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mathias wellner

klar träumen, klar denken

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Kategorie: tagebuch

Der Rech­ner steht noch, fast alle übri­gen mobi­len Besitz­tü­mer sind ver­packt in Umzugs­kis­ten. Soeben war die Küche dran. In den letz­ten zwei Tagen habe ich einen Hass auf mei­nen Besitz ent­wi­ckelt, auf den jeder Kom­mu­nist stolz sein könnte. Denn mal ganz ehr­lich – wie viel von dem Kram in der eige­nen Woh­nung benö­tigt man wirk­lich? Das ist doch ein ver­schwin­dend gerin­ger Anteil, den Rest bil­den Erin­ne­rungs­stü­cke und über­flüs­sige Geschenke. Und all das musste ich jetzt ein­zeln anfas­sen und ver­pa­cken. Und in der neuen Woh­nung werde ich den gan­zen Plun­der wie­der aus­pa­cken, in mei­nen Schrän­ken ver­stauen und wei­ter­hin nur sehr sel­ten gebrauchen.

Besitz lähmt, er hängt wie ein Klotz am Bein. Nor­ma­ler­weise bemerkt man das nicht, nur beim Umzie­hen kriegt man ein Gefühl für das ganze Aus­maß des ange­häuf­ten Plun­ders. Man sollte öfter umzie­hen und mehr weg­schmei­ßen oder verschenken.


Bei der Dia­man­te­nen Hoch­zeit im August 2009
Du hattest ein langes Leben.
Geboren in der Weimarer Republik,
Angelockt vom Nationalsozialismus,
In russischer Kriegsgefangenschaft,
Fandest du deine Lebensaufgabe im Sozialismus,
Der gerechtesten Sache der Welt.
Und wurdest hineingeworfen in eine neue Zeit,
Du bliebst deiner Linie treu. 

Du hast gern gelacht, hattest Sinn für Humor.
Außer bei der Politik, da hörte der Spaß auf.
Deutschland am Hindukusch verteidigen,
Das hat dich aufgeregt.

Als Jagdpilot warst du mit deiner Messerschmitt
Eine tödliche Gefahr für die Spitfires und Hurricanes.
Du kamst an die Ostfront im Norden von Finnland,
Ein nächtlicher Angriff - die Ersatzmaschine
Wurde dir zum Verhängnis.

Notlandung, knapp mit dem Leben davongekommen,
Wolltest dich durchschlagen zu den Deutschen.
Ein Trupp Sowjets nahm dich gefangen,
Auch das Menschen.

Gefangenschaft, sie änderte alles.
Harte Arbeit, zwei Scheiben Brot pro Tag,
Mehr als die Leute ringsum,
Um dich starben die Leute an Durchfall,
Du hieltest durch, arrangiertest dich,
Verdientest Zigaretten mit Schach,
Lerntest ein bisschen Russisch.

Zurück in ein neues Deutschland,
Von dessen Boden nie wieder Krieg ausgehen sollte.
An einem FDJ-Tanzabend trafst du diese Frau,
Der Beginn von 60 Jahren Ehe.
Du studiertest mit 40 Politik,
Schriebst über die Strategie des Kapitalismus
Deine Diplomarbeit mit der Schreibmaschine.
Polit-Offizier an verschiedenen Orten,
Du warst zu geradlinig für einen hohen Posten,
So blieb es beim Oberst.

Als Jäger wurdest du zum Schrecken der Tiere,
Hirsche, Rehe, Böcke, Keiler, Bachen, Hasen, Füchse
Zitterten vor dir.
Die Trophäen schmückten ein Zimmer.
Im Pöllwitzer Wald warst du zu Hause,
Hast Leitern gebaut und Pilze gesammelt.
Im Wald bist du begraben.

Ruhe in Frieden.

