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mathias wellner

klar träumen, klar denken

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Kategorie: podcast

Auf­wär­men, Sin­ne­ser­in­ne­rung mit neu­tra­lem Text

Das kör­per­li­che Auf­wär­men und das Zazen waren wir immer. Ich war heute kör­per­lich fit­ter als letz­tes Mal aber leich­ter ablenk­bar. Bei der Sin­ne­ser­in­ne­rung (drei Stoffe mit allen Sin­nen ent­de­cken) soll­ten wir den neu­tra­len Text gleich­zei­tig auf­sa­gen. Das war eine immense Her­aus­for­de­rung, bei mir saß der Text dafür nicht gut genug.

Ich hatte mir den Anfang von Ulys­ses (James Joyce) gewählt. Okay, es mag kein Buch sein, das mir abso­lut egal ist, aber wenn ich schon einen Text lerne, dann einen von hoher lite­ra­ri­scher Qua­li­tät. Beim Lesen war mir die­ser Text noch recht unver­ständ­lich vor­ge­kom­men, die deut­sche Premium-​​Ausgabe ist mit tau­sen­den erklä­ren­den Fuß­zei­len durch­setzt, die den Text­fluss unter­bre­chen. Aber durch das Ler­nen konnte ich mich auf einen kur­zen Abschnitt kon­zen­trie­ren und des­sen ganze Schön­heit ent­de­cken. Es ist so dicht geschrie­ben, jedes Wort sitzt. Hut ab vor dem Über­set­zer (Hans Woll­schlä­ger).

Statt­lich und feist erschien Buck Mul­li­gan am Trep­pen­aus­tritt, ein Sei­fen­be­cken in Hän­den, auf dem gekreuzt ein Spie­gel und ein Rasier­mes­ser lagen. Ein gel­ber Schlaf­rock mit offe­nem Gür­tel bauschte sich leicht hin­ter ihm in der mil­den Mor­gen­luft. Er hielt das Becken in die Höhe und into­nierte:
Introibo ad altare Dei.
Inne­hal­tend spähte er die dunkle Wen­del­treppe hin­un­ter und kom­man­dierte grob:
– Komm rauf, Kinch! Komm rauf, du fei­ger Jesuit!
Fei­er­lich schritt er wei­ter und erstieg das runde Geschütz­la­ger. Dort machte er kehrt und seg­nete wür­de­voll drei­mal den Turm, das umlie­gende Land und die erwa­chen­den Berge. Dann gewahrte er Ste­phen Deda­lus, ver­neigte sich vor ihm und schlug rasche Kreuze in die Luft, keh­lig gluck­send dabei und den Kopf schüt­telnd. Ste­phen Deda­lus, miß­lau­nig und schläf­rig, lehnte die Arme auf den Rand der Trep­pen­mün­dung und betrach­tete kalt das sich schüt­telnde, gluck­sende, in sei­ner Länge pfer­de­hafte Gesicht, das ihn seg­nete, und das helle untons­u­rierte Haar, das fle­ckig getönt war wie matte Eiche.

Quelle: James Joyce, Ulys­sus, über­setzt von Hans Woll­schlä­ger, Suhrkamp-​​Verlag, 2004

Jeden­falls ver­suchte ich die­sen Text zu spre­chen und mir dabei die Ein­drü­cke von der Sinnes-​​Übung vor­zu­stel­len. Eigent­lich geht das nicht, man kann sich nur auf eine Sache kon­zen­trie­ren. So hatte ich zumin­dest in mei­ner Dis­ser­ta­tion argu­men­tiert, wel­che sich mit der Prä­senz in vir­tu­el­len Umge­bun­gen befasste. Dabei kann es zu Wider­sprü­chen zwi­schen den Sin­nes­ein­drü­cken kom­men. Zum Bei­spiel sieht man sich visu­ell um eine Kurve bie­gen (Renn­si­mu­la­tion), jedoch fehlt die Zen­tri­fu­gal­kraft. Vir­tu­elle und reale Umge­bung strei­ten um die Hoheit, aber der Mensch kann sich nur für eine ent­schei­den. Auf die Übung bezo­gen bedeu­tet das, dass man den Text so gut aus­wen­dig ken­nen muss, dass er völ­lig auto­ma­tisch abruf­bar ist. Ich musste mich jeden­falls stark kon­zen­trie­ren und die Inten­si­tät der Sin­ne­ser­in­ne­rung nahm auch ab.

