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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Feier

Wir Schau­spie­ler sit­zen hin­ter dem Vor­hang, es sind noch fünf­zehn Minu­ten. Toi toi toi – die Rituale der Büh­nen­zunft sind über­all gleich, man wünscht sich Glück für den kom­men­den Auf­tritt. Vor allem für die Pre­miere, wenn man das ein­ge­übte Stück zum ers­ten Mal vor Zuschau­ern spielt. All das liegt hin­ter uns, wir ste­hen oder sit­zen hin­ter dem Vor­hang. Wie Gla­dia­to­ren, die noch ein letz­tes Mal ihre Rüs­tun­gen und Waf­fen kon­trol­lie­ren, bevor sich das Git­ter öffnet und wilde Bes­tien sich auf sie stür­zen. Ein biss­chen Stoff, der Bli­cke ver­birgt, aber Geräu­sche durchlässt.

Die Zuschauer kom­men in den Saal, Stim­men, keine ver­trau­ten dabei. Fremde Leute, die ich vor­her nie sah und nach­her nie sehen werde. Ein Irr­tum, wie sich spä­ter her­aus­stellte, mein Dok­tor­va­ter war mit der gan­zen Fami­lie gekom­men, ein Kol­lege von Arbeit und ein Schwei­zer Bekann­ter. Aber ich hatte sie nicht gehört und auch wäh­rend der Vor­stel­lung nur flüch­tig ins Publi­kum geschaut, fremde Gesich­ter im Gegen­licht der Schein­wer­fer. Und es lenkt auch ab, wenn man ins Publi­kum schaut und dann ein bekann­tes Gesicht erblickt. Der Moment des Erken­nens ist pri­vat, die Gefahr groß, aus der Rolle zu fallen.

Top Dogs - Manöverkritik

Sze­nen­foto „Top Dogs” (Manö­ver­kri­tik), Foto von Ste­fan Christiani

Die Klin­gel ertönt zum vier­ten Mal, unser Regis­seur kann sie mit einer Fern­steue­rung nach Her­zens­lust betä­ti­gen. Oder war es doch das dritte Mal? End­lich wird das Licht dunk­ler, Lukas tritt vor den Vor­hang und macht die Ansage, ein ers­ter Applaus.

Dann erklingt The four hor­se­men (Aphrodite’s child) mit ein­ge­bau­ten Text­ab­schnit­ten zu den apo­ka­lyp­ti­schen Rei­tern und Out­pla­ce­ment. Das ist der kon­zep­tio­nelle Höhe­punkt des Stücks, die Ver­knüp­fung von Out­pla­ce­ment mit der Apo­ka­lypse. Denn im Wer­te­ka­non der Mana­ger ist der Ver­lust der Arbeit gleich­be­deu­tend mit Kata­stro­phe. Und das ist auch die Essenz des Stücks, wie gehen ehe­ma­lige Top-​​Kader mit die­ser Situa­tion um? Sie sind auch nur Men­schen, ver­zwei­feln, hal­ten trotz­dem an ihren alten Wer­ten fest und müs­sen letzt­end­lich auch sehr unan­ge­nehme Jobs anneh­men. Die Rol­len sind dabei bewusst als Ste­reo­ty­pen ange­legt, auch die Kurs­lei­te­rin wechselt.

Das Top-Dogs-Ensemble am Paradeplatz

Das Ensem­ble der Top-​​Dogs-​​Produktion am Para­de­platz in Zürich

Das Stück selbst läuft gut, der Text und die Abläufe sit­zen. Das Publi­kum braucht eine Weile um auf­zu­wär­men und wir auch. Es gibt die­sen ewig lan­gen Anfangs­dia­log, erst danach geht es rich­tig los. Ich muss auf­pas­sen, dass ich nicht lache an den lus­ti­gen Stel­len, wenn der ganze Saal grölt. Ein altes Pro­blem von mir, da ver­sagt meine ansons­ten gut aus­ge­prägte Selbstbeherrschung.

