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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Bühne

Ges­tern abend haben wir den ers­ten voll­stän­di­gen Durch­lauf gemacht, er dau­erte eine knappe Stunde. Marco meinte dann, wir hät­ten das Stück ein­fach nur tech­nisch run­ter­ge­spielt, es fehlte die Span­nung und die Emo­tio­na­li­tät, vor allem am Beginn. Aber ich denke, das ist nor­mal für so einen ers­ten Durch­lauf, ich war froh, dass der Text saß und ich immer in die rich­tige Rich­tung unter­wegs war, da blieb wenig Kapa­zi­tät für den emo­tio­na­len Gehalt.

molly und andreas (halbkontakt)

Molly und Andreas (Pro­ben­foto Halbkontakt)

Das Stück fühlte sich schnell an und ein wenig banal. In der zwei­ten Hälfte wurde es dann bes­ser, aber dann eska­liert die Hand­lung ohne­hin, ich bin völ­lig am Ende, mein Leben bricht zusam­men, ich hyper­ven­ti­liere und schreie nur noch. Und dann die­ses pikante Bild, das Anja mir gibt. Da musste ich lachen, aber eigent­lich erkenne ich das Aus­maß der Kata­stro­phe und bin voll­ends zer­stört. Das wird schwie­rig, da ernst und in der Rolle zu blei­ben. Die Zuschauer wer­den das Bild sehen. Dage­gen ist mein Unterhosen-​​Auftritt regel­recht harm­los. Ich muss das Wort Pein­lich­keit aus mei­nem Wort­schatz strei­chen, auf der Bühne darf mich das nicht beeinträchtigen.

Heute pro­ben wir noch­mals ohne Marco, vor allem die Über­gänge im zwei­ten Teil. Die sind doch noch rela­tiv neu und das Stück darf nicht durch zu lan­ges War­ten absa­cken. Flie­ßende Über­gänge sind unser Konzept…

Zu Ehren des bekann­ten Schwei­zer Schrift­stel­lers Max Frisch kon­zi­pierte das Thea­ter Neu­markt einen Abend mit impro­vi­sier­ten Sze­nen aus dem Werk Frischs. Das Kon­zept ging nicht auf, abge­se­hen von eini­gen weni­gen geglück­ten Sze­nen war der Groß­teil lang­wei­lig und unspektakulär.

Schus­ter, bleib bei dei­nen Leis­ten! Das möchte ich dem Thea­ter Neu­markt zuru­fen. Warum um Got­tes Wil­len lasst ihr genau die Leute spie­len, die keine Schau­spie­ler sind? Die nicht die Aus­bil­dung haben, nicht die Stimme, nicht die Erfah­rung, die es ein­fach braucht, um diese Sze­nen schnell und wir­kungs­voll zu impro­vi­sie­ren? Sie kleb­ten an den Text­blät­tern, kaum Blick­kon­takt zum Publi­kum, dilet­tan­ti­sches Spiel, kaum Ver­ständ­nis für die Emo­tio­na­li­tät der Szene. Wie auch, waren es doch all jene Ange­stell­ten, die am Thea­ter jen­seits der Bühne wir­ken, ange­fan­gen von der Direk­to­rin Bar­bara Weber, über den Tech­ni­schen Direk­tor Andreas Bögel bis hin zu aktu­el­len und ehe­ma­li­gen Prak­ti­kan­ten im kauf­män­ni­schen Bereich. Sicher tolle Leute, die in ihren Dis­zi­pli­nen Wun­der­dinge voll­brin­gen, aber aben keine Darsteller.

Dabei waren durch­aus inter­es­sante Texte dabei, zwei Sze­nen aus Mein Name sei Gan­ten­bein – einem mei­ner Lieb­lings­bü­cher. Auch Don Juan war ver­tre­ten, sogar mit den fech­ten­den Vet­tern, Mon­tauk, Bio­gra­fie: Ein Spiel. Schöne gehalt­volle Texte, die für das Impro­vi­sie­ren aber etwas zu kom­plex sind. Der Spa­gat zwi­schen Impro­vi­sa­tion und Repro­duk­ti­ons­thea­ter gelang ein­fach nicht. Und irgend­wie merkte man es auch den Dar­stel­lern an, sie pro­bier­ten sich aus, aber es wollte ein­fach nicht so recht zünden.