Ler­nen von Text

Um einen Text wirk­lich gut zu beherr­schen, muss man ihn sehr oft wie­der­ho­len. In ver­schie­dens­ten All­tags­si­tua­tio­nen auf­sa­gen, einen Zet­tel im WC auf­hän­gen, iPod damit füt­tern, etc. Mir kommt mein täg­li­ches Pen­deln da zugute, so habe ich jeden Tag zwei­mal die Mög­lich­keit, den Text zu repe­tie­ren. Beim ers­ten Ler­nen mit Zet­tel kommt es auch auf die Ein­sätze an, nur seine eige­nen Sätze zu beherr­schen reicht nicht (siehe Weblog-​​Eintrag Ler­nen von Theatertext(en)).

Zur­zeit habe ich reich­lich Gele­gen­heit zum Text­ler­nen. Im Kurs brauch­ten wir den neu­tra­len Text und einen emo­tio­na­len Dia­log zwi­schen Selbstmörder(in) und Kommissar(in). Für das aki­tiv–Mini­drama muss ich min­des­tens mei­nen eige­nen Text beherr­schen, bes­ser wäre der ganze. Und für die Top Dogs–Pro­duk­tion gilt es auch, einen län­ge­ren Mono­log aus­wen­dig zu beherrschen.

Wiederholungs-​​Übungen

Basie­rend auf der Methode von Sandy Meis­ner trai­nier­ten wir das gegen­sei­tige Zuhö­ren. Zwei Leute saßen sich gegen­über, das ein­zige zuge­las­sene Wort war But­ter. Danach gab es etli­che Kom­bi­na­tio­nen, wobei meist gegen­sätz­li­che Instruk­tio­nen vor­ge­ge­ben waren (dem ande­ren schmei­cheln, Geld lei­hen, zum Gebet über­re­den, aufregen).

Akti­ves Zuhö­ren ist schon im nor­ma­len Leben eine sel­tene Fähig­keit, auf der Bühne ist es durch die Anspan­nung noch schwie­ri­ger (siehe Weblog-​​Eintrag Gute Gesprä­che, schlechte Gesprä­che, Büh­nen­ge­sprä­che). Bei der Fenstersturz-​​Szene sollte sich das sehr deut­lich zeigen.

Fenstersturz-​​Szene

Wir hat­ten eine knappe halbe Stunde zur Vor­be­rei­tung, ein Groß­teil der Zeit ging für Text­pro­ben drauf. Ich spielte den Kom­mis­sar, der eine poten­zi­elle Selbst­mör­de­rin von ihrem Vor­ha­ben abbrin­gen will. Für mich war klar, dass ich die Dis­tanz zu ihr ver­rin­gern wollte. Immer dann, wenn sie nicht schaut, wollte ich mich lang­sam anpir­schen, Mil­li­me­ter für Mil­li­me­ter. Und dabei ruhig wir­ken, mir aber des Erns­tes der Situa­tion voll bewusst zu sein. Wir schau­ten uns den Text auch wegen Bewegungs-​​Impulsen an. Am Anfang wollte ich nichts­ah­nend den Raum betre­ten, dann erst die Frau auf dem Fens­ter­sims sehen und die Selbstmord-​​Absicht rea­li­sie­ren. Mit mei­nen ers­ten Sät­zen wollte ich auf sie zuge­hen, werde jedoch von ihren kla­ren Stopp-​​Aussagen geblockt. Beim Ende hat­ten wir uns nicht wirk­lich was über­legt, wes­we­gen ich bei ihrem Sturz dann ein­fach in einem Freeze erstarrte.

