Zum Inhalt springen

mathias wellner

auf den spuren meiner selbst

Archiv

Kategorie: politik

Keine Rede zur Wirt­schafts­po­li­tik kommt ohne diese bei­den Grund­be­griffe aus: Wohl­stand und Wachs­tum. Doch ange­sichts einer Welt mit begrenz­ten Roh­stof­fen stellt sich die Frage, wie genau denn unend­li­ches Wachs­tum funk­tio­nie­ren soll. Denn nach der heu­ti­gen Auf­fas­sung bedeu­tet Wachs­tum ein ste­ti­ges Mehr an Pro­duk­tion und Kon­sum. Und Wohl­stand ist ein mate­ri­el­ler Begriff, der eng an Über­fluss gekop­pelt ist.


Wohin führt die Art unse­res Wirt­schaf­tens?

In vor­in­dus­tri­el­len Zei­ten hat­ten diese Begriffe eine ganz andere Bedeu­tung. Wachs­tum war dort das Wachs­tum der Pflan­zen auf dem Feld oder der Bäume im Wald, wel­ches die Lebens­grund­lage der dama­li­gen Bevöl­ke­rung dar­stellte. Wachs­tum bedeu­tete aber keine Zunahme der Anbau­flä­che, da hät­ten die benach­bar­ten Dör­fer wohl etwas dage­gen gehabt. Auch der Wald wächst stän­dig ohne sich zwangs­läu­fig aus­deh­nen zu müs­sen. Wohl­stand war damals auch nur wenig ans Mate­ri­elle gekop­pelt, statt­des­sen genügte es, wenn man mit den Mit­men­schen und Gott gut auskam.

Die Rück­be­sin­nung auf diese ursprüng­li­che Bedeu­tung der Begriffe Wohl­stand und Wachs­tum ist not­wen­dig, um zu einer neuen Art des Wirt­schaf­tens zu gelan­gen. Ver­zich­ten müs­sen wir, aber wenn wir auf das Über­flüs­sige ver­zich­ten, fehlt uns nichts. Ver­zich­ten wir auf über­flüs­sige Lebens­mit­tel, die im Abfall lan­den, auf Flug­rei­sen, die wir nur wegen des güns­ti­gen Prei­ses buchen, auf Status-​​Symbole und die aller­neu­es­ten tech­ni­schen Spielereien.

Ange­regt durch den Deutschlandfunk-​​Beitrag Weg­mar­ken 2010: Wohl­stand ohne Wachstum?

Am letz­ten Sonn­tag konn­ten die Schwei­zer über eine Vor­lage der Volks­in­itia­tive für ein Bau­ver­bot von Mina­ret­ten abstim­men. Im Vor­feld hatte man die­ser Initia­tive wenig Chan­cen ein­ge­räumt, jedoch wurde sie mit einer kla­ren Mehr­heit von 57.5% ange­nom­men (genaue Resul­tate in die­ser Tagesanzeiger-​​Grafik). Nur vier Kan­tone stimm­ten dage­gen, alle übri­gen dafür.


Pla­kat­mo­tiv der Mina­rett­geg­ner

Es ist ein schwar­zer Tag für alle Men­schen, die sich für eine welt­of­fene und libe­rale Schweiz ein­set­zen. Und die rechts­po­pu­lis­ti­sche Par­tei SVP froh­lockt, konnte sie nach den vie­len ver­lo­re­nen Abstim­mun­gen der letz­ten Jahre (Per­so­nen­frei­zü­gig­keit, Schen­gen) doch end­lich wie­der einen kla­ren Sieg ver­bu­chen. Die Fol­gen die­ser Abstim­mung sind schwer abzu­schät­zen, jedoch wird der Ruf der Schweiz im Aus­land dadurch nicht gerade ver­bes­sert werden.

Wenn man sich den Ursa­chen zuwen­det, steht da an ers­ter Stelle eine große Ver­un­si­che­rung. Es ist nicht unbe­dingt Frem­den­feind­lich­keit, aber das Gefühl, dass zu wenig getan wird gegen die nega­ti­ven Aus­wüchse des Islam, gegen Kopf­tü­cher, Scha­ria und Zwangs­ehen. Die Mina­rette sind ein Sym­bol, ihr Ver­bot wird jene weni­gen extre­men isla­mis­ti­schen Grup­pie­run­gen nicht tref­fen, son­dern ihre Wut auf den Wes­ten noch wei­ter anfa­chen. Es trifft die große Mehr­heit der fried­lie­ben­den Mus­lime, die sich durch das Ver­bot in ihrer Reli­gi­ons­aus­übung bedroht sehen könn­ten. Denn wenn jetzt die Mina­rette ver­bo­ten wer­den, was folgt dann als nächstes?

