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mathias wellner

auf den spuren meiner selbst

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Kategorie: tagebuch

Der Zug wird rat­tern, ich schla­fen — hof­fent­lich. Zusam­men mit fünf ande­ren Leu­ten im Abteil lege ich die vie­len Kilo­me­ter zurück. Der Sams­tag ist schon ver­plant, Klet­tern bis zum Nach­mit­tag, dann winkt die Kul­tur. Freunde wie­der­se­hen, ver­traute Gesich­ter, aber noch war ich nicht allzu lange fort, noch bin ich ver­bun­den mit Dres­den. Ein Monat Zürich — was soll ich erzäh­len? Es lässt sich ohne­hin nicht in Worte fas­sen, wie ich auch damals nach dem Jahr in Ame­rika nicht so recht anzu­fan­gen wusste mit dem Erzäh­len, was ich erlebt hatte. Wie kann man diese andere Rea­li­tät auch beschreiben?

Im Grunde kann man nur die Umstände schil­dern, die Arbeits­be­din­gun­gen, all­ge­mein die Kol­le­gen und Haus­be­woh­ner. Aber schon hier stößt man an die Gren­zen, wie soll ich diese Men­schen beschrei­ben, die zu einem Teil mei­nes All­ta­ges gewor­den sind? Wie die­ses Lächeln, jenen Blick, die vie­len Gesprä­che mit die­sem Schwei­zer Akzent? Es fällt schwer, also ver­zeiht, wenn ich mich mit Andeu­tun­gen begnüge.

Es wird dau­ern, ehe ich Fuß gefasst habe, die vie­len Freund­schaf­ten, wel­che ich in Dres­den pflegte, waren eine ein­ma­lige Sache, die sich so schnell nicht wie­der­ho­len wird. Es ist so wenig Zeit an den Aben­den und so viel an den Wochen­en­den — eine selt­same Kom­bi­na­tion. Die Zeit streckt sich und dehnt sich — ganz nach Belie­ben. Der Zug ver­wan­delt Zeit in Stre­cke, viel­leicht kommt es mir des­halb immer so selt­sam vor, wenn er ste­hen bleibt. Die Glei­chung stimmt dann nicht mehr, es gibt einen Bruch in die­ser fort­wäh­ren­den Umwandlung.

Viel­leicht ist auch nicht die­ser Monat ent­schei­dend, son­dern die Aus­sicht dar­auf, wie ich in einem Jahr den­ken werde. Der eine Monat als Test­lauf für die große Stre­cke, mit eini­gen Start­hin­der­nis­sen zwar, aber doch schon auf der glei­chen Bahn, wie sie mich lange Zeit beglei­ten wird. Ich möchte die­ser Bahn nicht aus­ge­lie­fert sein, möchte abschwei­fen, sie ver­las­sen, andere Dinge ken­nen ler­nen. Abseits des täg­li­chen Krei­sels beginnt etwas ande­res, das nur aus einem selbst erwächst. Es sind diese Dinge, die man nicht machen müsste, für die man sich anstren­gen muss, immer wie­der motivieren.

Wie die­ses Web­log. Ich müsste es nicht schrei­ben. Ich könnte es ein­fach so las­sen, wie es vor die­sem Ein­trag war. Aber ich tue es nicht. Ich schreibe. Denke. Ich äußere mich, offen­bare einen Teil von mir und ihr lest das. Viel­leicht ant­wor­tet ihr, was ihr nicht tätet, wenn ich die­sen Ein­trag nicht geschrie­ben hätte. Über­haupt, warum schaut ihr die­ses Web­log an? Neu­gierde, Inter­esse, Sen­sa­ti­ons­lust… Eigent­lich weiß ich es nicht, kann nur spe­ku­lie­ren. Manch­mal habe ich das Gefühl, dass viele Leute mit­le­sen, ohne sich jedoch bemerk­bar zu machen. Nein, das ist kein Vor­wurf. Und eigent­lich sollte ich mich nicht dadurch beein­flus­sen las­sen, wie­viele Leute dies hier lesen könn­ten. Ich möchte schrei­ben, ein­fach so, ohne an Rezep­tion zu den­ken. Und das muss ich auch nicht. Denn die­ses Web­log ist nicht­kom­mer­zi­ell und unab­hän­gig. Obwohl, es hängt schon von eini­gen Din­gen ab, vor allem von mei­ner Moti­va­tion zu schrei­ben. Und von eini­gen tech­ni­schen Gege­ben­hei­ten. Aber ansons­ten ist es frei.