Blick auf Siena
Wie kann man auf der Bühne Höhe glaub­haft dar­stel­len?

Als Feed­back kamen dann lobende Worte für die Fein­heit mei­ner Rolle, aber nega­tiv war die Anspan­nung gewe­sen. Als Polizei-​​Psychologe würde man geschult auf Dees­ka­la­tion, Zuhö­ren und das Aus­strah­len von Ruhe sein, anstatt sich ver­krampft anzu­schlei­chen. Und das Ende war natür­lich nicht opti­mal, nach dem Sturz geht die Szene wei­ter, da hätte ich mir noch was über­le­gen sol­len. Aber es schaffte eigent­lich kei­ner der Kom­mis­sare in der Gruppe, voll­stän­dig zu überzeugen.

Nächste Woche bin ich dann der Selbst­mör­der, das wird span­nend. Ein wich­ti­ger Punkt ist die Höhe, ich stehe auf einem Fens­ter­sims und es geht 20 Meter run­ter auf die Straße. Als Klet­te­rer habe ich ja nicht so enorme Pro­bleme mit Höhe, aber Respekt schon. Und den gilt es authen­tisch dar­zu­stel­len. Aber der viel grö­ßere Knack­punkt ist die psy­cho­lo­gi­sche Situation.

Haus­auf­ga­ben

  1. In Bade­wanne oder Dusche kleb­rige Sub­stanz mit allen Sin­nen erfor­schen. Das wird eklig.
  2. Eine aus­ge­wählte Per­son beob­ach­ten, mög­lichst viele Aspekte zusam­men­tra­gen. Zusätz­lich kann man in der Stadt einer unbe­kann­ten Per­son unauf­fäl­lig folgen.
  3. Andere Rolle der Fens­ter­sturz–Szene vor­be­rei­ten (Selbstmörder).

Beginn von Ulys­ses (James Joyce), gele­sen von mir, MP3

Stel­len Sie sich vor, Sie hät­ten abso­lut keine Fan­ta­sie — wäre das nicht ein trost­lo­ses Dasein? Denn erst das Her­vor­ru­fen von Bil­dern und Ideen jen­seits des Exis­tie­ren­den lässt Sie unbe­kannte Pro­bleme lösen und ermög­licht es Ihnen, sich in andere Men­schen hin­ein­zu­ver­set­zen und somit zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen aufzubauen.

Eine ganz große Por­tion Fan­ta­sie brau­chen Sie beim Thea­ter­spie­len. Wenn Sie in einer the­ma­tisch arbei­ten­den Gruppe sind, die anhand eines Grund­the­mas Sze­nen impro­vi­siert und fes­tigt, ver­steht sich Fan­ta­sie von selbst. Aber auch bei einem fes­ten Stück brau­chen Sie Fan­ta­sie, denn der Text legt Ihre Rolle nur schein­bar fest. Es gibt extrem viele Lücken, die Sie mit Ihrer eige­nen Vor­stel­lungs­kraft fül­len müs­sen. Nur dann wer­den Sie Ihre Rolle plas­tisch spie­len und die Zuschauer bewegen.

In die­sem Bei­trag möchte ich die beson­dere Rolle der Fan­ta­sie beim krea­ti­ven Thea­ter­pro­zess beleuch­ten und Übun­gen zei­gen, wel­che Ihre Fan­ta­sie zu beflügeln.

Phan­ta­sie im All­tag — Die Macht der Gedanken

Ein jeder Mensch hat Fan­ta­sie, die meis­ten nut­zen sie aber, um sich in nega­tive Spi­ra­len zu stür­zen. Wie schnell und plas­tisch kann man sich den schlech­ten Aus­gang einer Hand­lung aus­ma­len, sei es nun der ein klä­ren­des Gespräch, die Bewer­bung bei der Traum­firma oder eine schwie­rige Wan­der­tour. Durch die­sen Stru­del nega­ti­ver Gedan­ken legt man in die Hand­lung nicht die volle Kraft und Ent­schlos­sen­heit hin­ein, es wird ja ohne­hin schief gehen. Und meist bewahr­hei­tet es sich, die Macht der selbst­er­fül­len­den Pro­phe­zei­ung ist bekannt.

