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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

Archiv

Kategorie: tagebuch

Ein inten­si­ves Wochen­ende neigt sich dem Ende zu. Am Sams­tag bin ich umge­zo­gen, dank der tat­kräf­ti­gen Hilfe eini­ger Freunde konn­ten wir das Ganze in vier Stun­den durch­zie­hen, inklu­sive der Mon­tage zweier Klei­der­schränke. Und so sitze ich jetzt in einer pro­vi­so­risch ein­ge­rich­te­ten Woh­nung und brau­che noch viele Dinge zu mei­nem voll­stän­di­gen wohn­li­chen Glück. Als kleine Beloh­nung gönnte ich mir am Sams­tag Abend einen Thea­ter­be­such, im Pfauen sah ich eine groß­ar­tige Insze­nie­rung von Shake­speares Sturm. Mit nur drei Schau­spie­lern gelang der Regis­seu­ring Bar­bara Frey eine wit­zige und ori­gi­nelle Umset­zung. Und am heu­ti­gen Sonn­tag ließ ich mich noch zu einer Schnee­schuh­wan­de­rung auf den Mut­te­ristock hin­rei­ßen. Wir lie­fen größ­ten­teils durch Nebel und wur­den auf einer Höhe von etwas 2000 m durch blauen Him­mel und Son­nen­schein für unsere Stra­pa­zen belohnt. Ganz oben waren wir nicht, aber an die 1000 Höhen­me­ter ste­cken jetzt in mei­nen müden Beinen.

Selt­sam, im Nebel zu wandern

Woh­nun­gen sind rar in Zürich, offi­zi­ell gab es im Jahr 2011 nur 120 leer­ste­hende Woh­nun­gen (Leer­woh­nungs­zäh­lung). Und ich will gar nicht wis­sen, was das für Woh­nun­gen sind. Auf jeden Fall führt die­ser akute Man­gel zu Erschei­nun­gen, wie sie mir als ehe­ma­li­gem DDR-​​Bürger nur zu ver­traut sind.

Schlan­gen

Die offi­zi­ell aus­ge­schrie­be­nen Woh­nun­gen (z.B. auf home​gate​.ch) erfah­ren regen Zuspruch, nicht sel­ten tref­fen sich bis zu 50 Leute bei einer Besich­ti­gung. Dort füllt man dann ein Bewer­bungs­for­mu­lar aus, gibt also Kin­der, Arbeit­ge­ber, Jah­res­ein­kom­men, Musik­in­stru­mente, Grund für den Woh­nungs­wech­sel, Zivil­stand, Aus­län­der­aus­weis und Kon­takt­da­ten an. Zusätz­lich braucht man noch einen Aus­zug aus dem Betrei­bungs­re­gis­ter. Die­ser ist dann leer, wenn kei­ner­lei Zwangs­voll­stre­ckun­gen gegen einen laufen.

Bei der Woh­nungs­ver­wal­tung lan­den dann 50 Bewer­bun­gen und die gestresste Dame darf einen glück­li­chen Kan­di­da­ten aus­wäh­len. Die Kri­te­rien sind wahr­schein­lich Boni­tät und Bedürf­tig­keit. Bei gro­ßen Woh­nun­gen kön­nen auch mit­ge­brachte Kin­der das Züng­lein an der Waage sein.

Aber im Grunde weiß man es nicht. Es hängt total von der ent­schei­den­den Per­son ab, von deren Erfah­run­gen mit Inge­nieu­ren, Deut­schen, Eltern, Kla­vier­spie­lern. Der Ver­gleich mit der ost­deut­schen Schlange vor Geschäf­ten mit begehr­ten Arti­keln ist aber eigent­lich unpas­send, denn nur einer erhält die Woh­nung. Alle ande­ren gehen durch diese Pro­ze­dur und erhal­ten eine Absage oder hören gar nichts.

