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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Auftritt

Der per­fekte Abend, zehn Minu­ten für die Ewig­keit beim Bösen Mon­tag.

Aus­ver­kauf­tes Hecht­platz­thea­ter, 250 Leute haben Geld aus­ge­ge­ben, um unter­hal­ten zu wer­den. Wir ste­hen hin­ter dem Sei­ten­vor­hang, die letz­ten Sekun­den ticken her­un­ter. Es ist die­ser inten­sive Moment, wo alles unklar ist, das Publi­kum darf uns auch von der Bühne jagen, so will es das Kon­zept. Und sie haben von die­sem Recht bereits Gebrauch gemacht, der Mann mit der Lesung wirkte etwas geschafft nach sei­nem Auf­tritt. Lau­tes Fuß­tram­peln hatte ihm eini­ges abver­langt. Das könnte uns auch blü­hen. So kurz vor dem Auf­tritt ver­engt sich der Fokus und mein Herz schlägt schnel­ler, Unge­wiss­heit, Kon­zen­tra­tion, wir haben vor­her noch umge­stellt, die Unter­ho­sen­szene kommt zuerst. Wir brau­chen ein­fach eine emo­tio­nale Szene am Anfang, die zweite Szene ist ruhi­ger und geht ein paar Minu­ten. Das wäre kein guter Einstieg.

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Flyer unse­rer Produktion

Ich stehe also da, nur in Unter­ho­sen und Socken. Es war so eine Idee unse­res Regis­seurs, die uns garan­tiert einen Lacher ein­bringt. Kei­ner soll behaup­ten, Schau­spie­ler hät­ten es leicht. Die Bereit­schaft, wenn nicht gar der Drang zur Pein­lich­keit sind eine wesent­li­che Vor­aus­set­zung für diese dar­stel­lende Kunst. Es ist soweit, Molly geht voran, bringt ihre Klei­der in Ord­nung, macht sich bereit zum Gehen. Ich folge ihr, spüre das glei­ßende Licht und die Auf­merk­sam­keit der Leute, sie lachen laut auf. Es funk­tio­niert, sie sind gebannt und bei uns. Und ich genieße es, alle schauen auf uns, wir spie­len sie Szene, ich ver­su­che Molly zum Blei­ben zu bewe­gen, umarme sie zärt­lich, sie geht schließ­lich doch. Ich bleibe ent­täuscht zurück und ver­lasse lang­sam die Bühne. Ich spüre die Auf­merk­sam­keit, das Mit­leid, wir haben Emo­tio­nen erschaf­fen in all den Köp­fen da unten im Publikum.

Es ist diese Inten­si­tät, es sind diese kur­zen rausch­haf­ten Momente, die Thea­ter so spe­zi­ell machen. Ich brau­che keine Dro­gen, solange ich ab und an diese Momente erle­ben darf. Denn es klappt nicht immer, der letzte Künst­ler schei­tert gran­dios mit sei­ner Dar­bie­tung von Frank Sina­tras My Way. Der Inter­viewer tritt dann auch kräf­tig nach und fragt ihn, wie er in sei­nem jun­gen Alter auf diese Schnaps­idee gekom­men sei. Aber durch die­sen kur­zen Blick in den Abgrund kön­nen wir uns um so glück­li­cher schät­zen, dass wir mehr Glück beim Publi­kum hatten.

Wir spie­len am 23. und 24. März in Uster und am 26. März im Cafe Ror­boz. Details fin­det ihr unter Kulturpunkt8424.

Egli­sau ist eine kleine Stadt am Rhein im Nor­den von Zürich. Und da wir im März ganz in der Nähe eine Auf­füh­rung pla­nen (Cafe Ror­boz in Ror­bas), nutz­ten wir die Gele­gen­heit, mit drei kur­zen Sze­nen unse­rer aktu­el­len Pro­duk­tion an der Erzähl­nacht teil­zu­neh­men. Diese fin­det ein­mal pro Jahr statt, unge­fähr ein Dut­zend Teil­neh­mer lesen oder erzäh­len etwas, in zehn Minu­ten. Mit unse­rem Thea­ter­stück fie­len wir da schon etwas aus dem Rah­men, mit unse­rem Hoch­deutsch sowieso. Aber zumin­dest die jün­ge­ren Zuschauer fan­den es toll, einige woll­ten sogar in Ror­bas vor­bei kommen.