Schö­ner ist es, wenn Sie Ihre Fan­ta­sie auf den posi­ti­ven Aus­gang len­ken und sich die wun­der­ba­ren Fol­gen aus­ma­len. Genauso wich­tig ist die bewusste und posi­tive For­mu­lie­rung der eige­nen Wün­sche, wel­che oft uner­war­tete Türen öffnen und den Wunsch Wirk­lich­keit wer­den lassen.

Kon­stan­tin Sta­nis­law­ski und Fantasie

Nach Sta­nis­law­ski ist das Ziel des Schau­spie­lers, auf der Bühne eine Hand­lung aus­zu­füh­ren, die inner­lich begrün­det, logisch, fol­ge­rich­tig und in der Wirk­lich­keit mög­lich sein muss. Man geht also nicht von einem Gefühl aus, in das man sich hin­ein­stei­gert, son­dern kon­zen­triert sich auf eine kon­krete Hand­lung. Diese erweckt dann die Gefühle.

Um eine sol­che Hand­lung zu fin­den, benutzt Sta­nis­law­ski die Begriffe Wenn und vor­ge­schla­gene Situa­tion. Durch das Wenn wird aus der unmit­tel­ba­ren Wirk­lich­keit eine Thea­ter­szene. Die Frage Wenn ich einen Brief in der Hand hätte, was wür­den Sie dann tun? regt Ihre Fan­ta­sie und Vor­stel­lungs­kraft an, Sie über­le­gen sich eine Hand­lung. Im Fall des Brie­fes wür­den Sie ihn wahr­schein­lich neh­men und nach­schauen, ob er an Sie adres­siert ist. Die vor­ge­schla­gene Situa­tion ist eine Zusam­men­fas­sung aller Umstände, wie sie durch Stück und Insze­nie­rung vor­ge­ge­ben sind, also Zeit, Ort, Lebens­um­stände, Requi­si­ten, Kos­tüme, etc. Sie ist völ­lig fik­tiv und ent­steht durch die Fan­ta­sie der Beteiligten.

Ein Thea­ter­text hat immer Lücken. Es ist zum Bei­spiel meist nur der Ort der Hand­lung beschrie­ben, sagen wir ein Salon. Woher kom­men Sie, wenn Sie durch die rechte Tür in den Salon ein­tre­ten? Was haben Sie vor­her drau­ßen gemacht? War es da kalt oder warm, ange­nehm oder unan­ge­nehm? Haben Sie mit ande­ren Leu­ten gespro­chen? Warum tre­ten Sie über­haupt ein? Was geschah vor­her, bevor das Stück beginnt? Jede Rolle hat ein eige­nes Leben gelebt bis zu die­sem Zeit­punkt, dar­über gibt es meist nur wenig Anhalts­punkte im Text. An unend­lich vie­len Stel­len ist Ihre Fan­ta­sie als Schau­spie­ler gefragt.

Das Ziel des Schau­spie­lers ist es, wäh­rend des gan­zen Stü­ckes sowohl die äuße­ren (fik­ti­ven) Umstände wahr­zu­neh­men als auch seine inne­ren Asso­zia­tio­nen und Bil­der. Es ent­steht dann eine Art Film, der den Schau­spie­ler zu jedem Zeit­punkt in die rich­tige Stim­mung ver­setzt. Die­ser Film ist das Kunst­pro­dukt des Schau­spie­lers, es ent­springt sei­ner Fan­ta­sie und wird wäh­rend des krea­ti­ven Pro­zes­ses fort­lau­fend über­prüft und ver­fei­nert, schließ­lich muss jede Hand­lung logisch und fol­ge­rich­tig sein.

