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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Kategorie: literatur

Die nächste sze­ni­sche Lesung steht an, wir stür­zen uns auf „Die hei­lige Johanna der Schlacht­höfe” von Ber­tolt Brecht. In Anleh­nung an Jeanne d’Arc heißt die Titel­hel­din Johanna Dark, sie ver­sucht wäh­rend eines Streiks der Schlachthof-​​Arbeiter in Chi­cago die­sen den Glau­ben an Gott näher zu brin­gen. Ich denke, die The­men Streik und Reli­gion sind zeit­los und Brecht immer einen Lese­abend wert.

Damit wir alle die glei­che Fas­sung haben, schlage ich das Suhrkamp-​​Taschenbuch vor. Der Link führt euch direkt zur Pro­dukt­seite bei ama​zon​.de.

Es ist eins der weni­ger bekann­ten Stü­cke von Ten­nes­see Wil­liams, der den meis­ten wahr­schein­lich durch Die Katze auf dem hei­ßen Blech­dach oder End­sta­tion Sehn­sucht ein Begriff ist. Den­noch ist es äußerst loh­nend, viel­schich­tig ange­legt und hält dem ame­ri­ka­ni­schen Süden einen scho­nungs­lo­sen Spie­gel vor.

Die Haupt­fi­gur ist Val, ein her­um­zie­hen­der Sän­ger mit Schlan­gen­le­der­ja­cke und Gitarre auf dem Rücken. Er kommt in einem pro­vin­zi­el­len Örtchen an, auf der Suche nach Arbeit. Die Besit­ze­rin eines Ladens (Lady) stellt ihn als Laden­ge­hil­fen an und zwi­schen den bei­den ent­wi­ckelt sich eine inter­es­sante Bezie­hung. Sie ist unglück­lich ver­hei­ra­tet, ihr Mann nach einer Krebs-​​Operation ein wan­deln­der Toter. Auch andere Damen füh­len sich vom cha­ris­ma­ti­schen Frem­den ange­zo­gen, ihre uner­füll­ten Sehn­süchte und zer­bro­che­nen Träume kom­men zum Vorschein.

Schön und sym­bo­lisch zugleich ist Val’s Geschichte von einem klei­nen blauen Vogel ohne Füße, der nie­mals den Boden berührt, außer bei sei­nem Tod. So will er sein, unkor­rum­piert und frei.

Aus­zug aus „Orpheus Descen­ding” von Ten­nes­see Wil­liams (MP3, 900 kB)

Der Bezug zur grie­chi­schen Mytho­lo­gie ist schon durch den Titel gege­ben. Orpheus war dort der berühm­teste aller Sän­ger und konnte sogar die Her­zen von Hades und Per­se­phone erwei­chen, nach­dem seine Frau Eury­dike durch einen Schlan­gen­biss gestor­ben war. Sie durfte mit ihm zurück in die Ober­welt, aber unter der Bedin­gung, dass er vor­an­ge­hen und sich nicht nach ihr umschauen dürfe. Als er schon oben ist, sie aber noch nicht ganz, dreht er sich zu früh um und ver­liert seine Frau erneut. Die Ähnlich­keit zum Gitarre spie­len­den Val ist offen­sicht­lich, das Her­ab­stei­gen von Orpheus in den Hades ent­spricht also dem Ankom­men von Val im Ort. Der ame­ri­ka­ni­sche Süden als Hölle – ein erschre­cken­des Bild.

Die Thea­ter­gruppe aki­tiv pro­du­ziert aktu­ell das Stück Gefähr­li­che Lieb­schaf­ten von Pierre-​​Ambroise-​​François Cho­der­los de Laclos. Es war der Favo­rit unse­res Regis­seurs. Die Grund­lage der Büh­nen­fas­sung ist der Brief­ro­man „Les Liai­sons Dan­ge­re­u­ses” aus dem Jahr 1782.

Bei der ers­ten Lesung mit ver­teil­ten Rol­len war mein Ein­druck eher nega­tiv. Dar­ge­stellt wer­den Ange­hö­rige des Adels, die sich pri­mär mit dem Ver­füh­ren des ande­ren Geschlechts befas­sen. Es geht um eine Wette zwi­schen der Mar­quise de Mer­teuil und dem Vicomte de Val­mont. Letz­te­rer soll die junge Celine de Volan­ges und die Prä­si­den­tin de Tour­vel ver­füh­ren, dann winkt ihm eine Nacht mit der Mar­quise. Im Laufe des Stücks gelingt ihm auch bei­des, wobei er durch die emsig Briefe schrei­bende Mar­quise unter­stützt wird. Jedoch kommt es nicht zur Ein­lö­sung der Wett­schuld, die Mar­quise wirft ihm vor, er wäre in die Prä­si­den­tin ver­liebt. Auch sein sofor­ti­ges Been­den der Bezie­hung über­zeugt die Mar­quise nicht, sie beharrt dar­auf, dass die Prä­si­den­ten den Vicomte bezwun­gen hätte. Das ist die Schlüs­sel­szene des Stücks, das Psycho-​​Duell zwi­schen den bei­den Haupt­rol­len, wel­ches nur Ver­lie­rer kennt. Kurz dar­auf ster­ben die meis­ten Per­so­nen eines unna­tür­li­chen, plötz­li­chen Todes.