Aber so war die­ser Abend ein gutes Bei­spiel für die Ver­deut­li­chung und Wür­di­gung des künst­le­ri­schen Pro­zes­ses, denn von der ers­ten Lese­probe zur spiel­fer­ti­gen Szene ist es ein wei­ter Weg. So vie­les muss zusam­men kom­men, damit eine stim­mige Szene ent­steht. Der Text ist nicht mehr als ein Gerüst, inner­halb des­sen so vie­les nötig und mög­lich ist.

Unsere zweite Spiel­stätte für die halbkontakt-​​Produktion ist das Café Ror­boz in Ror­bas. Ges­tern konn­ten wir uns einen ers­ten Ein­druck vom Lokal verschaffen.

Ror­bas ist ein schö­ner klei­ner Ort an der Töss, den man vom Flug­ha­fen Zürich-​​Kloten mit einem Bus bequem errei­chen kann, zwan­zig Minu­ten dau­ert die Fahrt. Das Umstei­gen in Frei­en­stein lohnt sich nicht, zu Fuß pas­siert man schnell die alte enge Brü­cke und sieht das Café recht­er­hand an der Haupt­straße. Es ist schön ein­ge­rich­tet, hohe Fens­ter spen­den tags­über­viel Licht. Hin­ter dem Haupt­raum mit Bar, Tischen und der Bühne befin­det sich ein wei­te­rer Raum, der für Yoga und Aikido genutzt wird. Es ist ein Café mit gas­tro­no­mi­scher und kul­tu­rel­ler Grund­ver­sor­gung, obwohl das kul­tu­relle Pro­gramm in letz­ter Zeit wohl nicht mehr so dicht war. Aber an den Wän­den hän­gen zahl­rei­che Pla­kate von 2003-​​04, Jazz-​​Brunch und Kon­zerte kün­den vom Enga­ge­ment der Eigen­tü­mer. Jetzt ver­su­chen wir uns also mit unse­rem Theaterstück.

Ein wun­der­ba­rer alter Flü­gel blo­ckiert die kleine Bühne, pro­ben kön­nen wir also nicht wirk­lich. Aber es gibt zwei Auf­gänge hin­ten, die ver­bun­den sind, mehr brau­chen wir vor­erst nicht zu wis­sen. Wir begnü­gen uns mit zwei kur­zen Sze­nen, um die Laut­stärke zu prü­fen. Ich bin anschei­nend aus­rei­chend laut. Und so endet unser Besuch dann auch schon nach einer knap­pen Stunde, Ende März sehen wir uns wieder.

Der per­fekte Abend, zehn Minu­ten für die Ewig­keit beim Bösen Mon­tag.

Aus­ver­kauf­tes Hecht­platz­thea­ter, 250 Leute haben Geld aus­ge­ge­ben, um unter­hal­ten zu wer­den. Wir ste­hen hin­ter dem Sei­ten­vor­hang, die letz­ten Sekun­den ticken her­un­ter. Es ist die­ser inten­sive Moment, wo alles unklar ist, das Publi­kum darf uns auch von der Bühne jagen, so will es das Kon­zept. Und sie haben von die­sem Recht bereits Gebrauch gemacht, der Mann mit der Lesung wirkte etwas geschafft nach sei­nem Auf­tritt. Lau­tes Fuß­tram­peln hatte ihm eini­ges abver­langt. Das könnte uns auch blü­hen. So kurz vor dem Auf­tritt ver­engt sich der Fokus und mein Herz schlägt schnel­ler, Unge­wiss­heit, Kon­zen­tra­tion, wir haben vor­her noch umge­stellt, die Unter­ho­sen­szene kommt zuerst. Wir brau­chen ein­fach eine emo­tio­nale Szene am Anfang, die zweite Szene ist ruhi­ger und geht ein paar Minu­ten. Das wäre kein guter Einstieg.

