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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: authentisch

Nach fünf erfolg­rei­chen Auf­füh­run­gen der Toscana-​​Therapie genie­ßen wir momen­tan eine kleine Schaf­fens­pause, bevor wir dann Ende Mai noch drei Mal mit die­sem Stück auf der Bühne ste­hen wer­den. Gern möchte ich euch ein­la­den, euch das Stück noch anzuschauen.

Karin mag Yoga

Ger­hard mag Campari

Da wir das Stück in nur zwei Mona­ten geprobt und zur Auf­füh­rungs­reife gebracht haben, blie­ben viele Fein­hei­ten auf der Stre­cke. Ehr­lich gesagt waren wir alle froh, dass es über­haupt geklappt hat. Denn die Beset­zung war bis in den März hin­ein nicht voll­zäh­lig, zum Glück konnte dann Anfang März auch die letzte Rolle noch besetzt wer­den. Andere Rol­len­ter­min­pro­bleme konn­ten wir durch eine Dop­pel­be­set­zung lösen.

Eska­la­tion beim Abendessen

Sil­via ver­führt Gerhard

Das Stück selbst ori­en­tiert sich im Auf­bau am Regel­drama. Zu Beginn wer­den Karin und Ger­hard als leicht ver­staub­tes Aka­de­mi­ker­paar ein­ge­führt, sie genie­ßen die Ferien im tos­ka­ni­schen Land­haus ihres Freun­des Die­ter. Als gemein­sa­mes Pro­blem exis­tie­ren zu die­sem Zeit­punkt nur der defekte Durch­lauf­er­hit­zer und Mäu­se­dreck. Ein Anruf von Die­ter dient als Kata­stase (erre­gen­der Moment), er kün­digt sei­nen Besuch für das Wochen­ende an. Da Karin und Ger­hard eigent­lich keine Gäste haben dür­fen, sich aber bereits der ame­ri­ka­ni­sche Schrift­stel­ler Vik­tor ein­quar­tiert hat, ist der Kon­flikt klar defi­niert. Beim Früh­stück ver­su­chen beide erfolg­los, Vik­tor auf das Thema Abreise anzu­spre­chen, sie fin­den keine kla­ren Worte. Spä­ter kom­men mit Lisa und Sil­via wei­tere Gäste, die sich eben­falls frech zum Abend­es­sen und Über­nach­ten ein­quar­tie­ren. Dies ent­spricht der Kom­pli­ka­tion (Stei­ge­rung). Die bei­den rea­gie­ren zuneh­mend genervt, in die­ser für beide schwie­ri­gen Situa­tion offen­ba­ren sich schwer­wie­gende Bezie­hungs­stö­run­gen. Höhe­punkt ist das Abend­es­sen, als beide aus­ras­ten und die Atmo­sphäre eisig kalt wird. Danach kommt es zum offe­nen Bruch, als Karin Vik­tor ins Haus folgt, um ihn ins Bett zu brin­gen und Ger­hard sich von Sil­via ver­füh­ren lässt. Die Kata­stro­phe ist dann am nächs­ten Mor­gen zu begut­ach­ten, als beide sich nur noch hass­er­füllt anschreien und schließ­lich Die­ter erscheint. Gern­hardt ver­wen­det hier das Stil­mit­tel Deus ex machina, Die­ter ist somit eine gött­li­che Erschei­nung, die den Kon­flikt auf­löst. Alles war geplant und als Paarthe­ra­pie gedacht, damit die bei­den end­lich ler­nen, klare Worte zu fin­den. In der aller­letz­ten Szene fin­den die bei­den wie­der lang­sam zueinander.

Ende gut, alles gut – Karin und Ger­hard glück­lich ver­eint, aber mit skep­ti­schem Blick

Schau­spie­le­risch ver­langt die­ses Stück von mir als Ger­hard eine ganze Menge. Grund­sätz­lich ist Ger­hard nicht so weit ent­fernt von mir, Wort­spiel­chen mag ich auch und eine leicht zyni­sche Ader habe ich auch. Aber die Charakter-​​Entwicklung ist dann im Laufe des Stücks beträcht­lich, zuneh­mend genervt zu sein ist echt anstren­gend. Und wut­ent­brannt aus­zu­ras­ten liegt gar nicht in mei­nem Natu­rell, das fällt mir dann ent­spre­chend schwer. Dazu kamen die Ver­füh­rungs­sze­nen mit Sil­via, in wel­chen Ger­hard eine große innere Span­nung spürt. Einer­seits fin­det er sie schon attrak­tiv, ande­rer­seits wäre es ein rie­si­ger Tabu­bruch in Fast-​​Anwesenheit sei­ner Frau. Somit gilt es, eine zuneh­mende, latente innere Span­nung dar­zu­stel­len, damit am Ende glaub­haft die Dämme bre­chen. Ich fürchte, so rich­tig authen­tisch gelingt mir das nicht, es war zu wenig Zeit und wir waren zu stark mit ande­ren Din­gen beschäf­tigt. Anstren­gend ist auch die stän­dige Büh­nen­prä­senz. Ich kann nicht hin­ter der Bühne schnell schauen, was als nächs­tes kommt, alle Umbau­ten und Sze­nen­wech­sel müs­sen sitzen.

Lasst euch die letz­ten Auf­füh­run­gen nicht ent­ge­hen, wir spie­len am 25. Mai und 1. Juni um 20:00 im GZ Buchegg und am 28. Mai um 22:30 in Aarau bei den Thea­ter­ta­gen.

