Zum Inhalt springen

mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

Archiv

Tag: Diavolezza

Für fünf Tage tauschte ich die Annehm­lich­kei­ten des Stadt­le­bens gegen karge Berg­land­schaf­ten, fernab von jeg­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­teln. Es war eine sehr for­dernde, aber auch extrem loh­nende Tour im Bernina-​​Gebiet.

  1. Aus­bil­dung am Piz Tro­vat (3146 m), Über­nach­tung Berg­ho­tel Dia­vo­lezza (2973 m)
  2. Pers– und Morta­ratsch­glet­scher, Über­nach­tung Boval-​​Hütte (2495 m)
  3. Piz Morta­ratsch (3751 m), Tschierva-​​Hütte (2584 m)
  4. Eis– und Fels­aus­bil­dung, Coaz-​​Hütte (2610 m)
  5. Pass­über­schrei­tung Four­cla Fex-​​Roseg (3068 m), Furtschella-​​Station, Heimreise

Auf dem Gletscher

Völ­lig neu für mich war das Bege­hen von Glet­schern und der Umgang mit Steig­ei­sen, Pickel und ver­kürz­tem Seil. Die Gefahr beim Gehen auf dem Eis ist das Hin­un­ter­fal­len in eine Glet­scher­spalte. Beson­ders bei Neu­schnee kön­nen Spal­ten bedeckt und damit unsicht­bar sein. Des­halb geht man an einem Seil, je nach Schwie­rig­keit des Gelän­des min­des­tens in Zweier-​​Seilschaften. Wir hat­ten dafür ein 50 m-​​Halbseil, wobei sich der Vor­derste und Hin­terste einen Teil des Seils in Schlau­fen um den Kör­per legen. Somit ver­blei­ben zwi­schen den bei­den Alpi­nis­ten noch 5–10 m Seil. Zu zweit emp­fiehlt sich noch das Anbrin­gen von Kno­ten, wel­che den Sturz in eine Spalte brem­sen kön­nen, da sich das Seil in die­sem Fall ins Eis einschneidet.

Steig­ei­sen sind essen­zi­ell zum Bege­hen von Glet­schern, sobald diese geneigt oder ver­eist sind. Bis zu zwölf Zacken boh­ren sich in den Unter­grund. Ich fand es erstaun­lich, wel­che Hang­nei­gung man mit etwas Übung bewäl­ti­gen kann, 45° sind kein Pro­blem. Wich­tig ist jedoch, dass immer mög­lichst alle Zacken im Eis sind, seit­li­ches Ver­kan­ten ist gefähr­lich. Die Vor­aus­set­zung für das sichere Mon­tie­ren von Steig­ei­sen ist, dass die ver­wen­de­ten Berg­schuhe steig­ei­sen­fest sind, also mög­lichst robust und mit stei­fer Sohle. Um sich selbst nicht zu ver­let­zen, läuft man breit­bei­nig in Cowboy-​​Manier.

Der mas­sive orange-​​griffige ASVZ-​​Eispickel war im stei­len Gelände unser ste­ter Beglei­ter. Man kann sich mit dem spit­zen Stie­lende (Spitz) abstüt­zen, an der Schau­fel anfas­sen und mit Haue und Spitz einen zuver­läs­si­gen Griff haben oder sich einen Stand pickeln.

Jeden­falls war es eine fas­zi­nie­rende neue Welt, in die wir mit einem erfah­re­nen Berg­füh­rer (Ste­fan Felix, sehr zu emp­feh­len) vor­ge­sto­ßen sind.

Andert­halb Tage Enga­din — da geht was in Sachen Berg­sport! Zusam­men mit mei­ner Gast­ge­be­rin bezwang ich zwei Klet­ter­steige und den berüch­tig­ten Time­track Mun­tatsch. Es waren schöne Aus­flüge, die ich gern noch ein­mal Revue pas­sie­ren las­sen möchte.

Klet­ter­steig „Piz Trovat”

Wer ohne große Mühe einen 3000er bezwin­gen möchte, ist mit dem Piz Tro­vat (3146 m) gut bera­ten. Von der mit Seil­bahn erreich­ba­ren Diavolezza-​​Hütte knapp unter 3000 m ist es nicht mehr weit. Mit der ent­spre­chen­den Aus­rüs­tung kann man leicht den Klet­ter­steig bezwin­gen. Das Schwie­rigste ist der Zugang, wel­cher auf einem weiß­blauen Berg­wan­der­weg erfolgt. Die Land­schaft ist karg da oben, auf die­ser Höhe wächst so gut wie nichts mehr. Dafür gibt es wäh­rend der gan­zen Tour wun­der­schöne Aus­bli­cke auf den Gletscher.

