viele Thea­ter­grup­pen füh­ren des­halb im Dia­lekt auf. Für Schwei­zer ist der Weg zum Büh­nen­deutsch lang und müh­sam, genauso müh­sam wie für mich der Weg zum akzen­freien Schwei­zer­deutsch wäre. Es ist fast ein aus­sichts­lo­ser Kampf, da die gesamte Umge­bung Schwei­zer­deutsch spricht und somit auch das Gefühl für die hoch­deut­sche Aus­spra­che fehlt. Der ein­zige Weg ist eine mög­lichst kom­plette Immer­sion ins Hoch­deut­sche, mög­lichst jeden Tag die Spra­che hören und somit ein Gefühl für die Aus­spra­che und Beto­nung ent­wi­ckeln. Außer­dem mög­lichst oft spre­chen, bis die Spra­che sich natür­lich anfühlt. Wie bei einer Fremdsprache.

Übun­gen für eine bes­sere Aussprache

Zur deut­li­che­ren Aus­spra­che gibt es zahl­rei­che Übun­gen, die man auch bequem zu Hause durch­füh­ren kann.

  1. Kerze aus­bla­sen, Abstand immer mehr ver­grö­ßern. Das trai­niert die Atmung.
  2. Flüs­tern. Zwingt zur deut­li­chen Artikulation.
  3. Kor­ken zwi­schen die Zähne klem­men und einen Text spre­chen. Zwingt zur deut­li­chen Zungenartikulation.
  4. Musik­an­lage lau­fen las­sen, Text gegen Geräusch­ku­lisse spre­chen. Eine Art Ausdauertraining.

Jedoch set­zen all diese Übun­gen ein gewis­ses Maß an Gefühl für kor­rekte Aus­spra­che vor­aus. Wenn Sie grö­ßere Pro­bleme haben oder schnel­lere Fort­schritte machen möch­ten, emp­fiehlt sich der Besuch beim Logo­pä­den oder Gesangsunterricht.

Tie­fere Stu­dien der Lautbildung

Wer rich­tig tief ein­stei­gen will, muss die Bil­dung jedes ein­zel­nen Buch­sta­bens ver­ste­hen. Jeder Buch­stabe bedingt eine ganz bestimmte Stel­lung der Zunge, der Lip­pen und des Kehl­kop­fes, von eini­gen Buch­sta­ben gibt es auch Vari­an­ten. Ein Stan­dard­werk in die­ser Rich­tung ist Der kleine Hey – Die Kunst des Spre­chens. Die erste Ver­sion des Buches war für den Gesangs­un­ter­richt bestimmt und ent­stand um 1900. Ich fand das Buch gut auf­ge­baut, jedoch wür­den Abbil­dun­gen das Ver­ständ­nis erleich­tern. Ein Pod­cast zum Thema Stimme ist Aben­teuer Stimme, die aller­ers­ten Sen­dun­gen beschäf­ti­gen sich mit grund­le­gen­den The­men wie Atmung und Körperspannung.

Sich selbst hören

Am aller­bes­ten ist eine Auf­nahme der eige­nen Stimme, dann hört man mal, wie man wirk­lich spricht. Für die meis­ten Leute ist die erste Begeg­nung mit der eige­nen Stimme ein Schock, da man sie von innen ganz anders wahr­nimmt. Es braucht ein biss­chen Zeit, sich daran zu gewöh­nen, so wie man sich an einen neuen Men­schen und seine Stimme erst gewöh­nen muss.

Thea­ter lebt von Hand­lung. Es ist die Auf­gabe des Regis­seurs, aus dem Stück­text die Hand­lung her­aus­zu­le­sen und den Schau­spie­lern als Hilfe anzu­bie­ten. Was ich heute gese­hen habe, war das genaue Gegen­teil. Der Regis­seur hat alle Hand­lung ver­bannt und die Schau­spie­ler mit dem Text allein gelas­sen. Das Stück begann mit Aus­schnit­ten aus dem Text, fast wie eine Ouver­türe wur­den The­men ange­ris­sen, von ver­schie­de­nen Schau­spie­lern. Es waren vier, zwei Män­ner und zwei Frauen, die dadurch wie aus­tausch­bar wirk­ten. Das war wohl auch die Absicht. Oder es liegt daran, dass der Regis­seur vor­her Opern gemacht hat. Bei Opern kommt es auf die Arien an, Hand­lung und Authen­ti­zi­tät spie­len eine unter­ge­ord­nete Rolle.

