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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Emotion

Mor­gen zählt es, wir dre­hen eine Dialog-​​Szene in ver­schie­de­nen Ein­stel­lun­gen mit Schein­wer­fern und allem, was dazu gehört. Sicher­lich kom­men wir nicht an die Aus­stat­tung eines pro­fes­sio­nel­len Film­sets heran, aber für uns Kamera-​​Neulinge wird es trotz­dem auf­re­gend genug sein. Denn viele Ver­su­che gibt es nicht, eine Ein­stel­lung kann auf­grund so vie­ler tech­ni­scher Män­gel raus­fal­len, dass es wenig Spiel­raum für Feh­ler beim Schau­spie­ler gibt.

Eine gute Vor­be­rei­tung der Szene ist des­halb extrem wich­tig. Ich habe mir die Seite aus­ge­druckt und die freien Rän­der für meine Anmer­kun­gen genutzt. Ich gehe dabei sys­te­ma­tisch vor.

  1. inhalt­li­che Gliederung
  2. emo­tio­nale Gliederung
  3. Stich­worte des Dia­log­part­ners für Reaktionen
  4. Beto­nung, Bedeu­tung des eige­nen Textes

Span­nend an der Szene ist, dass wir zwei Inter­pre­ta­tio­nen ablie­fern sol­len. Inhalt­lich geht es um den plötz­li­chen Tod von Mimmo, Per­son 2 hadert mit dem Schick­sal. Meine Rolle ist Per­son 1, wel­che an grö­ßere Zusam­men­hänge glaubt und Per­son 2 trös­tet. Mir selbst ist eine sol­che Welt­sicht fremd, umso span­nen­der, diese Sätze glaub­haft zu spre­chen. Am Ende offen­bart Per­son 1 noch, dass auch sie kürz­lich den Tod ihrer Mut­ter ver­kraf­ten musste, ein sehr emo­tio­na­ler Abschluss der Szene.

In der ers­ten, nahe­lie­gen­den Inter­pre­ta­tion ist Per­son 1 ein streng­gläu­bi­ger Pfar­rer. Damit machen die Aus­sa­gen Sinn, Gott ist gemeint, wenn auch nicht direkt im Text ange­spro­chen (Alles ist irgend­wie Teil eines grö­ße­ren Gan­zen.) Und streng­gläu­big sagt auch wenig über den Cha­rak­ter aus, es kann ein ein­fühl­sa­mer oder ein arro­gan­ter streng­gläu­bi­ger Pfar­rer sein. Aber ein­fühl­sam passt bes­ser zum Text, so dass ich es auf diese Art inter­pre­tie­ren werde. Ges­tisch sehe ich die aus­ge­brei­te­ten Arme mit nach außen geöff­ne­ten Hän­den und einen nach oben gewand­ten Blick, aber im direk­ten Gespräch passt das nicht wirk­lich. Ein gele­gent­li­cher Blick ins Weite muss genü­gen. Inner­lich werde ich Zwie­spra­che mit Gott hal­ten oder an das Vater­un­ser den­ken, da kommt mir meine katho­li­sche Kind­heit zugute.

Die zweite Inter­pre­ta­tion ist deut­lich anspruchs­vol­ler, zwei Räu­ber unter­hal­ten sich nach einem miss­glück­ten Über­fall. Per­son 1 ist aggres­siv, bewaff­net und frus­triert. Das gibt dem Text eine ganz andere Bedeu­tung. Ich inter­pre­tiere es mal als arro­gant, meine ver­wun­dete Kum­pa­nin auf die gro­ßen Zusam­men­hänge hin­zu­wei­sen (Ich glaube nicht an Zufälle.) und denke mir inner­lich, dass sie es ver­bockt hat. Die Sache mit der toten Mut­ter ist dann natür­lich extrem unpas­send, ich ver­su­che es mal nicht ernst gemeint. Obwohl Per­son 2 dann extrem naiv wirkt, wenn es ihr leid tut. Alter­na­tiv könnte Per­son 1 tat­säch­lich ihre Mut­ter ver­lo­ren haben, dann muss der Übergang von Frus­tra­tion und Aggres­si­vi­tät zum offe­nen, emo­tio­na­len Gespräch bewäl­tigt wer­den. Ich bin auf Marco’s Regie gespannt.

