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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

Archiv

Kategorie: theater/schauspiel

Ich kann es nicht las­sen, wie­der habe ich mich beim Zen­trum für Ent­wick­lung im Schau­spiel ein­ge­schrie­ben. Es geht um sze­ni­sches Arbei­ten und Cha­rak­ter­ent­wick­lung, als Basis dient uns das Stück Doig von Greg Free­man. Es ist ein zeit­ge­nös­si­sches, unter­halt­sa­mes Stück.

Die Rol­len­ver­tei­lung ging sehr rasch von­stat­ten, ich darf mich mit Smith, dem Coach und Pseu­do­psy­cho­lo­gen beschäf­ti­gen. Des­halb ver­brachte ich einen Teil des Sonn­tags im Zür­cher Zoo, eine unse­rer ers­ten Auf­ga­ben ist das Suchen eines geeig­ne­ten Tieres.

Inmit­ten von Fami­lien schritt ich also durchs Ein­gangs­tor und geneh­migte mir zual­ler­erst mal ein gutes Mit­tag­es­sen. Und kaum trat ich ins spät­herbst­lich bewölkte Freie, da ent­deckte ich auch schon, wonach ich gesucht hatte – einen Pfau. Er lief ein­fach mit­ten unter den Leu­ten umher und pickte Essens­reste auf. Ein gro­ßer Vogel, der viel mit dem Kopf arbei­tete, um vor­an­zu­kom­men. Aber abge­se­hen von die­sen ruck­ar­ti­gen Kopf­be­we­gun­gen wirkte sein Gang ruhig, fast majes­tä­tisch. Sein Rad hatte er nicht auf­ge­schla­gen, er ach­tete auf Abstand, war den­noch aufs Fut­ter fixiert. Kin­der ver­such­ten ihn zu erschre­cken, ohne Erfolg. See­len­ru­hig zog er seine Kreise, kehrte immer wie­der zurück zu den Tischen und pickte, pickte, pickte.

Smith hat die ers­ten Sätze im Stück, er the­ra­piert den depres­si­ven Doig durch Pro­vo­ka­tion und Psy­cho­tricks. Er hat in der ers­ten Szene eine starke Prä­senz, muss in die dunkle Welt von Doig ein­bre­chen und ihn wie­der zurück zu den Leben­den holen. Das gelingt ihm schließ­lich, jedoch fast zu gut, Doig wird zum Kon­sum­ver­ach­ter und läuft fortan, nur mit einer Plas­tik­tüte beklei­det, umher.

SMITH:
Was wür­den Sie tun, wenn Sie nur noch drei Minu­ten zu leben hät­ten?… Ich wüsste, was ich täte. Wenn ich noch drei Minu­ten hätte. Ich wüsste genau, was ich täte.

Sind Sie religiös?

Ich glaube, wenn man wüsste, dass man nur noch drei Minu­ten hat auf die­ser Erde, würde man sehr schnell zur Reli­gion fin­den. Das Pro­blem ist nur, wenn man nur noch drei Minu­ten hat – wel­che soll man neh­men? Ich meine, wel­che ist die Rich­tige, hm? Wel­che die­ser vie­len Reli­gio­nen bringt einen sicher über die Tür­schwelle.
Wel­che ist wohl die magi­sche Ein­tritts­karte ins Para­dies. Östli­che, west­li­che oder eine die­ser obsku­ren Reli­gio­nen in ver­steck­ten Gegen­den des süd­li­chen Pazi­fiks. Was wür­den Sie mit Ihren letz­ten drei Minu­ten tun? Na kom­men Sie.

Smith wird also etwas pfau­en­haf­tes haben, er pickt immer wie­der nach Doig, reizt ihn, bis die­ser end­lich rea­giert. Es ist mal ein Anfang für diese Rolle.

Erste offi­zi­elle Probe der Onkel Wanja–Insze­nie­rung, drei neue Leute haben den Weg ins Kel­ler­thea­ter des GZ Buchegg gefun­den. Nach der Vor­stel­lungs­runde und der Erläu­te­rung des wei­te­ren Ablaufs konn­ten wir dann auch end­lich wie­der mal aktiv wer­den – in Form der belieb­ten Improvisationsspiele.