Irgend­wann gab es aber doch so etwas Ähnli­ches wie Hand­lung. Tho­mas Pol­lock Nageoire, der rei­che Geschäfts­mann, bie­tet Louis Laine, dem armen Schlu­cker, Geld an, wirft es ihm zu. Die­ser ent­frem­det sich von sei­ner bra­ven Frau Marthe (von Klara Man­zel im knap­pen schwar­zen Kleid fast schon zu fesch gespielt), ver­lässt sie für Lechy, die Künst­le­rin. Kon­flikt, Marthe pocht auf die Ehe, so sah das wohl auch der Autor damals 1893, es zieht sich. Schön gespielt, aber es zieht sich. Keine Hand­lung, nur Worte.

Die Bühne ist breit, oben eine Holz­de­cke, hin­ten durch­ge­hende Holz­stu­fen, es sieht karg aus. Immer sind alle vier auf der Bühne, von Anfang an, dem Publi­kum aus­ge­lie­fert. Es gibt aber genug Platz, gele­gent­lich sitzt dann einer am Rand und kann sich ein biss­chen entspannen.

Ins­ge­samt kam es mir vor wie ein Übungs­stück für Schau­spiel­schü­ler, mit erschwer­ten Bedin­gun­gen, so dass es nur an ihnen hängt. Keine Hilfe, kein Ver­ste­cken, ein stän­di­ges Ausgeliefertsein.

Es ist eins der weni­ger bekann­ten Stü­cke von Ten­nes­see Wil­liams, der den meis­ten wahr­schein­lich durch Die Katze auf dem hei­ßen Blech­dach oder End­sta­tion Sehn­sucht ein Begriff ist. Den­noch ist es äußerst loh­nend, viel­schich­tig ange­legt und hält dem ame­ri­ka­ni­schen Süden einen scho­nungs­lo­sen Spie­gel vor.

Die Haupt­fi­gur ist Val, ein her­um­zie­hen­der Sän­ger mit Schlan­gen­le­der­ja­cke und Gitarre auf dem Rücken. Er kommt in einem pro­vin­zi­el­len Örtchen an, auf der Suche nach Arbeit. Die Besit­ze­rin eines Ladens (Lady) stellt ihn als Laden­ge­hil­fen an und zwi­schen den bei­den ent­wi­ckelt sich eine inter­es­sante Bezie­hung. Sie ist unglück­lich ver­hei­ra­tet, ihr Mann nach einer Krebs-​​Operation ein wan­deln­der Toter. Auch andere Damen füh­len sich vom cha­ris­ma­ti­schen Frem­den ange­zo­gen, ihre uner­füll­ten Sehn­süchte und zer­bro­che­nen Träume kom­men zum Vorschein.

Schön und sym­bo­lisch zugleich ist Val’s Geschichte von einem klei­nen blauen Vogel ohne Füße, der nie­mals den Boden berührt, außer bei sei­nem Tod. So will er sein, unkor­rum­piert und frei.

Aus­zug aus „Orpheus Descen­ding” von Ten­nes­see Wil­liams (MP3, 900 kB)

Der Bezug zur grie­chi­schen Mytho­lo­gie ist schon durch den Titel gege­ben. Orpheus war dort der berühm­teste aller Sän­ger und konnte sogar die Her­zen von Hades und Per­se­phone erwei­chen, nach­dem seine Frau Eury­dike durch einen Schlan­gen­biss gestor­ben war. Sie durfte mit ihm zurück in die Ober­welt, aber unter der Bedin­gung, dass er vor­an­ge­hen und sich nicht nach ihr umschauen dürfe. Als er schon oben ist, sie aber noch nicht ganz, dreht er sich zu früh um und ver­liert seine Frau erneut. Die Ähnlich­keit zum Gitarre spie­len­den Val ist offen­sicht­lich, das Her­ab­stei­gen von Orpheus in den Hades ent­spricht also dem Ankom­men von Val im Ort. Der ame­ri­ka­ni­sche Süden als Hölle – ein erschre­cken­des Bild.

