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Tag: dresden

Es ent­wi­ckelt sich was in mei­ner alten Hei­mat­stadt, bei jeder Wie­der­kehr stelle ich neue Ver­än­de­run­gen fest. Der neu­este Streich ist die Centrum-​​Galerie an der Pra­ger Straße. Archi­tek­to­nisch hat man sich am alten Centrum-​​Warenhaus ori­en­tiert, zu DDR-​​Zeiten ein wich­ti­ges Ele­ment der moder­nen sozia­lis­ti­schen Groß­stadt. Die­ses alte Waren­haus hatte eine metal­li­sche Hülle aus Waben, wel­che der Neu­bau auf­ge­nom­men hat. Aber diese Refe­renz ist auch das Ein­zige, was an den alten Kon­sum­tem­pel erin­nert, das Innere ist geräu­mig gestal­tet und ent­spricht dem Aus­se­hen so ziem­lich aller Ein­kaufs­zen­tren die­ser Welt. Die Altmarkt-​​Galerie ist ja nicht weit und hat bei der Gestal­tung sicher­lich Pate gestanden.

Centrum Galerie
Innen­an­sicht der Centrum-​​Galerie

Eine Sache ist jedoch anders, unter dem Dach wur­den ori­en­ta­lisch anmu­tende Mus­ter ver­wen­det. Das ist ein inter­es­san­ter archi­tek­to­ni­scher Schachzug.

Centrum Galerie
Die ori­en­ta­li­schen Mus­ter spie­geln sich im obers­ten Stock­werk.

Damit ver­fügt das Zen­trum jetzt also über zwei Ein­kaufs­zen­tren in unmit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft, wei­ter drau­ßen in Auto­bahn­nähe war­tet der Elbe-​​Park auf Kund­schaft und ich frage mich, zu wes­sen Las­ten diese Neu­er­öff­nung geht. Wahr­schein­lich ist es der Ein­zel­han­del, der lei­det oder das Karstadt-​​Warenhaus gegen­über der Centrum-​​Galerie.

Prager Straße
Klas­si­sche Spring­brun­nen an der Pra­ger Straße.

Ansons­ten ist alles beim Alten Neuen in Dres­den, die alten DDR-​​Springbrunnen wer­den von neu­ar­ti­gen Ein­kaufs­zen­tren umzin­gelt und die letz­ten Lücken beim Wie­ner Platz geschlos­sen. Immer wie­der anders.

Ein aktu­el­les Thea­ter­pro­jekt dreht sich um das Thema „Zu Hause”. Es ist des­halb eine Art Haus­auf­gabe, sich mal mit die­sem Thema zu beschäftigen.

Zu Hause als Ort

In ers­ter Linie ist das Zuhause ein Ort, schließ­lich ist Haus der Haupt­be­stand­teil des Begriffs. Die Frage ist natür­lich, wie Leute vor dem Bau von Häu­sern ihr Zuhause genannt haben. Aber man kann ja auch in Höh­len und Hüt­ten hausen.

Ich habe in vie­len Häu­sern gewohnt und kann mich noch gut erin­nern. In Dresden-​​Laubegast wohn­ten wir in einer Zwei­raum­woh­nung unter dem Dach, danach ging es zumin­dest grö­ßen­mä­ßig schritt­weise auf­wärts. Drei Räume im Erd­ge­schoss stan­den uns in Dresden-​​Kleinzschachwitz zur Ver­fü­gung, vier Räume in Dresden-​​Leuben. Dann folgte die WG-​​Zeit in mei­nem schö­nen gel­ben Zim­mer in Dresden-​​Löbtau. Nach einem Zwi­schen­stopp in Blacks­burg, Vir­gi­nia kehrte ich wie­der ins WG-​​Zimmer zurück. Dann folgte der Sprung nach Zürich-​​Witikon, eine Ein­raum­woh­nung unter dem Dach war für vier­ein­halb Jahre mein Zuhause. Kürz­lich der Umzug nach Zürich-​​Oberstraß, ins Herz der Stadt in eine wesent­lich grö­ßere Woh­nung in loser WG. Es sind viele Häu­ser und Woh­nun­gen, in denen ich gelebt habe. Getrost kann man noch die Schu­len, die Uni­ver­si­tä­ten und Arbeits­stel­len dazu zäh­len, in denen ich für lange Zeit ein– und aus­ging. Da kom­men viele Gebäude zusam­men, wobei gerade die Viel­zahl die genaue Fest­le­gung eines Zuhau­ses erschwert. Über­all und nir­gends bin ich zu Hause, alles ist flüch­tig. Ich kann mich nur an den Moment klam­mern, an den aktu­el­len Zustand, meine aktu­elle Bleibe.

