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Kategorie: politik

Die ZEIT beschäf­tigt sich in ihrer aktu­el­len Aus­gabe mit dem Thema Rechts­ex­tre­mis­mus in Deutsch­land. Im Unter­schied zum Links­ex­tre­mis­mus tei­len große Teile der Bevöl­ke­rung rechte Posi­tio­nen, wie eine Stu­die der Friedrich-​​Ebert-​​Stiftung her­aus­fand. Dadurch ergibt sich eine wesent­lich grö­ßere Bedro­hung des demo­kra­ti­schen Sys­tems. Der Nähr­bo­den für diese bedroh­li­che Ent­wick­lung ist die Angst vor dem wirt­schaft­li­chen Abstieg, die in gro­ßen Bevöl­ke­rungs­schich­ten um sich greift. Die Glo­ba­li­sie­rung und ein­ge­wan­derte Aus­län­der sind schnell als S&uum;ndenböcke aus­fin­dig gemacht, ein­fa­che Ant­wor­ten sug­ge­rie­ren einen Aus­weg aus der Misere. Der moderne Rechts­ex­tre­mis­mus setzt auf zwei Stra­te­gien, neben den bru­ta­len Überg­rif­fen auf Aus­län­der, Linke und Anders­den­kende ver­sucht man mit Unter­schrif­ten­ak­tio­nen gegen Sozi­al­ab­bau, Hüpf­bur­gen und Schü­ler­zei­tun­gen das Ver­trauen der Bevöl­ke­rung zu gewin­nen. Den Erfolg die­ser Dop­pel­stra­te­gie konnte man wohl am bes­ten 2004 in Sach­sen beob­ach­ten, als die NPD mit einem fast aus­schließ­lich auf Hartz IV–Pro­test aus­ge­rich­te­ten Wahl­kampf den Sprung ins Lan­des­par­la­ment schaffte.

Was tun? Als Ant­wort auf diese drän­gende Frage hat die ZEIT das Inter­net­por­tal Netz gegen Nazis ins Leben geru­fen. Mit­i­nia­to­ren sind der deut­sche Feu­er­wehr­ber­band, die Bun­des­liga, der deut­sche olym­pi­sche Sport­bund, das ZDF und auch die Online-​​Plattformen mit der Endung vz (schü­lervz, studivz, meinvz). Es ist nicht die erste Aktion die­ser Art, aber durch die Ein­be­zie­hung viel­fäl­ti­ger Part­ner und die jour­na­lis­ti­sche Kom­pe­tenz der ZEIT könnte eine viel­ge­nutzte Rat­ge­ber­platt­form ent­ste­hen, eine Anlauf­stelle für alle, die mit Rechts­ex­tre­mis­mus kon­fron­tiert sind.

netz gegen nazis

Um in öffent­li­chen Dis­kus­sio­nen mit rech­ten Argu­men­ten mit­hal­ten zu kön­nen, emp­fiehlt sich eine Aus­ein­an­der­set­zung mit die­ser Ideo­lo­gie. Der ZEIT-​​Artikel Neue Hei­den hat das Land ana­ly­siert das rechte Welt­bild treffend:

Die­ses Fun­da­ment ist seit eh und je ein extre­mer Bio­lo­gis­mus, also die Ansicht, Men­schen seien von Natur aus ungleich und unter­teil­ten sich in höher– und min­der­wer­tige Wesen, in Her­ren und Knechte, Füh­rer und Geführte. Des­halb ver­ach­ten rechte Den­ker die Idee der Men­schen­rechte zutiefst. Dass jeder Mensch ein Recht dar­auf hat, Rechte zu haben, ist für sie ein töd­li­ches Gift im »Volks­kör­per«. Es lähme die natür­li­che Aus­lese von Star­ken und Schwa­chen und ver­hin­dere das Ent­ste­hen von Füh­rungs­eli­ten. Anders gesagt: Ohne Lebens­kampf ent­arte die Gesell­schaft, und plötz­lich gäben Para­si­ten und volks­fremde Ele­mente den Ton an. Nicht ein­mal große Kunst­werke bräch­ten diese Kre­tins zustande. Höchs­tens Kuckucks­uh­ren, wie die Schweizer.