Einen klei­nen Vor­ge­schmack bie­tet die Stel­lung­nahme der Mina­rett­geg­ner zum Aus­gang der Volks­ab­stim­mung. Einige Pro­fes­so­ren hat­ten es im Vor­feld gewagt, eine Klage beim Euro­päi­schen Gerichts­hof zu erwä­gen, um die Umset­zung der Vor­lage in die Schwei­zer Ver­fas­sung zu verhindern.

Das Ja des Schwei­zer Sou­ve­räns – unse­rer obers­ten poli­ti­schen Instanz – zum Mina­rett­ver­bot ist jetzt buch­sta­ben­ge­treu umzu­set­zen. Im Abstim­mungs­kampf laut gewor­dene pro­fes­so­rale Ideen, die Umset­zung via Klage beim Euro­päi­schen Gerichts­hof zu unter­lau­fen, sind inak­zep­ta­bel, bre­chen Ver­fas­sungs­recht. Im öffent­li­chen Dienst ste­hende Jus­tiz­funk­tio­näre, wel­che sich der Umset­zung des vom Sou­ve­rän geäus­ser­ten Wil­lens wider­set­zen, müs­sen ent­las­sen werden.

Quelle: Volks­in­itia­tive Gegen den Bau von Mina­ret­ten, Stel­lung­nahme vom 29.11.2009

Wer eine andere Mei­nung hat und gefähr­lich wer­den kann — dem win­ken Dro­hun­gen und Repres­sa­lien. Wahr­schein­lich wer­den sich irgend­wann alle Intel­lek­tu­el­len auf den Fel­dern bewäh­ren müssen.

Auf jeden Fall kommt jetzt Bewe­gung in die­ses manch­mal so träge Land. Der freie Autor Charles Lewinsky emp­fiehlt in einem Tagesanzeiger-​​Essay, mit glei­chen Mit­teln zurück­zu­schla­gen und mit Zuspit­zun­gen die Luft­ho­heit in der Debatte zu errin­gen. Denn mit gerümpf­ter Nase schwei­gend dabei zu ste­hen — davon ändert sich nichts. Wir müs­sen uns also üben im Pola­ri­sie­ren und Pole­mi­sie­ren, das ein­fa­che Argu­ment schlägt stets das dif­fe­ren­zierte, richtige.

Einen ande­ren Aspekt betont ein jüngst ver­öf­fent­lich­ter ZEIT-​​Artikel, der die Frage stellt, ob direkte Demo­kra­tie auf Bun­des­ebene über­haupt noch zeit­ge­mäß sei. Bezo­gen auf den Minarett-​​Entscheid kri­ti­siert er, dass Volks­ab­stim­mun­gen bei kom­ple­xen Sach­ver­hal­ten eine fal­sche Flucht zu ein­fa­chen Ant­wor­ten in schwie­ri­gen Zei­ten darstellten.

Die Idee der direk­ten Demo­kra­tie steht jedoch nicht nur von innen unter Druck, durch die neue Beweg­lich­keit des reprä­sen­ta­ti­ven Sys­tems, son­dern auch von außen: durch die Glo­ba­li­sie­rung. Eben weil das Prin­zip des Ple­bis­zi­tä­ren von der unmit­tel­ba­ren Rück­kopp­lung an den ein­zel­nen Bür­ger lebt, ist es von Pro­ble­men, die nicht nur eine Stadt oder ein Bun­des­land betref­fen, ten­den­zi­ell über­for­dert. Je kom­pli­zier­ter die Abhän­gig­kei­ten über Gren­zen hin­weg gera­ten, je mehr Akteure das inter­na­tio­nale Han­deln bestim­men, desto sel­te­ner wer­den die Fra­gen, die sich mit dem Rücken zur Welt, in klei­nen Ein­hei­ten ent­schei­den lassen.