Die Bei­träge waren recht ver­schie­den, aber es waren doch einige Hobby-​​Autoren mit Aus­zü­gen aus ihren Wer­ken da. Den Beginn machte Ursula Fehr, die Gemein­de­prä­si­den­tin und Mit­glied der SVP. Wir alle durf­ten uns glück­lich schät­zen, dass sie nicht am Albis­güetli zur Tagung ihrer Par­tei war. Ihr Mann Hans Fehr war dort Opfer einer Gewalt­tat gewor­den, links­au­to­nome Demons­tran­ten hat­ten ihn zusam­men­ge­schla­gen. So tra­gisch die­ses Ereig­nis war, so unan­ge­mes­sen ist des­sen Plat­zie­rung in einer kul­tu­rel­len Ver­an­stal­tung. Die lite­ra­ri­sche Qua­li­tät ihrer selbst ver­fass­ten Geschichte war nicht über­zeu­gend, diese hatte sie als iro­ni­sche Beschäf­ti­gung mit der Poli­tik ange­kün­digt. Aber sie ver­lor sich bei der selbst­ge­fäl­li­gen Beschrei­bung eines Kon­flikts um den Bau eines Ein­kaufs­zen­trums in den Gän­gen eines Baumarkts.

Bei den wei­te­ren Dar­stel­lern über­zeugte eine alte Dame mit der plas­ti­schen Beschrei­bung eines Häkel­na­del­un­falls beim Kip­peln. Mich selbst beein­druckte noch die Erin­ne­rung an eine „Frau Holle”-Theaterproduktion, wel­che die Erzäh­le­rin im zar­ten Alter von sie­ben Jah­ren als per­ma­nen­ten Aus­nah­me­zu­stand erlebt hatte. Den Sog des Thea­ters kann man nicht bes­ser beschrei­ben, das Drama der Ant­ago­nis­tin Pech-​​Marie, deren Vater sich nir­gends mehr sehen las­sen konnte, die Ein­be­zie­hung des gesam­ten Dor­fes bei Orches­ter­pro­ben, Kos­tüm­krea­tion und Büh­nen­bild, der große Erfolg der Auf­füh­rung mit Unter­stüt­zung eines Kin­der­hilfs­wer­kes – Thea­ter bewegt.

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Flyer­vor­der­seite unse­rer Produktion

Nach der Pause begann uns dann so lang­sam die Ner­vo­si­tät zu packen, ich musste ein­fach auf­ste­hen und gemein­sam gin­gen wir raus in die kalte Janu­ar­nacht und wärm­ten uns ein wenig auf. Wir muss­ten uns ja an die Büh­nen­si­tua­tion anpas­sen, letzte Details mit Auf– und Abgän­gen fest­le­gen und auch ein­fach etwas tun. Vor uns trat eine Frau mit wun­der­ba­ren selbst­ge­bas­tel­ten Figu­ren auf, die Geschichte eines Apfel­baums gestal­tete sich als wahre Requi­si­ten­schlacht. Dann waren wir dran, bau­ten um, und es ging los. Das Publi­kum war gebannt und applau­dierte groß­zü­gig. Wir waren schon ein Kon­trast­pro­gramm. Aber so konn­ten wir zum ers­ten Mal in die­ser For­ma­tion vor Publi­kum spielen.

Am 31. Januar steht uns dann beim Bösen Mon­tag im Thea­ter am Hecht­platz ein ähnli­cher Auf­tritt bevor. Auch zehn Minu­ten, aber da kann das Publi­kum ihm nicht genehme Künst­ler vor­zei­tig von der Bühne schi­cken. Hof­fent­lich müs­sen wir so eine Schlappe nicht einstecken.

Auf­wär­men

In nun­mehr fast schon gewohn­ter Manier gin­gen wir an die Vor­be­rei­tung, mit kör­per­li­cher Auf­wär­mung, Zazen-​​Meditation und Sin­ne­ser­in­ne­rung. Aber es fiel mir nie so schwer wie heute. Zum einen war ich erkäl­tet, was mein Kör­per­ge­fühl stark ver­än­derte und meine Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit beein­träch­tigte. Mein Kopf fühlte sich ver­spannt und schwer an, das ging auch durch die Auf­wär­mung nicht weg. Und außer­dem konn­ten es zwei Teil­neh­mer nicht las­sen, unent­wegt zu lachen. Sie waren direkt neben mir, immer wie­der brach ein Lachen her­vor. Es nahm kein Ende und zehrte an mei­nen erkäl­tungs­ge­schwäch­ten Ner­ven. In der Nacht zuvor war Voll­mond gewe­sen, viel­leicht lag es auch daran.