Der Gang zum RAV

Ein schwie­ri­ger Gang war das Ende Sep­tem­ber — zur regio­na­len Arbeits­ver­mitt­lung. Meine bis­he­ri­gen Stel­len­be­mü­hun­gen hat­ten nicht gefruch­tet, ich sah mich vor einer unge­wis­sen Zukunft. Also mel­dete ich mich an, meine Per­so­na­lien wur­den auf­ge­nom­men, meine Bewer­bungs­un­ter­la­gen kopiert und für den nächs­ten Tag ein Ter­min mit mei­ner per­sön­li­chen Bera­te­rin orga­ni­siert. Mein Selbst­wert­ge­fühl war am Boden, der gerade erfolg­reich erwor­bene Dok­tor­ti­tel schien mir in der freien Wirt­schaft nicht viel wert. Über­qua­li­fi­ziert, ohne echte Berufs­er­fah­rung, Wirt­schafts­krise — das roch nach schlech­ten Aussichten.

Das Gespräch mit mei­ner per­sön­li­chen Bera­te­rin war eben­falls nicht gerade dazu geeig­net, meine Stim­mung zu ver­bes­sern. Ich hätte seit der Dok­tor­prü­fung 10–12 Arbeits­be­mü­hun­gen pro Monat vor­wei­sen müs­sen, also ins­ge­samt 25. Die hatte ich nicht, damit stand mir schon zu Beginn erst ein­mal eine Kür­zung mei­ner Bezüge bevor. Außer­dem erfuhr ich, dass zwei Stun­den Arbeits­weg — in eine Rich­tung wohl­ge­merkt — zumut­bar seien. Und ich solle es doch auch von Anfang an in Süd­deutsch­land pro­bie­ren, da hätte ich den Landsmann-​​Bonus. Und ob ich nicht noch einen Bewer­bungs­kurs besu­chen möchte? Meine Begeis­te­rung hielt sich in Gren­zen, aber ich machte gute Miene zum bösen Spiel und erklärte mich dazu bereit.

Bewer­bungs­kurs

Der Bewer­bungs­kurs war dann eine echte Berei­che­rung mei­nes tris­ten Daseins als Stel­len­su­chen­der. Die Kurs­lei­te­rin war extrem kom­pe­tent und packte auch sen­si­ble The­men gut an. An den Aben­den bas­telte ich stun­den­lang mit InDe­sign an mei­nen Unter­la­gen, am Ende erstrahl­ten Lebens­lauf und Kom­pe­tenz­pro­fil im moder­nen, gut struk­tu­rier­ten Lay­out. Und die ande­ren Teil­neh­mer waren auch sehr inter­es­sante Men­schen mit ihren eige­nen span­nen­den Geschich­ten. Es war also gar nicht so schlimm, wie ich anfangs befürch­tet hatte.

Aber durch den Kurs bin ich jetzt auch wie­der auf dem neu­es­ten Stand in Sachen Bewer­bung. Ob Bewer­bungs­un­ter­la­gen, Anschrei­ben, Stellen-​​Plattformen, Initia­tiv­be­wer­bung, Vor­stel­lungs­ge­spräch — ich weiß Bescheid.

Die erste kom­plette Arbeits­wo­che im neuen Jahr ist vor­über. Mit Schwung habe ich auch viele neue Dinge begon­nen und einige alte abge­schlos­sen. Wir hat­ten die erste aki­tiv–Thea­ter­probe des neuen Jah­res und an die­sem Tag auch den Rück­zug eines Schau­spie­lers zu bekla­gen. Ich brau­che ein Rol­len­pro­fil, einen Lebens­lauf, eine genaue Vor­stel­lung, wie die­ser Staats­an­walt tickt. Die neue AVETH–News ver­langte eini­ges an Zeit zum Arti­kel­schrei­ben und Kor­rek­tur­le­sen. Da kommt in den nächs­ten zwei Wochen noch eini­ges auf uns Redak­teure zu. Der erste Tan­go­kurs des Fort­set­zungs­kur­ses fand eben­falls statt, es macht noch immer Spaß, und einige der Figu­ren klapp­ten sogar noch. Nur das Ein­dre­hen beim Seit­schritt hatte ich ver­drängt. Heute Abend stellte ich dann beim Vol­ley­ball­trai­nign fest, dass ich kon­di­tio­nell nicht so gut drauf bin und ging lie­ber etwas frü­her. Da muss ich wohl mei­nen Kreis­lauf etwas mehr for­dern die­ses Jahr, sonst roste ich noch ein.

