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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Kategorie: theater/schauspiel

Das Thea­ter Neu­markt prä­sen­tierte anläss­lich der Neu­über­set­zung von Dide­rots Para­dox über den Schau­spie­ler einen Abend mit Lesung und Dis­kus­sion. Zwei erfah­rene Regis­seure – Luc Bondy und Urs Schaub – dis­ku­tier­ten unter der Lei­tung von Bar­bara Vil­li­ger Heilig.

Der Abend begann mit der sehr häu­fi­gen Erwäh­nung des Namens Felix Rell­stab. Denn nie­mand anders als Felix Rell­stab selbst hatte sei­ner­zeit das his­to­ri­sche Werk Dide­rots über­setzt und die Felix-​​Rellstab-​​Stiftung betreute nun auch die Neu­über­set­zung und Neu­auf­lage. Inter­es­san­ter­weise hat Felix Rell­stab eine Reihe von Thea­ter­bü­chern her­aus­ge­ge­ben, von denen ich mir sicher noch das eine oder andere besor­gen werde. Und er hat das Thea­ter Neu­markt gegrün­det. Nun gut, eine lokale Thea­ter­größe mehr, die ich bis­her nicht kannte.

Im Publi­kum, gar nicht weit von uns, saß dann auch noch der der­zeit bekann­teste Schwei­zer Schau­spie­ler – Bruno Ganz. Er sagte nicht viel, saß ein­fach da und lächelte ab und zu, wenn man sei­nen Namen erwähnte. Wahr­schein­lich waren noch ein paar mehr Schwei­zer Pro­mi­nente anwe­send, und natür­lich einige auf­stre­bende Jung­schau­spie­le­rin­nen, die sich dann spä­ter an die pro­mi­nen­ten Regis­seure und Schau­spie­ler heranmachten.

Die Mode­ra­ti­ons­kunst von Bar­bara Vil­li­ger Hei­lig (NZZ-​​Feulletonistin) ließ zu wün­schen übrig. Zu fixiert auf ihre Inhalte und ver­se­hen mit eher theo­re­ti­schem Wis­sen unter­brach sie die bei­den älte­ren Her­ren mehr­fach auf unschöne Weise. So kamen die bei­den gar nicht rich­tig in Schwung, erst am Ende der Ver­an­stal­tung wur­den sie eini­ger­ma­ßen warm. Und dann war es auch sehr plötz­lich zu Ende. Man hatte den Ein­druck, dass sie die bei­den für eine län­gere Phase der Igno­ranz stra­fen wollte. Und gerade diese Igno­ranz war der Garant für einen schö­nen Gesprächs­fluss gewe­sen, auch wenn sich das Gespräch the­ma­tisch immer wei­ter von Dide­rots Text ent­fernt hatte. Nach mei­nem Ver­ständ­nis sollte sich der Mode­ra­tor nicht inhalt­lich ein­brin­gen, son­dern ledig­lich das Gespräch sanft len­ken und alle Ecken aus­leuch­ten. Aber ein­fach ist das nicht.

Zwei männ­li­che Schau­spie­ler lasen einen Aus­schnitt des Tex­tes, der im spä­ten 18. Jahr­hun­dert entstand.

ZWEITER Ich zweifle daran.

ERSTER Und ich beharre auf mei­ner Meinung.

ZWEITER Behar­ren Sie dar­auf, ich bin ein­ver­stan­den; aber den­ken Sie daran, ich bin keine Frau, und Sie müs­sen sich bitte erklären.

ERSTER Unbe­dingt?

ZWEITER Unbe­dingt.

ERSTER Es wäre mir ange­neh­mer zu schwei­gen, als mein Den­ken zu verschleiern.

ZWEITER Das glaube ich.

ERSTER Ich werde streng sein.

(…)

ERSTER … Aber der Haupt­punkt, über den wir völ­lig gegen­sätz­li­che Auf­fas­sun­gen haben, … das sind die Grund­an­la­gen des gros­sen Schau­spie­lers. Ich ver­lange von ihm viel Urteils­ver­mö­gen. Ich will, dass in ihm ein kal­ter und ruhi­ger Beob­ach­ter der mensch­li­chen Natur sei. Ich for­dere als Folge davon durch­drin­gen­den Scharf­blick, aber keine Emp­find­sam­keit; die Kunst, alles nach­zu­ah­men oder, was auf das­selbe her­aus­kommt, die glei­chen Anla­gen für alle Arten von Cha­rak­te­ren und Rollen.