Wenn Sie auf der Bühne ein Wort mecha­nisch sagen oder etwas mecha­nisch tun ohne zu wis­sen, wer Sie sind, woher und warum Sie kom­men, was Sie hier brau­chen, wohin Sie gehen und was Sie dort tun wer­den, dann haben Sie phan­ta­sie­los gehan­delt, und Ihr Auf­ent­halt auf der Bühne, ob kurz oder lang, war für Sie keine Wahr­heit — Sie han­del­ten wie ein auf­ge­zo­ge­ner Mecha­nis­mus, wie ein Auto­mat.
[1] S. 50

Michael Tsche­chow und Imagination

Das schau­spie­le­ri­sche Genie Michael Tsche­chow hatte ohne Zwei­fel eine sehr leb­hafte Fan­ta­sie. Er regt an, sich nach einem lan­gen Tag zu ent­span­nen, dann trä­ten Erin­ne­run­gen in Erschei­nung, durch­mischt auch von völ­lig unbe­kann­ten Gestal­ten, an deren Schick­sal man mehr und mehr Anteil nähme. Als Künst­ler soll­ten Sie ler­nen, diese Gestal­ten zu beherr­schen, um sie für das Her­an­bil­den der eige­nen Rolle zu nut­zen. Ganz anders als Sta­nis­law­ski ver­lässt sich Tsche­chow auf seine Intui­tion und lässt im Unter­be­wusst­sein seine Figu­ren reifen.

Um sich die­ser Figu­ren zu bedie­nen, kön­nen Sie den Text zum einen ver­stan­des­mä­ßig ana­ly­sie­ren. Aber mit der Zeit stellt sich dann eine Gefühl­lo­sig­keit ein. Der andere Weg ist, Fra­gen an die auf­tau­chen­den Gestal­ten zu stel­len und mit Geduld und Kon­zen­tra­tion deren Ant­wort abzu­war­ten. Tsche­chow betont die Not­wen­dig­keit, die Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit zu trai­nie­ren. Dann liefe neben dem All­tags­le­ben noch ein wei­te­rer Pro­zess par­al­lel, im Unter­be­wuss­ten. Und mit aus­rei­chend Übung kön­nen Sie die­sen unter­be­wuss­ten Pro­zess für die Erschaf­fung künst­le­ri­scher Figu­ren benutzen.

Übung zur Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit: Üben Sie mit einem sim­plen Gegen­stand die vier Pha­sen des Kon­zen­tra­ti­ons­pro­zes­ses. Ich habe mit einer gel­ben Papri­ka­schote ange­fan­gen und ver­sucht, mir mög­lichst viele Details daran vorzustellen.

  1. Fest­hal­ten
  2. Her­an­zie­hen
  3. Auf ihn zu gehen
  4. Ein­drin­gen

Die Sinne soll­ten dabei ent­spannt sein, dann mit kom­ple­xe­ren Gegen­stän­den, Geräu­schen, Men­schen, fik­ti­ven Gegen­stän­den, lite­ra­ri­schen Gestal­ten fortsetzen.

Wenn Sie die Tech­nik der Kon­zen­tra­tion ein­mal beherr­schen, wird Ihnen auf­fal­len, wie Ihr gan­zes Wesen auf­lebt, erstarkt und an Har­mo­nie und Tat­kraft dazu­ge­winnt. Beim Spie­len wer­den diese Eigen­schaf­ten auch auf der Bühne sicht­bar. Das Form­lose und Dif­fuse ver­schwin­det, und Ihr Spiel wird viel über­zeu­gen­der.
[2] S. 21

Als wei­te­ren Schritt soll­ten Sie Ihre Vor­stel­lungs­kraft trai­nie­ren. Neh­men Sie eine Szene aus einem Thea­ter­stück, wel­ches Sie gut ken­nen und las­sen Sie diese immer wie­der ablau­fen. Dabei kön­nen Sie bestimmte Aspekte vari­ie­ren, zum Bei­spiel die Beto­nung eines Cha­rak­ter­zu­ges. Mit die­ser Fähig­keit kön­nen Sie im Pro­ben­pro­zess auch allein an einer Szene arbei­ten, indem Sie sie vor Ihrem inne­ren Auge ablau­fen lassen.

