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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Bewerbung

Woh­nun­gen sind rar in Zürich, offi­zi­ell gab es im Jahr 2011 nur 120 leer­ste­hende Woh­nun­gen (Leer­woh­nungs­zäh­lung). Und ich will gar nicht wis­sen, was das für Woh­nun­gen sind. Auf jeden Fall führt die­ser akute Man­gel zu Erschei­nun­gen, wie sie mir als ehe­ma­li­gem DDR-​​Bürger nur zu ver­traut sind.

Schlan­gen

Die offi­zi­ell aus­ge­schrie­be­nen Woh­nun­gen (z.B. auf home​gate​.ch) erfah­ren regen Zuspruch, nicht sel­ten tref­fen sich bis zu 50 Leute bei einer Besich­ti­gung. Dort füllt man dann ein Bewer­bungs­for­mu­lar aus, gibt also Kin­der, Arbeit­ge­ber, Jah­res­ein­kom­men, Musik­in­stru­mente, Grund für den Woh­nungs­wech­sel, Zivil­stand, Aus­län­der­aus­weis und Kon­takt­da­ten an. Zusätz­lich braucht man noch einen Aus­zug aus dem Betrei­bungs­re­gis­ter. Die­ser ist dann leer, wenn kei­ner­lei Zwangs­voll­stre­ckun­gen gegen einen laufen.

Bei der Woh­nungs­ver­wal­tung lan­den dann 50 Bewer­bun­gen und die gestresste Dame darf einen glück­li­chen Kan­di­da­ten aus­wäh­len. Die Kri­te­rien sind wahr­schein­lich Boni­tät und Bedürf­tig­keit. Bei gro­ßen Woh­nun­gen kön­nen auch mit­ge­brachte Kin­der das Züng­lein an der Waage sein.

Aber im Grunde weiß man es nicht. Es hängt total von der ent­schei­den­den Per­son ab, von deren Erfah­run­gen mit Inge­nieu­ren, Deut­schen, Eltern, Kla­vier­spie­lern. Der Ver­gleich mit der ost­deut­schen Schlange vor Geschäf­ten mit begehr­ten Arti­keln ist aber eigent­lich unpas­send, denn nur einer erhält die Woh­nung. Alle ande­ren gehen durch diese Pro­ze­dur und erhal­ten eine Absage oder hören gar nichts.

Vit­amin B

Genau wie in der DDR-​​Mangelwirtschaft spie­len per­sön­li­che Bezie­hun­gen die ent­schei­dende Rolle. Denn auch für die Anbie­ter von Woh­nun­gen ist der große Ansturm kein Ver­gnü­gen. Bes­ser ist es doch immer, man kennt jeman­den. Ein Groß­teil der Woh­nun­gen wird ver­mut­lich auf die­sem Weg vergeben.

Beloh­nung

Ein Kol­lege von mir nutzte eine andere Tak­tik. In der von ihm gewünsch­ten Gegend hing er Pla­kate auf und stellte eine Ver­mitt­lungs­prä­mie in Aus­sicht. So bekam er eine sehr schöne Woh­nung in zen­tra­ler und ruhi­ger Lage.

Per­sön­li­che Erfahrungen

Ich werde in Kürze meine dritte Woh­nung bezie­hen. Damit liegt meine Erfolgs­quote bei 75%, mit ins­ge­samt vier Besich­ti­gun­gen konnte ich drei Woh­nun­gen ergattern.

Die erste ver­mit­telte mir mein Vor­gän­ger am Lehr­stuhl. Er wollte damals nach Mün­chen zie­hen und brauchte einen Nach­mie­ter. Und so schlug er mir wäh­rend mei­ner Ein­ar­bei­tungs­wo­che vor, seine Woh­nung zu über­neh­men. Die Haus­warts­fa­mi­lie war ein­ver­stan­den und die erste Woh­nung im schö­nen Witi­kon war mein.

Als ich mich dann wegen des Berufs näher am Bahn­hof ansie­deln wollte, stieß ich auf die­ses homegate-​​Inserat einer 2er-​​WG in einer groß­zü­gi­gen 5-​​Raum-​​Wohnung. Ich schrieb zwei Emails, kam vor­bei und erhielt an Ort und Stelle die Zusage.