Auch das erle­ben die Schwei­zer gerade: Ihr Mehr­heits­vo­tum gegen Mina­rette lässt sich ja nicht nur als anti­is­la­mi­scher Affekt lesen, son­dern auch als Über­druss an der Glo­ba­li­sie­rung. Als Aus­druck einer ver­brei­te­ten Sehn­sucht, sich abzu­kop­peln von den Anstren­gun­gen des eth­ni­schen, sozia­len und reli­giö­sen Durch­ein­an­ders, sich zurück­zu­zie­hen in über­schau­bare Ver­hält­nisse. Die­sem iso­la­tio­nis­ti­schen Impuls ent­spricht die Zuflucht zum Ple­bis­zit. Es sug­ge­riert klare Ent­schei­dun­gen in unüber­sicht­li­chen Zei­ten. Das aber ist eine Täu­schung. Es gibt kei­nen Aus­stieg aus der Glo­ba­li­sie­rung. Nichts zeigt das deut­li­cher als der Umstand, dass das Schwei­zer Mina­rett­ver­bot dem­nächst wohl von einer äuße­ren Instanz, vom Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rechte, über­prüft – und kas­siert wer­den dürfte. Nicht ein­mal mehr die Alpen bie­ten Schutz vor der Welt.

Quelle: DIE ZEIT, Vol­kes wahre Stimme

Wenn ihr, so wie ich, im Aus­land lebende Deut­sche seid, soll­tet ihr dem­nächst euren Wahl­schein bean­tra­gen. Der Stich­tag ist der 6. Sep­tem­ber, bis dahin muss der Antrag bei der Gemeinde ein­ge­hen, wo ihr zuletzt gewohnt habt. Vor­aus­set­zung ist natür­lich, dass ihr kei­nen Wohn­sitz mehr in Deutsch­land habt, sonst gehen die Wahl­un­ter­la­gen ohne­hin an diese Adresse.

Den not­wen­di­gen Antrag gibt es auf der Seite des Bun­des­wahl­lei­ters, genauer auf der Seite Aus­füll­hin­weise und Antrag für Aus­lands­deut­sche. Also ein­fach aus­fül­len und zur Gemein­de­ver­wal­tung schicken.

Diese Pro­ze­dur mag etwas kom­pli­ziert klin­gen, aber es muss ja alles über­prüft wer­den, damit nie­mand seine Stimme dop­pelt abgibt. Die viel kom­pli­zier­tere Frage ist aber, wel­che Par­tei man wäh­len soll. Der Sach­zwang einer ekla­tan­ten Neu­ver­schul­dung zur Ret­tung insol­ven­ter Ban­ken lässt wenig Hand­lungs­spiel­raum für Poli­tik. Die Pro­file der Par­teien ähneln sich immer mehr, die Kanz­le­rin mei­det jeg­li­che Kon­fron­ta­tion und kon­krete Äuße­rung, die SPD liegt am Boden, die Grü­nen haben koali­ti­ons­tech­nisch wenig Chan­cen, die Linke kann ohne­hin nicht mit­re­gie­ren, die FDP träumt von der Macht in einer schwarz-​​gelben Koali­tion — es ent­wi­ckelt sich ein läh­men­des Viel­par­tei­en­sys­tem mit immer weni­ger schlag­kräf­ti­gen Koali­ti­ons­op­tio­nen. Der Sieg der CDU scheint schon fest­zu­ste­hen, stellt sich eigent­lich nur noch die Frage nach dem Juni­or­part­ner. Den­noch, eine hohe Wahl­be­tei­li­gung ist wich­tig, nutzt also euer Wahlrecht!

Viel stand heute auf dem Spiel. Es ging zwar nur um die Aus­deh­nung der Per­so­nen­frei­zü­gig­keit auf die neuen EU-​​Mitgliedsstaaten Bul­ga­rien und Rumä­nien, aber bei einer Ableh­nung hätte die EU den Groß­teil der bis­he­ri­gen Ver­träge gekün­digt. Dazu gehö­ren zum Bei­spiel das Schengen-​​Abkommen für erleich­ter­ten Grenz­ver­kehr, das Abkom­men zur Per­so­nen­frei­zü­gig­keit für erleich­terte Nie­der­las­sung und die Mit­wir­kung am EU-​​Forschungsprogramm. Bei einem „Nein” hät­ten sich also auch die Regeln für mich als Wahl­schwei­zer mit Deut­schem Pass geändert.

