Man muss den Dingen
Die eigene, stille,
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt,
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann;
alles ist austragen –
und dann
Gebären…
Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen
des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.
Er kommt doch!
Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind,
als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos still und weit…
Man muss Geduld haben,
gegen das Ungelöste im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.
Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Frage lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antwort hinein.
Der Dank für dieses inspirierende Gedicht geht an Marco. Man kann es auch sehr gut auf das Schauspiel beziehen, beim Method Acting kommt es unter anderem auch darauf an, aus einem Zustand der inneren Entspannung zu agieren. Das Überspielen ist das Hauptproblem aller Schauspieler, besonders der jungen. Und so erinnert mich vor allem die erste Strophe an die als Schauspieler – aber natürlich auch als Mensch – anzustrebende Grundgelassenheit.
Am nächsten Donnerstag findet bei mir die nächste szenische Lesung statt, wir widmen uns dem Drama Ein Volksfeind von Henrik Ibsen.
Das Stück handelt von einem Badearzt, der entdeckt, dass giftige Stoffe durch die Zuflüsse ins Bad gelangen. Er verlangt die sofortige Sanierung. Die Mächtigen der Stadt sind jedoch angesichts der hohen Kosten wenig begeistert und verweigern sich dem Vorhaben. Es beginnt ein Kampf um die Wahrheit, bei dem der Arzt schließlich alle gegen sich hat, er wird zum Volksfeind. Ibsen war nach schlechten Kritiken seiner Vorgängerstücke Nora und Gespenster nicht sehr gut auf die öffentliche Meinung zu sprechen, das merkt man dem Drama sehr deutlich an. Andererseits erhebt sich der Arzt selbstherrlich über alle anderen und propagiert das Recht der Wahrheit über die dumme Volksmasse, der Vorgeschmack diktatorischer Herrschaftssysteme.
Das Erzählen von Geschichten ist eine uralte Tradition, sie zu hören und mitzuerleben ein Grundbedürfnis des Menschen. Doch was macht eine gute Geschichte aus? Im Grunde sind die meisten Erzählungen nach dem gleichen Muster aufgebaut, der Heldenreise, dies fand Joseph Campbell durch die Analyse unzähliger Mythen heraus.
Stationen der Heldenreise
Ruf: Erfahrung eines Mangels oder plötzliches Erscheinen einer Aufgabe
Weigerung: Der Held zögert, dem Ruf zu folgen, beispielsweise, weil es gilt, Sicherheiten aufzugeben.
Aufbruch: Er überwindet sein Zögern und macht sich auf die Reise.
Auftreten von Problemen, die als Prüfungen interpretiert werden können
Übernatürliche Hilfe: Der Held trifft unerwartet auf einen oder mehrere Mentoren.
Die erste Schwelle: Schwere Prüfungen, Kampf mit dem Drachen etc., der sich als Kampf gegen die eigenen inneren Widerstände und Illusionen erweisen kann.
Fortschreitende Probleme und Prüfungen, übernatürliche Hilfe.
Initiation und Transformation des Helden: Empfang oder Raub eines Elixiers oder Schatzes, der die Welt des Alltags, aus der der Held aufgebrochen ist, retten könnte. Dieser Schatz kann in einer inneren Erfahrung bestehen, die durch einen äußerlichen Gegenstand symbolisiert wird.
Verweigerung der Rückkehr: Der Held zögert in die Welt des Alltags zurückzukehren.
Verlassen der Unterwelt: Der Held wird durch innere Beweggründe oder äußeren Zwang zur Rückkehr bewegt, die sich in einem magischen Flug oder durch Flucht vor negativen Kräften vollzieht.
Rückkehr: Der Held überschreitet die Schwelle zur Alltagswelt, aus der er ursprünglich aufgebrochen war. Er trifft auf Unglauben oder Unverständnis, und muss das auf der Heldenreise Gefundene oder Errungene in das Alltagsleben integrieren. (Im Märchen: Das Gold, das plötzlich zur Asche wird)
Herr der zwei Welten: Der Heros vereint Alltagsleben mit seinem neugefundenen Wissen, und lässt somit die Gesellschaft an seiner Entdeckung teilhaben.