Auf­wär­men

Wir began­nen selb­stän­dig mit dem Auf­wär­men, das hatte uns Marco letz­tes Mal mit auf den Weg gege­ben. Denn das Ziel die­ses Kur­ses ist die Selb­stän­dig­keit. Am Set oder auch beim Thea­ter ist es nicht zu erwar­ten, dass jemand das Signal zum Star­ten gibt. Bei mei­nen bis­he­ri­gen Lai­en­grup­pen habe ich das anders erlebt, das gemein­same Auf­wär­men war dort ein wich­ti­ges Ritual. Aber im Pro­fi­be­reich kann man davon eben nicht aus­ge­hen und muss sich not­falls allein in einer ablen­ken­den Umge­bung aufwärmen.

Ich begann also mit den lang­sa­men Bewe­gun­gen von Armen und Bei­nen. Da ich vor­her klet­tern war, spürte ich Unter­arme und Schul­tern beson­ders deut­lich, das Schneeschuh-​​Wochenende steckte mir auch noch in den Bei­nen. Der Bedarf an Auf­wär­mung ist jeden Tag anders, das gilt es mit die­sen lang­sa­men Bewe­gun­gen her­aus­zu­fin­den. Ich dehnte dann Arme und Beine aus­gie­big. Eine Her­aus­for­de­rung dabei ist auch das stän­dige Reden und Geräuschma­chen, um psy­cho­lo­gi­sche Ver­span­nun­gen zu lösen. Wir wur­den häu­fi­ger lei­ser dabei und Marco ermahnte uns immer wie­der, den Pegel der Kon­ver­sa­ti­ons­laut­stärke bei­zu­be­hal­ten. Am Ende war ich eini­ger­ma­ßen auf­ge­wärmt und neu­tral, nur meine rechte Schul­ter blieb verspannt.

Danach folgte die Zazen-​​Meditation, als Kon­trolle, ob wir wirk­lich ent­spannt waren. Und dann die Sin­ne­ser­in­ne­rung mit dem hei­ßen Getränk. Erst mach­ten wir das alle leise und still, aber das war nicht im Sinne des Lei­ters. Wir soll­ten dabei reden, kom­men­tie­ren, Geräu­sche machen und so die Sin­nes­ein­drü­cke wie­der leben­dig wer­den lassen.

Von der Sin­ne­ser­in­ne­rung zur emo­tio­na­len Erinnerung

Die Sin­ne­ser­in­ne­rung ist nur der erste Schritt. Der nächste ist die der emo­tio­na­len Erin­ne­rung. Bei unse­rer Reise durch die Sin­ne­ser­in­ne­run­gen tref­fen wir viel­leicht auf eine Sin­nes­er­fah­rung, die uns auch emo­tio­nal berührte. Dann gilt es den genauen Aus­lö­ser zu ermit­teln. Wel­cher Sin­nes­ein­druck war haupt­ver­ant­wort­lich? Wenn man spä­ter auf der Bühne eine sol­che Emo­tion dar­stel­len soll, kann man sich an die aus­lö­sende Sin­nes­er­fah­rung erin­nern und so in den gewünsch­ten emo­tio­na­len Zustand gelan­gen. Als guter Schau­spie­ler ver­fügt man über eine breite Kla­via­tur von der­ar­ti­gen Aus­lö­sern für eine Viel­zahl von Gefüh­len. Die emo­tio­nale Reak­tion kann wie beim Paw­low’schen Hund trai­niert werden.

Ein­zelim­pro­vi­sa­tion

In der Pause soll­ten wir eine kurze, stumme Ein­zelim­pro­vi­sa­tion vor­be­rei­ten. Als Auf­tritts­e­mo­tion war Trauer ange­sagt, am Ende soll­ten wir glück­lich von der Bühne gehen.

Die Resul­tate waren sehr unter­schied­lich uns spie­gel­ten die unter­schied­li­che Erfah­rung der Teil­neh­mer. Alle Anfän­ger­feh­ler waren dabei. Viele kamen neu­tral rein, um sich dann beim Ver­lust des Han­dys oder beim Lesen eines Brie­fes in die Trauer rein­zu­stei­gern. Aber eigent­lich soll­ten wir beim Auf­tritt schon in der Emo­tion drin sein. Des­halb muss man sich vor dem Auf­tritt vor­be­rei­ten und mit einer geeig­ne­ten Sin­ne­ser­in­ne­rung in die Emo­tion rein­ge­hen. Nicht vor­han­dene Requi­si­ten stell­ten ebenso ein Pro­blem dar, sie ver­lei­ten zu unrea­lis­ti­schen Hand­lun­gen (Brief­öff­nen oder –fal­ten). Im Zwei­fel lie­ber mit ech­ten Requi­si­ten spie­len, Phan­to­mime vermeiden.

Ich dachte an ein per­sön­li­ches trau­ri­ges Erleb­nis, damit gelang mir die Anfangs­emo­tion recht gut. Jedoch fiel mir keine gute Hand­lung ein, das war der Schwach­punkt mei­nes Auf­tritts. Ich pro­bierte einen 360°-Sprung aus dem Stand, kriegte ihn anfang nicht hin, spä­ter schon, fröh­lich ver­ließ ich den Raum. Für einen Tän­zer ist das eine zu ein­fa­che Auf­gabe, es war nicht gut begründet.

Haus­auf­ga­ben

  1. Bewusste Rasur als Mate­rial für Sinneserinnerung.
  2. Solo-​​Auftritt vor­be­rei­ten, mit Spra­che, Hand­lung und Emo­tion wich­tig, Auf­tritts– und Schlus­se­mo­tion frei wähl­bar, Dauer 2–5′
  3. DVD mit Doku­men­ta­tion zu Actor Stu­dio schauen, Fra­gen notieren