ZWEITER Keine Empfindsamkeit?

ERSTER Keine.

(…)

Sie sind für allzu vie­les glei­cher­mas­sen befä­higt, sind zu sehr beschäf­tigt mit Beob­ach­ten, Aus­kund­schaf­ten und Nach­ah­men, als dass sie in ihrem Inne­ren hef­tig ergrif­fen wür­den. Ich sehe sie dau­ernd mit dem Notiz­block auf den Knien und dem Blei­stift in der Hand.

Wir, wir füh­len. Sie, sie beob­ach­ten, stu­die­ren und malen. Soll ich es sagen? Warum nicht. Emp­find­sam­keit ist kaum eine Eigen­schaft des gros­sen Genies. Nicht sein Herz, sein Kopf tut alles. Der emp­find­same Mensch ver­liert ihn beim gerings­ten uner­war­te­ten Umstand. Er wird weder ein gros­ser König, noch ein gros­ser Minis­ter, noch ein gros­ser Kapi­tän, noch ein gros­ser Advo­kat, noch ein gros­ser Arzt.

Füllt den Zuschau­er­raum mit die­sen Trau­er­wei­den, aber lasst mir kei­nen ein­zi­gen von ihnen auf die Bühne.

Quelle: Denis Dide­rot, Para­dox über den Schau­spie­ler, Über­set­zung von Felix Rell­stab

Es geht um zwei Extreme des Schau­spiels, Emp­find­sam­keit und kal­tes Beob­ach­tuns­ver­mö­gen, letz­te­res wünscht sich Dide­rot mehr. Aber eigent­lich ist das nicht das wirk­lich Span­nende an die­sem Text. Span­nend ist viel­mehr, dass das Thea­ter damals ein Leit­me­dium war. Ähnlich wie heute die Kon­tro­verse über Fern­se­hen und Video­spiele tobt, denen man Ver­dum­mung oder Stei­ge­rung der Gewalt­be­reit­schaft vor­wirft, dis­ku­tierte man damals ganz ähnli­che Fra­gen in Bezug auf das Thea­ter. Heute ist Thea­ter ein Rand­me­dium, die gro­ßen Gefühle fin­den im Kino statt. Anstatt sich daran zu mes­sen, gehen viele Thea­ter­ma­cher neue Wege, sie lösen sich von den Kon­ven­tio­nen des Dra­mas (Post­dra­ma­tik). Ent­spre­chend ist der Text trotz sei­ner Zeit­lo­sig­keit schwie­rig zu bewer­ten. Für Schau­spie­ler bringt er wenig, da nur über Schau­spie­ler an sich dis­ku­tiert wird, ohne eine Tech­nik vor­zu­schla­gen. Das kam erst spä­ter mit Sta­nis­law­ski und Stras­berg. Und so glitt die Dis­kus­sion immer wie­der in die Gefilde der kon­kre­ten Erfah­run­gen ab, Bondy und Schaub plau­der­ten aus dem Näh­käst­chen, und das war gut so.

Und sie lie­ßen auch kei­nen Zwei­fel daran auf­kom­men, dass sie auch nicht genau wüss­ten, wie gute Schau­spie­ler arbei­ten. Letzt­lich müsse man das als Regis­seur nicht ver­ste­hen. Es ist eine zu kom­plexe, zu indi­vi­du­elle Kunst, als dass man dar­über all­ge­mein­gül­tige Aus­sa­gen tref­fen kann. Und das Glei­che gilt für die Regie. Jeder Regis­seur tickt anders, kör­per­be­tont, kopf­be­tont, thea­ter­päd­ago­gisch – am Ende ent­steht ein Pro­zess mit einem mehr oder weni­ger guten Resul­tat, das man selbst eigent­lich gar nicht gut beur­tei­len kann.

Alles in allem ein schö­ner Abend, den ich mit eini­gen Thea­ter­freun­den sehr genoss.