flyer halbkontakt

Flyer unse­rer Produktion

Ich stehe also da, nur in Unter­ho­sen und Socken. Es war so eine Idee unse­res Regis­seurs, die uns garan­tiert einen Lacher ein­bringt. Kei­ner soll behaup­ten, Schau­spie­ler hät­ten es leicht. Die Bereit­schaft, wenn nicht gar der Drang zur Pein­lich­keit sind eine wesent­li­che Vor­aus­set­zung für diese dar­stel­lende Kunst. Es ist soweit, Molly geht voran, bringt ihre Klei­der in Ord­nung, macht sich bereit zum Gehen. Ich folge ihr, spüre das glei­ßende Licht und die Auf­merk­sam­keit der Leute, sie lachen laut auf. Es funk­tio­niert, sie sind gebannt und bei uns. Und ich genieße es, alle schauen auf uns, wir spie­len sie Szene, ich ver­su­che Molly zum Blei­ben zu bewe­gen, umarme sie zärt­lich, sie geht schließ­lich doch. Ich bleibe ent­täuscht zurück und ver­lasse lang­sam die Bühne. Ich spüre die Auf­merk­sam­keit, das Mit­leid, wir haben Emo­tio­nen erschaf­fen in all den Köp­fen da unten im Publikum.

Es ist diese Inten­si­tät, es sind diese kur­zen rausch­haf­ten Momente, die Thea­ter so spe­zi­ell machen. Ich brau­che keine Dro­gen, solange ich ab und an diese Momente erle­ben darf. Denn es klappt nicht immer, der letzte Künst­ler schei­tert gran­dios mit sei­ner Dar­bie­tung von Frank Sina­tras My Way. Der Inter­viewer tritt dann auch kräf­tig nach und fragt ihn, wie er in sei­nem jun­gen Alter auf diese Schnaps­idee gekom­men sei. Aber durch die­sen kur­zen Blick in den Abgrund kön­nen wir uns um so glück­li­cher schät­zen, dass wir mehr Glück beim Publi­kum hatten.

Wir spie­len am 23. und 24. März in Uster und am 26. März im Cafe Ror­boz. Details fin­det ihr unter Kulturpunkt8424.

Wir Schau­spie­ler sit­zen hin­ter dem Vor­hang, es sind noch fünf­zehn Minu­ten. Toi toi toi – die Rituale der Büh­nen­zunft sind über­all gleich, man wünscht sich Glück für den kom­men­den Auf­tritt. Vor allem für die Pre­miere, wenn man das ein­ge­übte Stück zum ers­ten Mal vor Zuschau­ern spielt. All das liegt hin­ter uns, wir ste­hen oder sit­zen hin­ter dem Vor­hang. Wie Gla­dia­to­ren, die noch ein letz­tes Mal ihre Rüs­tun­gen und Waf­fen kon­trol­lie­ren, bevor sich das Git­ter öffnet und wilde Bes­tien sich auf sie stür­zen. Ein biss­chen Stoff, der Bli­cke ver­birgt, aber Geräu­sche durchlässt.

Die Zuschauer kom­men in den Saal, Stim­men, keine ver­trau­ten dabei. Fremde Leute, die ich vor­her nie sah und nach­her nie sehen werde. Ein Irr­tum, wie sich spä­ter her­aus­stellte, mein Dok­tor­va­ter war mit der gan­zen Fami­lie gekom­men, ein Kol­lege von Arbeit und ein Schwei­zer Bekann­ter. Aber ich hatte sie nicht gehört und auch wäh­rend der Vor­stel­lung nur flüch­tig ins Publi­kum geschaut, fremde Gesich­ter im Gegen­licht der Schein­wer­fer. Und es lenkt auch ab, wenn man ins Publi­kum schaut und dann ein bekann­tes Gesicht erblickt. Der Moment des Erken­nens ist pri­vat, die Gefahr groß, aus der Rolle zu fallen.

Top Dogs - Manöverkritik

Sze­nen­foto „Top Dogs” (Manö­ver­kri­tik), Foto von Ste­fan Christiani

Die Klin­gel ertönt zum vier­ten Mal, unser Regis­seur kann sie mit einer Fern­steue­rung nach Her­zens­lust betä­ti­gen. Oder war es doch das dritte Mal? End­lich wird das Licht dunk­ler, Lukas tritt vor den Vor­hang und macht die Ansage, ein ers­ter Applaus.