Auf­wär­men

Wir began­nen selb­stän­dig mit dem Auf­wär­men, das hatte uns Marco letz­tes Mal mit auf den Weg gege­ben. Denn das Ziel die­ses Kur­ses ist die Selb­stän­dig­keit. Am Set oder auch beim Thea­ter ist es nicht zu erwar­ten, dass jemand das Signal zum Star­ten gibt. Bei mei­nen bis­he­ri­gen Lai­en­grup­pen habe ich das anders erlebt, das gemein­same Auf­wär­men war dort ein wich­ti­ges Ritual. Aber im Pro­fi­be­reich kann man davon eben nicht aus­ge­hen und muss sich not­falls allein in einer ablen­ken­den Umge­bung aufwärmen.

Ich begann also mit den lang­sa­men Bewe­gun­gen von Armen und Bei­nen. Da ich vor­her klet­tern war, spürte ich Unter­arme und Schul­tern beson­ders deut­lich, das Schneeschuh-​​Wochenende steckte mir auch noch in den Bei­nen. Der Bedarf an Auf­wär­mung ist jeden Tag anders, das gilt es mit die­sen lang­sa­men Bewe­gun­gen her­aus­zu­fin­den. Ich dehnte dann Arme und Beine aus­gie­big. Eine Her­aus­for­de­rung dabei ist auch das stän­dige Reden und Geräuschma­chen, um psy­cho­lo­gi­sche Ver­span­nun­gen zu lösen. Wir wur­den häu­fi­ger lei­ser dabei und Marco ermahnte uns immer wie­der, den Pegel der Kon­ver­sa­ti­ons­laut­stärke bei­zu­be­hal­ten. Am Ende war ich eini­ger­ma­ßen auf­ge­wärmt und neu­tral, nur meine rechte Schul­ter blieb verspannt.

Danach folgte die Zazen-​​Meditation, als Kon­trolle, ob wir wirk­lich ent­spannt waren. Und dann die Sin­ne­ser­in­ne­rung mit dem hei­ßen Getränk. Erst mach­ten wir das alle leise und still, aber das war nicht im Sinne des Lei­ters. Wir soll­ten dabei reden, kom­men­tie­ren, Geräu­sche machen und so die Sin­nes­ein­drü­cke wie­der leben­dig wer­den lassen.

Von der Sin­ne­ser­in­ne­rung zur emo­tio­na­len Erinnerung

Die Sin­ne­ser­in­ne­rung ist nur der erste Schritt. Der nächste ist die der emo­tio­na­len Erin­ne­rung. Bei unse­rer Reise durch die Sin­ne­ser­in­ne­run­gen tref­fen wir viel­leicht auf eine Sin­nes­er­fah­rung, die uns auch emo­tio­nal berührte. Dann gilt es den genauen Aus­lö­ser zu ermit­teln. Wel­cher Sin­nes­ein­druck war haupt­ver­ant­wort­lich? Wenn man spä­ter auf der Bühne eine sol­che Emo­tion dar­stel­len soll, kann man sich an die aus­lö­sende Sin­nes­er­fah­rung erin­nern und so in den gewünsch­ten emo­tio­na­len Zustand gelan­gen. Als guter Schau­spie­ler ver­fügt man über eine breite Kla­via­tur von der­ar­ti­gen Aus­lö­sern für eine Viel­zahl von Gefüh­len. Die emo­tio­nale Reak­tion kann wie beim Paw­low’schen Hund trai­niert werden.