In der aktu­el­len dra­ma­teure–Thea­ter­pro­duk­tion „Onkel Wanja” konn­ten wir ges­tern die erste Sze­nen­probe erle­ben. Im Dezem­ber hat­ten wir in Lese­pro­ben das Stück Seite für Seite in unse­ren Rol­len durch­ge­nom­men, die Per­so­nen­kon­stel­la­tion und Moti­va­tion der Figu­ren bespro­chen. Dar­auf auf­bau­end konn­ten wir ges­tern zum ers­ten Mal „stel­len”. Das bedeu­tet, die Szene auf der Bühne zu pro­bie­ren und vor allem die Auf– und Abgänge zu klä­ren, und damit die ent­schei­dende Frage „Wo bin ich?”

Schön war, dass einige von uns den Text schon aus­wen­dig konn­ten. Denn ohne Text­buch in der Hand ist man viel freier und kann sich auf die ande­ren Dinge kon­zen­trie­ren. Als sehr guter Schau­spie­ler würde man sich noch vor­her selbst Gedan­ken zur Szene machen und Ange­bote machen. Ein Ange­bot ist eine mög­lichst schlüs­sige Inter­pre­ta­tion der Szene und Rolle. Ob das dann ins­ge­samt passt, muss natür­lich die Regis­seu­rin ent­schei­den. Aber zumin­dest ist dann schon mal etwas da. Und die Probe macht dann auch mehr Spass, wird ein Dia­log über die Inter­pre­ta­tion und Figu­ren­kon­stel­la­tion anstatt die rein tech­ni­sche Erläu­te­rung des Ablaufs. Man hat es selbst in der Hand.

Als Tele­gin habe ich mich auf diese Szene natür­lich vor­be­rei­tet. Den Text kann ich schon ganz gut und konnte auch schon an den Emo­tio­nen arbei­ten. Die Regie­an­wei­sung an einer Stelle war, dass Tele­gin mit wei­ner­li­cher Stimme spricht. Er wird daran erin­nert, dass seine Frau ihn wegen eines ande­ren ver­las­sen hat. Das ist eine starke Emo­tion, die ich mit Hilfe einer sen­so­ri­schen Erin­ne­rung erar­bei­tete. Ich wählte eine per­sön­li­che Erin­ne­rung, die vom emo­tio­na­len Gehalt ähnlich ist. Ich sehe in die­sem Moment auf der Bühne die Bil­der und höre die Klänge. Es läuft da quasi ein Film in mir ab, der mich in diese Stim­mung bringt. Und dann muss ich gar nicht viel machen, meine Stimme klingt auto­ma­tisch anders, Mimik und Ges­tik pas­sen sich ebenso an. Es ist sicher­lich noch aus­bau­fä­hig, aber der Grund­stein ist gelegt.

Für die aktu­elle dra­ma­teure–Thea­ter­pro­duk­tion Onkel Wanja möchte ich mehr über den Autor Anton Tsche­chow erfah­ren. Es ist ein nahe­lie­gen­der Schritt zum Ver­ständ­nis des Tex­tes. Und es ist auch der große Vor­teil des Lite­ra­tur­thea­ters, dass es einen gro­ßen Reich­tum an vor­han­de­nem Mate­rial gibt, den man stu­die­ren kann. Die­ses Mate­rial ist Teil des Eis­ber­ges, den man als Regis­seur oder Schau­spie­ler auf­baut. Am Ende wird nur ein klei­ner Teil oben schwim­men, aber ohne den gro­ßen unsicht­ba­ren Anteil könnte die­ser kleine sicht­bare Anteil nicht schwimmen.

Anton Tschechow

Anton Tsche­chow, Foto­gra­fie um 1903, Wiki­me­dia Commons

Kurz­bio­gra­fie in eige­nen Worten

Gebo­ren wurde ich 1860 in Tag­an­rog. 1879 been­dete ich das Gym­na­sium in Tag­an­rog. 1884 been­dete ich das Stu­dium an der Medi­zi­ni­schen Fakul­tät Mos­kau. 1888 bekam ich den Pusch­kin­preis. 1890 unter­nahm ich eine Reise nach Sacha­lin durch Sibi­rien und zurück übers Meer. 1891 unter­nahm ich eine Tour­nee durch Europa, wo ich sehr guten Wein getrun­ken und Aus­tern geges­sen habe … Zu schrei­ben bekann ich 1879 in der „Stre­koza” … Ich habe auch im dra­ma­ti­schen Fach gesün­digt, wenn auch mit Maßen … In die Mys­te­rien der Liebe ein­ge­weiht wurde ich, als ich 13 Jahre alt war. Mit mei­nen Kol­le­gen — Medi­zi­nern wie Lite­ra­ten — pflege ich aus­ge­zeich­nete Bezie­hun­gen. Junggeselle.