Inter­es­sant für mich als Wahl­schwei­zer ist die Frage nach der hie­si­gen Situa­tion. Aber im Gegen­satz zu ande­ren euro­päi­schen Staa­ten gibt es in der Schweiz keine star­ken links– oder rechts­ex­tre­men Par­teien (siehe Schwei­zer Par­tei­en­land­schaft von 1993). Die am rech­ten Rand des Par­tei­en­spek­trums ste­hende SVP kann bes­ten­falls als rechts­po­pu­lis­tisch, nicht jedoch als rechts­ex­trem ein­ge­stuft wer­den. Sie bekennt sich zu christ­li­chen, demo­kra­ti­schen Wer­ten, was rechts­ex­treme Par­teien nicht tun. Auf den Sei­ten der deut­schen NPD konnte ich nichts der­ar­ti­ges fin­den, statt­des­sen zeigt sich unter Par­tei und Unter­glie­de­run­gen eine Karte von Deutsch­land, eben­falls ein­ge­zeich­net sind die 1945 an Polen und Tsche­chien abge­tre­te­nen Ost­ge­biete und Öster­reich, anschei­nend sol­len dort auch NPD-​​Ableger ent­ste­hen. Aber zurück zur Schwei­zer SVP. So wenig ich per­sön­lich die Asyl­miss­brauchs– und sons­ti­gen Kam­pa­gnen mag, sie erfül­len in der Par­tei­en­land­schaft die wich­tige Funk­tion, rechts von der SVP keine Par­teien mehr zuzu­las­sen. Denn es gibt da schon noch wel­che (z.B. die Par­tei Natio­nal Ori­en­tier­ter Schwei­zer, deren Par­tei­pro­gramm ist eine unge­wollt lus­tige Lek­türe), die aber weder regio­nal noch natio­nal eine Rolle spielen.

Somit unter­schei­det sich die Situa­tion in Deutsch­land und der Schweiz wesent­lich, was die Par­tei­en­land­schaft angeht. Aber auch in der Schweiz gibt es rechts­ex­treme Grup­pen und es kommt zu Überg­rif­fen. Im natio­na­len For­schungs­schwer­punkt zum Thema Rechts­ex­tre­mis­mus — Ursa­chen und Gegen­mass­nah­men (offi­zi­elle Web­seite) wur­den Jugend­li­che als Haupt­op­fer­gruppe rechts­ex­tre­mer Überg­riffe aus­ge­macht. Jeder 10. Jugend­li­cher würde wäh­rende sei­nes Her­an­wach­sens bedroht oder ange­grif­fen. Von daher ist die­ses Thema hier genau so aktu­ell wie in Deutsch­land, erhält jedoch auf­grund gerin­ge­rer Vor­falls­zah­len und der ande­ren Geschichte wesent­lich weni­ger öffent­li­che Wahrnehmung.

Es ist schon eine Weile her, dass ich Tho­mas Rosen­lö­cher (Wikipedia-​​Eintrag) bei uns in der Schule zum ers­ten Mal sah. Er saß vor der teil­weise ver­sam­mel­ten Schü­ler– und Leh­rer­schaft in der Aula und las aus einem sei­ner Bücher. Ich weiß gar nicht mehr, wel­ches es war, viel­leicht Ost­ge­ze­ter. Das könnte auch vom Erschei­nungs­jahr 1997 gut hin­kom­men. Ein bär­ti­ger, gut­mü­ti­ger, leicht kau­zi­ger Mann mit Brille — und ein Dresd­ner Schrift­stel­ler. Wenn ich ehr­lich bin, ist es der ein­zige noch lebende Dresd­ner Schrift­stel­ler, den ich kenne. So viele bekannte gibt es ja auch nicht.