Der Brief­ro­man erschien kurz vor der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion und zeigte die Ver­kom­men­heit des Adels und pro­phe­zeite die blu­ti­gen Wir­ren der Revo­lu­tion. Der Reiz des Stü­ckes liegt in der Psy­cho­lo­gie der Rol­len. Vor allem die bei­den Haupt­ak­teure sind schwie­rig aus­zu­lo­ten und eine große Her­aus­for­de­rung für die Dar­stel­ler. Die Neben­rol­len der jun­gen unschul­di­gen Celine, des stän­dig in Trä­nen aus­bre­chen­den Che­va­liers de Dan­ceny, des Erzäh­lers und wei­tere die­nen eher der Auf­lo­cke­rung und sind ent­spre­chend ein­sei­tig angelegt.

Ich habe mich in die­sen Rol­len jeden­falls kein biss­chen gefun­den, es sind alle­samt Per­so­nen, um die ich im wah­ren Leben einen gro­ßen Bogen machen würde. Es sind alles Ego­ma­nen ohne die geringste Spur Idea­lis­mus oder Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl. Die Ver­füh­rungs­sze­nen neh­men einen gro­ßen Raum ein, diese mit Lai­en­dar­stel­lern glaub­haft umzu­set­zen, ist eine immense Her­aus­for­de­rung. Jeden­falls fragte ich mich, warum wir aus­ge­rech­net die­ses Stück auf die Bühne brin­gen und was wir der Welt damit sagen wol­len. Und ganz ehr­lich — ich konnte diese Frage für mich per­sön­lich nicht zufrie­den­stel­lend beantworten.

Eine Insze­nie­rung des Stücks hat Bru­nos Talent Truppe im Mai­ers auf die Beine gestellt. Unser Fazit war eher nega­tiv, es war an vie­len Stel­len nicht glaub­haft gespielt und ins Gro­teske ver­zerrt. Es fehlte das feine psy­cho­lo­gi­sche Spiel, wel­ches unser Regis­seur hof­fent­lich bes­ser hinkriegt.

Am Frei­tag, 23. Okto­ber um 19:00 lesen wir bei mir „The Import­ance of Being Ear­nest” von Oscar Wilde. Es wird die eng­li­sche Ori­gi­nal­ver­sion sein und wir lesen mit ver­teil­ten Rol­len. Falls ihr dabei sein wollt, nehmt bitte Kon­takt mit mir auf.

Wie kurz­wei­lig und inter­es­sant die Beschäf­ti­gung mit phi­lo­so­phi­schen The­men sein kann, zeigt Richard David Precht in sei­nem Buch „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?” Schon die Wahl der Über­schrift zeigt seine unor­tho­doxe Her­an­ge­hens­weise an Phi­lo­so­phie, die sich dann auch durch das gesamte Buch zieht. Denn anstatt von den wich­ti­gen Phi­lo­so­phen aus­zu­ge­hen und deren Werke zusam­men­zu­fas­sen, steht für ihn stets eine kon­krete Frage im Mit­tel­punkt eines Kapi­tels, wel­che er gekonnt mit einem Phi­lo­so­phen und sei­nem Wir­kungs­ort verknüpft.

Ein Bei­spiel ist „Darf man Men­schen töten?”, was ihn nach Lon­don führt und damit zum Haupt­ver­tre­ter des Uti­li­ta­ris­mus, Jeremy Bent­ham. Und um es vor­weg­zu­neh­men — das Töten von Men­schen ist nicht gestat­tet. Zwar bie­tet der Utli­ta­ris­mus eine Begrün­dung an, indem er Nütz­lich­keit als allei­ni­gen Maß­stab für das Tun defi­niert. Somit könnte das Töten eines bösen Men­schen, der viel Leid ver­ur­sacht, legi­ti­miert wer­den. Aber die Kon­se­quenz wäre eine Gesell­schaft, in der jeder nach eige­nem Abwä­gen der Nütz­lich­keit einen ande­ren umbrin­gen könnte. Und das wollte Bent­ham dann doch nicht ver­ant­wor­ten und klam­merte das Töten von Men­schen expli­zit aus.

In allen Kapi­teln ver­mit­telt er in sei­ner humor­vol­len Art einen anek­do­ti­schen Ein­blick in das Leben des Phi­lo­so­phen oder Wis­sen­schaft­lers, um schließ­lich zur Aus­gangs­frage zurück­zu­keh­ren und diese zu dis­ku­tie­ren. Dabei ver­ein­facht er bewusst die kom­plexe The­ma­tik, um eine klare Ant­wort auf die Kapi­tel­frage zu fin­den. Auf jeden Fall erschie­nen mir die Gigan­ten der Geis­tes­welt jetzt in einem sehr mensch­li­chen Licht und ich sehe die Unzu­läng­lich­kei­ten ihrer Werke klarer.

Einen Aus­schnitt habe ich für euch gele­sen und stelle ihn als Pod­cast zur Ver­fü­gung. Es geht um die berühm­ten Worte „Ich denke, also bin ich” von René Des­car­tes.

[podcast]http://www.mwellner.de/sound/20090827.mp3[/podcast]

Ins­ge­samt kann ich die­ses Buch abso­lut emp­feh­len, es gefällt mir deut­lich bes­ser als Sofies Welt, was eine ähnli­che Ziel­stel­lung besitzt. Und außer­dem gibt es etli­che Bezüge zu aktu­el­len For­schungs­the­men, ins­be­son­dere zur Hirn­for­schung, die mich sehr ange­spro­chen haben.