Im Gegen­satz zu Deutsch­land und den meis­ten ande­ren mir bekann­ten Län­dern gibt es hier in den USA keine Fei­er­tage zu Ostern. Ein­ge­bet­tet in zwei ganz nor­male Arbeits­wo­chen gibt es halt das Wochen­ende, wel­ches dann ent­spre­chend der Fami­li­en­tra­di­tion began­gen wird. Viele Men­schen zieht es in eine der zahl­rei­chen Kir­chen, angeb­lich sol­len bis zu 50 Pro­zent der US-​​amerikanischen Bevöl­ke­rung zu Ostern den Weg zum Got­tes­dienst fin­den. Der Oster­sonn­tag ist dann auch ent­spre­chend der Höhe­punkt aller Feierlichkeiten.

Um ca. 12 Uhr Mit­tag brachte mein Mit­be­woh­ner Rei­mund zwei kunst­voll bemalte Eier her­ein, die er vor unse­rer Tür gefun­den hatte. Eine nähere Inspek­tion ergab, dass es sich um echte Hüh­ner­eier han­delte, wel­che aus­ge­bla­sen, bemalt, mit Süß­wa­ren gefüllt und kunst­voll ver­packt wor­den waren. Ein Oster­gruß befand sich am Tat­ort, wobei beide Namen rich­tig geschrie­ben waren. Als ich um ca. 14 Uhr Orts­zeit zu Michael ging, um mich zum Ostereier-​​Suchen zu tref­fen, wurde mir klar, dass es sich nicht um einen Ein­zel­fall han­delte. An Michael’s Tür hin­gen zwei ähnlich gefer­tigte Eier, für ihn und seine Mit­be­woh­ne­rin Olyssa. Auch Simone, eine aus Bra­si­lien stam­mende Stu­den­tin, die sich zum Ostereier-​​Verstecken und –Suchen ein­ge­fun­den hatte, berich­tete von einem ähnli­chen Vor­fall. Die Unge­heu­er­lich­keit, Prä­zi­sion und Kunst­fer­tig­keit die­ser anschei­nend zusam­men­hän­gen­den Vor­fälle weckte unsere Neu­gier, so dass wir die nächste halbe Stunde eine Art Täter-​​Profil erstellten.

Die Per­son muss uns alle­samt ken­nen und dazu auch noch wis­sen, wo Simone wohnt. Denn bei der gro­ßen Anzahl Stu­den­ten­wohn­heime ist es nur mit dem erfor­der­li­chen Spe­zi­al­wis­sen mög­lich, ihre Tür zu fin­den. Des­wei­te­res deu­te­ten gewisse Hin­weise auf den Gruß-​​Zetteln auf eine weib­li­che Ame­ri­ka­ne­rin, da die Hand­schrift sehr ordent­lich und das Und-​​Zeichen in der ame­ri­ka­ni­schen Ver­sion aus­ge­führt war. Auch eine aus­ge­prägte Nei­gung zum Bas­teln, far­bi­gen Gestal­ten und Leute-​​Überraschen stell­ten wir als wesent­li­ches Charakter-​​Merkmal fest. Ver­schie­dene in Frage kom­mende Per­so­nen wer­den ohne Zwei­fel in nächs­ter Zeit anhand von Fin­ger­ab­drü­cken, DNA-​​Spuren oder ähnli­chen Merk­ma­len iden­ti­fi­ziert wer­den. Dann herrscht end­lich Gewiss­heit, wem diese unge­heu­er­li­che Tat zuzu­schrei­ben ist!