Für meine bal­dige Bleibe brauchte ich zwei Besich­ti­gun­gen, hatte aber noch vier wei­tere Ter­mine ver­ein­bart. Die zweite Besich­ti­gung kam durch einen Arbeits­kol­le­gen zustande, der von mei­nem Wunsch erfuhr und des­sen Vater gerade einen Mie­ter suchte. Ich rief an, war abends pünkt­lich zur Stelle und erschien mit Anzug, Kra­watte und Man­tel – nach fünf­zehn Minu­ten hielt er mir den Ver­trag hin. Die ande­ren Bewer­ber muss­ten drau­ßen war­ten und beka­men kur­zer­hand mit­ge­teilt, dass die Woh­nung bereits ver­ge­ben sei.

Tipps und Tricks

  • Pro­fes­sio­nel­les Auf­tre­ten, gepflegte Erscheinung
  • Antrag per­sön­lich bei Ver­wal­tung abgeben
  • Allen Leu­ten davon erzählen
  • Pünkt­lich zur Besich­ti­gung sein, mög­lichst sogar etwas eher
  • Plakate/​Zeitungsinserate mit Ver­mitt­lungs­prä­mie im Ziel­ge­biet platzieren

Der Gang zum RAV

Ein schwie­ri­ger Gang war das Ende Sep­tem­ber — zur regio­na­len Arbeits­ver­mitt­lung. Meine bis­he­ri­gen Stel­len­be­mü­hun­gen hat­ten nicht gefruch­tet, ich sah mich vor einer unge­wis­sen Zukunft. Also mel­dete ich mich an, meine Per­so­na­lien wur­den auf­ge­nom­men, meine Bewer­bungs­un­ter­la­gen kopiert und für den nächs­ten Tag ein Ter­min mit mei­ner per­sön­li­chen Bera­te­rin orga­ni­siert. Mein Selbst­wert­ge­fühl war am Boden, der gerade erfolg­reich erwor­bene Dok­tor­ti­tel schien mir in der freien Wirt­schaft nicht viel wert. Über­qua­li­fi­ziert, ohne echte Berufs­er­fah­rung, Wirt­schafts­krise — das roch nach schlech­ten Aussichten.

Das Gespräch mit mei­ner per­sön­li­chen Bera­te­rin war eben­falls nicht gerade dazu geeig­net, meine Stim­mung zu ver­bes­sern. Ich hätte seit der Dok­tor­prü­fung 10–12 Arbeits­be­mü­hun­gen pro Monat vor­wei­sen müs­sen, also ins­ge­samt 25. Die hatte ich nicht, damit stand mir schon zu Beginn erst ein­mal eine Kür­zung mei­ner Bezüge bevor. Außer­dem erfuhr ich, dass zwei Stun­den Arbeits­weg — in eine Rich­tung wohl­ge­merkt — zumut­bar seien. Und ich solle es doch auch von Anfang an in Süd­deutsch­land pro­bie­ren, da hätte ich den Landsmann-​​Bonus. Und ob ich nicht noch einen Bewer­bungs­kurs besu­chen möchte? Meine Begeis­te­rung hielt sich in Gren­zen, aber ich machte gute Miene zum bösen Spiel und erklärte mich dazu bereit.

Bewer­bungs­kurs

Der Bewer­bungs­kurs war dann eine echte Berei­che­rung mei­nes tris­ten Daseins als Stel­len­su­chen­der. Die Kurs­lei­te­rin war extrem kom­pe­tent und packte auch sen­si­ble The­men gut an. An den Aben­den bas­telte ich stun­den­lang mit InDe­sign an mei­nen Unter­la­gen, am Ende erstrahl­ten Lebens­lauf und Kom­pe­tenz­pro­fil im moder­nen, gut struk­tu­rier­ten Lay­out. Und die ande­ren Teil­neh­mer waren auch sehr inter­es­sante Men­schen mit ihren eige­nen span­nen­den Geschich­ten. Es war also gar nicht so schlimm, wie ich anfangs befürch­tet hatte.

Aber durch den Kurs bin ich jetzt auch wie­der auf dem neu­es­ten Stand in Sachen Bewer­bung. Ob Bewer­bungs­un­ter­la­gen, Anschrei­ben, Stellen-​​Plattformen, Initia­tiv­be­wer­bung, Vor­stel­lungs­ge­spräch — ich weiß Bescheid.