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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Erinnerung

Auf­wär­men

Wir began­nen selb­stän­dig mit dem Auf­wär­men, das hatte uns Marco letz­tes Mal mit auf den Weg gege­ben. Denn das Ziel die­ses Kur­ses ist die Selb­stän­dig­keit. Am Set oder auch beim Thea­ter ist es nicht zu erwar­ten, dass jemand das Signal zum Star­ten gibt. Bei mei­nen bis­he­ri­gen Lai­en­grup­pen habe ich das anders erlebt, das gemein­same Auf­wär­men war dort ein wich­ti­ges Ritual. Aber im Pro­fi­be­reich kann man davon eben nicht aus­ge­hen und muss sich not­falls allein in einer ablen­ken­den Umge­bung aufwärmen.

Ich begann also mit den lang­sa­men Bewe­gun­gen von Armen und Bei­nen. Da ich vor­her klet­tern war, spürte ich Unter­arme und Schul­tern beson­ders deut­lich, das Schneeschuh-​​Wochenende steckte mir auch noch in den Bei­nen. Der Bedarf an Auf­wär­mung ist jeden Tag anders, das gilt es mit die­sen lang­sa­men Bewe­gun­gen her­aus­zu­fin­den. Ich dehnte dann Arme und Beine aus­gie­big. Eine Her­aus­for­de­rung dabei ist auch das stän­dige Reden und Geräuschma­chen, um psy­cho­lo­gi­sche Ver­span­nun­gen zu lösen. Wir wur­den häu­fi­ger lei­ser dabei und Marco ermahnte uns immer wie­der, den Pegel der Kon­ver­sa­ti­ons­laut­stärke bei­zu­be­hal­ten. Am Ende war ich eini­ger­ma­ßen auf­ge­wärmt und neu­tral, nur meine rechte Schul­ter blieb verspannt.

Danach folgte die Zazen-​​Meditation, als Kon­trolle, ob wir wirk­lich ent­spannt waren. Und dann die Sin­ne­ser­in­ne­rung mit dem hei­ßen Getränk. Erst mach­ten wir das alle leise und still, aber das war nicht im Sinne des Lei­ters. Wir soll­ten dabei reden, kom­men­tie­ren, Geräu­sche machen und so die Sin­nes­ein­drü­cke wie­der leben­dig wer­den lassen.

Von der Sin­ne­ser­in­ne­rung zur emo­tio­na­len Erinnerung

Die Sin­ne­ser­in­ne­rung ist nur der erste Schritt. Der nächste ist die der emo­tio­na­len Erin­ne­rung. Bei unse­rer Reise durch die Sin­ne­ser­in­ne­run­gen tref­fen wir viel­leicht auf eine Sin­nes­er­fah­rung, die uns auch emo­tio­nal berührte. Dann gilt es den genauen Aus­lö­ser zu ermit­teln. Wel­cher Sin­nes­ein­druck war haupt­ver­ant­wort­lich? Wenn man spä­ter auf der Bühne eine sol­che Emo­tion dar­stel­len soll, kann man sich an die aus­lö­sende Sin­nes­er­fah­rung erin­nern und so in den gewünsch­ten emo­tio­na­len Zustand gelan­gen. Als guter Schau­spie­ler ver­fügt man über eine breite Kla­via­tur von der­ar­ti­gen Aus­lö­sern für eine Viel­zahl von Gefüh­len. Die emo­tio­nale Reak­tion kann wie beim Paw­low’schen Hund trai­niert werden.

Ein­zelim­pro­vi­sa­tion

In der Pause soll­ten wir eine kurze, stumme Ein­zelim­pro­vi­sa­tion vor­be­rei­ten. Als Auf­tritts­e­mo­tion war Trauer ange­sagt, am Ende soll­ten wir glück­lich von der Bühne gehen.