Nach der Erstel­lung des Täter-​​Profils mach­ten wir uns dann auf in Rich­tung Brown-​​Farm, wo wir der kin­di­schen und heid­ni­schen Tra­di­tion des Eier-​​Versteckens und –Wie­der­fin­dens frö­nen woll­ten. Jeder hatte einige Eier besorgt, die es zu ver­ste­cken galt. Wir wähl­ten unter­schied­li­che Gebiete und gras­ten sie dann gemein­sam ab (ohne den Ver­ste­cker). Ich hatte in mei­ner aus­ge­präg­ten Liebe zur Natur Öko-​​Eier besorgt, sechs davon gekocht und mit lus­ti­gen Gesich­tern bemalt. Ich wählte recht ein­fa­che Ver­ste­cke und war dann doch über­rascht, wie lange Mischa und Simone such­ten, bis alle sechs Eier gefun­den waren.

Mischas Ver­ste­cke waren eine Spur schwie­ri­ger, erst exten­sive Hin­weise brach­ten uns auf die Spur aller zehn gefüll­ten Schokoladen-​​Eier. Er hatte stel­len­weise Eier mit Laub zuge­deckt, in Höh­lun­gen mit Spä­nen zuge­deckt und sons­tige fiese Tricks gebraucht, um uns auf die Fol­ter zu span­nen. Naja, dafür schmeck­ten die — im Übri­gen äußerst unge­sun­den und Karies-​​fördernden — Eier dann ent­spre­chend gut.

Die Krö­nung waren dann Simo­nes 72 (!) mit Süß­wa­ren gefüllte Plastik-​​Eier. Recht viele konn­ten wir schnell fin­den, jedoch waren etli­che im Gras ver­steckt, was mich schon auf die Dauer etwas depri­miert hat. Man läuft Schritt für Schritt durchs Gras und fin­det dann doch nichts. Am Ende gaben wir dann auf, obwohl noch ca. 8 Eier nicht auf­ge­fun­den wor­den waren. Aber selbst Simone konnte sie nicht mehr fin­den, und die Zeit drängte.

Auf jeden Fall weiß ich jetzt, wie ich meine Kin­der spä­ter mal zur Ver­zweif­lung trei­ben kann!

Rei­munds Gast­el­tern luden mich freund­li­cher­weise zum Oster-​​Essen (eas­ter din­ner) ein. Im groß­zü­gig ange­leg­ten Haus der Groß­el­tern saßen wir am lan­gen Tisch und genos­sen Schin­ken mit Honig­kruste, Spar­gel, über­ba­ckene Kar­tof­fel­schei­ben, frisch geba­ckene Bröt­chen, Frucht­kom­pott und selbst­ge­ba­cke­nen Rhabarber-​​Kuchen mit Vanille-​​Eis. Die Leute waren alle total freund­lich und offen, bevor wir anfin­gen, wur­den wir alle gefragt, wie wir Ostern vor einem Jahr ver­bracht hät­ten. Die meis­ten waren in Blacks­burg gewe­sen, Rei­mund und ich bil­de­ten da die exo­ti­schen Aus­nah­men. Ich dachte ursprüng­lich, dass ich Ostern mit mei­ner Fami­lie (oder Tei­len davon) in Dres­den ver­bracht hätte, jedoch ergab eine Recher­che im Palm, dass ich zu die­ser Zeit in Süd­afrika war. Ent­we­der an der Wild Coast oder in den Dra­kens­ber­gen — da bin ich nicht hun­dert­pro­zen­tig sicher. Tja, ein Jahr. Und vie­les liegt zwi­schen die­sen bei­den Osterfesten…

Das Gespräch gestal­tete sich dann ganz lus­tig, was auch durch zwei Chi­ne­sen (ehe­ma­lige Gasteltern-​​Beziehung) ver­ur­sacht wurde. So konn­ten wir mun­ter aller­lei Aspekte ver­schie­de­ner Staats-​​Systeme ver­glei­chen. Wohl gefüllt ver­ließ ich dann spä­ter mit Rei­mund das Haus und kul­lerte heimwärts.

