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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

Archiv

Tag: china

Er war eine der mar­kan­tes­ten Per­sön­lich­kei­ten des Berg­sports, der Öster­rei­cher Hein­rich Har­rer, umstrit­ten bis zuletzt wegen sei­ner von ihm bestrit­te­nen, aber spä­ter nach­ge­wie­se­nen Mit­glied­schaf­ten in der NSDAP, SA und SS. Im Juli 1938 gelang ihm mit drei ande­ren Berg­stei­gern die Erst­be­ge­hung der legen­dä­ren Eiger-​​Nordwand.

Das Buch setzt 1939 ein, als Har­rer zur Erkun­dung des Nanga Par­bat nach Indien auf­brach. Nach Aus­bruch des Zwei­ten Welt­krie­ges wur­den alle Expe­di­ti­ons­teil­neh­mer gefan­gen genom­men und inter­niert. Nach eini­gen glück­lo­sen Flucht­ver­su­chen gelang Hein­rich Har­rer zusam­men mit eini­gen Mit­ge­fan­ge­nen der Aus­bruch aus dem Inter­nie­rungs­la­ger. Zusam­men mit Peter Auf­sch­nai­ter schlug er sich zu Fuß mehr als 2000 km durch fast men­schen­leere Land­schaf­ten bis nach Lhasa, der Haupt­stadt des damals noch unab­hän­gi­gen Tibet durch. Ein­drucks­voll beschreibt er die Feind­se­lig­keit des Lan­des, Fremde waren nicht gern gese­hen und wur­den stets wie­der des Lan­des ver­wie­sen. Und ohne die Mög­lich­keit Lebens­mit­tel zu kau­fen war jeder Ver­such, wei­ter ins Lan­des­in­nere vor­zu­sto­ßen, zum Schei­tern ver­ur­teilt. Es grenzte des­halb an ein klei­nes Wun­der, dass es die bei­den schaff­ten, bis nach Lhasa zu kom­men. Sie wur­den dann dort freund­lich auf­ge­nom­men und blie­ben bis zum Ein­marsch der Chi­ne­sen 1950. Har­rer freun­dete sich sogar mit dem jun­gen 14. Dalai Lama an und brachte die­sem viel über die west­li­che Lebens­art bei.

Ich habe das Buch sehr gern gele­sen, es ist packend geschrie­ben und ver­mit­telt einen guten Ein­druck von der Flucht und den tibe­ti­schen Bräu­chen und Sit­ten. Es ist eher eine Repor­tage und weni­ger ein lite­ra­ri­sches Werk. Im Ver­gleich zum 1997 ent­stan­de­nen Film mit Brad Pitt als Hein­rich Har­rer weist das Buch sehr viele Unter­schiede auf und ver­mit­telt ein umfas­sen­de­res Bild.

Hongkong

Okt 27
Allgemein

Irgend­et­was stimmt nicht heute Mor­gen. Die Roll­treppe, die uns ges­tern abend hin­auf zu unse­rem Hotel trans­por­tiert hatte, fährt ver­kehrt rum, abwärts. Ein selt­sa­mer Anblick, aber es kommt uns ent­ge­gen, woll­ten wir doch etwas wei­ter unten nach einem Früh­stücks­lo­kal Aus­schau hal­ten. Die Roll­treppe mit dem thea­tra­li­schen Namen Mid­le­vel Esca­la­tor ist gut gefüllt, auf ihrer gesam­ten Länge sind jetzt in die­sem Moment Hun­derte unter­wegs zum Büro.

Unser Hotel liegt in einer Wohn­haus­ge­gend auf Hong­kong Island, wobei auch Wohn­häu­ser hier recht hoch sind und Ruhe auf den Stras­sen zu kei­nem Zeit­punkt ein­tritt. Aber gleich hin­ter den nächs­ten Wohn­haus­zin­nen beginnt ein bewal­de­ter Hügel, der zu steil ist, um dar­auf wei­tere Häu­ser zu bauen. Es geht rauf zu einer gas­tro­no­misch gut erschlos­se­nen Berg­spitze, eine Berg­bahn erspart den beschwer­li­chen Auf­stieg. Und oben ist der Aus­blick auf das Hoch­haus­meer die Haupt­at­trak­tion, zahl­rei­che Foto­gra­fen bie­ten ihre Dienste an, um den zah­len­den Kun­den vor dem Pan­orama der Hoch­häu­ser auf ein Foto zu ban­nen. Von hier oben ahnt man die Grösse und Enge die­ser Stadt am bes­ten, man braucht nur die vie­len beleuch­te­ten Fens­ter da unten zu zählen.