Im Vor­feld hat­ten die Geg­ner, im Wesent­li­chen die Schwei­zer Volks­par­tei (SVP), mit einer kon­tro­vers dis­ku­tier­ten Raben-​​Kampagne vor den Gefah­ren gewarnt. Mehr Zuwan­de­rung, weni­ger Arbeits­plätze für Schwei­zer, Über­frem­dung — mit die­sen Argu­men­ten ver­suchte die SVP auch schon bei frü­he­ren Abstim­mun­gen zu trump­fen. Auf der Befür­wor­ter­seite ver­sam­mel­ten sich ein Groß­teil der Schwei­zer Par­teien, Wirt­schafts­ver­bände und Wis­sen­schaft­ler. Sie mal­ten mit einem abge­stor­be­nen Baum die Zukunft in düs­te­ren Far­ben, sollte sich die Schweiz gegen die Vor­lage ent­schei­den. Mehr zu den Kam­pa­gnen und pola­ri­sie­rende Leser­kom­men­tare ste­hen in die­sem Arti­kel des Tages­an­zei­gers.

Aber unab­hän­gig vom posi­ti­ven Ergeb­nis der Abstim­mung bleibt die Schweiz beim Thema EU gelähmt, da sie jeden Schritt zur Abstim­mung gibt und damit das EU-​​Regelwerk schritt­weise nach­voll­zieht, immer mit der Gefahr, dass bei einem „Nein” alles Erreichte in Frage gestellt wird. Ein Bei­tritt mit allen Vor– und Nach­tei­len wäre kon­se­quen­ter, dann könnte die Schweiz näm­lich euro­päi­sche Poli­tik mit­ge­stal­ten, anstatt sich der Illu­sion der Auto­no­mie hinzugeben.

Der öster­rei­chi­sche Fil­me­ma­cher Erwin Wagen­ho­fer wagte sich in sei­nem neu­es­ten Film Let’s Make Money an ein Thema, das durch die Finanz­krise eine unge­heure Aktua­li­tät hat: Wie arbei­tet Geld und wohin fließt es? Nach­dem er sich in We Feed the World (2007) mit den Absur­di­tä­ten der Nah­rungs­mit­tel­er­zeu­gung und –ver­tei­lung beschäf­tigte, hat er nun mit dem glo­ba­len Finanz­sys­tem ein weit­aus kom­ple­xe­res Thema ange­packt. Im Gegen­satz zum zur­zeit viel­leicht bekann­tes­ten Doku­men­tar­fil­mer Michael Moore hält er sich kom­plett aus sei­nem Fil­men her­aus und somit an die klas­si­sche Lehre des Doku­men­tar­fil­mens. Damit erreicht er zwar kein Mil­lio­nen­pu­bli­kum wie Moo­res Filme, aber eine höhere Glaubwürdigkeit.

Printing Money

Ich finde die­sen Film abso­lut sehens­wert und kann ihm jeden ans Herz legen. In Zürich läuft er der­zeit im Arthouse Alba. Auf der gut gemach­ten Film­seite könnt ihr auch einen Trai­ler anschauen, der die wich­tigs­ten The­men anreißt.

Ver­ant­wor­tung

Für mich ist eine zen­trale Frage des Films die nach der Ver­ant­wor­tung für die bekann­ten unmensch­li­chen Arbeits­be­din­gun­gen und Umwelt­zer­stö­run­gen in Län­dern wie Indien und China. So rich­tig mag die Ver­ant­wor­tung kei­ner über­neh­men. Die Fertigungs-​​Manager vor Ort sind durch Wett­be­wer­ber und ihre Inves­to­ren gezwun­gen, die nied­ri­gen Löhne zu zah­len und die schlud­rige Umwelt­ge­setz­ge­bung aus­zu­nut­zen. Die Inves­to­ren, im Film wird ein Fonds­ma­na­ger für Emer­ging Mar­kets inter­viewt, leh­nen die Ver­ant­wor­tung ebenso ab. Sie bekä­men schließ­lich Kapi­tal, um es gewinn­brin­gend ein­zu­set­zen. Der nächste Schritt sind die Eig­ner des Fonds, also zum Bei­spiel Ren­ten­ver­si­che­run­gen oder auch Pri­vat­per­so­nen. Und die legen ja nur Geld an und las­sen es arbei­ten, womit die Ver­ant­wor­tung am Ende nir­gendwo hän­gen bleibt.