Gern würde ich jetzt erzäh­len, wie Ame­ri­ka­ner Weih­nach­ten ver­brin­gen, wel­che Tra­di­tio­nen und Bräu­che sich hier her­aus­ge­bil­det haben. Doch lei­der sind alle Leute, die wir ken­nen, von dan­nen gezo­gen. Blacks­burg ist momen­tan eine Geis­ter­stadt. Dazu passt auch der eisige Wind, der momen­tan durch die Stra­ßen weht. Ges­tern erzählte ich noch scherz­haft eini­gen Anru­fern, dass wir eine weiße Weih­nacht nur durch die höhere Tem­pe­ra­tur ver­pass­ten, sich infol­ge­des­sen Regen­schauer erga­ben. Doch heute, am Tag danach zie­hen die Aus­läu­fer eines Win­ter­sturms über uns hin­weg. Doch noch ist’s warm im Häuschen.

Hei­lig­abend ver­brachte ich mit Mischa nach allen Regeln der Kunst. Tan­nen­baum, Geschenke, Plätz­chen — wir füg­ten eigen­mäch­tig noch Weiß­wein, Kat­zen und selt­same Gesprä­che hinzu. Es war ein ganz beson­de­res Weih­nach­ten, anders und doch ein wenig an der Tra­di­tion ori­en­tiert. Durch einige Anrufe konnte ich auch die Ver­bin­dung zur Hei­mat herstellen.

Die viele Frei­zeit nutze ich dazu, ganz kon­zen­triert wenig Sinn­vol­les zu tun. Ich lese den Herrn der Ringe — in der Ori­gi­nal­ver­sion. Der Kino­be­such des zwei­ten Teils der Tri­lo­gie am letz­ten Sams­tag mit mei­ner Gast­fa­mi­lie war beein­dru­ckend und ver­lei­tete mich dazu, die­ses Unter­fan­gen zu begin­nen. Böse Mächte hal­ten mich gele­gent­lich davon ab, doch stets kehre ich wie­der auf den rech­ten Pfad zurück. Und wenn alles gut geht, kann ich diese Mis­sion erfül­len und der Ver­ant­wor­tung gerecht wer­den. Da fällt mir doch glatt ein, dass ich gerade auf dem Weg nach Isen­gard bin, um ein Schwätz­chen mit Saru­man zu hal­ten. Also, ver­zeiht bitte meine Eile, aber ich muss das Licht des Tages aus­nut­zen und wei­ter rei­ten, meine Gefähr­ten sind schon weit voraus…

Das Semes­ter ist zu Ende, heute habe ich den letz­ten Beweis her­aus­ge­fun­den. Mor­gen werde ich noch ein wenig am Gesamt­bild her­um­fei­len, doch die Furcht, eine Auf­gabe nicht lösen zu kön­nen, ist nun nicht mehr vor­han­den. Am Mitt­woch werde ich das Mach­werk dann abge­ben, der letzte Akt des Semes­ters. Danach fol­gen drei lange Wochen mit Weih­nach­ten, Syl­ves­ter und der­glei­chen. Die Vor­stel­lung, in die­ser Zeit hier in Blacks­burg fest­zu­ste­cken, ist nicht gerade erbau­lich. Ver­las­sene Stra­ßen, geschlos­sene Läden, Trost­lo­sig­keit — ohne Stu­den­ten geht in Blacks­burg nichts. Hof­fent­lich kön­nen wir ein bil­li­ges altes Auto krie­gen und uns gen Süden davonmachen.

