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mathias wellner

auf den spuren meiner selbst

Der Win­ter hat auch seine schö­nen Sei­ten. Zuge­ge­ben, die Berge sind nicht weit und ab einer gewis­sen Höhe kommt immer die Sonne zum Vor­schein. Aber hier ein paar Impres­sio­nen zur Auf­hei­te­rung der all­ge­mei­nen Winterdepression.


Früh übt sich…

Ein ande­rer Tag, wir woll­ten auf die Rigi. Die Web­cam ver­hieß nichts Gutes. Dicke Suppe am Gip­fel. Wir gin­gen doch, schnall­ten die Schnee­schuhe in Fruttli an und stie­gen auf zum Wandergipfel.


Die Rigi-​​Wanderung star­tete bei dich­tem Nebel.

Oben waren dann plötz­lich keine Wol­ken mehr, eine wun­der­bare Win­ter­berg­land­schaft tat sich auf.

Das Ende des Tages und das Ende der Welt.

Thea­ter lebt von Hand­lung. Es ist die Auf­gabe des Regis­seurs, aus dem Stück­text die Hand­lung her­aus­zu­le­sen und den Schau­spie­lern als Hilfe anzu­bie­ten. Was ich heute gese­hen habe, war das genaue Gegen­teil. Der Regis­seur hat alle Hand­lung ver­bannt und die Schau­spie­ler mit dem Text allein gelas­sen. Das Stück begann mit Aus­schnit­ten aus dem Text, fast wie eine Ouver­türe wur­den The­men ange­ris­sen, von ver­schie­de­nen Schau­spie­lern. Es waren vier, zwei Män­ner und zwei Frauen, die dadurch wie aus­tausch­bar wirk­ten. Das war wohl auch die Absicht. Oder es liegt daran, dass der Regis­seur vor­her Opern gemacht hat. Bei Opern kommt es auf die Arien an, Hand­lung und Authen­ti­zi­tät spie­len eine unter­ge­ord­nete Rolle.

Irgend­wann gab es aber doch so etwas Ähnli­ches wie Hand­lung. Tho­mas Pol­lock Nageoire, der rei­che Geschäfts­mann, bie­tet Louis Laine, dem armen Schlu­cker, Geld an, wirft es ihm zu. Die­ser ent­frem­det sich von sei­ner bra­ven Frau Marthe (von Klara Man­zel im knap­pen schwar­zen Kleid fast schon zu fesch gespielt), ver­lässt sie für Lechy, die Künst­le­rin. Kon­flikt, Marthe pocht auf die Ehe, so sah das wohl auch der Autor damals 1893, es zieht sich. Schön gespielt, aber es zieht sich. Keine Hand­lung, nur Worte.

Die Bühne ist breit, oben eine Holz­de­cke, hin­ten durch­ge­hende Holz­stu­fen, es sieht karg aus. Immer sind alle vier auf der Bühne, von Anfang an, dem Publi­kum aus­ge­lie­fert. Es gibt aber genug Platz, gele­gent­lich sitzt dann einer am Rand und kann sich ein biss­chen entspannen.

Ins­ge­samt kam es mir vor wie ein Übungs­stück für Schau­spiel­schü­ler, mit erschwer­ten Bedin­gun­gen, so dass es nur an ihnen hängt. Keine Hilfe, kein Ver­ste­cken, ein stän­di­ges Ausgeliefertsein.

Es ist eins der weni­ger bekann­ten Stü­cke von Ten­nes­see Wil­liams, der den meis­ten wahr­schein­lich durch Die Katze auf dem hei­ßen Blech­dach oder End­sta­tion Sehn­sucht ein Begriff ist. Den­noch ist es äußerst loh­nend, viel­schich­tig ange­legt und hält dem ame­ri­ka­ni­schen Süden einen scho­nungs­lo­sen Spie­gel vor.

Die Haupt­fi­gur ist Val, ein her­um­zie­hen­der Sän­ger mit Schlan­gen­le­der­ja­cke und Gitarre auf dem Rücken. Er kommt in einem pro­vin­zi­el­len Örtchen an, auf der Suche nach Arbeit. Die Besit­ze­rin eines Ladens (Lady) stellt ihn als Laden­ge­hil­fen an und zwi­schen den bei­den ent­wi­ckelt sich eine inter­es­sante Bezie­hung. Sie ist unglück­lich ver­hei­ra­tet, ihr Mann nach einer Krebs-​​Operation ein wan­deln­der Toter. Auch andere Damen füh­len sich vom cha­ris­ma­ti­schen Frem­den ange­zo­gen, ihre uner­füll­ten Sehn­süchte und zer­bro­che­nen Träume kom­men zum Vorschein.

Schön und sym­bo­lisch zugleich ist Val’s Geschichte von einem klei­nen blauen Vogel ohne Füße, der nie­mals den Boden berührt, außer bei sei­nem Tod. So will er sein, unkor­rum­piert und frei.