Mich erin­nert diese Frage an einen Vor­trag, den ich wäh­rend mei­nes Aus­lands­stu­di­ums an der Vir­gi­nia Tech in den USA hörte. Der Vor­tra­gende unter­schied den Bereich, in wel­chem unser Han­deln wirkt und den Bereich, für den wir uns ver­ant­wort­lich füh­len. His­to­risch gese­hen hatte per­sön­li­ches Han­deln nur lokale Aus­wir­kun­gen und man fühlte sich auch nur für das Wohl­er­ge­hen der unmit­tel­ba­ren Umge­bung ver­ant­wort­lich. Somit waren beide Berei­che aus­ge­gli­chen. Das Leben in unse­rer moder­nen Gesell­schaft hat jedoch glo­bale Aus­wir­kun­gen, das Ben­zin kommt aus Russ­land, das T-​​Shirt aus Indien, die Ste­reo­an­lage aus China, der Strom wird mit nige­ria­ni­schem Uran her­ge­stellt, mein Ren­ten­fonds inves­tiert in Schwel­len­län­der. Die Schluss­fol­ge­rung dar­aus wäre nun, dass damit auch unser Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein glo­bal sein müsste, um mit den Aus­wir­kun­gen unse­res Han­delns Schritt zu hal­ten. Prin­zi­pi­ell gibt es nun zwei Mög­lich­kei­ten, wie man beide Berei­che in Ein­klang brin­gen kann. Zum einen sollte man den Bereich ver­klei­nern, in dem sein Han­deln wirkt. Die Extrem­form davon wäre ein Bauer, der sich kom­plett selbst ver­sorgt. Etwas mil­der aus­ge­drückt kann man ver­su­chen, nur regio­nale Waren ein­zu­kau­fen und seine Auto­fahr­ten und Flug­rei­sen ein­zu­schrän­ken. Zusätz­lich kann man auch sein Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein aus­deh­nen und inter­na­tio­nal tätige Orga­ni­sa­tio­nen unter­stüt­zen. Ich fand die­ses Modell sehr intui­tiv und nütz­lich, mei­nen eige­nen Kom­pro­miss zu finden.

Irak-​​Krieg

Eine sehr auf­schluss­rei­che Erklä­rung der bei­den ame­ri­ka­ni­schen Kriege im Irak lie­fert John Per­kins, der sich als Eco­no­mic Hit Man bezeich­net (Wirt­schafts­kil­ler). Seine Auf­gabe war die Ein­fluss­nahme auf Ent­wick­lungs­län­der, um ame­ri­ka­ni­sche Inter­es­sen durchzusetzen.

Die dabei ange­wandte Metho­dik bezeich­net er im Film selbst als mafiös. Dem betref­fen­den Land wird mit Hilfe der ame­ri­ka­nisch domi­nier­ten Welt­bank ein groß­zü­gi­ger Kre­dit gewährt. Die Mit­tel wer­den für Indus­trie– oder Infra­struk­tur­pro­jekte ein­ge­setzt, bei denen bevor­zugt ame­ri­ka­ni­sche Fir­men zum Zug kom­men. Das Geld ver­lässt also die USA gar nicht, son­dern bleibt im Land. Von die­sen „Ent­wick­lungs­pro­jek­ten” pro­fi­tiert nur eine kleine Min­der­heit im auf­stre­ben­den Land, die Zin­sen für den Kre­dit dür­fen dann aber alle beglei­chen. Meist gerät das Land dann auch in Zah­lungs­not und muss sich ander­wei­tig erkennt­lich zei­gen, bei UN-​​Abstimmungen oder dem Bau von Mili­tär­stütz­punk­ten. Falls das Land jedoch nicht die groß­zü­gige Ent­wick­lungs­hilfe in Form von Kre­di­ten annimmt, folgt die zweite Eska­la­ti­ons­stufe. Durch ein­ge­schleuste Agen­ten wird ver­sucht, den Macht­ha­ber abzu­lö­sen oder gar umzu­brin­gen. Wenn selbst das nicht den gewünsch­ten Erfolg bringt, mar­schiert das Mili­tär ein.

The World Bank Group

Im Falle des Irak sah sich Ame­rika noch in einem wei­te­ren Punkt bedroht – die glo­bale Vor­macht­stel­lung des Dol­lar basiert auf des­sen Bin­dung ans Erdöl. Genauer gesagt wird sämt­li­ches Erdöl nur gegen Dol­lar ver­kauft. Laut John Per­kins hatte sich Sad­dam Hus­sein zum einen sper­rig bei der Ent­wick­lungs­hilfe gezeigt (ers­ter Irak­krieg) und zudem kurz vor dem zwei­ten Irak­krieg damit gedroht, Erdöl auch in ande­ren Wäh­run­gen zu verkaufen.