Diese lapi­dare Bio­gra­fie schrieb Tsche­chow 1892. Was fehlt, ist seine Erkran­kung an Tuber­ku­lose, einer damals unheil­ba­ren Lun­gen­krank­heit. Seit 1884 litt er daran und sollte 1904 daran ster­ben. Aber in sei­ner typi­schen Zurück­hal­tung wollte er andere Men­schen nichts davon wis­sen las­sen, viel­leicht wollte er es sich selbst auch nicht eingestehen.

Kind­heit und Jugend in Taganrog

Die ers­ten 19 Jahre sei­nes Lebens ver­brachte Tsche­chow in der ukrai­ni­schen Hafen­stadt Tag­an­rog am Schwar­zen Meer. Sein Vater betrieb einen Krä­mer­la­den, in dem alle Kin­der aus­hel­fen muss­ten. Die Fami­lie lebte in bit­ters­ter Armut und Tsche­chow war schon früh mit illus­tren Kun­den im Laden kon­fron­tiert, im dem abends auch Wodka aus­ge­schenkt wurde. Tsche­chow wollte ein Gegen­bild zu sei­nem des­po­ti­schen Vater sein, unter dem alle Fami­li­en­mit­glie­der sehr litten.

Ich bitte Dich, Dich daran zu erin­nern, dass Des­po­tis­mus und Lüge die Jugend Dei­ner Mut­ter zugrun­de­ge­rich­tet haben. Des­po­tis­mus und Lüge haben unsere Kind­heit der­ma­ßen ver­gällt, dass einem schlecht wird und man Angst hat, sich daran zu erin­nern. Erin­nere Dich an das Ent­set­zen und den Ekel, die wir emp­fan­den, wenn Vater damals beim Essen einen Auf­stand machte wegen einer ver­sal­ze­nen Suppe oder Mut­ter eine dumme Kuh nannte.

Schon früh ent­deckte Tsche­chow sein Inter­esse fürs Thea­ter. Er hatte ohne­hin einen Hang zur Mas­kie­rung und ließ sel­ten sein Inners­tes nach außen durch­schei­nen. Es war ver­mut­lich seine Art, mit einer ihm feind­lich gesinn­ten Umge­bung fer­tig zu werden.

Als er 17 Jahre alt war, floh der über­schul­dete Vater mit fast der gan­zen Fami­lie nach Mos­kau, Anton blieb allein zurück. Er gab Nach­hilfe und been­dete die Schule. Er schickte sogar Geld an seine Fami­lie in Mos­kau, die dort in bit­te­rer Armut lebte.

Medi­zin­stu­dium und schrift­stel­le­ri­sche Anfänge

Mit 19 begann er das Medi­zin­stu­dium in Mos­kau. Gleich­zei­tig begann er, humo­ris­ti­sche Geschich­ten für meh­rere Zeit­schrif­ten zu schrei­ben, um Geld für die Fami­lie zu ver­die­nen. Obwohl er sich spä­ter von die­sen Erst­lings­wer­ken dis­tan­zierte, konnte er so sei­nen meis­ter­haf­ten Stil ent­wi­ckeln. Oft waren ihm 100 Zei­len als Ober­grenze gesetzt, was er als läh­men­des Limit beim Schrei­ben emp­fand. Er musste alles Über­flüs­sige strei­chen und lernte, das Wesen einer Per­son mit weni­gen prä­zi­sen Cha­rak­ter­zü­gen plas­tisch dar­zu­stel­len. Für Tsche­chow ist Lite­ra­tur Arbeit, deren Ziel das Straf­fen, Kon­den­sie­ren und letzt­end­lich die größt­mög­li­che Einfachheit.

Die Kunst zu beschrei­ben besteht in der Kunst zu kürzen.