Von Rei­mund stammte die Idee, im 30 Mei­len ent­fern­ten Floyd diese typisch ame­ri­ka­ni­schen Musik­art anzu­hö­ren. Die Wur­zeln hat Blue­grass in iri­scher Folk­lore, mit Streich­in­stru­men­ten wird lus­tig drauf los gefie­delt. Das Beson­dere war nun aber weni­ger die Musik an sich, als viel­mehr das Umfeld, in dem sie statt­fand. In einem lang­ge­streck­ten Laden waren etli­che Rei­hen mit Stüh­len auf­ge­baut. Gegen­über des Ein­las­ses befand sich die kleine Bühne, mit gro­ßer Tanz­flä­che davor. Und dort tanz­ten vor­ran­gig die Ansäs­si­gen mit ihren klap­pern­den Schu­hen. Es gab nur zwei Vari­an­ten, schnell zum Allein-​​Tanzen und etwas lang­sa­mer zum Paar­tanz. Die erste Gruppe hatte ihr regu­lä­res Pro­gramm gerade been­det und spielte noch aus gege­nem Anlass ein paar Weih­nachts­lie­der. Lus­ti­ger­weise frag­ten sie ins Publi­kum rein, ob sich zufäl­lig Deut­sche hier befän­den. Nach­dem wir uns gemel­det hat­ten, wur­den wir auch gleich nach vorn geru­fen, um „Stille Nacht” zu sin­gen. Nicht gerade mit Talent, aber dafür umso mehr Inbrunst ver­se­hen, schlu­gen wir uns dann auch recht wacker. Es war eine total lockere Stim­mung, aner­ken­nend nick­ten uns einige alte Leute zu. Mit zwei Leu­ten unter­hiel­ten wir uns dann aus­führ­li­cher. Der eine eigte uns dann auch den tra­di­tio­nel­len Tanz. War recht ein­fach, immer schön zum Takt wip­pen, zwei Takte auf dem lin­ken Bein, zwei auf dem rech­ten. Das nun über­flüs­sige Bein kann zum Stamp­fen und Step­pen ver­wen­det wer­den, der Ein­satz der Spe­zi­al­schuhe mit beweg­li­chen Tei­len sorgt für erheb­lich mehr Krach. Wir fan­den uns ziem­lich schnell da rein und tanz­ten rich­tig­ge­hend ab. In den Gesprä­chen zwi­schen­durch erfuh­ren wir, dass die Gegend in den Sech­zi­gern eine Hippie-​​Hochburg gewe­sen war, mit dem höchs­ten Pro-​​Kopf-​​Konsum an „pot”. Bei eini­gen der Anwe­sen­den deu­te­ten auch lange Haare und ein Alter um die Fünf­zig dezent in diese Rich­tung. Die jeden Frei­tag statt­fin­den­den Tanz­abende mit Live-​​Musik sind eine Wie­der­be­le­bung alter Tra­di­tio­nen und in ande­ren Gegen­den undenkbar.

Der Höhe­punkt des Abends war dann der Auf­tritt einer 97 Jahre alten Frau, die bis­lang nur im Roll­stuhl geses­sen hatte, nun aber mit Hilfe ihres grau­haa­ri­gen Soh­nes (?) das Tanz­bein schwang. Die Tanz­flä­che war aber nie so rich­tig leer, sobald es abnahm, stürm­ten einige Mutige wie­der auf die Flä­che, sie blie­ben nie allein. Das Publi­kum war denk­bar gemischt, von Kin­dern bis hin zur älte­ren und ältes­ten Gene­ra­tion waren alle Alters­schich­ten ver­tre­ten. Das ganze Dorf war ver­sam­melt und sogar einige Stu­den­ten neben uns hat­ten sich dort­hin verirrt.

An einem Sams­tag Abend lud uns Michael zu sich ein, es galt den Weih­nachts­baum zu schmü­cken. Kugeln und Ker­zen waren schon ange­bracht, es ging nun um lange Fäden, auf die Pop­corn und Prei­sel­bee­ren gefä­delt wur­den. Die Frage, ob dies lan­des­ty­pisch sei, konn­ten wir nicht end­gül­tig klä­ren. Es sah aber bes­ser aus als ich befürch­tet hatte. Die ent­stan­de­nen Ket­ten unter­schie­den sich im Wesent­li­chen durch die Grup­pie­rung von unför­mi­gen hel­len und run­den roten Ele­men­ten. Auf jeden Fall fädelt man ein Weil­chen dabei. Unsere harte Arbeit wurde durch Glüh­wein, Stol­len und Plätz­chen ver­süßt. Als Grund­ma­te­rial des Glüh­weins musste der bil­lige 5 Dollar-​​Wein her­hal­ten, in ihn schüt­tete Mischa große Men­gen brau­nen Zuckers, ein Gewürz­säck­chen mit Kor­ken hing er auch noch rein.