Es war groß­ar­tig! Anfangs zöger­lich, dann immer mehr zeigte sich die Spiel­freude, die Lust am Expe­ri­men­tie­ren mit Rol­len, Cha­rak­te­ren und Situa­tio­nen. Es fühlt sich gut an, ich habe diese Ener­gie auf der Bühne vermisst.

In den nächs­ten Wochen fol­gen wei­tere Pro­ben mit sen­so­ri­schen Erin­ne­rungs­übun­gen, Impro­vi­sa­tio­nen und wei­te­ren Ele­men­ten, die noch nicht so viel mit dem Stück zu tun haben. Erst spä­ter wer­den wir uns dann in Lese­pro­ben inten­si­ver mit dem Stück beschäf­ti­gen. Aber noch ist vie­les unklar, vor allem die Besetzung.

Das Stu­The ver­sprach einen Abend frei nach Faust, der sich aber doch nur sehr spo­ra­disch in die freien Sze­nen aus dem Stu­den­ten­le­ben hin­ein­ge­schli­chen hatte.

Den roten Faden durch den Abend ver­kör­perte der stets prä­sente Teu­fel (Lukas Walli­mann), der als Uni­ver­si­täts­pro­fes­ser ein­führte und dann auch mal in die­sen und mal in jenen Stu­den­ten schlüpfte. Der Teu­fel wollte die Stu­den­ten von ihrem gera­den Weg des Ler­nens abbrin­gen, säte Zwie­tracht in der Biblio­thek, weckte den Wunsch nach dem spon­ta­nen Wech­sel des Stu­di­ums, ver­gällte die Freude an der For­schung, am Arbeits– und Lie­bes­le­ben und sogar an der Grün­dung eines eige­nen Unter­neh­mens. Und am Ende lockte er jeden Ein­zel­nen mit dem, was ihm am meis­ten bedeu­tete, als Gegen­wert wollte er nur die Seele in Form eines blauen Bal­lons. Doch irgend­wie ent­deck­ten sie ihn dann doch, ver­jag­ten ihn und waren so schlau wie zuvor.

Die Sze­nen waren durch Impro­vi­sa­tion ent­stan­den und wirk­ten dadurch recht natür­lich. Für die Dar­stel­ler war das sicher eine große Erleich­te­rung, konn­ten sie so mit eige­nen Wor­ten und im Schwei­zer Dia­lekt reden. Die Sze­nen waren ein Spa­gat zwi­schen Impro­vi­sa­tion und ein­stu­dier­ter Auf­füh­rung. Und ganz so wie bei Impro-​​Abenden üblich gelan­gen einige recht gut und andere woll­ten ein­fach nicht so recht zün­den. Aber die rich­tig guten Sze­nen kamen eher zum Ende hin, so dass der Span­nungs­bo­gen ins­ge­samt stimmte.

Was ließe sich ver­bes­sern? Ich sah vor allem Poten­zial bei der schau­spie­le­ri­schen Leis­tung. Die Emo­tio­nen saßen an eini­gen Stel­len nicht rich­tig, die Wut der Stu­di­en­be­ra­te­rin wirkte künst­lich und auch an ande­ren Stel­len fehlte mir das Feine und Nuan­cierte. Kon­zep­tio­nell inkon­se­quent war die Sicht­bar­keit des Teu­fels, erst in der Rolle des Uni­ver­si­täts­pro­fes­sors quasi als reale Per­son ein­ge­führt, war er dann unsicht­bar und wirkte als böse innere Stimme, um spä­ter dann plötz­lich doch wie­der zuneh­mend sicht­bar zu werden.