Ich möchte anmer­ken, dass ich den Wahr­heits­ge­halt die­ser Anschul­di­gun­gen nicht über­prü­fen kann. Es ist die Dar­stel­lung eines Ein­zel­nen, wel­che auch durch Eigen­in­ter­es­sen wie höhere Buchs­ver­kaufs­zah­len geprägt sein kann. Den­noch wirft diese Dar­stel­lung ein inter­es­san­tes Licht und erklärt sehr gut den plötz­li­chen Drang Ame­ri­kas zur mili­tä­ri­schen Inter­ven­tion sowie die wenig über­zeu­gende und has­tig vor­ge­brachte Begrün­dung (Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen bedro­hen den Weltfrieden).

Spa­ni­sche Immobilienblase

Das dritte Thema, wel­ches ich an die­ser Stelle her­aus­grei­fen möchte, ist die spa­ni­sche Immo­bi­li­en­blase. Durch den stei­gen­den Wert von Immo­bi­lien, spe­zi­ell in Mee­res­nähe, kauf­ten zahl­rei­che Inves­to­ren Feri­en­woh­nun­gen. Dadurch stie­gen diese im Wert und die Blase blähte sich auf. Das Resul­tat sind hun­dert­tau­sende leer ste­hende Feri­en­woh­nun­gen und –häu­ser an der somit weit­ge­hend zube­to­nier­ten spa­ni­schen Mee­res­küste. Die spa­ni­schen Bau­fir­men konn­ten von die­sem Boom jah­re­lang pro­fi­tie­ren, jetzt ste­hen viele vor dem Aus. Ganz zu schwei­gen von den vie­len Pri­vat­an­le­gern, die sich ver­schul­de­ten, um sich eine sicher im Wert stei­gende Immo­bi­lie zu kaufen.

Kapi­tal­flucht und Steueroasen

Als Wahl­schwei­zer lebe ich in einem Land, des­sen Bank­ge­heim­nis welt­be­kannt ist. Kon­kret bedeu­tet dies, dass die Ban­ken Kun­den­da­ten nur bei Ver­dacht auf eine schwer­wie­gen­den Straf­tat her­aus­ge­ben. Jedoch zählt die Steu­er­hin­ter­zie­hung (Nicht­an­gabe von Ver­mö­gens­wer­ten und damit Zins­er­trä­gen) nicht dazu, so dass die Schweiz in die­sem Fall keine Rechts­hilfe leistet.

Ähnli­che Bestim­mun­gen haben noch viele wei­tere euro­päi­sche Staa­ten, der Film stat­tet der Kanal­in­sel Jer­sey einen Besuch ab. Somit ist es rela­tiv leicht, große Ver­mö­gen „arbei­ten zu las­sen” und die Ein­künfte steu­er­frei zu bezie­hen. Im Film wird geschätzt, dass bei nor­ma­ler Ver­steue­rung welt­weit jähr­lich 240 Mil­li­ar­den USD Steu­ern aus Kapi­tal­ein­künf­ten mehr zur Ver­fü­gung ste­hen könn­ten. Betrof­fen sind aber nicht nur die Indus­trie­na­tio­nen, son­dern auch viele Ent­wick­lungs­län­der, deren Eli­ten ihre Ver­mö­gen eben­falls ohne läs­tige Besteue­rung anlegen.

Ich kann aus die­ser Per­spek­tive das Behar­ren auf dem Schwei­zer Bank­ge­heim­nis nicht gutheißen.

Fazit

Der Film hat mir vor Augen geführt, zu wel­chen Exzes­sen unser Wirt­schafts­sys­tem fähig ist. Der Wohl­stand des Wes­tens basiert auf Aus­beu­tung und Umwelt­zer­stö­rung. Gewinne wer­den pri­va­ti­siert, Ver­luste ver­ge­sell­schaft­licht. Ich kann dies alles zwar nicht ändern, aber durch viele mei­ner Ent­schei­dun­gen beeinflussen.

Was kann man tun?

  1. Inves­tiere dein Geld in nach­hal­tige Anla­ge­for­men (siehe Geld­an­la­gen bei der Erklä­rung von Bern).
  2. Enga­giere dich in einer inter­na­tio­nal täti­gen Nicht-​​Regierungs-​​Organisation.
  3. Spende für eine inter­na­tio­nal tätige Nicht-​​Regierungs-​​Organisation.
  4. Kaufe regio­nale und sai­so­nale Lebensmittel.
  5. Mache Urlaub in der Nähe.
  6. Fahre mit dem Fahr­rad und öffent­li­chen Verkehrsmitteln.
  7. Ver­kaufe CDs mit Daten von Steu­er­flücht­lin­gen an deren Herkunftsland.