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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Besprechung

Peter Handke: Kali

Jun 19
Allgemein

Ein paar Gedan­ken zum Buch, inspi­riert durch die Kri­tik im Deutsch­land­funk, durch eine Sen­dung im DLF wurde ich auch auf das Werk aufmerksam.

Die erste Frage wäre die nach Assi­zia­tio­nen zum Titel, Kali. Kalium-​​Salz ist eine Mischung ver­schie­de­ner kali­um­hal­ti­ger Salz­ver­bin­dun­gen, Haupt­ver­ar­bei­tung erfolgt zu Dün­ger. In der Geschichte ist der weiße Salz­berg das Ziel der Reise der Prot­ago­nis­tin, sym­bol­haft steht das Salz für Reich­tum (Arbeits­plätze, Geruch­lo­sig­keit) und Zer­stö­rung (Gemälde in der Kir­che lei­den, gerö­tete Augen) zugleich. Die hin­du­is­ti­sche „schwarze” Göt­tin Kali von Tod und Zer­stö­rung zielt eher auf die weib­li­che Haupt­fi­gur ab. Sän­ge­rin und Ver­füh­re­rin der Mas­sen, bringt sie Tod all denen, die sich mit ihr ein­las­sen. Aber Kali ist auch eine phil­ip­pi­ni­sche Kampf­sport­art, bei wel­cher die Abwehr von Angrif­fen mit Stock und Mes­ser im Vor­der­grund steht. Die­ses Motiv wird durch den Vor­win­ter­wind im Buch auf­ge­grif­fen, wel­cher die töd­li­che Gefahr abwen­det. Schon der Titel ist viel­deu­tig, und die­ses Vage, Unbe­stimmte zieht sich durchs ganze Buch.

Eine Schlüs­sel­stelle ist die, wo eine Pfar­re­rin gegen die Gleich­gül­tig­keit wet­tert, mit der heute Böses geschieht. Die Stelle ist des­halb wich­tig, weil da viel von Handke selbst mit­schwingt, dem ent­täusch­ten 68er. Von die­ser Resi­gna­tion ist ein gro­ßer Teil des Buches betrof­fen, unaus­weich­lich nähert sich die Prot­ago­nis­tin dem wei­ßen Salz­berg und damit ihrem Tod. Denn so hat sie es ein­mal aus­ge­spro­chen, also muss es auch so gesche­hen. Doch es kommt anders, die Ret­tung vor die­sem tris­ten Ende weht in Form des Vor­win­ter­win­des heran, der vom Salz­herrn gehört und ver­stan­den wird. Dem­ent­spre­chend ist das Ende des Buches dann hoff­nungs­voll, die Welt wird geret­tet, das ver­misste Kind von der Frau gefun­den, ein Fest gefei­ert mit allem, was dazu gehört.

Unlängst habe ich mich ein wenig mit Jean-​​Paul Sartre beschäf­tigt. Anstöße erhielt ich auf einem Rhetorik-​​Seminar der Friedrich-​​Ebert-​​Stiftung in Bonn. Ein Phy­si­ker aus Ber­lin stellte in einer sei­ner Reden das Kon­zept des Exis­ten­zia­lis­mus (Wikipedia-​​Eintrag) kurz vor, als des­sen bekann­tes­ter Ver­tre­ter Sartre gilt. Auch mein lang­jäh­ri­ger Mit­be­woh­ner Mat­thias hat mir spe­zi­ell die­ses Buch empfohlen.

Das Buch besteht aus einer fil­mar­tig erzähl­ten Hand­lung. Jeder Abschnitt ist mit sei­nem Ort über­schrie­ben, oft gibt es schnelle Hin– und Her­schnitte zwi­schen zwei Orten. Es geht um den Arbei­ter und Revo­lu­tio­när Pierre und Eve, die unglück­lich ver­hei­ra­tete Frau aus höhe­ren Krei­sen. Beide ster­ben, Pierre durch einen Ver­rä­ter, Eve wird von ihrem Mann ver­gif­tet. Das Jen­seits wird nun so beschrie­ben, dass die Toten unsicht­bar unter den Leben­den wan­deln und sich gegen­sei­tig wahr­neh­men kön­nen. Pierre und Eve tref­fen sich und ver­lie­ben sich inein­an­der. Sie erhal­ten eine zweite Chance auf­grund eines Aus­nah­me­pa­ra­gra­fen, da sie eigent­lich für­ein­an­der bestimmt gewe­sen waren. Sie haben 24 Stun­den Zeit und sol­len sich nur ehr­lich lie­ben. Aber beide wol­len bestimmte Dinge regeln, Pierre hat vom Ver­rat des für den nächs­ten Tag anbe­raum­ten Auf­stan­des erfah­ren, Eve möchte ver­hin­dern, dass sich ihr Mann an ihre junge Schwes­ter her­an­macht. Auch der Klas­sen­un­ter­schied ver­ur­sacht Zwis­tig­kei­ten. Am Ende kön­nen beide doch nicht aus ihrer Haut und ver­pas­sen die Chance.

Das Stück ist im Grunde kein rein exis­ten­zia­lis­ti­sches. Viel­mehr ist es dem Deter­mi­nis­mus ver­haf­tet, da die Figu­ren doch nicht über ihre Gren­zen gehen kön­nen und sich so die Ereig­nisse wie­der­ho­len. Die Geschichte nimmt ihren Lauf, gegen den erklär­ten Wil­len der Haupt­fi­gu­ren. Auf jeden Fall ein loh­nens­wer­tes Stück, das durch die unmit­tel­bare Hand­lung gut zu ver­ste­hen ist. Schwie­ri­ger fällt mir die genauere Interpretation.