Immer und über­all Men­schen, die geschäf­tig vor­bei zie­hen oder ent­spannt in der Fuss­gän­ger­zone ein Pick­nick ver­an­stal­ten, vor allem Asia­ten, aber auch viele Euro­päer. Eng­lisch hört man haupt­säch­lich neben dem unver­ständ­li­chen Chi­ne­sisch. Diese Stadt platzt aus allen Näh­ten und zieht doch immer mehr an, die sich hier ein bes­se­res Leben erhof­fen. Diese Region ist ein selt­sa­mes Kon­strukt, zu klein, um sich mit Nah­rung und Ener­gie zu ver­sor­gen. Dies alles saugt Hong­kong aus der Umge­gend auf, und kon­zen­triert sich auf das grosse Geld an der Börse. Von den Eng­län­dern stam­men die libe­rale Gesetz­ge­bung und die gerin­gen Steu­er­sätze. Und dies bleibt für eine Überg­angs­zeit von 50 Jah­ren nach der offi­zi­el­len Überg­abe an die Volks­re­pu­blik China im Jahr 1997 auch so, bevor dann chi­ne­si­sches Recht gel­ten wird.

Aber hier auf der Haupt­in­sel wirkt Hong­kong noch recht euro­pä­isch, was vor allem am öffent­li­chen Ver­kehrs­sys­tem liegt. Und am Mid­le­vel Esca­la­tor, der Roll­treppe, der wir nach unten gefolgt sind, bis unsere Bli­cke an einem Real Bread Cafe hän­gen blei­ben, an Kür­bis­kern­brot, dem Inbe­griff deut­scher Back­kunst. Es ist ver­traut euro­pä­isch hier, das Essen schmeckt und die Preise sind hoch, wir zah­len lächelnd mit Kre­dit­karte und ver­ta­gen den Schre­cken auf spä­ter. Drau­ßen hat der Esca­la­tor seine Lauf­rich­tung gedreht, bis zum Abend geht es nur noch aufwärts.

Die Roll­treppe ist unsere Haupt­o­ri­en­tie­rung in die­ser recht aus­ge­dehn­ten Stadt,von ihr aus stos­sen wir vor zu den ver­schie­de­nen tou­ris­ti­schen Zie­len, blei­ben aber immer in Sicht­weite der Roll­treppe, die auch mal waa­ge­recht als über­dachte Brü­cke die Stras­sen über­quert. Die Caine Road ist noch weit oben, irgend­ein Museum ist dort und eine Moschee, wei­ter unten die Queens Road. Ganz unten, fast auf ebe­ner Erde geht die Roll­treppe dann in ein Sys­tem von Fuss­gän­ger­brü­cken über und ver­zweigt sich ent­lang einer vier­spu­ri­gen Schnell­strasse. Dort liegt auch das höchste Gebäude, das Inter­na­tio­nale Finanz­zen­trum (IFC) und der Hafen, den man über eine lange blaue Fuss­gän­ger­brü­cke erreicht.