Und natür­lich darf diese ursäch­si­sche Stimme nicht feh­len, wenn es um die geplante Wald­schlöss­chen­brü­cke geht. Sein in der ZEIT erschie­ne­ner Bei­trag „Ihr zer­sägt eure Enkel!” ist schön zum Lesen und spie­gelt die Mei­nung vie­ler besorg­ter Dresd­ner wie­der, lei­der aber nicht der abstim­mungs­be­rech­tig­ten und auto­fah­ren­den Mehr­heit. Und so wer­den jetzt jeden Tag Bäume gefällt und wei­tere Vor­be­rei­tungs­ar­bei­ten erle­digt. Der ein­zige Sil­ber­strei­fen am Hori­zont ist die gras­sie­rende Stahl­knapp­heit, aber auch die wird das Pro­jekt nicht auf ewig aufhalten.

In der letz­ten Woche fand ein Erd­be­ben auf poli­ti­scher Ebene statt. Der SVP-​​Bundesrat Chris­toph Blo­cher wurde vom Par­la­ment nicht wie­der­ge­wählt (was man durch­aus erwar­tet hatte), statt­des­sen machte seine SVP-​​Kollegin Eve­line Widmer-​​Schlumpf das Ren­nen. Ohne auf Details des Schwei­zer poli­ti­schen Sys­tems ein­ge­hen zu wol­len, möchte ich beto­nen, dass die­ser Vor­gang eine immense Ohr­feige für Chris­toph Blo­cher dar­stellt. Die Par­teien SP, Grüne und CVP hat­ten sich vor­her abge­spro­chen und ihn, den ewi­gen Scharf­ma­cher und Pola­ri­sie­rer, auf diese Weise um sei­nen Bundesrat-​​Sitz gebracht. Wäh­rend die Linke jubelt, schmollt die SVP und sieht sich als Opfer eines Kom­plotts. Sie sei nicht mehr Teil der Regie­rung (trotz zweier Bun­des­räte), son­dern Opposition.

Mit Weh­mut habe ich seit mei­nem Umzug nach Zürich das Drama um die Dresd­ner Wal­schlöß­chen­brü­cke ver­folgt. Beim Volks­ent­scheid wohnte ich noch in Dres­den, doch auch meine Gegen­stimme konnte den Ent­scheid für den Bau nicht ver­hin­dern. Seit­her ging der Streit durch viele Instan­zen, die Geg­ner (z.B. Grüne Liga) führ­ten zuletzt eine sel­tene Fle­der­maus­art ins Ren­nen, um den Bau auf­zu­hal­ten. Aber nun ist es wohl end­gül­tig ent­schie­den, die Brü­cke wird gebaut, die schö­nen ruhi­gen Elb­wie­sen an die­ser Stelle gehö­ren der Ver­gan­gen­heit an.

Rich­tig trau­rig machte mich jetzt ein ZEIT-​​Artikel zum Thema. In die­sem wur­den gra­vie­rende Män­gel, gar Mani­pu­la­tion bei der Her­bei­füh­rung die­ses Volks­ent­scheids fest­ge­stellt. Eine sinn­volle Alter­na­tive mit Tun­nel wurde nicht in den Ent­scheid ein­be­zo­gen, obwohl diese Vari­ante nicht teu­rer käme als die momu­men­tale Brü­cken­kon­struk­tion. So bestand also nur die Wahl zwi­schen Brü­cke und Nicht­brü­cke, mit dem bekann­ten Ausgang.

Ein Stück Hei­mat wird jetzt also ver­schan­delt, zube­to­niert und für immer ver­schwin­den, zum Wohle des Indi­vi­du­al­ver­kehrs. Gerade dort, zwi­schen dem Blauen Wun­der und der Innen­stadt war für mich immer das ruhige Herz Dres­dens, dort fehlt nichts, um einen Spruch der Brü­cken­geg­ner aufzugreifen.

Heute fin­det in der Schweiz die Wahl zum Natio­nal– und Stän­de­rat statt, es wer­den also beide Kam­mern auf vier Jahre gewählt. Gern wäre ich dabei, um meine Stimme abzu­ge­ben, aber irgend­wie haben die zustän­di­gen Behör­den mich ver­ges­sen zu infor­mie­ren. Um den­noch in irgend­ei­ner Weise mei­ner Mei­nung Aus­druck zu ver­lei­hen, habe ich vir­tu­ell gewählt. Genauer gesagt habe ich bei smart​vote​.ch extrem viele Fra­gen beant­wor­tet und eine Wahl­emp­feh­lung erhal­ten. Zu mei­ner Erleich­te­rung bin ich trotz des lan­gen Auf­ent­hal­tes im rei­chen Aus­land noch nicht ins rechte Lager gerutscht und mei­nen jugend­li­chen Idea­len treu. Auf den ers­ten Platz bei mir kam die SP, die Sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei, die in etwa mit der deut­schen SPD zu ver­glei­chen sind.