Ganz anders ver­hielt es sich mit sei­ner Tätig­keit als Arzt. Ursprüng­lich stu­dierte er Medi­zin auf den Wunsch sei­ner Eltern und das klare Ziel war das Geld­ver­die­nen und der Unter­halt der Fami­lie. Jedoch arbei­tete er oft ehren­amt­lich auf dem Land, die meis­ten sei­ner Pati­en­ten waren arme Bau­ern, die ihm nichts bezah­len konn­ten. Aber selbst spä­ter, als ihm gera­ten wurde, die Medi­zin zuguns­ten des Schrei­bens auf­zu­ge­ben, hielt er daran fest, er brauchte den Aus­gleich und ant­wor­tete sei­nem Verleger:

Sie raten mir, nicht zwei Hasen nach­zu­ja­gen und nicht mehr an die prak­ti­sche Medi­zin zu den­ken. Ich weiß nicht, warum ich zwei Hasen nach­ja­gen sollte … ich habe ein bes­se­res und zufrie­de­ne­res Gefühl, wenn ich mir vor Augen halte, dass ich zwei Berufe habe, nicht nur einen … Die Medi­zin ist meine gesetz­li­che Ehe­frau, die Lite­ra­tur meine Geliebte. Wenn mir die eine auf die Ner­ven geht, näch­tige ich bei der andern. Das ist mei­net­we­gen unan­stän­dig, aber dafür nicht lang­wei­lig. Und darum ver­lie­ren auch beide nicht durch mei­nen Treue­bruch. Hätte ich nicht meine Medi­zin, so würde ich in mei­nen Muße­stun­den meine über­flüs­si­gen Gedan­ken wohl kaum der Lite­ra­tur wid­men. Ich habe keine Disziplin.

Eine Epi­sode aus sei­ner Tätig­keit als Arzt ist noch bedeu­tend, kommt sie doch in „Onkel Wanja” vor. Im Jahr 1885 brach eine Typhus-​​Epedimie aus, er behan­delte die Mut­ter und drei Schwes­tern eines befreun­de­ten Malers. Zwei sei­ner Pati­en­ten star­ben. Astrow, die Rolle mit der größ­ten Nähe zu Tsche­chow, berich­tet dann auch davon, wie ihm ein Pati­ent weg­starb und sein Gewis­sen zur fal­schen Zeit erwacht.

Erste Erfolge

Cha­rak­te­ris­ti­scher­weise hielt Tsche­chow sehr wenig von sei­nen lite­ra­ri­schen Wer­ken, obwohl er immer wie­der Zuspruch von Ver­le­gern und auch nam­haf­ten Schrift­stel­lern wie Dmitri Was­sil­je­witsch Gri­go­ro­witsch erhielt. Der Zuspruch von Gri­go­ro­witsch stellte den­noch einen Wen­de­punkt in Tsche­chows Leben dar, er redu­zierte fortan die Auf­trags­ar­bei­ten und schrieb Werke, die sei­nen hohen Ansprü­chen gerecht wer­den sollten.

Anton Tsche­chow 1898, Osip Braz, Wiki­me­dia Commons

In den spä­ten 1880er Jah­ren ent­stan­den seine ers­ten Dra­men, Pla­to­nov und Iva­nov. Pla­to­nov war der Pro­to­typ des liš­nij čevo­lek (über­flüs­si­ger Mensch) und ver­kör­pert die see­li­sche Abstump­fung und Lethar­gie der rus­si­schen Intel­li­genz. Nach Tsche­chows Welt­bild kön­nen nur Arbeit und nütz­li­che Tätig­kei­ten die Leute aus ihrer Apa­thie rei­ßen. Dies wird auch in „Onkel Wanja” deutlich.

Seine Werke haben keine poli­ti­sche Rich­tung, er ver­hält sich als Autor neu­tral und lässt seine Cha­rak­tere selbst spre­chen und mit ihrem Schick­sal hadern. Dies wurde von den Lite­ra­tur­kri­ti­kern bestraft, die ihm Ten­denz­lo­sig­keit vor­war­fen. Auch das Thea­ter­pu­bli­kum hatte anfangs wenig Ver­ständ­nis für die­sen damals völ­lig unge­wohn­ten Stil. Zudem passte die dama­lige Art der thea­tra­len Dar­stel­lung nicht zu sei­nen Wer­ken. Die Stü­cke wur­den wenig geprobt und mit gro­ßen Ges­ten in schau­spie­ler­ir­scher Eigen­re­gie auf­ge­führt. Tsche­chows Werke ver­lang­ten einen ganz neuen Stil, den erst das Mos­kauer Kunst­thea­ter um Kon­stan­tin Sta­nis­law­ski nach eini­ger Zeit fin­den sollte.