Immer wie­der schön der Ein­satz thea­tra­li­scher Mit­tel. Die Ikea-​​Regale mach­ten zahl­rei­che Ver­wand­lun­gen durch, vom Tisch einer Alp­hütte bis zu Bäu­men im Park und einer gemal­ten Mauer. Das ist die Macht des Thea­ters – mit kind­li­cher Vor­stel­lungs­kraft ver­wan­delt sich alles und es rei­chen mini­malste Andeu­tun­gen zum Kre­ie­ren einer Szene.

Eine neue Thea­ter­sai­son beginnt, heute hat­ten wir unser ers­tes Tref­fen für eine poten­zi­elle Pro­duk­tion 2012. Es ging vor allem ums Wie­der­se­hen und erste Wei­chen­stel­lun­gen. Aber grund­sätz­lich sieht es gut aus. Die meis­ten Leute sind wie­der mit dabei, so schlimm kann es also bei der letz­ten Pro­duk­tion nicht zuge­gan­gen sein. Und es gibt sogar zwei Regie-​​Kandidaten und viele poten­zi­elle Mitorganisatoren.

Somit brau­chen wir nur noch ein Stück. Und das ist natur­ge­mäß nicht ein­fach zu fin­den. Die Haupt­frage dabei ist die nach dem Vor­ge­hen bei der Stück­wahl. Ent­we­der ist es ein demo­kra­ti­scher Pro­zess, die Gruppe liest eine Aus­wahl von Stü­cken und stimmt am Ende ab, wel­ches sie spie­len möchte. Der Regis­seur muss dann halt damit leben und sich für die­ses Stück erwär­men. Oder der Regis­seur wählt ein geeig­ne­tes Stück aus, wel­ches er der Gruppe schmack­haft machen muss.

Bei­des hat so seine Tücken. Im ers­ten Fall gewin­nen häu­fig Stü­cke mit vie­len gleich­gro­ßen Rol­len, gerade die Neu­linge wol­len natür­lich sicher gehen, dass sie auch eine Rolle abbe­kom­men. Und der Regis­seur muss dann die­ses Stück insze­nie­ren, auch wenn es ihm nur sehr wenig sagt oder er gar nicht die idea­len Schau­spie­ler für die tra­gen­den Rol­len sieht. Im zwei­ten Fall fällt quasi ein Stück vom Him­mel, ohne dass die Gruppe die geringste Mit­spra­che­mög­lich­keit hatte.

Also haben wir ein neues Ver­fah­ren ent­wi­ckelt, das die Vor­teile bei­der Her­an­ge­hens­wei­sen ver­eint. Wir wer­den es noch paten­tie­ren las­sen, als dramteure-​​Stückauswahl-​​Prozess. Die poten­zi­el­len Regis­seure schla­gen Stü­cke vor, die sie sich gut vor­stel­len könn­ten zu insze­nie­ren. Dar­aus kann die Gruppe dann aus­wäh­len. So wird die Aus­wahl des Regis­seurs gleich mit erledigt.

Es bleibt also span­nend, in den nächs­ten Wochen wird aber vor allem in unse­rem inter­nen Wiki der Dis­kus­si­ons­pro­zess lau­fen. Ich zähle nicht zum Kreis der poten­zi­el­len Regis­seure, werde aber als Regie­as­sis­tent erste Erfah­run­gen sammeln.

Was bedeu­tet es eigent­lich, Regis­seur zu sein? Es ist einer mei­ner Träume und ich lese viel dar­über der­zeit. Und so lang­sam kris­tal­li­siert sich her­aus, was sich eigent­lich dahin­ter ver­birgt. Wenn man ein­zig die prak­ti­sche, unmit­tel­bare Seite sieht, tut man als Regis­seur folgendes:

Einen rät­sel­haf­ten Beruf hat der Regis­seur: Er zieht viele Wochen in leid­lich geheizte, große und meis­tens etwas her­un­ter­ge­kom­mene Räume und treibt eine Schar unter­schied­lichs­ter, zum Teil diven­haf­ter, zum Teil lie­bens­wer­ter Men­schen zu bestimm­ten Lebens­ent­äu­ße­run­gen. Er sagt ihnen, wie sie Sätze zu beto­nen haben, er stellt sie in aus­ge­dachte räum­li­che Anord­nun­gen, er gibt ihnen Anwei­sun­gen, wann sie sich bewe­gen dür­fen und wann nicht. Er sagt ihnen, wass sie spre­chen sol­len und was für ein Gesicht sie dabei zu machen haben. Er schreibt ihnen vor, was für Klei­dung sie tra­gen und wie sie sich auf einen Stuhl set­zen sol­len. Er lässt ihnen mit hel­len Lam­pen ins Gesicht strah­len, und trotz­dem sol­len sie nicht mit den Augen blin­zeln. Er stra­pa­ziert ihre Stim­men, redet von undeut­li­cher Aus­spra­che und dass der Text auch gemeint wer­den muss und nicht nur auf­ge­sagt wer­den darf. Er kri­ti­siert die Schau­spie­ler, dass sie zu sehr schau­spie­lern und ihre Texte zu sehr nach Thea­ter klin­gen. Er ver­langt, dass nicht gespielt wer­den soll und statt­des­sen nor­mal gespro­chen wird. Er sagt, dass sie nicht genug spie­len und die Texte nicht klin­gen. Er setzt ihnen Mas­ken auf, und nun sol­len die Kör­per das aus­drü­cken, was zuvor das Geischt konnte. Er zieht alle aus und andere wie­der in Kos­tüme, die noch in der Kan­tine ziem­li­ches Auf­se­hen erre­gen. Er erklärt, was der Text eigent­lich meint, und er ver­bie­tet, dass die Bedeu­tung mit­ge­spielt wird.

Bernd Ste­ge­mann, Regie als Beruf

Sitz­brett, das die Welt bedeutet

Es ist eine sehr kom­plette Beschrei­bung, die ziem­lich genau die Band­breite von Regie­an­wei­sun­gen wider­gibt. Es geht immer um ein Hin– und Her­pen­deln zwi­schen den wider­sprüch­li­chen schau­spie­le­ri­schen For­de­run­gen nach Aus­drucks­kraft und Nach­ah­mung. Als Regis­seur sollte man im Ide­al­fall wis­sen, warum man mehr oder weni­ger Aus­drucks­kraft braucht. Und damit beginnt eine Reise in die Geschichte der Dra­ma­tur­gie, die­ser sich stän­dig wan­deln­den Lehre der Beschaf­fen­heit von Stü­cken. Je nach Epo­che stand mal die Aus­drucks­kraft im Mit­tel­punkt, mal die ein­fühl­same Nachahmung.

Durch mei­nen thea­tra­li­schen Wer­de­gang bin ich eher auf der Seite des Natu­ra­lis­mus gelan­det, einige an Sta­nis­law­ski und Stras­berg ori­en­tierte Kurse haben mich sehr stark geprägt. Aber Natu­ra­lis­mus ist nicht alles, gerade in letz­ter Zeit habe ich meh­rere Insze­nie­run­gen gese­hen, die neben star­ken natu­ra­lis­ti­schen Sze­nen auch humor­volle Unter­bre­chun­gen der Büh­nen­il­lu­sion ein­setz­ten. Der gekonnte und lust­volle Wech­sel zwi­schen Fik­tion und der Rea­li­tät des Thea­ter­ma­chens hat mich beein­druckt und ist auch mitt­ler­weile der Stan­dard im Reper­toire heu­ti­gen Bühnenschaffens.

Wie­ner Hof­thea­ter, Mekka für Regisseure

Es ist eine große Welt, die sich da auf­tut, mehr als 2000 Jahre Thea­ter­ge­schichte. Und als Regis­seur kennt man die wich­tigs­ten Strö­mun­gen, um dann im Ide­al­fall doch einen eige­nen Stil zu fin­den, den ich mir als spie­le­ri­sche Kom­bi­na­tion des Beste­hen­den vorstelle.

Regie — Bernd Ste­ge­mann (Her­aus­ge­ber), Nicole Grö­ne­meyer (Herausgeber)