Elbbogen von der Frauenkirche aus
Dres­den war lange Zeit mein Zuhause.

Bezo­gen auf Städte war Dres­den für sehr lange Zeit mein Zuhause, Blacks­burg nur kurz und Zürich jetzt schon seit fast fünf Jah­ren. Mich bringt die Frage „Woher kommst du?” immer ein wenig in Ver­le­gen­heit, instink­tiv ant­worte ich mit Dres­den, daher komme ich, dort sind meine Wurzeln.

Zu Hause als Menschen

Aber letzt­lich sind es in ers­ter Linie die Men­schen, die ein Zuhause aus­ma­chen. Wenn ich weg­ge­zo­gene Freunde oder Ver­wandte treffe, fühle ich mich zuhause, unab­hän­gig vom Ort. Ein Ort ist nur beim ers­ten Mal neu, schon beim zwei­ten Mal Hin­fah­ren auf der glei­chen Route blen­det der Ver­stand das schon Gese­hene aus. Was bleibt, ist die Begeg­nung mit dem Menschen.

Und man fühlt sich in einer neuen Stadt erst dann zuhause, wenn man ein Umfeld von Freun­den hat, wenn man ein­ge­la­den wird und sich ange­nom­men fühlt. Dann ist man wirk­lich angekommen.

Zu Hause als Sprache

Die Spra­che ist ein wei­te­rer Aspekt. Auf mei­nen häu­fi­gen Fahr­ten von Zürich nach Dres­den und zurück gibt es immer die­ses erste Mal, wenn ich Säch­sisch oder rückzu Schwei­zer­deutsch höre. Das weckt in mir Hei­mat­ge­fühle, in beide Richtungen.

Zürich bei Nacht
Bahn­hof­strasse in Zürich, mei­ner Wahl­hei­mat.

Die Auf­re­gung in der Schweiz über die von eini­gen so emp­fun­dene Über­frem­dung durch deut­sche Zuwan­de­rer ist vor allem sprach­lich bedingt. Wenn mehr und mehr Hoch­deutsch erklingt, ob nun im Tram, im Wirts­haus, beim dienst­li­chen Tele­fo­nat oder an den Uni­ver­si­tä­ten, dann füh­len sich die Schwei­zer nicht mehr zu Hause.

Zu Hause als Gefühl

Das Gefühl der Gebor­gen­heit im Mut­ter­leib ist wohl der Ursprung von „zu Hause”. Es ist warm und dun­kel, das Blut rauscht, Stim­men von außen klin­gen gedämpft und ver­zerrt, das Herz der Mut­ter schlägt, man muss nichts machen, kein Leis­tungs­zwang, keine Geschäf­tig­keit, ein­fach nur wach­sen. Zu Hause fühlt man sich somit dann, wenn man gebor­gen, behü­tet und aner­kannt ist.

Es ist ein Gefühl, das sich durch ver­schie­dene Umstände ein­stellt, ein ver­trau­ter Ort, eine ver­traute Umge­bung, ver­traute Men­schen, die Liste ließe sich belie­big fort­set­zen. Als Thea­ter­mensch ist man auf der Bühne „zu Hause”, als Auto­fah­rer in sei­nem Wagen, als Alpi­nist in den Ber­gen. Es ist immer etwas Ver­trau­tes dabei und auch Vertrauen.

Bezug zum Stück

Im Thea­ter­stück ist der Prot­ago­nist auf der Suche nach sei­nem Zuhause, weiß aber nicht, wo das ist. Er begeg­net ver­schie­de­nen Per­so­nen, die ihn zum Taxi­stand, zur Post, zum Hotel schi­cken. Aber so rich­tig ist das alles nicht, was er sucht. Er weiß am Ende nicht mehr als vorher.

Im Stück wird die Suche nach dem Zuhause von allen Cha­rak­te­ren als die Suche nach einem bestimm­ten Ort inter­pre­tiert. Aber ein bestimm­ter Ort kann die Sehn­sucht des Haupt­dar­stel­lers nicht befrie­di­gen, er sucht sein Zuhause auf einer ande­ren Ebene.