Schaf­fens­krise und Rück­zug aufs Land

Nach dem Tod sei­nes Bru­ders Niko­laj im Jahr 1889 erlebt Tsche­chow eine Schaf­fens­krise. Er ent­schließt sich dann jedoch zu einer Reise zur Gefäng­nis­in­sel Sacha­lin weit im Osten Russ­lands. Dort wirkt er als Arzt, um das Leid der Häft­linge zu lin­dern. Tief bewegt kehrt er zurück und ver­fasst Berichte, um die Öffent­lich­keit auf die Miss­stände auf­merk­sam zu machen.

Das Land­le­ben war Tsche­chow sehr ver­traut, 1892 erwarb er das Land­gut Meli­chovo süd­lich von Mos­kau und holte seine Fami­lie dahin. Neben der erhoff­ten Ent­span­nung stell­ten sich jedoch nach eini­ger Zeit Lan­ge­weile und Über­druss ein. Auch diese Erfah­rung hat „Onkel Wanja” geprägt, aus Sicht des Pro­fes­sors lässt es sich auf dem Land ein­fach nicht aushalten.

Dra­ma­ti­sches Schaffen

Ab den 1890er Jah­ren ent­stan­den seine dra­ma­ti­schen Haupt­werke, Die Möwe, Onkel Wanja, Drei Schwes­tern und Der Kirsch­gar­ten. Mit die­sen Stü­cken revo­lu­tio­nierte Tsche­chow das Thea­ter. Ent­spre­chend kon­tro­vers waren anfangs die Reak­tio­nen des Publi­kums und der Kri­ti­ker. Tsche­chow selbst war ein uner­bitt­li­cher Kri­ti­ker der Insze­nie­run­gen und der schau­spie­le­ri­schen Inter­pre­ta­tio­nen. Es gab zu sei­nen Leb­zei­ten keine Insze­nie­rung, die er vor­be­halt­los gut­ge­hie­ßen hätte.

Sie sagen, man hätte in mei­nen Stü­cken geweint … Und nicht nur Sie … Aber ich habe sie doch nicht darum geschrie­ben, damit … so etwas Wei­ner­li­ches dar­aus wird. Ich habe etwas ande­res gewollt … Ich wollte den Men­schen nur ehr­lich sagen: „Schaut euch an, schaut, wie schlecht und lang­wei­lig ihr lebt …!” Die Haupt­sa­che ist, dass die Men­schen das begrei­fen, und wenn sie das begrif­fen haben, wer­den sie sich unbe­dingt ein ande­res, bes­se­res Leben ein­rich­ten … Ich sehe es nicht, aber ich weiß, es wird anders sein … Und solange es das nicht gibt, werde ich den Men­schen wie­der und wie­der sagen: „Begreift doch, wie schlecht und lang­wei­lig ihr lebt!” Was gibt es da zu weinen?

Durch seine Tuber­ku­lose zuneh­mend geschwächt, ver­brachte er seine letz­ten Win­ter im war­men Jalta auf der Krim. Er lernt die Schau­spie­le­rin Olga Knip­per ken­nen und hei­ra­tet sie 1901. Es ist eine Fern­be­zie­hung, da er ihr die Tour­neen nicht ver­weh­ren will. Im Jahr 1904 stirbt Tsche­chow im deut­schen Kur­ort Badenweiler.

Quelle: Anton Čechov, mit Selbst­zeug­nis­sen und Bild­do­ku­men­ten, dar­ge­stellt von Els­beth Wolff­heim, 9. Auf­lage Dezem­ber 2009

Ein wun­der­ba­rer Film, den ich wärms­tens emp­feh­len kann. John Cusack spielt Rob Gor­don, den Inha­ber eines her­un­ter­ge­kom­me­nen Plat­ten­la­dens. Schau­spie­le­risch span­nend ist das Dar­stel­len eines selbst­be­zo­ge­nen Ego­is­ten, der im Laufe des Films lang­sam dazu­lernt. Denn Rob ist wahr­lich kein Engel, erst durch die Tren­nung von sei­ner Freun­din Laura ver­ar­bei­tet er seine Feh­ler und kann ein wenig über sei­nen Schat­ten sprin­gen. Und genau das ist schwie­rig als Schau­spie­ler, eine Figur mit all ihren Feh­lern und Schwä­chen zu ver­kör­pern. John Cusack ist das her­vor­ra­gend gelun­gen. Aber auch sei­nen bei­den unglei­chen Aus­hil­fen im Plat­ten­la­den ver­kör­pern Selbst­herr­lich­keit und fra­gile Schüch­tern­heit hervorragend.