Fazit

Fan­ta­sie ist essen­zi­ell für Schau­spie­ler und nütz­lich für alle. Mit Fan­ta­sie lebt es sich schö­ner und ihr Trai­ning sollte des­halb einen gro­ßen Raum ein­neh­men. Pro­bie­ren Sie es aus!

Quel­len

[1] Stanislawski-​​Reader — Die Arbeit des Schau­spie­lers an sich selbst und an der Rolle, aus­ge­wählt und her­aus­ge­ge­ben von Bernd Ste­ge­mann, Hen­schel Verlag

[2] Michail A. Čechov, Die Kunst des Schau­s­pierlers, Mos­kauer Aus­gabe, Ver­lag Urachhaus

[podcast]http://www.mwellner.de/sound/2009–10-16.mp3[/podcast]

Es gibt diese Momente, in denen ich beim Anblick eines Gemäl­des, beim Lesen eines Buches oder beim Erle­ben einer Tanz­vor­füh­rung die Genia­li­tät des Künst­lers spüre. Es ist schwer zu sagen, was es genau ist, etwas reso­niert in mir, trifft einen Nerv. Der rus­si­sche Schau­spie­ler und Regis­seur Michael Tsche­chow brachte diese Qua­li­tä­ten in sei­nem Buch „Die Kunst des Schau­spie­lers” auf den Punkt, für ihn sind es Leich­tig­keit, Form, Ganz­heit­lich­keit und Schön­heit. Ich möchte diese Auf­zäh­lung gern kom­men­tie­ren, auch in Bezug auf meine eige­nen Theatererfahrungen.

Leich­tig­keit

Leicht erkennt man den Klet­ter­profi in der Halle, schein­bar ent­spannt hängt er da am Über­hang und über­legt, wie es wei­ter geht. Dann ein paar wohl­do­sierte Bewe­gun­gen und die schwie­rige Stelle ist über­wun­den, die nächste Ruhe­po­si­tion erreicht. Für mich hat Klet­tern — wie jede Bewe­gung — etwas mit Kunst zu tun. Und gerade Klet­tern ist ein Sym­bol für das mensch­li­che Stre­ben nach Höhe­rem, in die­sem Fall nach dem Umlenk­ka­ra­bi­ner unter dem Dach der Klet­ter­halle. Leich­tig­keit braucht man an der Wand, sonst hängt man an den Grif­fen wie ein schwe­rer Sack und kommt nicht weit. Ele­ganz erscheint mir wie ein ande­res Wort für das glei­che Phä­no­men, auch Effi­zi­enz kommt mir in den Sinn. Auf jeden Fall spannt man genau die Mus­keln an, die für die Auf­gabe gebraucht wer­den und nutzt die phy­si­ka­li­schen Gege­ben­hei­ten (Dyna­mik) best­mög­lich aus. Wobei Leich­tig­keit nicht Kraft­lo­sig­keit bedeu­tet, es wirkt nur nach außen leicht. Wenn man die­sen Bereich ver­lässt und einen zu schwe­ren Weg klet­tert, ver­krampft man, klam­mert sich fest, bewegt sich eckig und mit wesent­lich mehr Auf­wand als notwendig.

Beim Thea­ter ist diese Leich­tig­keit genau so wich­tig. Statt der bestän­dig nach unten zie­hen­den Schwer­kraft beim Klet­tern ist es die beson­dere Anspan­nung durch die Büh­nen­si­tua­tion, die dem leich­ten Spiel ent­ge­gen wirkt. Man ver­krampft, weni­ger mit den Armen und Bei­nen als viel­mehr in sei­nen Bewe­gun­gen und vor allem in der Mimik. In die­sem Zustand ist man auch nicht mehr so wirk­lich emp­fäng­lich für die Mit­spie­len­den und kann sich das See­len­le­ben der ver­kör­per­ten Figur nur noch schlecht vorstellen.

