Das Semes­ter ist zu Ende, heute habe ich den letz­ten Beweis her­aus­ge­fun­den. Mor­gen werde ich noch ein wenig am Gesamt­bild her­um­fei­len, doch die Furcht, eine Auf­gabe nicht lösen zu kön­nen, ist nun nicht mehr vor­han­den. Am Mitt­woch werde ich das Mach­werk dann abge­ben, der letzte Akt des Semes­ters. Danach fol­gen drei lange Wochen mit Weih­nach­ten, Syl­ves­ter und der­glei­chen. Die Vor­stel­lung, in die­ser Zeit hier in Blacks­burg fest­zu­ste­cken, ist nicht gerade erbau­lich. Ver­las­sene Stra­ßen, geschlos­sene Läden, Trost­lo­sig­keit — ohne Stu­den­ten geht in Blacks­burg nichts. Hof­fent­lich kön­nen wir ein bil­li­ges altes Auto krie­gen und uns gen Süden davonmachen.

Von Rei­mund stammte die Idee, im 30 Mei­len ent­fern­ten Floyd diese typisch ame­ri­ka­ni­schen Musik­art anzu­hö­ren. Die Wur­zeln hat Blue­grass in iri­scher Folk­lore, mit Streich­in­stru­men­ten wird lus­tig drauf los gefie­delt. Das Beson­dere war nun aber weni­ger die Musik an sich, als viel­mehr das Umfeld, in dem sie statt­fand. In einem lang­ge­streck­ten Laden waren etli­che Rei­hen mit Stüh­len auf­ge­baut. Gegen­über des Ein­las­ses befand sich die kleine Bühne, mit gro­ßer Tanz­flä­che davor. Und dort tanz­ten vor­ran­gig die Ansäs­si­gen mit ihren klap­pern­den Schu­hen. Es gab nur zwei Vari­an­ten, schnell zum Allein-​​Tanzen und etwas lang­sa­mer zum Paar­tanz. Die erste Gruppe hatte ihr regu­lä­res Pro­gramm gerade been­det und spielte noch aus gege­nem Anlass ein paar Weih­nachts­lie­der. Lus­ti­ger­weise frag­ten sie ins Publi­kum rein, ob sich zufäl­lig Deut­sche hier befän­den. Nach­dem wir uns gemel­det hat­ten, wur­den wir auch gleich nach vorn geru­fen, um „Stille Nacht” zu sin­gen. Nicht gerade mit Talent, aber dafür umso mehr Inbrunst ver­se­hen, schlu­gen wir uns dann auch recht wacker. Es war eine total lockere Stim­mung, aner­ken­nend nick­ten uns einige alte Leute zu. Mit zwei Leu­ten unter­hiel­ten wir uns dann aus­führ­li­cher. Der eine eigte uns dann auch den tra­di­tio­nel­len Tanz. War recht ein­fach, immer schön zum Takt wip­pen, zwei Takte auf dem lin­ken Bein, zwei auf dem rech­ten. Das nun über­flüs­sige Bein kann zum Stamp­fen und Step­pen ver­wen­det wer­den, der Ein­satz der Spe­zi­al­schuhe mit beweg­li­chen Tei­len sorgt für erheb­lich mehr Krach. Wir fan­den uns ziem­lich schnell da rein und tanz­ten rich­tig­ge­hend ab. In den Gesprä­chen zwi­schen­durch erfuh­ren wir, dass die Gegend in den Sech­zi­gern eine Hippie-​​Hochburg gewe­sen war, mit dem höchs­ten Pro-​​Kopf-​​Konsum an „pot”. Bei eini­gen der Anwe­sen­den deu­te­ten auch lange Haare und ein Alter um die Fünf­zig dezent in diese Rich­tung. Die jeden Frei­tag statt­fin­den­den Tanz­abende mit Live-​​Musik sind eine Wie­der­be­le­bung alter Tra­di­tio­nen und in ande­ren Gegen­den undenkbar.

Der Höhe­punkt des Abends war dann der Auf­tritt einer 97 Jahre alten Frau, die bis­lang nur im Roll­stuhl geses­sen hatte, nun aber mit Hilfe ihres grau­haa­ri­gen Soh­nes (?) das Tanz­bein schwang. Die Tanz­flä­che war aber nie so rich­tig leer, sobald es abnahm, stürm­ten einige Mutige wie­der auf die Flä­che, sie blie­ben nie allein. Das Publi­kum war denk­bar gemischt, von Kin­dern bis hin zur älte­ren und ältes­ten Gene­ra­tion waren alle Alters­schich­ten ver­tre­ten. Das ganze Dorf war ver­sam­melt und sogar einige Stu­den­ten neben uns hat­ten sich dort­hin verirrt.

An einem Sams­tag Abend lud uns Michael zu sich ein, es galt den Weih­nachts­baum zu schmü­cken. Kugeln und Ker­zen waren schon ange­bracht, es ging nun um lange Fäden, auf die Pop­corn und Prei­sel­bee­ren gefä­delt wur­den. Die Frage, ob dies lan­des­ty­pisch sei, konn­ten wir nicht end­gül­tig klä­ren. Es sah aber bes­ser aus als ich befürch­tet hatte. Die ent­stan­de­nen Ket­ten unter­schie­den sich im Wesent­li­chen durch die Grup­pie­rung von unför­mi­gen hel­len und run­den roten Ele­men­ten. Auf jeden Fall fädelt man ein Weil­chen dabei. Unsere harte Arbeit wurde durch Glüh­wein, Stol­len und Plätz­chen ver­süßt. Als Grund­ma­te­rial des Glüh­weins musste der bil­lige 5 Dollar-​​Wein her­hal­ten, in ihn schüt­tete Mischa große Men­gen brau­nen Zuckers, ein Gewürz­säck­chen mit Kor­ken hing er auch noch rein.

Tja, so wurde auch hier ein gro­ßes Maß an Weih­nachts­stim­mung mög­lich, was ich in die­ser Voll­kom­men­heit nicht erwar­tet hätte. Fehlt nur noch der Schwipp-​​Bogen zum abso­lu­ten Glück!