# Par­tei /​ Wahl­liste Überein­stim­mung
1. Sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei (SP) 77.5%
2. Grüne — Second@s /​ Migra­ti­ons­liste 75.6%
3. SP — JUSO (JungsozialistInnen) 74.7%
4. Grüne — Grüne 55+ 74.5%
5. Grüne — Junge Grüne 73.4%
6. Grüne 73.1%
7. Linke Alter­na­tive, AL — Alter­na­tive Liste 72.7%
8. Grüne — Grüne Unter­neh­me­rin­nen und Unternehmer 72.3%
9. Linke Alter­na­tive, JuLiA — Junge Linke Alternative 72.2%
10. CSP Zürich (Christlich-​​soziale Partei) 71.5%
11. Linke Alter­na­tive, Par­tei der Arbeit+ 71.4%
12. Huma­nis­ti­sche Partei 70.1%
13. Grün­li­be­rale (glp) 66.3%
14. Evan­ge­li­sche Volks­par­tei (EVP) 61.7%
15. CVP — Junge CVP (JCVP) 61.5%
16. Christ­lich­de­mo­kra­ti­sche Volks­par­tei (CVP) 60.7%
17. EVP — Pfar­rer Sie­ber und Junge (*jevp) 60.5%
18. FDP — Wir libe­ra­len Aus­land­schwei­ze­rin­nen und Auslandschweizer 49.9%
19. Freisinnig-​​Demokratische Par­tei (FDP) 46.3%
20. FDP — Jungfreisinnige 45.9%
21. Schwei­zer Demo­kra­ten (SD) 41.5%
22. Eidgenössisch-​​Demokratische Union (EDU) 39.6%
23. SVP — SVP International 39.5%
24. Freiheits-​​Partei /​ die Auto­par­tei (FPS/​AP) 36.5%
25. SVP — Junge SVP (JSVP) 35.3%
26. SVP — SVP Auto-​​Liste 33.2%
27. Schwei­ze­ri­sche Volks­par­tei (SVP) 27.2%

Jetzt vor den Wah­len kocht die Stim­mung natür­lich hoch. So gibt es meh­rere Gerüchte, nach denen Par­teien bestimmte Per­so­nen aus dem Bun­des­rat drän­gen wol­len. Der Bun­des­rat wird von der Bun­des­ver­samm­lung (Natio­nal– und Stän­de­rat) am Anfang der Legis­la­tur­pe­riode gewählt, alle gro­ßen Par­teien sind in die­sem über­par­tei­li­chen, exe­ku­ti­ven Gre­mium mit ein-​​zwei Leu­ten ver­tre­ten. Die SP mut­maßt nun, dass die SVP (Schwei­ze­ri­sche Volks­par­tei) eine rein bür­ger­li­che Regie­rung, also einen Bun­des­rat ohne SP plant (siehe campa07 Blog). Die SVP selbst hin­ge­gen weiß von einem Geheim­plan zur Abwahl von Bun­des­rat Chris­toph Blo­cher durch SP, Grüne und Teile von FDP und CVP. Aber am Ende wird wohl selbst die SVP am arith­me­ti­schen Prin­zip (Partei-​​Stimmanteil pro­por­tio­nal zur Anzahl der Bundesrat-​​Vertreter) nicht rüt­teln wol­len, Umfra­gen sagen ihr auch keine enor­men Zuge­winne voraus.

Nach­trag: Die SVP hat sich als stärkste Kraft im Natio­nal­rat behaup­ten kön­nen, die SP hat stark zu Guns­ten der Grü­nen ein­ge­büßt. Somit blei­ben die Kräf­te­ver­hält­nisse im Wesent­li­chen bestehen.