Thea­ter spie­len heißt etwas tun und dabei den gesam­ten Kör­per ein­zu­set­zen. Eine Thea­ter­probe muss unbe­dingt kör­per­li­che Akti­vi­tä­ten ent­hal­ten, sonst wird Thea­ter zu einer rein geis­ti­gen Übung ohne phy­si­sche Wahr­heit. Ich möchte einige Übun­gen vor­stel­len, um Bewe­gung in die Thea­ter­probe einzubauen.

Iso­la­ti­ons­übung (zu Musik)

Man nutzt den gan­zen Kör­per, kon­zen­triert sich nach­ein­an­der auf Fuß­ge­lenke, Knie, Hüfte, Ober­kör­per, Schul­tern, Kopf, Ell­bo­gen, Hand­ge­lenke und schließ­lich die Fin­ger­spit­zen. Danach kann man noch frei kom­bi­nie­ren, rich­tig Gas geben und schließ­lich wie­der run­ter kommen.

Lauf­übun­gen

Lau­fen ist etwas extrem Ele­men­ta­res. Eine Übung besteht darin, dass alle durch den Raum lau­fen und der Lei­ter die Stim­mung vor­gibt. Bei Bedarf kann man noch gele­gent­lich ein­frie­ren und einige Leute zum Anschauen befreien. Bei einer ande­ren Vari­ante der Lauf­übung gibt der Lei­ter das Tempo in Abstu­fun­gen von 1 bis 10 vor.

Fol­gen

Alle lau­fen herum und fol­gen einer Per­son, machen also genau das Glei­che. Die Leit­per­son kann das Tempo ver­än­dern, Sprünge ein­bauen, was immer ihr einfällt.

Au ja!

Alle sind auf der Bühne. Einer schlägt laut etwas vor, zum Bei­spiel auf den Boden legen oder an eine Wand gehen. Dann rufen alle „Au ja!” und füh­ren die Hand­lung aus.

Gruppen-​​Einfrieren

Die Gruppe bewegt sich im Raum. Einer friert ein, alle ande­ren fol­gen so schnell wie mög­lich. Jemand anders fängt wie­der an mit bewe­gen. Wie­der fol­gen alle ande­ren. Es funk­tio­niert tat­säch­lich und gibt ein unheim­li­ches Gruppengefühl.

Die Groß­schrei­bung auch von Sub­stan­ti­ven ist eine Eigen­art des Deut­schen (und Luxem­bur­gi­schen). In ande­ren Spra­chen (wie dem Eng­li­schen oder Fran­zö­si­schen) wer­den nur Eigen­na­men und Satz­an­fänge groß­ge­schrie­ben. In außer­eu­ro­päi­schen Spra­chen fehlt diese Unter­schei­dung ganz. Damit spart man sich zwei sepa­rate Alpha­bete. In die­sem Bei­trag möchte ich die Her­kunft die­ses Phä­no­mens erläu­tern und auch die radi­kale klein­schrei­bung auf der basis von otl aichers buch „typo­gra­phie” vorstellen.

HERKUNFT DER GROSSBUCHSTABEN

DIE BUCHSTABEN DES GROSSEN ALPHABETS WURDEN VON DEN RÖMERN FÜR GRABINSCHRIFTEN ODER AUF GEBÄUDEN VERWENDET. ES IST EINE DEKORATIVE MONUMENTALSCHRIFT, DIE AUFGRUND DER IDENTISCHEN HÖHE ALLER BUCHSTABEN EXTREM SCHWER LESBAR IST. MÜHSAM BUCHSTABIERT MAN, FLÜSSIGES LESEN IST SO NICHT MÖGLICH. MAN SOLL JA AUCH NICHT LESEN SONDERN STAUNEN.

her­kunft der kleinbuchstaben

neben den deko­ra­ti­ven groß­buch­sta­ben haben zu allen zei­ten auch gebrauchs­schrif­ten exis­tiert, die man schnell zu papier oder papy­rus brin­gen konnte. am hofe von karl dem gro­ßen wur­den im ach­ten jahr­hun­dert die karo­lin­gi­schen minus­kel als ver­wal­tungs­schrift ent­wi­ckelt. es war eine gebrauchs­schrift, aus der spä­ter die deut­schen und latei­ni­schen klein­buch­sta­ben her­vor­gin­gen. die les­bar­keit ist gegen­über den groß­buch­sta­ben deut­lich ver­bes­sert, da jedes wort durch die ober– und unter­län­gen eine cha­rak­te­ris­ti­sche form erhält. im grunde lesen wir keine ein­zel­nen buch­sta­ben, son­dern wort­for­men. unsere schrift ist somit eine mischung aus zei­chen– und wort­schrift, jedoch auf abs­trak­ter basis.