Auf jeden Fall waren die ernst­haft sich Auf­wär­men­den in der Min­der­zahl, die drei neuen Leute zähle ich mal nicht mit, da sie sich noch nicht so recht trau­ten, akus­tisch mit­zu­ma­chen. Das war auch so eine Sache, neue Gesich­ter in der Runde, was für die auf Außen­ste­hende etwas befremd­lich anmu­tende Auf­wärm­rou­tine nicht so opti­mal ist.

Zazen und Sin­ne­ser­in­ne­rung lie­gen gut bei mir, wobei ich durch die Erkäl­tung zwar weni­ger kon­zen­triert aber dafür auch weni­ger ablenk­bar war.

Ein­zel­szene

Die Vor­be­rei­tung einer Szene war Haus­auf­gabe gewe­sen. Meine Idee hatte ich im Web­log ver­öf­fent­licht (Ein­trag vom 29. März), wodurch ich zwei hilf­rei­che Feed­backs erhal­ten hatte. Damit konnte ich die Szene noch ver­bes­sern und war gut vor­be­rei­tet. Den­noch, an eini­gen Stel­len hatte ich mir wenig Gedan­ken gemacht und musste mehr oder weni­ger improvisieren.

Meine Anfangs­emo­tion war Wut auf Unord­nung. Da konnte ich mich recht ein­fach hin­ein­be­ge­ben, ich führte ein ima­gi­nä­res Gespräch mit mei­nem fik­ti­ven lie­der­li­chen Mit­be­woh­ner und stellte mir bild­haft schim­melnde Kochüber­bleib­sel vor. So gela­den konnte der Auf­tritt begin­nen. Ich begann meine Schimpf­ti­rade, riss die Tür auf, schickte die unmiss­ver­ständ­li­che Auf­for­de­rung hin­ter­her, doch end­lich mal die Küche auf­zu­räu­men, und betrat den Raum. In des­sen Mitte stand eine Matratze und ein Stuhl, mehr brauchte ich nicht. Ich ging zum Stuhl. An die­ser Stelle hatte ich mir nicht groß vor­her über­legt, warum. Jeden­falls rückte ich den Stuhl zurecht, rich­tete ihn mil­li­me­ter­ge­nau recht­wink­lig aus. Der Pedant sollte deut­lich wer­den. Dann ging ich raus, wie­der auf mei­nen fik­ti­ven Mit­be­woh­ner schimp­fend, warum er denn mei­nen Stuhl ver­rückt habe. In der Zwi­schen­zeit hatte ein Gehilfe den Stuhl wie­der etwas ver­rückt. Somit fand ich bei mei­ner Rück­kehr den Stuhl wie­der im abso­lu­ten Chaos vor. Vor Schreck ließ ich den Metall­be­cher fal­len und begann, an mei­nem Ver­stand zu zwei­feln. Nach einer Weile ging ich dann raus, mit ein paar Wor­ten der Ent­schul­di­gung an mei­nen fik­ti­ven Mitbewohner.

Das Feed­back war über­wie­gend posi­tiv, ich hatte den Raum gut genutzt und den Stuhl her­vor­ra­gend ein­ge­setzt, um mei­nen Cha­rak­ter zu illus­trie­ren. Mein fik­ti­ver Mit­be­woh­ner war viel­leicht nicht ganz rea­lis­tisch, aber meine eige­nen Emo­tio­nen ihm gegen­über kamen gut zum Aus­druck. Nega­tiv war die Dar­stel­lung der Über­ra­schung, das kam wohl nicht ganz authen­tisch rüber. Ist auch schwie­rig, das dar­zu­stel­len, ich wusste ja schon, was passiert.

Haus­auf­ga­ben

drei Materialien/​Gegenstände mit allen Sin­nen in pri­va­ter Atmo­sphäre ent­de­cken
DVD „Book über Brook” schauen

Es soll eine vor­be­rei­tete Theater-​​Kurzszene für eine Per­son wer­den, unge­fähr zwei Minu­ten lang. Ich darf spre­chen, aber han­deln und füh­len sind wich­ti­ger. Es soll schließ­lich keine Kabarett-​​Nummer wer­den. Nach­dem ich am letz­ten Mitt­woch eine wenig plau­si­ble Hand­lung gewählt hatte, soll mein Auf­tritt dies­mal glaub­wür­dig und mit­rei­ßend zugleich sein.

Im Laufe der letz­ten Tage dachte ich immer wie­der an die­sen Auf­tritt. Nach und nach setz­ten sich die ein­zel­nen Hand­lungs­ele­mente zusam­men, es fie­len mir immer bes­sere Begrün­dun­gen für meine Tätig­kei­ten ein. Warum ver­lasse ich den Raum? Das war die zen­trale Frage, erst dachte ich an einen feh­len­den Wecker, aber der Was­ser­be­cher ist wesent­lich dramatischer.