Aus­zug aus „Orpheus Descen­ding” von Ten­nes­see Wil­liams (MP3, 900 kB)

Der Bezug zur grie­chi­schen Mytho­lo­gie ist schon durch den Titel gege­ben. Orpheus war dort der berühm­teste aller Sän­ger und konnte sogar die Her­zen von Hades und Per­se­phone erwei­chen, nach­dem seine Frau Eury­dike durch einen Schlan­gen­biss gestor­ben war. Sie durfte mit ihm zurück in die Ober­welt, aber unter der Bedin­gung, dass er vor­an­ge­hen und sich nicht nach ihr umschauen dürfe. Als er schon oben ist, sie aber noch nicht ganz, dreht er sich zu früh um und ver­liert seine Frau erneut. Die Ähnlich­keit zum Gitarre spie­len­den Val ist offen­sicht­lich, das Her­ab­stei­gen von Orpheus in den Hades ent­spricht also dem Ankom­men von Val im Ort. Der ame­ri­ka­ni­sche Süden als Hölle – ein erschre­cken­des Bild.

Thea­ter spie­len heißt etwas tun und dabei den gesam­ten Kör­per ein­zu­set­zen. Eine Thea­ter­probe muss unbe­dingt kör­per­li­che Akti­vi­tä­ten ent­hal­ten, sonst wird Thea­ter zu einer rein geis­ti­gen Übung ohne phy­si­sche Wahr­heit. Ich möchte einige Übun­gen vor­stel­len, um Bewe­gung in die Thea­ter­probe einzubauen.

Iso­la­ti­ons­übung (zu Musik)

Man nutzt den gan­zen Kör­per, kon­zen­triert sich nach­ein­an­der auf Fuß­ge­lenke, Knie, Hüfte, Ober­kör­per, Schul­tern, Kopf, Ell­bo­gen, Hand­ge­lenke und schließ­lich die Fin­ger­spit­zen. Danach kann man noch frei kom­bi­nie­ren, rich­tig Gas geben und schließ­lich wie­der run­ter kommen.

Lauf­übun­gen

Lau­fen ist etwas extrem Ele­men­ta­res. Eine Übung besteht darin, dass alle durch den Raum lau­fen und der Lei­ter die Stim­mung vor­gibt. Bei Bedarf kann man noch gele­gent­lich ein­frie­ren und einige Leute zum Anschauen befreien. Bei einer ande­ren Vari­ante der Lauf­übung gibt der Lei­ter das Tempo in Abstu­fun­gen von 1 bis 10 vor.

Fol­gen

Alle lau­fen herum und fol­gen einer Per­son, machen also genau das Glei­che. Die Leit­per­son kann das Tempo ver­än­dern, Sprünge ein­bauen, was immer ihr einfällt.

Au ja!

Alle sind auf der Bühne. Einer schlägt laut etwas vor, zum Bei­spiel auf den Boden legen oder an eine Wand gehen. Dann rufen alle „Au ja!” und füh­ren die Hand­lung aus.

Gruppen-​​Einfrieren

Die Gruppe bewegt sich im Raum. Einer friert ein, alle ande­ren fol­gen so schnell wie mög­lich. Jemand anders fängt wie­der an mit bewe­gen. Wie­der fol­gen alle ande­ren. Es funk­tio­niert tat­säch­lich und gibt ein unheim­li­ches Gruppengefühl.

Das letzte Kapi­tel, das aller­letzte auf dem Weg zur Pro­mo­tion – die fei­er­li­che Über­rei­chung der Urkunde. Der Scherrer-​​Hörsaal war fest­lich geschmückt, ebenso die frisch­ge­ba­cke­nen Dok­to­rin­nen und Dok­to­ren. Die ETH Big Band spielte auf in einer sehr blech­las­ti­gen Kon­stel­la­tion, sie schmet­terte uns den Jubel ent­ge­gen. Dann durfte jeder ein­zeln nach vorn gehen und bekam von der Rek­to­rin die Urkunde über­reicht. Ein paar Worte, dann den Blick zum Foto­gra­fen gerich­tet, knips, wie­der zur Rek­to­rin, „alles Gute wei­ter­hin”. So ging das für viel­leicht 150 Leute, Dok­tor­ti­tel am lau­fen­den Band. Glaubt mir, es ist nichts Beson­de­res. Ich musste abends noch­mal zur Firma, etwas abschlie­ßen, bin schon ganz gefan­gen im neuen Job.

So lang­sam ver­klärt sich mein Blick auf die ETH-​​Zeit, eine wei­tere Sta­tion ist abge­schlos­sen. Nur jetzt ist der nächste Schritt nicht mehr so klar vor­ge­ge­ben, ich bin völ­lig frei. Unter­neh­men, Pro­jekte, Fami­lie, Deutsch­land, Schweiz, Öster­reich – alles ist offen und wird sich schon finden.

Die Urkunde selbst ist schön gestal­tet. Das ETH-​​Logo ist geprägt, feine rote Linien durch­zie­hen den rech­ten Bereich und die schlanke ETH-​​Schrift ver­leiht dem Schrift­feld eine nüch­terne Ele­ganz. Ich werde sie gut bewah­ren und nicht an die Wand hän­gen, sonst fan­gen die Leute noch an, mich bei kör­per­li­chen Gebre­chen zu konsultieren.