Zusam­men­füh­rung

In der Renais­sance wur­den die alten Alpha­bete wie­der­ent­deckt und für die brand­neue Erfin­dung des Buch­drucks ver­wen­det. Groß­buch­sta­ben dien­ten dabei der Her­vor­he­bung vor allem reli­giö­ser Begriffe, wie GOtt. Die Groß­schrei­bung von Sub­stan­ti­ven ent­wi­ckelte sich in Deutsch­land zu Zei­ten des Barock.

In Bezug auf die Les­bar­keit ent­steht durch groß­ge­schrie­bene Sub­stan­tive mehr Varia­bi­li­tät im Satz­ge­füge. Auch die Groß­buch­sta­ben am Satz­an­fang erleich­tern das Lesen und las­sen das Auge schnel­ler zu die­sem mar­kan­ten Punkt sprin­gen. Eine Stu­die mit Nie­der­län­dern zeigte einen Geschwin­dig­keits­vor­teil bei Ein­füh­rung der sprach­frem­den Groß­schrei­bung von Substantiven.

Grund­sätz­lich Stellt sich aber die frage, warum man aus­ge­rech­net sub­stan­tive groß Schreibt und nicht ver­ben, wel­che immer­hin die akti­vi­tät Beinhal­ten. Oder adjek­tive, denen oft­mals eine Wich­tige Beschrei­bende bedeu­tung zukommt. Die aus­wir­kung auf die les­bar­keit Wäre die glei­che, bestimmte wör­ter Ste­hen her­vor und mit der zeit Gewöhnt man sich dran.

otl aicher – typographie

eine radi­kale posi­tion besetzt otl aicher, der sich gegen groß­buch­sta­ben gene­rell wehrt. seine begrün­dung ist, dass diese rein reprä­sen­ta­ti­ven cha­rak­ter haben, wäh­rend sich die klein­schrift als gebrauchs­schrift ent­wi­ckelt hatte, deren zweck die mit­tei­lung selbst war und nicht die form. außer­dem kri­ti­siert er das mit der groß­schrei­bung ein­her­ge­hende welt­bild, wel­ches für ihn cha­rak­te­ri­siert wird durch den sieg des adels über die städte.

das ändert auch die spra­che. zuerst wer­den die namen der höhe­ren insti­tu­tio­nen als etwas höhe­res aus­ge­zeich­net. sie erhal­ten einen zie­ren­den groß­buch­sta­ben. dann wer­den die haupt­wör­ter ins­ge­samt ange­ho­ben. es wird nicht nur der advo­kat groß geschrie­ben, son­dern auch das recht, nicht nur der minis­ter, son­dern auch der staat, nicht nur der geist­li­che herr, son­dern auch die kir­che, nicht nur der gelehrte, son­dern auch die wis­sen­schaft. das gene­relle wird bedeu­ten­der als das kon­krete, das all­ge­meine bedeu­ten­der als die tätigkeit.

damit geht es nicht nur um die zufäl­lige aus­zeich­nung bestimm­ter wort­klas­sen, son­dern um defi­ni­ti­ons­macht. eine demo­kra­ti­sche, frei­heit­li­che gesin­nung drückt sich also kon­se­quen­ter­weise in gene­rel­ler klein­schrei­bung aus. jedoch beein­träch­tigt das die les­bar­keit, es feh­len beson­ders am satz­an­fang die mar­kan­ten großbuchstaben.

Fazit

Aber wenn ihr bis hier­her gekom­men seid, könnt ihr euch selbst ein urteil bil­den. Als kom­pro­miss gibt es noch die gemä­ßigte klein­schrei­bung, bei der – ähnlich wie im Eng­li­schen – die satz­an­fänge und eigen­na­men groß geschrie­ben wer­den. Ungewohnt.