Dann erklingt The four hor­se­men (Aphrodite’s child) mit ein­ge­bau­ten Text­ab­schnit­ten zu den apo­ka­lyp­ti­schen Rei­tern und Out­pla­ce­ment. Das ist der kon­zep­tio­nelle Höhe­punkt des Stücks, die Ver­knüp­fung von Out­pla­ce­ment mit der Apo­ka­lypse. Denn im Wer­te­ka­non der Mana­ger ist der Ver­lust der Arbeit gleich­be­deu­tend mit Kata­stro­phe. Und das ist auch die Essenz des Stücks, wie gehen ehe­ma­lige Top-​​Kader mit die­ser Situa­tion um? Sie sind auch nur Men­schen, ver­zwei­feln, hal­ten trotz­dem an ihren alten Wer­ten fest und müs­sen letzt­end­lich auch sehr unan­ge­nehme Jobs anneh­men. Die Rol­len sind dabei bewusst als Ste­reo­ty­pen ange­legt, auch die Kurs­lei­te­rin wechselt.

Das Top-Dogs-Ensemble am Paradeplatz

Das Ensem­ble der Top-​​Dogs-​​Produktion am Para­de­platz in Zürich

Das Stück selbst läuft gut, der Text und die Abläufe sit­zen. Das Publi­kum braucht eine Weile um auf­zu­wär­men und wir auch. Es gibt die­sen ewig lan­gen Anfangs­dia­log, erst danach geht es rich­tig los. Ich muss auf­pas­sen, dass ich nicht lache an den lus­ti­gen Stel­len, wenn der ganze Saal grölt. Ein altes Pro­blem von mir, da ver­sagt meine ansons­ten gut aus­ge­prägte Selbstbeherrschung.

Der Höhe­punkt für mich ist die Szene „Dumme Kuh”, in wel­cher meine Frau und ich uns in einem Rol­len­spiel den Pro­ble­men stel­len, die durch meine Arbeits­lo­sig­keit ent­ste­hen. Wir belei­di­gen uns mas­siv und müs­sen bei jeder Auf­füh­rung aufs Neue töd­lich belei­digt sein, obwohl wir genau wis­sen, dass wir uns am Ende der Szene versöhnen.

Szenenfoto "Top Dogs"

Sze­nen­foto „Top Dogs” (Dumme Kuh), Foto von Ste­fan Christiani

Applaus, Ver­beu­gun­gen im Drei­er­pack, Geschenk für den Regis­seur, Applaus, das Bad in der Menge, Gesprä­che mit Bekann­ten, alle fan­den es toll, wie immer sind sie nett oder sehen die Schwä­chen der Insze­nie­rung nicht, die aber wohl nur Theater-​​Veteranen auf­fal­len. Ich werde gelobt, einer meint, ich sei der authen­tischste Schau­spie­ler gewe­sen – das Leben ist schön.

Pre­mie­ren­feier nach lan­gem Umher­ir­ren in einer Piz­ze­ria, aber sonst hatte nichts mehr offen und wir woll­ten zu zwölft auch nicht ins Nie­der­dorf. Der Regis­seur hat ver­sucht, sein Buch­ge­schenk zu erra­ten, es nicht geschafft und freut sich über Die Schule der Schau­spiel­kunst von Stella Adler. Ein rie­si­ger Tel­ler Spa­ghetti Car­bon­ara und ein Gläs­chen Pri­mi­tivo besie­geln den Abend und geben mir den Rest. Ich bin müde und rede inko­ha­rän­tes Zeug. Das Gespräch ver­teilt sich am Tisch.

Ich laufe allein nach Hause, habe keine Lust auf den Nacht­bus zu war­ten. Die Scheuch­zer­straße bei Nacht, ich brau­che einen Schal, muss mich echt erho­len mor­gen. Ein­zelne Fahr­rä­der rau­schen an mir vor­bei, das Zuhause kommt immer näher. Schla­fen, nichts weiter.

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