Die Groß­schrei­bung auch von Sub­stan­ti­ven ist eine Eigen­art des Deut­schen (und Luxem­bur­gi­schen). In ande­ren Spra­chen (wie dem Eng­li­schen oder Fran­zö­si­schen) wer­den nur Eigen­na­men und Satz­an­fänge groß­ge­schrie­ben. In außer­eu­ro­päi­schen Spra­chen fehlt diese Unter­schei­dung ganz. Damit spart man sich zwei sepa­rate Alpha­bete. In die­sem Bei­trag möchte ich die Her­kunft die­ses Phä­no­mens erläu­tern und auch die radi­kale klein­schrei­bung auf der basis von otl aichers buch „typo­gra­phie” vorstellen.

HERKUNFT DER GROSSBUCHSTABEN

DIE BUCHSTABEN DES GROSSEN ALPHABETS WURDEN VON DEN RÖMERN FÜR GRABINSCHRIFTEN ODER AUF GEBÄUDEN VERWENDET. ES IST EINE DEKORATIVE MONUMENTALSCHRIFT, DIE AUFGRUND DER IDENTISCHEN HÖHE ALLER BUCHSTABEN EXTREM SCHWER LESBAR IST. MÜHSAM BUCHSTABIERT MAN, FLÜSSIGES LESEN IST SO NICHT MÖGLICH. MAN SOLL JA AUCH NICHT LESEN SONDERN STAUNEN.

her­kunft der kleinbuchstaben

neben den deko­ra­ti­ven groß­buch­sta­ben haben zu allen zei­ten auch gebrauchs­schrif­ten exis­tiert, die man schnell zu papier oder papy­rus brin­gen konnte. am hofe von karl dem gro­ßen wur­den im ach­ten jahr­hun­dert die karo­lin­gi­schen minus­kel als ver­wal­tungs­schrift ent­wi­ckelt. es war eine gebrauchs­schrift, aus der spä­ter die deut­schen und latei­ni­schen klein­buch­sta­ben her­vor­gin­gen. die les­bar­keit ist gegen­über den groß­buch­sta­ben deut­lich ver­bes­sert, da jedes wort durch die ober– und unter­län­gen eine cha­rak­te­ris­ti­sche form erhält. im grunde lesen wir keine ein­zel­nen buch­sta­ben, son­dern wort­for­men. unsere schrift ist somit eine mischung aus zei­chen– und wort­schrift, jedoch auf abs­trak­ter basis.

Zusam­men­füh­rung

In der Renais­sance wur­den die alten Alpha­bete wie­der­ent­deckt und für die brand­neue Erfin­dung des Buch­drucks ver­wen­det. Groß­buch­sta­ben dien­ten dabei der Her­vor­he­bung vor allem reli­giö­ser Begriffe, wie GOtt. Die Groß­schrei­bung von Sub­stan­ti­ven ent­wi­ckelte sich in Deutsch­land zu Zei­ten des Barock.

In Bezug auf die Les­bar­keit ent­steht durch groß­ge­schrie­bene Sub­stan­tive mehr Varia­bi­li­tät im Satz­ge­füge. Auch die Groß­buch­sta­ben am Satz­an­fang erleich­tern das Lesen und las­sen das Auge schnel­ler zu die­sem mar­kan­ten Punkt sprin­gen. Eine Stu­die mit Nie­der­län­dern zeigte einen Geschwin­dig­keits­vor­teil bei Ein­füh­rung der sprach­frem­den Groß­schrei­bung von Substantiven.

Grund­sätz­lich Stellt sich aber die frage, warum man aus­ge­rech­net sub­stan­tive groß Schreibt und nicht ver­ben, wel­che immer­hin die akti­vi­tät Beinhal­ten. Oder adjek­tive, denen oft­mals eine Wich­tige Beschrei­bende bedeu­tung zukommt. Die aus­wir­kung auf die les­bar­keit Wäre die glei­che, bestimmte wör­ter Ste­hen her­vor und mit der zeit Gewöhnt man sich dran.

otl aicher – typographie

eine radi­kale posi­tion besetzt otl aicher, der sich gegen groß­buch­sta­ben gene­rell wehrt. seine begrün­dung ist, dass diese rein reprä­sen­ta­ti­ven cha­rak­ter haben, wäh­rend sich die klein­schrift als gebrauchs­schrift ent­wi­ckelt hatte, deren zweck die mit­tei­lung selbst war und nicht die form. außer­dem kri­ti­siert er das mit der groß­schrei­bung ein­her­ge­hende welt­bild, wel­ches für ihn cha­rak­te­ri­siert wird durch den sieg des adels über die städte.

das ändert auch die spra­che. zuerst wer­den die namen der höhe­ren insti­tu­tio­nen als etwas höhe­res aus­ge­zeich­net. sie erhal­ten einen zie­ren­den groß­buch­sta­ben. dann wer­den die haupt­wör­ter ins­ge­samt ange­ho­ben. es wird nicht nur der advo­kat groß geschrie­ben, son­dern auch das recht, nicht nur der minis­ter, son­dern auch der staat, nicht nur der geist­li­che herr, son­dern auch die kir­che, nicht nur der gelehrte, son­dern auch die wis­sen­schaft. das gene­relle wird bedeu­ten­der als das kon­krete, das all­ge­meine bedeu­ten­der als die tätigkeit.

damit geht es nicht nur um die zufäl­lige aus­zeich­nung bestimm­ter wort­klas­sen, son­dern um defi­ni­ti­ons­macht. eine demo­kra­ti­sche, frei­heit­li­che gesin­nung drückt sich also kon­se­quen­ter­weise in gene­rel­ler klein­schrei­bung aus. jedoch beein­träch­tigt das die les­bar­keit, es feh­len beson­ders am satz­an­fang die mar­kan­ten großbuchstaben.

Fazit

Aber wenn ihr bis hier­her gekom­men seid, könnt ihr euch selbst ein urteil bil­den. Als kom­pro­miss gibt es noch die gemä­ßigte klein­schrei­bung, bei der – ähnlich wie im Eng­li­schen – die satz­an­fänge und eigen­na­men groß geschrie­ben wer­den. Ungewohnt.