Spannend ist natürlich die Frage, inwieweit dieses Muster auch auf Theaterstücke anwendbar ist. Ich denke, dass dies bei klassisch orientierten Dramen durchaus der Fall ist, der Aufbau eines Regeldramas mit fünf Akten spiegelt eine Heldenreise wider. Einige dramatische Formen wenden sich vom Regeldrama und damit auch von erzählerischen Mustern ab. Ein Beispiel dafür ist das Postdramatische Theater, welchem das Geschehen auf der Bühne und die Kommunikation zwischen Schauspielern und Zuschauern wichtiger ist als die Werkstreue.
Aber trotz einiger Ausnahmen bietet die Heldenreise ein anschauliches und praktisches Grundgerüst, mit dem man dramatische Stoffe analysieren kann. Aber trotz dieses scheinbar immer gleichen Rezepts haben Schriftsteller immer wieder neue Stoffe und Charaktere gefunden, Variationen und Abwandlungen, die uns Zuschauer in den Bann schlagen.
Erst kürzlich sah ich in einem Oerlikoner Freiluftkino Match Point von Woody Allen. Der Held des Films, Chris Wilton, erfährt seinen Ruf zum Abenteuer durch die Bekanntschaft der attraktiven, mittellosen Schauspielerin Nola Rice. Eine Beziehung kommt nicht in Frage, da er mit Chloe Hewett liiert ist, sein Garant für den Aufstieg und ein unbeschwertes Leben in Reichtum und Luxus. Aber er kann nicht anders als sich ihr anzunähern, während eines prasselnden Sommerregens kommen sich die beiden im Kornfeld näher. Die entscheidende Prüfung folgt dann später, Nola wird von ihm schwanger und stellt ihm ein Ultimatum, sich von seiner Frau loszusagen. Chris befindet sich in einem Dilemma, er muss zwischen wahrer Liebe und seinem sinnentleerten Luxusleben wählen. Er entschließt sich, Nola umzubringen. Und es gelingt ihm sogar, seinen raffinierten Plan in die Tat umzusetzen. Die Rückkehr des Helden ist durch die Beseitigung aller Spuren und die Gespräche mit der Polizei umgesetzt. Immer wieder steht er knapp vor seiner Entdeckung, ein Polizist hat sogar eine nächtliche Eingebung des wahren Tathergangs. Doch durch unverschämtes Glück – das Hauptthema das Films – kommt Chris davon, die Geburt seines langersehnten ersten Kindes erlebt er teilnahmslos und wird nachts von den Toten heimgesucht. Dies ist die in diesem Fall negative Veränderung, sinnbildlich der Preis des Erfolgs. Ein toller Film.
Die momentane Theaterpause möchte ich nutzen, um mich intensiver mit den Fundamenten des Theaters auseinanderzusetzen. Als Schauspieler versuche ich, den Augenblick auf der Bühne publikumswirksam zu erleben, immer wieder aufs Neue. Die Kenntnis der größeren Zusammenhänge ist dafür nicht unbedingt erforderlich, ein guter Regisseur hat das ominöse Ganze ohnehin im Blick. Aber was genau macht eine gute Szene oder ein gutes Stück aus? Für solche Fragen möchte ich meinen Blick weiten und das Buch The Art of Dramatic Writing von Lajos Egri ist ein guter Anfang.
Prämisse
Die Basis für jedes Drama ist eine Prämisse, also ein Satz, welcher das Stück beschreibt. Die Analogie beim wissenschaftlichen Arbeiten wäre die Hypothese. Ohne saubere Hypothese ist kein sinnvolles Experiment möglich, viele wissenschaftliche Arbeiten verkommen zu collagenhaften Zusammenstellungen. Und das Gleiche gilt für Bühnenstücke, ohne Prämisse läuft das Stück ins Leere.
Egri nennt auch einige Beispiele für Prämissen erfolgreicher Theaterstücke:
Romeo und Julia (Shakespeare) – Große Liebe trotzt sogar dem Tod.
König Lear (Shakespeare) – Blindes Vertrauen führt zu Zerstörung.
Macbeth (Shakespeare) – Skrupelloser Ehrgeiz führt zur Selbstzerstörung.
Gespenster (Ibsen) – Die Sünden der Väter suchen die Kinder heim.
Tartuffe (Molière) – Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.
Charakter und Handlung
Im Gegensatz zu Aristoteles betont Egri die Wichtigkeit der Charaktere gegenüber der Handlung. Jede Handlung besitzt eine Ursache, den Entschluss eines Charakters. Alle Handlungen müssen aus dem Charakter der handelnden Personen begründbar sein. Nichts ist schlimmer als wenn man einer Rolle ihre Handlungen nicht abnimmt.