Die Resul­tate waren sehr unter­schied­lich uns spie­gel­ten die unter­schied­li­che Erfah­rung der Teil­neh­mer. Alle Anfän­ger­feh­ler waren dabei. Viele kamen neu­tral rein, um sich dann beim Ver­lust des Han­dys oder beim Lesen eines Brie­fes in die Trauer rein­zu­stei­gern. Aber eigent­lich soll­ten wir beim Auf­tritt schon in der Emo­tion drin sein. Des­halb muss man sich vor dem Auf­tritt vor­be­rei­ten und mit einer geeig­ne­ten Sin­ne­ser­in­ne­rung in die Emo­tion rein­ge­hen. Nicht vor­han­dene Requi­si­ten stell­ten ebenso ein Pro­blem dar, sie ver­lei­ten zu unrea­lis­ti­schen Hand­lun­gen (Brief­öff­nen oder –fal­ten). Im Zwei­fel lie­ber mit ech­ten Requi­si­ten spie­len, Phan­to­mime vermeiden.

Ich dachte an ein per­sön­li­ches trau­ri­ges Erleb­nis, damit gelang mir die Anfangs­emo­tion recht gut. Jedoch fiel mir keine gute Hand­lung ein, das war der Schwach­punkt mei­nes Auf­tritts. Ich pro­bierte einen 360°-Sprung aus dem Stand, kriegte ihn anfang nicht hin, spä­ter schon, fröh­lich ver­ließ ich den Raum. Für einen Tän­zer ist das eine zu ein­fa­che Auf­gabe, es war nicht gut begründet.

Haus­auf­ga­ben

  1. Bewusste Rasur als Mate­rial für Sinneserinnerung.
  2. Solo-​​Auftritt vor­be­rei­ten, mit Spra­che, Hand­lung und Emo­tion wich­tig, Auf­tritts– und Schlus­se­mo­tion frei wähl­bar, Dauer 2–5′
  3. DVD mit Doku­men­ta­tion zu Actor Stu­dio schauen, Fra­gen notieren

Die alt­be­kannte gesell­schafts­kri­ti­sche Komö­die The Import­ance of Being Ear­nest (deutsch: Bun­bury) fei­erte ges­tern im Pfauen Pre­miere. Der Regis­seur Wer­ner Düg­ge­lin insze­nierte Wil­des Glanz­stück schlicht, britisch-​​steif und sehr unter­halt­sam. Und weil nun­mal Pre­miere war, durfte am Ende auch der Regis­seur nebst zwei Assis­ten­ten auf die Bühne und sich beklat­schen las­sen. Dabei wurde sogar noch ein Buch bewor­ben, das über die­sen Regis­seur geschrie­ben wurde.

Sze­nen­foto

Es ist eins mei­ner Lieb­lings­stü­cke, es knüp­fen sich eine Reihe von Erin­ne­run­gen daran. So schnup­perte ich in der 12. Klasse erst­mals als Alger­non Büh­nen­luft, als Abschluss­stück des Englisch-​​Leistungskurses spiel­ten wir genau die­ses Stück in der Aula der Manos. Wir teil­ten die Rol­len auf, ich erhielt zwei Anteile an der Algernon-​​Rolle. Es war schön, diese wit­zige Figur zu spie­len, die­sen nur sein Ver­gnü­gen ernst neh­men­den char­man­ten Que­ru­lan­ten. Der Wort­witz des Stü­ckes sprengte alles, was ich bis­her kannte, ein schö­ner Abschluss des chao­ti­schen Bonk-​​Leistungskurses.

Einige Jahre spä­ter las ich mit eini­gen Freun­den die deut­sche Fas­sung, Rah­men war ein mehr­tä­gi­ger Auf­ent­halt an der Ost­see über Syl­ves­ter. Wit­zig und pre­kär zugleich war die Auf­tei­lung der Rol­len, so manö­vrierte ich mich in eine etwas selt­same Situa­tion hin­ein. Aber irgend­wie passte es zu mei­ner dama­li­gen Ein­stel­lung, dass das Leben in ers­ter Linie ein gro­tes­kes Spiel sei. Das Stück war gleich­sam eine Kul­mi­na­tion die­ses Emp­fin­dens, es war in man­cher Hin­sicht sogar rea­ler als das nor­male Leben. Nun ja, das lässt sich jetzt schwer beschrei­ben, aber viel­leicht genü­gen diese Andeu­tun­gen, um die beson­dere Rolle des Stücks für mich klarzumachen.