Der Zug wird rat­tern, ich schla­fen — hof­fent­lich. Zusam­men mit fünf ande­ren Leu­ten im Abteil lege ich die vie­len Kilo­me­ter zurück. Der Sams­tag ist schon ver­plant, Klet­tern bis zum Nach­mit­tag, dann winkt die Kul­tur. Freunde wie­der­se­hen, ver­traute Gesich­ter, aber noch war ich nicht allzu lange fort, noch bin ich ver­bun­den mit Dres­den. Ein Monat Zürich — was soll ich erzäh­len? Es lässt sich ohne­hin nicht in Worte fas­sen, wie ich auch damals nach dem Jahr in Ame­rika nicht so recht anzu­fan­gen wusste mit dem Erzäh­len, was ich erlebt hatte. Wie kann man diese andere Rea­li­tät auch beschreiben?

Im Grunde kann man nur die Umstände schil­dern, die Arbeits­be­din­gun­gen, all­ge­mein die Kol­le­gen und Haus­be­woh­ner. Aber schon hier stößt man an die Gren­zen, wie soll ich diese Men­schen beschrei­ben, die zu einem Teil mei­nes All­ta­ges gewor­den sind? Wie die­ses Lächeln, jenen Blick, die vie­len Gesprä­che mit die­sem Schwei­zer Akzent? Es fällt schwer, also ver­zeiht, wenn ich mich mit Andeu­tun­gen begnüge.

Es wird dau­ern, ehe ich Fuß gefasst habe, die vie­len Freund­schaf­ten, wel­che ich in Dres­den pflegte, waren eine ein­ma­lige Sache, die sich so schnell nicht wie­der­ho­len wird. Es ist so wenig Zeit an den Aben­den und so viel an den Wochen­en­den — eine selt­same Kom­bi­na­tion. Die Zeit streckt sich und dehnt sich — ganz nach Belie­ben. Der Zug ver­wan­delt Zeit in Stre­cke, viel­leicht kommt es mir des­halb immer so selt­sam vor, wenn er ste­hen bleibt. Die Glei­chung stimmt dann nicht mehr, es gibt einen Bruch in die­ser fort­wäh­ren­den Umwandlung.

Viel­leicht ist auch nicht die­ser Monat ent­schei­dend, son­dern die Aus­sicht dar­auf, wie ich in einem Jahr den­ken werde. Der eine Monat als Test­lauf für die große Stre­cke, mit eini­gen Start­hin­der­nis­sen zwar, aber doch schon auf der glei­chen Bahn, wie sie mich lange Zeit beglei­ten wird. Ich möchte die­ser Bahn nicht aus­ge­lie­fert sein, möchte abschwei­fen, sie ver­las­sen, andere Dinge ken­nen ler­nen. Abseits des täg­li­chen Krei­sels beginnt etwas ande­res, das nur aus einem selbst erwächst. Es sind diese Dinge, die man nicht machen müsste, für die man sich anstren­gen muss, immer wie­der motivieren.

Wie die­ses Web­log. Ich müsste es nicht schrei­ben. Ich könnte es ein­fach so las­sen, wie es vor die­sem Ein­trag war. Aber ich tue es nicht. Ich schreibe. Denke. Ich äußere mich, offen­bare einen Teil von mir und ihr lest das. Viel­leicht ant­wor­tet ihr, was ihr nicht tätet, wenn ich die­sen Ein­trag nicht geschrie­ben hätte. Über­haupt, warum schaut ihr die­ses Web­log an? Neu­gierde, Inter­esse, Sen­sa­ti­ons­lust… Eigent­lich weiß ich es nicht, kann nur spe­ku­lie­ren. Manch­mal habe ich das Gefühl, dass viele Leute mit­le­sen, ohne sich jedoch bemerk­bar zu machen. Nein, das ist kein Vor­wurf. Und eigent­lich sollte ich mich nicht dadurch beein­flus­sen las­sen, wie­viele Leute dies hier lesen könn­ten. Ich möchte schrei­ben, ein­fach so, ohne an Rezep­tion zu den­ken. Und das muss ich auch nicht. Denn die­ses Web­log ist nicht­kom­mer­zi­ell und unab­hän­gig. Obwohl, es hängt schon von eini­gen Din­gen ab, vor allem von mei­ner Moti­va­tion zu schrei­ben. Und von eini­gen tech­ni­schen Gege­ben­hei­ten. Aber ansons­ten ist es frei.