Ein Charakter besteht aus drei Dimensionen, der Physiologie, der Psychologie und der Soziologie. Die äußeren Merkmale wie Körpergröße, Muskelkraft, Alter, Humpeln, Schwerhörigkeit, sichtbare Narben haben einen immensen Einfluss auf den Charakter. Wie sieht die Welt aus aus Sicht einer kleinen, alten, schwächlichen Frau? Oder aus Sicht eines tapsigen Riesen? Die Psychologie eines Charakters ist ein weites Feld, die zentralen Charaktere eines Stückes sollten auf jeden Fall ein klares Ziel und eine gewisse Willenskraft haben. Sonst käme es gar nicht zum Konflikt. Deshalb ist die Welt des Dramas immer eine verdichtete Welt, in der besonders ausgeprägte und willensstarke Personen aufeinander treffen. Der Alltag mit seinen vielen liebenswürdigen, ziellosen, unentschlossenen Menschen bietet wenig Stoff für ein Drama – zum Glück. Das soziale Umfeld ist die dritte Dimension, sie beeinflusst die Psychologie, sowohl durch die Kinderstube als auch den Freundes– und Bekanntenkreis.
Die Kunst des Autors besteht darin, sein Stück mit spannenden Charakteren zu füllen, welche schon durch ihre Charakterzüge den sich anbahnenden Konflikt und die Auflösung in sich tragen (Prämisse). Charakterentwicklung geschieht im Laufe des Stücks durch Einwirkung von innen und außen. Hier liegt auch der Schlüssel für die Analyse von Szenen. Denn jede Szene bewirkt eine kleine, glaubhafte Entwicklung in mindestens einem Charakter. Wenn sie es nicht täte, könnte man sie getrost streichen.
Die Toscana-Therapie
Zum Schluss möchte ich noch eine Prämisse für die Toscana-Therapie entwickeln.
Gerhard und Karin sind können ihre Bedürfnisse nicht klar ausdrücken, das führt zur Zerstörung ihrer Ehe. Am Ende erscheint jedoch die göttliche Figur Dieter und löst den Konflikt auf, so dass sich Karin und Gerhard in der allerletzten Szene halbherzig versöhnen. Aber wahrscheinlich muss man für die Prämisse das Ende weglassen und landet bei sowas wie: Fehlende Kommunikation der eigenen Wünsche zerstört eine Beziehung. Es bleibt aber ein komisches Gefühl bei diesem Ende, welches die Prämisse ad absurdum führt.
Die Charaktere bergen dies schon in sich. Einem verstaubten, akademischen Ehepaar traut man nicht mehr zu, sich aus eigener Kraft aus dem Sumpf zu lösen. Die restlichen Charaktere sind eher flach gehalten, sie entwickeln sich kaum. Dieter ist der treibende Charakter, sein angekündigtes Kommen setzt den Konflikt in Gang und er hat ja das Ganze als Therapie inszeniert. Die anderen sind allesamt Dieters Stellvertreter, um Gerhard und Karin in Bedrängnis zu bringen, sie erklären am Ende ihre Rolle im Stück.
Am Donnerstag lasen wir in erlesener Runde einen weiteren Klassiker – Macbeth von William Shakespeare. In diesem Artikel möchte ich gern meine Eindrücke festhalten. Wir entschieden uns für die Übersetzung von Frank Günther, welche eher treu als schön ist. Schiller versuchte sich auch daran und legte mehr Wert auf schöne Sprache.
Im Gegensatz zu anderen Shakespeare-Werken gibt es bei Macbeth nur wenige Zitate, die außerhalb des Werkes bekannt sind. Am ehesten vielleicht noch der Monolog des vereinsamten, lebensmüden Tyrannen, der teilnahmslos vom Tod seiner Frau erfährt.
MACBETH:
To-morrow, and to-morrow, and to-morrow,
Creeps in this petty pace from day to day,
To the last syllable of recorded time;
And all our yesterdays have lighted fools
The way to dusty death. Out, out, brief candle!
Life’s but a walking shadow, a poor player,
That struts and frets his hour upon the stage,
And then is heard no more. It is a tale
Told by an idiot, full of sound and fury,
Signifying nothing.
MACBETH:
Und morgen und dann morgen und dann morgen,
So kriecht’s im Schleicheschritt von Tag zu Tag
Zur letzten Silbe hin im Lebensbuch;
Und alles Gestern hat nur Narrn geleuchtet
Beim Gang zu Dreck und Tod. Aus, aus klein Herzlein!