Über­haupt ist die fil­mi­sche Umset­zung der Buch­vor­lage her­vor­ra­gend gelun­gen. Ste­phen Frears ist ein span­nen­der Regis­seur, der immer wie­der mit neuen Gen­res expe­ri­men­tiert. Im Inter­view sagte er ein­mal, dass ihn eher die aus­sichts­lo­sen Pro­jekte rei­zen als die ver­meint­lich siche­ren Erfolge. Und so konnte er zahl­rei­che Erfolge feiern.

Ich kann es nicht las­sen, wie­der habe ich mich beim Zen­trum für Ent­wick­lung im Schau­spiel ein­ge­schrie­ben. Es geht um sze­ni­sches Arbei­ten und Cha­rak­ter­ent­wick­lung, als Basis dient uns das Stück Doig von Greg Free­man. Es ist ein zeit­ge­nös­si­sches, unter­halt­sa­mes Stück.

Die Rol­len­ver­tei­lung ging sehr rasch von­stat­ten, ich darf mich mit Smith, dem Coach und Pseu­do­psy­cho­lo­gen beschäf­ti­gen. Des­halb ver­brachte ich einen Teil des Sonn­tags im Zür­cher Zoo, eine unse­rer ers­ten Auf­ga­ben ist das Suchen eines geeig­ne­ten Tieres.

Inmit­ten von Fami­lien schritt ich also durchs Ein­gangs­tor und geneh­migte mir zual­ler­erst mal ein gutes Mit­tag­es­sen. Und kaum trat ich ins spät­herbst­lich bewölkte Freie, da ent­deckte ich auch schon, wonach ich gesucht hatte – einen Pfau. Er lief ein­fach mit­ten unter den Leu­ten umher und pickte Essens­reste auf. Ein gro­ßer Vogel, der viel mit dem Kopf arbei­tete, um vor­an­zu­kom­men. Aber abge­se­hen von die­sen ruck­ar­ti­gen Kopf­be­we­gun­gen wirkte sein Gang ruhig, fast majes­tä­tisch. Sein Rad hatte er nicht auf­ge­schla­gen, er ach­tete auf Abstand, war den­noch aufs Fut­ter fixiert. Kin­der ver­such­ten ihn zu erschre­cken, ohne Erfolg. See­len­ru­hig zog er seine Kreise, kehrte immer wie­der zurück zu den Tischen und pickte, pickte, pickte.

Smith hat die ers­ten Sätze im Stück, er the­ra­piert den depres­si­ven Doig durch Pro­vo­ka­tion und Psy­cho­tricks. Er hat in der ers­ten Szene eine starke Prä­senz, muss in die dunkle Welt von Doig ein­bre­chen und ihn wie­der zurück zu den Leben­den holen. Das gelingt ihm schließ­lich, jedoch fast zu gut, Doig wird zum Kon­sum­ver­ach­ter und läuft fortan, nur mit einer Plas­tik­tüte beklei­det, umher.

SMITH:
Was wür­den Sie tun, wenn Sie nur noch drei Minu­ten zu leben hät­ten?… Ich wüsste, was ich täte. Wenn ich noch drei Minu­ten hätte. Ich wüsste genau, was ich täte.

Sind Sie religiös?

Ich glaube, wenn man wüsste, dass man nur noch drei Minu­ten hat auf die­ser Erde, würde man sehr schnell zur Reli­gion fin­den. Das Pro­blem ist nur, wenn man nur noch drei Minu­ten hat – wel­che soll man neh­men? Ich meine, wel­che ist die Rich­tige, hm? Wel­che die­ser vie­len Reli­gio­nen bringt einen sicher über die Tür­schwelle.
Wel­che ist wohl die magi­sche Ein­tritts­karte ins Para­dies. Östli­che, west­li­che oder eine die­ser obsku­ren Reli­gio­nen in ver­steck­ten Gegen­den des süd­li­chen Pazi­fiks. Was wür­den Sie mit Ihren letz­ten drei Minu­ten tun? Na kom­men Sie.

Smith wird also etwas pfau­en­haf­tes haben, er pickt immer wie­der nach Doig, reizt ihn, bis die­ser end­lich rea­giert. Es ist mal ein Anfang für diese Rolle.