Um die­sen Effekt zu zei­gen, gibt es eine sehr ein­drucks­volle Übung, die auf Kon­stan­tin Sta­nis­law­ski zurück geht. Man soll einen schwe­ren Gegen­stand anhe­ben oder zie­hen und sich dabei an das letzte Mit­tag­es­sen erin­nern oder sich das Innere einer Kir­che vor­stel­len. Es geht schlich­weg nicht, in die­sem Zustand der Ver­kramp­fung kriegt man das nicht hin. Man braucht auf der Bühne wie an der Klet­ter­wand eine ent­spannte Angespanntheit.

Form

Wenn ich rudere, ver­su­che ich mir immer die Bewe­gung des Ruder­blat­tes vor­zu­stel­len. Die Phy­sik gibt eine ideale Form vor. Das Ruder­blatt soll im Was­ser einen mög­lichst wei­ten Weg zurück legen, ande­rer­seits möchte ich beim Zurück­rol­len lang­sam und ruhig sein, um die Gleit­phase aus­zu­nüt­zen. In die­sem Fall ist die Form durch Bewe­gungs­ef­fi­zi­enz bestimmt.

Beim Thea­ter herrscht da grö­ßere Frei­heit, der Kör­per des Schau­spie­lers ist eine ver­än­der­li­che Form. Umso schwie­ri­ger ist es des­halb, gute von schlech­ten (Bewegungs-)Formen zu unter­schei­den. Idea­ler­weise soll­ten Schau­spie­ler einen geschmei­di­gen, schö­nen Gang haben und ihre Bewe­gun­gen soll­ten schön anzu­schauen sein. Im Grunde muss man par­al­lel zum Thea­ter noch Yoga, Bal­lett oder sowas machen, um geschmei­dig und fit zu bleiben.

Ich habe wohl eine sehr kon­trol­lierte Art mich zu bewe­gen, das kommt vom Wan­dern im unweg­sa­men Gelände, vom Vol­ley­ball und von mei­ner Ana­to­mie. Des­halb fällt es mir schwer, auf der Bühne locker zu gehen. Es wird wahr­schein­lich Zeit mei­nes Lebens eine Her­aus­for­de­rung für mich bleiben.

Gesamt­heit

Beim Foto­gra­fie­ren brau­che ich einen Sinn für das ganze Bild. Es ist für mich wie ein Puz­zle mit einer Anzahl drei­di­men­sio­na­ler Objekte, wel­che auf dem Foto in einen zwei­di­men­sio­na­len Zusam­men­hang gebracht wer­den. Was ist eine gute Kom­po­si­tion? Ich denke, dass die Fotos am bes­ten sind, die eine kleine Geschichte erzäh­len, wel­che durch die Kom­po­si­tion ange­deu­tet wird.

Ein Thea­ter­stück ist nun weni­ger durch räum­li­che als viel­mehr durch zeit­li­che Aus­deh­nung defi­niert. Cha­rak­tere wer­den ein­ge­führt, erle­ben Dinge und ver­las­sen ver­än­dert die Bühne. Als Schau­spie­ler ent­steht die Rolle als Gan­zes nur dann, wenn man den Bogen zwi­schen Beginn und Schluss schla­gen kann. Damit gewinnt das Kunst­werk der eige­nen Rolle. Im Zusam­men­hang des gan­zen Stü­ckes ent­steht natür­lich eine andere Ebene der Gesamtheit.

Schön­heit

Wahre Schön­heit kommt von innen, eine rein äußer­li­che Schön­heit ver­kommt zur Attrak­ti­vi­tät. Gerade in Zürich lau­fen sehr viele äußer­lich schöne Men­schen herum, die viel Zeit und Geld in Klei­dung und Make-​​Up inves­tie­ren. Aber ihre Bewe­gun­gen sind unge­lenk und ihre Spra­che ebenso. Sie sind nicht wirk­lich schön, son­dern eben nur nett anzuschauen.