Ein­zelim­pro­vi­sa­tion

In der Pause soll­ten wir eine kurze, stumme Ein­zelim­pro­vi­sa­tion vor­be­rei­ten. Als Auf­tritts­e­mo­tion war Trauer ange­sagt, am Ende soll­ten wir glück­lich von der Bühne gehen.

Die Resul­tate waren sehr unter­schied­lich uns spie­gel­ten die unter­schied­li­che Erfah­rung der Teil­neh­mer. Alle Anfän­ger­feh­ler waren dabei. Viele kamen neu­tral rein, um sich dann beim Ver­lust des Han­dys oder beim Lesen eines Brie­fes in die Trauer rein­zu­stei­gern. Aber eigent­lich soll­ten wir beim Auf­tritt schon in der Emo­tion drin sein. Des­halb muss man sich vor dem Auf­tritt vor­be­rei­ten und mit einer geeig­ne­ten Sin­ne­ser­in­ne­rung in die Emo­tion rein­ge­hen. Nicht vor­han­dene Requi­si­ten stell­ten ebenso ein Pro­blem dar, sie ver­lei­ten zu unrea­lis­ti­schen Hand­lun­gen (Brief­öff­nen oder –fal­ten). Im Zwei­fel lie­ber mit ech­ten Requi­si­ten spie­len, Phan­to­mime vermeiden.

Ich dachte an ein per­sön­li­ches trau­ri­ges Erleb­nis, damit gelang mir die Anfangs­emo­tion recht gut. Jedoch fiel mir keine gute Hand­lung ein, das war der Schwach­punkt mei­nes Auf­tritts. Ich pro­bierte einen 360°-Sprung aus dem Stand, kriegte ihn anfang nicht hin, spä­ter schon, fröh­lich ver­ließ ich den Raum. Für einen Tän­zer ist das eine zu ein­fa­che Auf­gabe, es war nicht gut begründet.

Haus­auf­ga­ben

  1. Bewusste Rasur als Mate­rial für Sinneserinnerung.
  2. Solo-​​Auftritt vor­be­rei­ten, mit Spra­che, Hand­lung und Emo­tion wich­tig, Auf­tritts– und Schlus­se­mo­tion frei wähl­bar, Dauer 2–5′
  3. DVD mit Doku­men­ta­tion zu Actor Stu­dio schauen, Fra­gen notieren

Ein schö­nes Buch mit vie­len intel­lek­tu­el­len Anspie­lun­gen, ich bekam es bei der Abschieds­le­sung in Dres­den geschenkt, mit auf den Weg. Eine Stelle erin­nerte mich sofort an meine Art, Kla­vier zu spie­len, bzw. zu sehr davon begeis­tert zu sein, als auf das pedan­ti­sche Ein­hal­ten von Rhyth­mus und der­glei­chen zu achten:

Sie hatte das Kon­ser­va­to­rium in Den Haag besucht und war Fach­frau, die wusste, dass es beim Musi­zie­ren nicht um das Aus­drü­cken von Emo­tio­nen ging, son­dern um das Erzeu­gen von sol­chen: das konnte nur gelin­gen, wenn es pro­fes­sio­nell geschah, das heißt, unbe­wegt wie ein Chir­urg; wie thea­tra­lisch die Mie­nen der Diri­gen­ten und Solis­ten auch immer waren, wenn sie wuss­ten, dass man ihnen zusah: zu Hause oder wäh­rend der Pro­ben mach­ten sie diese Faxen nie. Max hin­ge­gen war in einem sol­chen Maße kein Musi­ker, dass es ihm nahezu unmög­lich war zu musi­zie­ren, und zwar nicht, weil es ihn nicht berührte, son­dern weil es ihn zu sehr berührte. … Wenn er auf sei­nem Flü­gel eine Taste anschlug und danach die Oktav­taste, ergriff ihn das schon hef­tig und eröff­nete einen Abgrund in ihm, vor dem er Höhen­angst bekam.