Klet­ter­steig „La Resgia”

Die­ser Klet­ter­steig in der Nähe von Pon­tre­sina ist sport­lich deut­lich anspruchs­vol­ler als der auf den Piz Tro­vat. Es gibt eine leicht über­hän­gende Wand, in der man ein­mal umsi­chern muss. Das erfor­dert ein biss­chen Arm­kraft und Durch­hal­te­wil­len. Emp­feh­lens­wert ist außer­dem eine sepa­rate Selbst­si­che­rung mit gro­ßem Kara­bi­ner und Band­schlinge, damit kann man an die­ser Stelle die Arme ent­las­ten und bequem die Klettersteig-​​Sicherung umhän­gen. Ansons­ten muss man sich an einem Arm hal­ten. Abge­se­hen von die­ser sport­li­chen Her­aus­for­de­rung ist die Route abwechs­lungs­reich und durch die Bäume und den her­ab­stür­zen­den Bach äußerst reizvoll.

Time­track Muntatsch

Die Enga­di­ner sind ein berg­sport­ver­rück­tes Völk­chen. Nur so lässt sich die Exis­tenz des Time­track Mun­tatsch bei Same­dan erklä­ren, einer ste­tig anstei­gen­den Zeit­mess­stre­cke mit genau 3.4 km Länge und 414 zu über­win­den­den Höhen­me­tern. Das ent­spricht einem durch­schnitt­li­chen Anstieg von 12%. Im Inter­net kann man seine Zeit dann mit der von ande­ren ver­glei­chen, in den Kate­go­rien Mountain-​​Bike, Nordic-​​Walking und Jog­gen. Ande­rer­seits ist es auch eine geniale Geschäfts­idee, um den Geträn­ke­ab­satz der Muntatsch-​​Hütte durch garan­tiert durs­tige Keh­len anzukurbeln.

Wir ent­schie­den uns fürs Bike. In der Nähe eines Schieß­plat­zes befand sich die Tal­sta­tion, mit roter Farbe wurde auf eine Karte die aktu­elle Zeit auf­ge­stem­pelt. Dann ging es los, steil berg­auf wand sich ein gut gepfleg­ter Wald­weg. Stän­dig hall­ten Schüsse durchs Tal, ein beängs­ti­gen­des Gefühl. Nach ein paar Minu­ten lief mit der Schweiß, mein Herz raste und mein Blick ver­engte sich auf die nächs­ten paar Meter. Immer wei­ter, nur nicht abstei­gen oder gar auf­ge­ben! Schon der erste Kilo­me­ter zog sich unge­mein, dann sah ich die moti­vie­rende 2 km-​​Tafel. Ich war fast immer im kleins­ten Gang, nur manch­mal schal­tete ich hin­ten auf das zweit­größte Räd­chen. Ich auf mei­nem aus­ge­borg­ten Bike gegen die Schwer­kraft, zum Glück spen­de­ten die Bäume meist Schat­ten. Nach end­los lan­ger Zeit errei­che ich schließ­lich die Berg­sta­tion, stem­pele sofort meine Karte, dies­mal mit fast nicht mehr erkenn­ba­rer schwar­zer Stem­pel­farbe. Es sind etwas mehr als 30 Minu­ten, was einer Durch­schnitts­ge­schwin­dig­keit von 6.6 km/​h ent­spricht. Zehn Minu­ten spä­ter taucht dann auch meine Gast­ge­be­rin auf und wir genie­ßen die schöne Aussicht.

Auf der Web­seite ist unsere ful­mi­nante Fahrt für die Nach­welt gespei­chert, bis­lang belege ich bei den Her­ren den drit­ten Rang diese Woche, noch dazu als ein­zi­ger Zür­cher unter lau­ter Lokal­ma­ta­do­ren. Die abso­lut krasse Best­zeit von 16:47:00 hat kein Gerin­ge­rer als Lukas Buchli auf­ge­stellt, der amtie­rende Schwei­zer­meis­ter im Mountain-​​Bike.