Wir begin­nen am Haupt­bahn­hof, der nach der Flut 2002 reno­viert wurde. Immer noch erstaunt mich die helle Ein­gangs­halle mit der kreis­run­den Öffnung oben. Ansons­ten sind es die glei­chen Läden wie immer schon, nur den grü­nen mar­ché gab es vor­her nicht, die etwas geho­bene Gas­tro­no­mie hat im Dresd­ner Haupt­bahn­hof Ein­zug gehal­ten. Die Züge fah­ren vor allem zu säch­si­schen Zie­len, nach Gör­litz im Osten, Zwi­ckau im Erz­ge­birge, Leip­zig im Nord­wes­ten des Frei­staats. Nur ein Fern­ver­kehrs­zug hat sich auf die Tafel ver­irrt, nach Nürn­berg kann fah­ren, wen es ganz weit in den rich­ti­gen Wes­ten zieht.

Ich sehe die Stadt mit neuen Augen, möchte sie mei­ner Beglei­te­rin zei­gen, ihren Charme neu ent­de­cken. Wir lau­fen in Rich­tung Innen­stadt die Pra­ger Straße ent­lang. Gleich am Bahn­hof erhebt sich das Kugel­haus, ein moder­ner, glä­ser­ner Bau mit zwei Qua­dern, in deren Mitte eine Kugel thront. Das Kugel­haus ver­deckt die größte Bau­sünde nach der Wende, ein rie­si­ges Loch, wel­ches einst ein Ein­kaufs– und Büro­vier­tel wer­den sollte. Aber es wurde nichts dar­aus, so man­cher Inves­tor ging pleite. So ent­stand statt eines gro­ßen Wurfs moder­nes Stück­werk am Wie­ner Platz vor dem Haupt­bahn­hof. Eben das Kugel­haus, rechts noch ein so ein glä­ser­ner Qua­der mit Geschäf­ten und Restau­rants, wei­ter links steht auch noch so ein Teil.

Man wollte das aus sozia­lis­ti­schen Zei­ten stam­mende Ensem­ble der Pra­ger Straße scham­voll bede­cken. Hätte man es doch so gelas­sen, den Wie­ner Platz als Frei­flä­che vor der brei­ten Fuß­gän­ger­zone, wel­che links von den drei Hotel­qua­dern mit den klang­vol­len Namen Lili­en­stein, König­stein und Bas­tei begrenzt wurde, rechts von einem ande­ren Hotel­qua­der, an wel­chen sich der volu­mi­nö­seste Plat­ten­woh­nungs­qua­der, den es gibt, anschloss. Abge­schlos­sen wurde diese wahr­ge­wor­dene Vision einer sozia­lis­ti­schen Groß­stadt vom Rund­kino, einem Zylin­der, der auch als Achse gese­hen wer­den konnte. Aber die­ses Ensem­ble durfte so nicht ste­hen blei­ben, im Enthu­si­as­mus der ers­ten Nach­wen­de­jahre sollte alles getilgt wer­den, was an die 40 Jahre Sozia­lis­mus erin­nerte. Eine Meile mit Ein­kaufs­häu­sern ent­stand, die man so über­all fin­den kann. In spä­te­ren Jah­ren ging man behut­sa­mer vor, die im Innen­hof eines 50er Jahre Wohn­blocks neu ent­stan­dene Alt­markt­ga­le­rie passt sich bes­ser in die his­to­ri­sche Bau­sub­stanz ein.

Ein kur­zer Schlen­ker am Rund­kino, in wel­chem jetzt Pizza Hut resi­diert, bringt uns zum Kris­tall­pa­last, dem gewag­ten Kino­neu­bau der 90er Jahre. Auch hier ist das Bemü­hen deut­lich, mit einer zeit­ge­mä­ßen, asym­me­tri­schen Form dem his­to­risch beding­ten, städ­te­bau­li­chen Anspruch Dres­dens gerecht zu wer­den. Von der Bevöl­ke­rung belä­chelt, mit Archi­tek­tur­prei­sen über­häuft, wie so oft stößt archi­tek­to­ni­scher Ehr­geiz auf das Unver­ständ­nis derer, die es dann tag­täg­lich nut­zen. Aber gerade in Dres­den mit sei­nen ein­drucks­vol­len Barock­bau­ten wür­den die meis­ten Ein­woh­ner am liebs­ten alle neue­ren Bau­ten auch im Barock­stil gestal­ten. Der Spa­gat zwi­schen Bewah­rung des Stadt­bil­des und zeit­ge­mä­ßem Bauen ist schwie­rig in die­ser Stadt.