Als Schau­spie­ler ist es wich­tig, einen Sinn für innere Schön­heit zu ent­wi­ckeln. Durch die Büh­nen­si­tua­tion kommt jeder Bewe­gung und jedem Satz eine beson­dere Bedeu­tung zu, man ist zu schö­nen Bewe­gun­gen und zu schö­ner Spra­che ver­pflich­tet. Auch bei der Dar­stel­lung von absto­ßen­den Cha­rak­te­ren ist das der Fall, wenn das Motiv zwar mit Schön­heit wenig gemein hat, die Dar­stel­lung hin­ge­gen schon.

[podcast]http://www.mwellner.de/sound/2009–10-06.mp3[/podcast]

Wie kurz­wei­lig und inter­es­sant die Beschäf­ti­gung mit phi­lo­so­phi­schen The­men sein kann, zeigt Richard David Precht in sei­nem Buch „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?” Schon die Wahl der Über­schrift zeigt seine unor­tho­doxe Her­an­ge­hens­weise an Phi­lo­so­phie, die sich dann auch durch das gesamte Buch zieht. Denn anstatt von den wich­ti­gen Phi­lo­so­phen aus­zu­ge­hen und deren Werke zusam­men­zu­fas­sen, steht für ihn stets eine kon­krete Frage im Mit­tel­punkt eines Kapi­tels, wel­che er gekonnt mit einem Phi­lo­so­phen und sei­nem Wir­kungs­ort verknüpft.

Ein Bei­spiel ist „Darf man Men­schen töten?”, was ihn nach Lon­don führt und damit zum Haupt­ver­tre­ter des Uti­li­ta­ris­mus, Jeremy Bent­ham. Und um es vor­weg­zu­neh­men — das Töten von Men­schen ist nicht gestat­tet. Zwar bie­tet der Utli­ta­ris­mus eine Begrün­dung an, indem er Nütz­lich­keit als allei­ni­gen Maß­stab für das Tun defi­niert. Somit könnte das Töten eines bösen Men­schen, der viel Leid ver­ur­sacht, legi­ti­miert wer­den. Aber die Kon­se­quenz wäre eine Gesell­schaft, in der jeder nach eige­nem Abwä­gen der Nütz­lich­keit einen ande­ren umbrin­gen könnte. Und das wollte Bent­ham dann doch nicht ver­ant­wor­ten und klam­merte das Töten von Men­schen expli­zit aus.

In allen Kapi­teln ver­mit­telt er in sei­ner humor­vol­len Art einen anek­do­ti­schen Ein­blick in das Leben des Phi­lo­so­phen oder Wis­sen­schaft­lers, um schließ­lich zur Aus­gangs­frage zurück­zu­keh­ren und diese zu dis­ku­tie­ren. Dabei ver­ein­facht er bewusst die kom­plexe The­ma­tik, um eine klare Ant­wort auf die Kapi­tel­frage zu fin­den. Auf jeden Fall erschie­nen mir die Gigan­ten der Geis­tes­welt jetzt in einem sehr mensch­li­chen Licht und ich sehe die Unzu­läng­lich­kei­ten ihrer Werke klarer.

Einen Aus­schnitt habe ich für euch gele­sen und stelle ihn als Pod­cast zur Ver­fü­gung. Es geht um die berühm­ten Worte „Ich denke, also bin ich” von René Des­car­tes.

[podcast]http://www.mwellner.de/sound/20090827.mp3[/podcast]

Ins­ge­samt kann ich die­ses Buch abso­lut emp­feh­len, es gefällt mir deut­lich bes­ser als Sofies Welt, was eine ähnli­che Ziel­stel­lung besitzt. Und außer­dem gibt es etli­che Bezüge zu aktu­el­len For­schungs­the­men, ins­be­son­dere zur Hirn­for­schung, die mich sehr ange­spro­chen haben.