Tja, so wurde auch hier ein gro­ßes Maß an Weih­nachts­stim­mung mög­lich, was ich in die­ser Voll­kom­men­heit nicht erwar­tet hätte. Fehlt nur noch der Schwipp-​​Bogen zum abso­lu­ten Glück!

Eine wei­tere Woche ging ins Land der unbe­grenz­ten Kom­mer­zia­li­sie­rung. Ich frage mich immer, wohin die Zeit denn nun ging, da ich hier doch in weni­ger Sachen drin­hänge. Aber am Ende sind irgend­wie immer noch ein bis zwei blöde Haus­auf­ga­ben offen, die ich dann noch im Laufe der Woche schnell erle­di­gen muss.

Ein Schwer­punkt diese Woche war Vol­ley­ball, da am gest­ri­gen Sams­tag ein Tur­nier anstand. Um mich dar­auf opti­mal vor­zu­be­rei­ten und den Trai­nings­rück­stand auf­zu­ho­len, nahm ich an drei Trai­nings teil. War nicht schlecht, mal wie­der den Schweiß flie­ßen zu sehen und die­ses tolle Gefühl der Ermat­tung am Ende eines Tages zu spü­ren. Am Sams­tag lief’s dann bes­ser als beim letz­ten Mal, wir gewan­nen unser ers­tes Spiel! Die Freude war unbe­schreib­lich, es war ein wirk­lich schö­ner Augen­blick. Die Sport­halle war mal wie­der ein impo­san­ter Anblick, im Zen­trum die­ser mehr­stö­cki­gen Anlage befand sich eine rie­sige Klet­ter­wand. Wäh­rend einer Pause saß ich dort und schaute beim Essen lau­ter klei­nen Kin­dern zu, die sich am Kunst­fels pro­bier­ten. Bei mei­nen mit­ge­brach­ten Nah­rungs­mit­teln offen­barte sich mal wie­der der kul­tu­relle Unter­schied: Die Leute, wel­che auf ihren vor­wie­gend soeben bei Sub­way gekauf­ten Sand­wi­ches her­um­kau­ten, schau­ten mir befrem­det beim Ver­zehr von unge­koch­tem (!) Paprika zu. Der Kom­men­tar lief dann in Rich­tung „healthy food”, als wenn es etwas Beson­de­res wäre.

Heute am Sonn­tag war ich mal wie­der bei mei­nem Gast­va­ter, wir schau­ten uns den alten „Dune”-Film von David Lynch an. Es war der letzte auf ein Mas­sen­pu­bli­kum aus­ge­rich­tete Strei­fen von ihm, durch den Flop an den Kino­kas­sen wen­dete er sich end­gül­tig von die­ser Art Fil­men ab und drehte seit­her avant­gar­dis­ti­sche Strei­fen wie „Lost High­way” oder „Mul­hol­land Drive”. Es ist immer wie­der lus­tig, alte Science-​​Fiction-​​Filme zu sehen, mit ihren wit­zi­gen, klo­bi­gen Gerä­ten. War den­noch mal wie­der span­nend, beson­ders im Ver­gleich zum neue­ren drei­tei­li­gen Film, der an vie­len Stel­len gefäl­li­ger aus­fiel. Nach dem Film­ver­gnü­gen gab’s Chili mit Reis, echt lecker!

Und so sitze ich hier rum, fühle mich ziem­lich voll­ge­fres­sen und unmo­ti­viert, die bei­den Haus­auf­ga­ben zu been­den. Aber mor­gen ist auch noch ein Tag, und wenn ich ganz zei­tig auf­stehe, schaffe ich bestimmt — aber las­sen wir diese Spekulationen.

Der Theater-​​Verein wird nächs­tes Semes­ter das Musi­cal „Chi­cago” auf­füh­ren. Ich bin etwas ent­täuscht, dass nicht „Cabe­ret” das Ren­nen gemacht hat, es spielt näm­lich im Ber­lin der End­zwan­zi­ger, so dass eine gute Rolle bestimmt drin gewe­sen wäre. Doch mit der Wahl des ande­ren Stü­ckes werde ich mir das reif­lich überlegen.