Aber nach den architektur-​​ideologischen Schlacht­fel­dern fin­den wir auf dem Alt­markt erst­mal Ruhe, die­sen freien Platz gab es schon immer so und wird es auch immer so geben mit dem Blick zur his­to­ri­schen Alt­stadt in die eine Rich­tung und der unmit­tel­bar angren­zen­den dunk­len Sil­hou­ette der Kreuz­kir­che in die andere Rich­tung. Ledig­lich der Stil der angren­zen­den Haus­fas­sa­den vari­iert ein wenig, 50er Jahre-​​Wohnhaus-​​Fassaden zur Lin­ken und Rech­ten, dem DDR-​​Kulturpalast direkt vor uns und einem neue­ren Gebäude hin­ter uns.

Aber die Frau­en­kir­che lockt, sie erscheint so nah von hier, und damit sind wir wie­der auf einem sym­bol­las­ti­gen ideo­lo­gi­schen Minen­feld gelan­det. Lange Zeit hatte man den Trüm­mer­hau­fen ste­hen gelas­sen, aus dem nur wenige Mau­er­reste auf­rag­ten. Es war ein Mahn­mal mit beein­dru­cken­der Sym­bo­lik, zeigte es doch Zer­stö­rung unmit­tel­bar und erin­nerte an jene Bom­ben­nacht im Februar 1945, wel­che die gesamte bis dahin ver­schont geblie­bene Innen­stadt in Mit­lei­den­schaft zie­hen und Zehn­tau­sen­den Men­schen das Leben kos­ten sollte. Sollte man diese Kir­che wie­der auf­bauen und damit einen Schluss­strich ziehen?

Mir wäre die Erhal­tung des Mahn­mals lie­ber gewe­sen als die­ser baro­cki­sie­rende Wie­der­auf­bau, wel­cher nicht nur die Innen­stadt über­ragt, son­dern auch die Auf­merk­sam­keit wie ein Magnet auf sich zieht, weg von den vie­len ande­ren, schüt­zens– und bewah­rens­wer­ten his­to­ri­schen Gebäu­den. So steht jetzt die­ser glo­cken­för­mige Klotz da, wel­cher als Sym­bol für so ziem­lich alles dient, für Ver­söh­nung, Kriegs­gräuel, Neu­be­ginn, Barock, hei­lende Wun­den, Anden­ken, inter­na­tio­nale Soli­da­ri­tät, pro­tes­tan­ti­sche Bür­ger­lich­keit und den Welt­frie­den. 13.000 Ton­nen Sand­stein über uns, die Kup­pel ist an eini­gen Stel­len über zwei Meter dick. Eigent­lich ein Wun­der, wie George Bähr das damals kon­stru­iert hat. Mit­tags­an­dacht mit zen­tra­ler Füh­rung, damit man die Kir­che nicht nur als Sehens­wür­dig­keit abhakt, son­dern auch als Got­tes­haus wahr­nimmt. Des­halb natür­lich zuerst der Light-​​Gottesdienst, viel Orgel­mu­sik, nur wenige kön­nen das eine Kir­chen­lied mit­sin­gen oder an den rich­ti­gen Stel­len Amen sagen. Die Frau­en­kir­che hat keine Gemeinde, es sit­zen immer wie­der andere Tou­ris­ten drin, die eigent­lich nur mal die­ses präch­tige Gebäude von innen sehen woll­ten. Es ist so unna­tür­lich hell, Kir­chen müs­sen dun­kel sein und nach vie­len Hun­dert Jah­ren Weih­rauch rie­chen. Das Mahn­mal wäre jeden­falls bes­ser gewesen.