Ort

Schlaf­zim­mer oder Stu­dio, sicht­bar ist ein Bett rechts und ein Stuhl neben dem Bett in Rich­tung Tür, auf dem Stuhl lie­gen Klei­der, eine Hose sollte dabei sein, in einer Hosen­ta­sche ein Mobiltelefon

Zeit

Nacht

Requi­si­ten draußen

Metall­be­cher mit Was­ser, Lappen

Hand­lung

Die Anfangs­emo­tion ist Müdig­keit. Ich muss vor dem Erschei­nen auf der Bühne in diese Emo­tion rein­kom­men. Sollte nicht wei­ter schwie­rig sein, ich denke ein­fach an die Instruk­tio­nen vom Auto­ge­nen Trai­ning (meine Arme sind ganz schwer usw.)

Ich betrete die Bühne, schläf­rig. Ich sehe das Bett, da ist mein Ziel. Aber ich habe es nicht eilig. Ich gehe lang­sam zum Bett und setze mich dar­auf. Ich möchte mich bett­fer­tig machen, ziehe einen Schuh aus.

Plötz­lich bemerke ich diese Tro­cken­heit im Mund. Ein Glas Was­ser wäre super jetzt. Ich streife den Schuh wie­der über und gehe raus.

Ein Hel­fer ver­rückt den Stuhl in mei­ner Abwe­sen­heit. Nicht viel, eine Dre­hung um viel­leicht 45° vielleicht.

Ich komme wie­der rein mit dem vol­len Was­ser­be­cher, schließe die Tür. Ich trinke, es tut gut. Ich bemerke den ver­än­der­ten Stuhl, lasse den Becher fal­len. Es gibt ein lau­tes Geräusch, das Was­ser spritzt, meine Auf­merk­sam­keit ver­la­gert sich auf die Pfütze vor mir. Ich gehe raus, den Lap­pen holen.

Noch­mals wird der Stuhl ver­än­dert, dies­mal einen hal­ben Meter ver­stellt und gedreht.

Ich komme rein, wische die Pfütze auf. Dann fällt mein Blick auf den Stuhl. Ich bin irri­tiert, werde zuneh­mend ner­vös. Ich laufe im Zim­mer umher, prüfe das Fens­ter. Es kann nicht sein, ich muss mir das alles ein­bil­den. Ich setze mich aufs Bett.

Ich nehme das Mobil­te­le­fon und rufe jeman­den an. Ich bin ver­wirrt, ängst­lich und bitte um Asyl. Ich ver­lasse das Zim­mer, erleichtert.

Ein durch­drin­gen­der Schrei, mein Kör­per wird gegen die Tür gewor­fen. Stille.

Vor­hang (wenn einer da wäre)

Okay, es ist ein biss­chen Thriller-​​mäßig. Aber ich mag ein­fach keine Happy-​​Ends. Alter­na­tiv könnte man ein „es war alles nur ein Traum”-Ende machen, aber das finde ich auch weni­ger spannend.

Mei­nun­gen?

Man nehme

  • eine Bühne (Stuz2 vom VSETH),
  • zwei Kom­bat­tan­ten (fear les fanz und Impro­sant),
  • einen Mode­ra­tor und
  • Publi­kum.

Dann alles gut durch­mi­schen und fer­tig ist ein amü­san­ter Abend mit vie­len kurz­wei­li­gen Thea­ters­ket­chen. Impro-​​Theater ent­steht im Augen­blick, die Schau­spie­ler wer­den auf die Bühne gewor­fen und müs­sen recht schnell was machen. Es wäre sinn­los, die Sze­nen zu reka­pi­tu­lie­ren, ich kann mich nur noch an ein­zelne Höhe­punkte erin­nern. Ein wenig Weh­mut kam auf in mir, gern hätte ich auf der Bühne gestan­den und das Publi­kum beglückt. Es war schön, einige Leute mei­ner alten Impro-​​Truppe wiederzusehen.

Momen­tan impro­vi­siere ich eher am Arbeits­platz. Die Grund­sätze sind ähnlich. Man weiß nie, was als Nächs­tes pas­siert und muss immer offen für plötz­li­che Wen­dun­gen sein. Außer­dem ist eine aus­ge­prägte posi­tive Hal­tung wich­tig, um auch in schwie­ri­gen Situa­tio­nen das beste Resul­tat zu errei­chen. Das Publi­kum ist in die­sem Fall der Kunde, nächste Woche haben wir unse­ren ers­ten „Auftritt”.