Rausch­haft war mein ers­ter Vor­stoss zum Hafen, ich wollte eigent­lich nur ein paar lang belich­tete Stras­sen­bil­der machen, auf denen die Schein­wer­fer der Autos lange Spu­ren hin­ter­las­sen. Es sind meist schöne Auf­nah­men, mit etwas Glück erzäh­len sie eine Geschichte. Eine undra­ma­ti­sche, all­täg­li­che Geschichte vom Abbie­gen eines Autos, erzählt als unter­bro­chene orange Leucht­spur von Blin­kern, oder die kreis­run­den rück­licht­ro­ten Abbie­ge­spu­ren. Über­haupt Kur­ven, Run­dun­gen geben einem Bild einen ange­neh­men Kon­trast zu den gera­den Linien von Stras­sen und Häu­sern. Aber nach ein paar Lang­zeit­be­lich­tun­gen an der Queens Road ging ich immer wei­ter Rich­tung Hafen, der Blick öffnete sich mehr und mehr, bis ich schliess­lich die Hoch­häu­ser auf bei­den Sei­ten sah, Hong­kong Island hin­ter mir, Kaw­loon Island vor mir, ein Wett­be­werb um Far­ben­pracht zwi­schen den bei­den Inseln, dazu die Fäh­ren und Schiffe, bunt beleuch­tet in hel­ler Nacht. Ein Kalei­do­skop von For­men und Far­ben, ich foto­gra­fiere alles, mit Sta­tiv und zeit­ver­zö­gert, damit kein noch so leich­tes Zit­tern des Appa­ra­tes mir die Schärfe im Bild stiehlt. Über­all Far­ben, wech­selnd leuch­tende Ele­mente von Hoch­häu­sern, ein paar Ang­ler ste­hen eben­falls am Pier, mehr Ruhe und Ein­sam­keit als jetzt und hier ist nicht zu haben in die­ser quir­li­gen Stadt. Es ist fast ein Fie­ber, das mich ergreift, aber irgend­wann ist genug, ich bin so voll von Bil­dern, so müde vom Bild­kom­po­nie­ren, ich gehe. Nur die­ses eine Bild noch, die blaue Brü­cke mit dem Blick zurück auf das höchste Gebäude, das Finanz­zen­trum. Ich gehe zurück, viel wei­ter erscheint mir die­ser Weg, da kein Rausch mehr von mir Besitz ergrif­fen hat. Ich komme zur Roll­treppe, die mich bequem zurück zum Hotel brin­gen wird. Irgend­et­was stimmt nicht. Sie steht, wird gerei­nigt. Ich muss zu Fuss den Berg hin­auf, noch ein­mal ergreift mich ein Rausch, als ich zu spät­schwü­ler Stunde hin­auf­hetze zum Hotel, über Queens Road und Caine Road, vor­bei an der Moschee zum Hotel.

China, Impressionen

Okt 3
Allgemein

Peking emp­fing uns nach einem zehn­stün­di­gen Flug mit einem archi­tek­to­nisch extrem inter­es­san­ten Flug­ha­fen­ge­bäude. Nicht, dass wir beson­ders auf­nah­me­fä­hig gewe­sen wären, aber die vie­len run­den Säu­len, die Decken­kon­struk­tion und das geschwun­gene Dach gaben dem Gebäude eine unge­ahnte Leich­tig­keit und Offen­heit. Zum ers­ten Mal sahen wir aller­or­ten die chi­ne­si­schen Schrift­zei­chen, am Flug­ha­fen zum Glück noch mit eng­li­scher Über­set­zung. Nach Ein­rei­se­for­ma­li­tä­ten, Gepäck­band und Zoll waren wir in der Ankunfts­halle ange­langt, aber kei­nes der emsig empor­ge­streck­ten Schil­der passte auf uns. Unsere Gast­ge­ber lie­ßen etwas auf sich war­ten, wes­halb wir uns noch in diese War­te­stühle plump­sen lie­ßen und vor uns hindösten.

Unser Hotel lag in einem alten Teil Pekings, ein­stö­ckige, alte, teil­weise ver­fal­lene Häu­ser, ver­win­kelte Hin­ter­höfe, nette Geschäfte und unaus­ge­las­tete Poli­zis­ten bil­de­ten eine ange­nehme Nach­bar­schaft. Von sol­chen Inseln der Ruhe abge­se­hen, besteht Peking haupt­säch­lich aus brei­ten, ver­stopf­ten Stra­ßen, breit gestreu­ten Hoch­häu­sern und 14 Mil­lio­nen Men­schen. Ein Groß­teil davon fährt Taxi, ein gutes Drit­tel der her­um­fah­ren­den Autos lässt sich anhal­ten und gegen ein gerin­ges Ent­gelt zu einem Ziel dirigieren.