Wir gehen noch zur Syn­agoge, dem letz­ten umstrit­te­nen Glanz­werk moder­ner Archi­tek­tur. Zwei Klötze, der eine dreht sich zum Dach hin. Genial, wenn man die Hin­ter­gründe kennt, den Platz­man­gel wegen der Stras­sen­bahn­li­nie am Ori­gi­nal­stand­ort der alten Syn­agoge, die von den Nazis in der Kris­tall­nacht abge­brannt wurde, die jüdi­sche Tra­di­tion des Zel­tes als Got­tes­häu­ser der Noma­den, die begrenz­ten finan­zi­el­len Mit­tel der klei­nen Dresd­ner jüdi­schen Gemeinde — die­ser Ent­wurf hat all dies berück­sich­tigt und aus den vie­len Nöten eine archi­tek­to­ni­sche Tugend gemacht. Aber die Abnei­gung der Dresd­ner gegen alles Nicht­ba­ro­cke macht natür­lich auch an die­ser Stelle nicht Halt. Jedoch haben wir nicht viel Zeit, sind schon über die Brühl­schen Ter­ras­sen dahin­ge­flo­gen, strei­fen die Syn­agoge und das Gemein­de­haus auch nur kurz, um mit der Stra­ßen­bahn zum Haupt­bahn­hof zu kommen.

Ich komme zu spät, war noch klet­tern drau­ßen in der Säch­si­schen Schweiz. Müde bin ich, aber es waren schöne Wege und über­haupt ein schö­ner, son­ni­ger Herbst­tag. Am Papst waren wir, einem aus­ge­dehn­ten Fel­sen in der Nähe von König­stein, Arne hatte ihn vor allem wegen der Süd­seite aus­ge­wählt. Dort ließ es sich trotz der küh­len Tem­pe­ra­tu­ren aus­hal­ten, auch der Fel­sen war warm genug zum Klet­tern. Vor unge­fähr fünf Jah­ren hatte ich mit Arne sei­nen ers­ten Weg gemacht, an einem kal­ten Novem­ber­tag lan­de­ten wir erst nach Umwe­gen auf dem Gip­fel. Heute lief es bes­ser, die rich­ti­gen Wege waren schnell gefun­den und erklom­men. Der raue Sand­stein fasste sich gut an, es fühlt sich grif­fi­ger als der rut­schige Kalk­stein oder Gra­nit der Alpen. Und so kam ich nach einem lan­gen Tag an fri­scher Luft mit vie­len schö­nen Erin­ne­run­gen und mit die­ser woh­li­gen Müdig­keit zum Klas­sen­tref­fen und war auch gleich einige Minu­ten zu spät.

Vor unse­rer Schule war eine rie­sige Traube, der Bau­zaun ließ auch nicht viel Platz bis zur Straße und einige tra­ten auch auf die Fahr­bahn raus, um alle zu begrü­ßen und die bekann­ten Gesich­ter wie­der zu sehen. Alle Gesich­ter waren ver­traut, die Namen spran­gen mir sofort ins Gedächt­nis und die Atmo­sphäre war locker und redselig.

Nein, ich bin nicht mehr in Dres­den. Ich wohne in Zürich.

Und du bist also bei einem Inkas­so­un­ter­neh­men? Krasse Sache, an der Schnitt­stelle zwi­schen Soft­ware und den Pro­zes­sen, Auto­ma­ti­sie­rungs­grad von 85%, die Mah­nun­gen gehen raus, Eska­la­ti­ons­stu­fen, alles auto­ma­tisch, nur am Ende greift mal ein Mensch ein.

Ich wohne in Zürich, nein, das ist nicht die Hauptstadt.

Und du baust an Atom­kraft­wer­ken in Bay­ern? Hätte ich dir nie zuge­traut. Wie soll ich jetzt noch ruhig schlafen?

Ich bin noch am pro­mo­vie­ren, aber nicht mehr lange.

Und du bist mit dei­nem Freund zusam­men gezo­gen? Aber er ist momen­tan in Aus­tra­lien und kommt erst in ein paar Wochen zurück? Super.

Ich mache jetzt was mit vir­tu­el­ler Realität.

Und du fliegst mor­gen wie­der nach China, Filme schnei­den? Weih­nach­ten in Peking, na das wird bestimmt auch lus­tig. Dann gibt es halt Pekin­gente zum Weihnachtsabend.

Der Loko­mat ist ein Reha­bi­li­ta­ti­ons­ro­bo­ter für Leute, die nicht mehr lau­fen können.

Und du woll­test also kei­nen Kai­ser­schnitt? Trotz Becke­nend­lage eine nor­male Geburt, das kann ich verstehen.

Rudern mache ich jetzt ab und an, kann ich echt empfehlen.

Und du warst in Win­ter­thur, ganz in der Nähe von mir? Chu­chich­äschtli, so heisst das wirk­lich. Und man schnu­uft dur äs Muul (atmet durch den Mund). Wit­zig, diese Schwei­zer Spra­che. Arzt im Prak­ti­kum gibt’s nicht mehr, aber es ist doch das Glei­che. Der Anfang ist hart.