Vit­amin B

Genau wie in der DDR-​​Mangelwirtschaft spie­len per­sön­li­che Bezie­hun­gen die ent­schei­dende Rolle. Denn auch für die Anbie­ter von Woh­nun­gen ist der große Ansturm kein Ver­gnü­gen. Bes­ser ist es doch immer, man kennt jeman­den. Ein Groß­teil der Woh­nun­gen wird ver­mut­lich auf die­sem Weg vergeben.

Beloh­nung

Ein Kol­lege von mir nutzte eine andere Tak­tik. In der von ihm gewünsch­ten Gegend hing er Pla­kate auf und stellte eine Ver­mitt­lungs­prä­mie in Aus­sicht. So bekam er eine sehr schöne Woh­nung in zen­tra­ler und ruhi­ger Lage.

Per­sön­li­che Erfahrungen

Ich werde in Kürze meine dritte Woh­nung bezie­hen. Damit liegt meine Erfolgs­quote bei 75%, mit ins­ge­samt vier Besich­ti­gun­gen konnte ich drei Woh­nun­gen ergattern.

Die erste ver­mit­telte mir mein Vor­gän­ger am Lehr­stuhl. Er wollte damals nach Mün­chen zie­hen und brauchte einen Nach­mie­ter. Und so schlug er mir wäh­rend mei­ner Ein­ar­bei­tungs­wo­che vor, seine Woh­nung zu über­neh­men. Die Haus­warts­fa­mi­lie war ein­ver­stan­den und die erste Woh­nung im schö­nen Witi­kon war mein.

Als ich mich dann wegen des Berufs näher am Bahn­hof ansie­deln wollte, stieß ich auf die­ses homegate-​​Inserat einer 2er-​​WG in einer groß­zü­gi­gen 5-​​Raum-​​Wohnung. Ich schrieb zwei Emails, kam vor­bei und erhielt an Ort und Stelle die Zusage.

Für meine bal­dige Bleibe brauchte ich zwei Besich­ti­gun­gen, hatte aber noch vier wei­tere Ter­mine ver­ein­bart. Die zweite Besich­ti­gung kam durch einen Arbeits­kol­le­gen zustande, der von mei­nem Wunsch erfuhr und des­sen Vater gerade einen Mie­ter suchte. Ich rief an, war abends pünkt­lich zur Stelle und erschien mit Anzug, Kra­watte und Man­tel – nach fünf­zehn Minu­ten hielt er mir den Ver­trag hin. Die ande­ren Bewer­ber muss­ten drau­ßen war­ten und beka­men kur­zer­hand mit­ge­teilt, dass die Woh­nung bereits ver­ge­ben sei.

Tipps und Tricks

  • Pro­fes­sio­nel­les Auf­tre­ten, gepflegte Erscheinung
  • Antrag per­sön­lich bei Ver­wal­tung abgeben
  • Allen Leu­ten davon erzählen
  • Pünkt­lich zur Besich­ti­gung sein, mög­lichst sogar etwas eher
  • Plakate/​Zeitungsinserate mit Ver­mitt­lungs­prä­mie im Ziel­ge­biet platzieren

Es sah nicht gut aus an den Tagen vor Weih­nach­ten, das Ver­kehrs­chaos in Deutsch­land domi­nierte die Schlag­zei­len. Der Frank­fur­ter Flug­ha­fen musste an einem Tag alle Flüge absa­gen, die Deut­sche Bahn emp­fahl allen Rei­sen­den, lie­ber nicht zu rei­sen und auf den Auto­bah­nen sah es auch nicht gerade rosig aus. Aber die Bahn­ti­ckets waren gebucht, die Weih­nachts­tour geplant – nichts konnte mich aufhalten.

schneechaos

Schnee­chaos in Deutsch­land, selbst Kin­der hal­fen mit, die Autos freizuräumen.