Lebens ist nur ein Wanderschattenschauspiel;
Ein armer Komödiant, der seine Zeit
Abstolzt und abschnauft auf der Bühne und
Nie mehr gehört wird dann; ist eine Mär
Aus einem Tölpelmund, voll von Getön
Und Toben, und bedeutet nichts.
Übersetzung von Frank Günther
MACBETH:
Morgen, Morgen
Und wieder Morgen kriecht in seinem kurzen Schritt
Von einem Tag zum andern, bis zum letzten
Buchstaben der uns zugemeßnen Zeit,
Und alle unsre Gestern haben Narren
Zum modervollen Grabe hingeleuchtet!
– Aus, aus, du kleine Kerze! Was ist Leben?
Ein Schatte, der vorüber streicht! Ein armer Gaukler,
Der seine Stunde lang sich auf der Bühne
Zerquält und tobt; dann hört man ihn nicht mehr.
Ein Märchen ist es, das ein Thor erzählt,
Voll Wortschwall, und bedeutet nichts.
Übersetzung von Friedrich Schiller
Schöner klingt dies im Original, anbei ein Ausschnitt aus der 1971er Verfilmung von Roman Polanski.
Die Geschichte ist schnell erzählt. Dem siegreichen Feldherren Macbeth wird durch drei Hexen geweissagt, dass er Than von Cawdor und dereinst König würde. Nachdem der erste Teil der Prophezeiung eintrifft, plant Macbeth gemeinsam mit seiner Frau die Ermordung des amtierenden Königs. Nachdem die Tat vollstreckt ist, wird Macbeth tatsächlich König. Jedoch kann er diese Würde nicht wirklich genießen und wird zunehmend von Gewissensbissen und Wahnvorstellungen gepeinigt. Er sucht die Hexen erneut auf, diese prophezeien ihm, dass er solange sicher sei, bis der Wald von Dirnam sich auf die Festung Dunsinane zubewege. Und kein Mann, von einer Frau geboren, könne ihm etwas anhaben. Derweil formiert sich Widerstand, aus England marschiert ein Heer, um Macbeth zu stürzen. Zur Tarnung tragen die Soldaten Zweige vor sich her, so dass Macbeth diese Prophezeiung sich auch erfüllen sieht. Und im Duell mit Macduff erfährt Macbeth, dass dieser durch Kaiserschnitt auf die Welt kam. Schließlich tötet Macduff Macbeth und stellt die göttliche Ordnung wieder her, die nach der Bluttat in Frage gestellt worden war.
Im Gegensatz zu anderen Shakespeare-Dramen ist Macbeth leichter zugänglich und auch deutlich kürzer als beispielsweise Hamlet oder König Lear. Markant sind die Hexenszenen, diese herrlich fiesen Geschöpfe bringen durch ihre zweideutigen Weissagungen die Handlung ins Rollen und stürzen Schottland ins Chaos. Natürlich könnte man auch auf die Hexen verzichten oder sie als innere Stimmen interpretieren, aber effektvoll sind sie allemal, wie auch viele weitere Szenen und Szenenwechsel. Ein weiterer Höhepunkt ist der zotige Pförtner vom Beginn des dritten Aktes, welcher mit seinen derben Witzen die Stimmung nach der Bluttat auflockert. Köstlich auch die Selbstbezichtigungen von Malcolm, der sich als potenzieller frauen– und geldgierigen Ursupator verunglimpft, sollte er den Thron besteigen.
Auf der Negativseite ist eigentlich nur die Sprache zu erwähnen. Frank Günther hat größtenteils eine gute Übersetzung hingelegt, aber Deutsch ist einfach sperriger und einige Verbumstellungen erschweren das Verständnis erheblich. Das Versmaß sollte halt beibehalten werden, durch diese Einschränkung wird zwar der rhythmische Charakter gewahrt, aber eben auf Kosten der Verständlichkeit. Die Schiller-Übersetzung ist wahrscheinlich angenehmer zu lesen.
Sehr gern sähe ich mal eine schöne Inszenierung, die vom Pfauen (Sebastian Nübling, 2008) war einfach nur geschmacklos. Lady Macbeth wurde von oben bis unten mit blutroter Flüssigkeit besprüht, Zuschauer verließen den Saal, so bleibt man als Regisseur im Gedächtnis.