Und Impro-​​Theater mache ich auch noch.

Und du bewirbst dich bei einer ande­ren Firma? Wurde aber auch Zeit. Deine alte Firma war ja nicht so der Hit. Ich drü­cke dir die Daumen.

Ich muss dann nächs­tes Jahr mal schauen, wo ich mich bewerbe.

kleine Auf­träge machst du also gar nicht mehr? Lie­ber gleich große, der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­auf­wand frisst bei klei­nen den Gewinn auf. Inter­net­shops für Schuhe, tolle Sache die­ses Demandware. Lohnt sich aber erst ab 2 Mil­lio­nen Umsatz. Also nichts für mich. Was ver­kaufe ich eigent­lich? Wissen?

Unser Stück hieß „Zehn kleine Neger­lein”, das von Aga­tha Christie.

Und du bist doch nicht an Kriegs­schif­fen, son­dern nur an Yach­ten? Und die Frau fürs Leben hast du auch getrof­fen? Weih­nach­ten kom­men alle zu dir, Eltern und Schwie­ger­el­tern und Geschwis­ter. Praktisch.

Käse­fon­due esse ich wirk­lich ab und zu.

Und du bist also jetzt Dok­tor, der erste in die­ser Runde. Und stolz drauf. Danke für den Gedicht­band, ich schau mal rein.

Die ETH ist eini­ger­ma­ßen renom­miert, das kann man schon sagen.

Und du spielst Quake? Man kann sich da also durch Sprin­gen und Dre­hen extrem schnell bewe­gen, man muss nur wäh­rend des Flu­ges nach links drü­cken und beschleu­nigt. Oder man schießt eine Rakete an die Wand, der Rück­stoß macht einen noch schnel­ler. Die Figu­ren lau­fen also nicht mehr, son­dern flir­ren mit die­sen Tricks durch die Luft. Eine andere Art der Fort­be­we­gung, wie bei der Möwe Jona­than, krass.

Ich war vor­hin noch klet­tern, war echt schön.

Und deine Firma ging pleite, eine andere hat dich über­nom­men, viele andere wur­den ent­las­sen, hef­tig. Aber Haupt­sa­che bei dir läuft’s gut, mit den Kindern.

Zürich ist echt schön.

Und du willst mor­gen wan­dern gehen? Nein, ich kann lei­der nicht, du weisst ja, die Fami­lie, alles verplant.

Man sieht sich, in fünf Jahren.

Nach­trag (Sta­tis­tik, ein­be­zo­gen sind 40 Leute): Unge­fähr die Hälfte mei­ner Klasse wohnt zur Zeit in Dres­den, die andere ist ver­streut vor allem in Deutsch­land, wobei nur Leip­zig und Ber­lin mehr­fach genannt wur­den. Im Aus­land leben vier Leute: Sabine in Peking, Mischa in Leu­ven (Bel­gien), einen hat es nach Oxford (Eng­land) ver­schla­gen und mich nach Zürich. Ver­hei­ra­tet sind 14 ehe­ma­lige Klas­sen­ka­me­ra­den, Kin­der haben 10.

Ich fahre wie­der in die Stadt, die einst meine Hei­mat war. Dies­mal spon­tan und heim­lich, mit­ten in der Nacht legen wir die weite Stre­cke zurück. Ein Kol­lege von mir fährt hin und ich möchte auch mal wie­der unter­wegs sein. Ich habe keine Ner­ven, vier Tage an einem Ort zu hocken, noch dazu bei schlech­tem Wet­ter. Dann lie­ber in Dres­den bei schlech­tem Wet­ter hocken und die alten Freund­schaf­ten pfle­gen. Haupt­sa­che unter­wegs und in Bewe­gung blei­ben. Leute tref­fen, Zeit zum Lesen haben, aus­schla­fen, die Rück­reise dann am Mon­tag. Wird Stress, sie­ben Stun­den im klei­nen Auto. Mein Kol­lege hat mich gewarnt, ent­we­der ich brächte eigene CDs oder es gäbe aus­schließ­lich Coun­try und Hip Hop zu hören. Ich habe keine eige­nen CDs dabei. Haupt­sa­che wach blei­ben beim Fah­ren. Mun­ter die Auto­bah­nen ent­lang sau­sen. Irgend­wo­hin, weg von mir, wie ich bin.