Die nächt­li­che Fahrt von Ham­burg nach Bran­den­burg war die erste Prü­fung. Schnee­trei­ben auf der Auto­bahn, die Spu­ren kaum erkenn­bar, dich­ter Ver­kehr, wir fah­ren mit 50 km/​h, die Schei­ben­wi­scher rat­schen über die Wind­schutz­scheibe, Kon­zen­tra­tion, jeder Spur­wech­sel führt weg von den schnee­freien Fahr­spu­ren über einen rut­schi­gen Schnee­hü­gel, nie wie­der, Kon­zen­tra­tion, Schnee­trei­ben, wir fah­ren 70, immer­hin, es wird Mit­ter­nacht, die Auto­bahn zieht sich, warum fah­ren immer wir zur Fami­lie, Kon­zen­tra­tion, nicht müde wer­den, könnte man eigent­lich wirk­lich brem­sen jetzt, wenn es sein müsste? Dann Land­straße, ich hasse Bran­den­burg, abseits von allem, in einem die­ser lang­ge­zo­ge­nen Dör­fer steht plötz­lich ein Auto vor uns, Warn­blin­ker, nicht wei­ter­fah­ren, ein Last­wa­gen ist von der Straße gerutscht, es wird drau­ßen immer käl­ter und Glatt­eis plau­si­bel, wir dre­hen um, neh­men eine kleine Straße durch wei­tere Dör­fer, vor­sich­tig mit 50 fah­ren wir, ein­mal rutscht es, aber nur kurz, das Auto fängt sich wie­der, Kon­zen­tra­tion, immer wei­ter zu einer bes­se­ren Land­straße, wir nähern uns Bran­den­burg von Nor­den, die­ser Wald kommt mir bekannt vor, Kon­zen­tra­tion, abbie­gen, ankom­men, das war knapp, Mama war­tet auf uns, es ist zwei Uhr nachts, schlafen.

emdener haus

Gekipp­tes Archi­tek­tur­foto in Emden.

Fami­li­en­ge­sprä­che, stun­den­lang, eher Selbst­dar­stel­lung als Zuhö­ren, viel­leicht bin ich ein­fach nicht in der Stim­mung, aber ich bringe mich ein, selbst­dar­stel­le­risch kann ich auch, werfe Worte in den Raum, andere wer­fen andere Worte in den Raum, wir leben in ver­schie­de­nen Wel­ten, seit vie­len Jah­ren, die gemein­sa­men Jahre lie­gen lange zurück, es ist immer wie­der Arbeit, diese Neu­gierde auf­zu­brin­gen für das Leben der Ande­ren, selbst erzäh­len ist ein­fa­cher. Die Welt der Bran­den­bur­ger Chef­ärzte und Kran­ken­haus­af­fä­ren, die Welt von YFU und die­ser ande­ren Firma, gro­teske Cha­rak­tere und ergrei­fende Schick­sale neh­men kurz Gestalt an, bis es zum nächs­ten geht.

Grüne Klöße – der Inbe­griff von Weih­nachts­es­sen. Die Gans brau­che ich eigent­lich nicht, Klöße und Soße rei­chen aus. Viel­leicht noch etwas Rot­kraut als Farb­tup­fer. Die Klöße beste­hen aus gerie­be­nen und gekock­ten Kar­tof­feln. Es ist eine ganz spe­zi­elle Reibe, wel­che jedes Jahr zu Weih­nach­ten diese fei­nen Kar­tof­fel­fä­den her­vor­bringt, natür­lich von Hand betrie­ben. Und diese Fäden geben den Klö­ßen dann jene spe­zi­elle Kon­sis­tenz, die ich seit mei­ner Kind­heit mit Weih­nach­ten verbinde.

wunderkerze mit händen

Sil­ves­ter­stim­mung

Emden – nette Klein­stadt im abso­lu­ten Nord­wes­ten von Deutsch­land, etwas wei­ter nörd­lich liegt die Insel Nor­der­ney, wo unsere erste Manos-​​Klassenfahrt hin­ging. Es wird wär­mer, end­lich. Ich atme auf und genieße die Win­ter­sonne und das Wie­der­se­hen mit ande­ren Dresd­ner Freun­den. Ein ruhi­ges Sil­ves­ter, so rich­tig in Fei­er­laune ist kei­ner von uns. Der harte Kern von Emden – viel­leicht 40 Leute – ist mit uns am Hafen, Feu­er­werk gibt es trotz­dem reich­lich, so dass schon kurz nach Mit­ter­nacht ein Pul­ver­dampf über Emden liegt wie über den Fel­dern von Water­loo. Wir tra­gen nur mit ein paar Wun­der­ker­zen zur Luft­ver­schmut­zung bei.

weites land

Wei­tes Land bei Greet­siel am Neujahrstag

Der Rech­ner steht noch, fast alle übri­gen mobi­len Besitz­tü­mer sind ver­packt in Umzugs­kis­ten. Soeben war die Küche dran. In den letz­ten zwei Tagen habe ich einen Hass auf mei­nen Besitz ent­wi­ckelt, auf den jeder Kom­mu­nist stolz sein könnte. Denn mal ganz ehr­lich – wie viel von dem Kram in der eige­nen Woh­nung benö­tigt man wirk­lich? Das ist doch ein ver­schwin­dend gerin­ger Anteil, den Rest bil­den Erin­ne­rungs­stü­cke und über­flüs­sige Geschenke. Und all das musste ich jetzt ein­zeln anfas­sen und ver­pa­cken. Und in der neuen Woh­nung werde ich den gan­zen Plun­der wie­der aus­pa­cken, in mei­nen Schrän­ken ver­stauen und wei­ter­hin nur sehr sel­ten gebrauchen.

Besitz lähmt, er hängt wie ein Klotz am Bein. Nor­ma­ler­weise bemerkt man das nicht, nur beim Umzie­hen kriegt man ein Gefühl für das ganze Aus­maß des ange­häuf­ten Plun­ders. Man sollte öfter umzie­hen und mehr weg­schmei­ßen oder verschenken.


Bei der Dia­man­te­nen Hoch­zeit im August 2009
Du hattest ein langes Leben.
Geboren in der Weimarer Republik,
Angelockt vom Nationalsozialismus,
In russischer Kriegsgefangenschaft,
Fandest du deine Lebensaufgabe im Sozialismus,
Der gerechtesten Sache der Welt.
Und wurdest hineingeworfen in eine neue Zeit,
Du bliebst deiner Linie treu. 

Du hast gern gelacht, hattest Sinn für Humor.
Außer bei der Politik, da hörte der Spaß auf.
Deutschland am Hindukusch verteidigen,
Das hat dich aufgeregt.

Als Jagdpilot warst du mit deiner Messerschmitt
Eine tödliche Gefahr für die Spitfires und Hurricanes.
Du kamst an die Ostfront im Norden von Finnland,
Ein nächtlicher Angriff - die Ersatzmaschine
Wurde dir zum Verhängnis.

Notlandung, knapp mit dem Leben davongekommen,
Wolltest dich durchschlagen zu den Deutschen.
Ein Trupp Sowjets nahm dich gefangen,
Auch das Menschen.

Gefangenschaft, sie änderte alles.
Harte Arbeit, zwei Scheiben Brot pro Tag,
Mehr als die Leute ringsum,
Um dich starben die Leute an Durchfall,
Du hieltest durch, arrangiertest dich,
Verdientest Zigaretten mit Schach,
Lerntest ein bisschen Russisch.

Zurück in ein neues Deutschland,
Von dessen Boden nie wieder Krieg ausgehen sollte.
An einem FDJ-Tanzabend trafst du diese Frau,
Der Beginn von 60 Jahren Ehe.
Du studiertest mit 40 Politik,
Schriebst über die Strategie des Kapitalismus
Deine Diplomarbeit mit der Schreibmaschine.
Polit-Offizier an verschiedenen Orten,
Du warst zu geradlinig für einen hohen Posten,
So blieb es beim Oberst.

Als Jäger wurdest du zum Schrecken der Tiere,
Hirsche, Rehe, Böcke, Keiler, Bachen, Hasen, Füchse
Zitterten vor dir.
Die Trophäen schmückten ein Zimmer.
Im Pöllwitzer Wald warst du zu Hause,
Hast Leitern gebaut und Pilze gesammelt.
Im Wald bist du begraben.

Ruhe in Frieden.