Der Höhe­punkt für mich ist die Szene „Dumme Kuh”, in wel­cher meine Frau und ich uns in einem Rol­len­spiel den Pro­ble­men stel­len, die durch meine Arbeits­lo­sig­keit ent­ste­hen. Wir belei­di­gen uns mas­siv und müs­sen bei jeder Auf­füh­rung aufs Neue töd­lich belei­digt sein, obwohl wir genau wis­sen, dass wir uns am Ende der Szene versöhnen.

Szenenfoto "Top Dogs"

Sze­nen­foto „Top Dogs” (Dumme Kuh), Foto von Ste­fan Christiani

Applaus, Ver­beu­gun­gen im Drei­er­pack, Geschenk für den Regis­seur, Applaus, das Bad in der Menge, Gesprä­che mit Bekann­ten, alle fan­den es toll, wie immer sind sie nett oder sehen die Schwä­chen der Insze­nie­rung nicht, die aber wohl nur Theater-​​Veteranen auf­fal­len. Ich werde gelobt, einer meint, ich sei der authen­tischste Schau­spie­ler gewe­sen – das Leben ist schön.

Pre­mie­ren­feier nach lan­gem Umher­ir­ren in einer Piz­ze­ria, aber sonst hatte nichts mehr offen und wir woll­ten zu zwölft auch nicht ins Nie­der­dorf. Der Regis­seur hat ver­sucht, sein Buch­ge­schenk zu erra­ten, es nicht geschafft und freut sich über Die Schule der Schau­spiel­kunst von Stella Adler. Ein rie­si­ger Tel­ler Spa­ghetti Car­bon­ara und ein Gläs­chen Pri­mi­tivo besie­geln den Abend und geben mir den Rest. Ich bin müde und rede inko­ha­rän­tes Zeug. Das Gespräch ver­teilt sich am Tisch.

Ich laufe allein nach Hause, habe keine Lust auf den Nacht­bus zu war­ten. Die Scheuch­zer­straße bei Nacht, ich brau­che einen Schal, muss mich echt erho­len mor­gen. Ein­zelne Fahr­rä­der rau­schen an mir vor­bei, das Zuhause kommt immer näher. Schla­fen, nichts weiter.

Pres­se­stim­men:

Das letzte Kapi­tel, das aller­letzte auf dem Weg zur Pro­mo­tion – die fei­er­li­che Über­rei­chung der Urkunde. Der Scherrer-​​Hörsaal war fest­lich geschmückt, ebenso die frisch­ge­ba­cke­nen Dok­to­rin­nen und Dok­to­ren. Die ETH Big Band spielte auf in einer sehr blech­las­ti­gen Kon­stel­la­tion, sie schmet­terte uns den Jubel ent­ge­gen. Dann durfte jeder ein­zeln nach vorn gehen und bekam von der Rek­to­rin die Urkunde über­reicht. Ein paar Worte, dann den Blick zum Foto­gra­fen gerich­tet, knips, wie­der zur Rek­to­rin, „alles Gute wei­ter­hin”. So ging das für viel­leicht 150 Leute, Dok­tor­ti­tel am lau­fen­den Band. Glaubt mir, es ist nichts Beson­de­res. Ich musste abends noch­mal zur Firma, etwas abschlie­ßen, bin schon ganz gefan­gen im neuen Job.

So lang­sam ver­klärt sich mein Blick auf die ETH-​​Zeit, eine wei­tere Sta­tion ist abge­schlos­sen. Nur jetzt ist der nächste Schritt nicht mehr so klar vor­ge­ge­ben, ich bin völ­lig frei. Unter­neh­men, Pro­jekte, Fami­lie, Deutsch­land, Schweiz, Öster­reich – alles ist offen und wird sich schon finden.

Die Urkunde selbst ist schön gestal­tet. Das ETH-​​Logo ist geprägt, feine rote Linien durch­zie­hen den rech­ten Bereich und die schlanke ETH-​​Schrift ver­leiht dem Schrift­feld eine nüch­terne Ele­ganz. Ich werde sie gut bewah­ren und nicht an die Wand hän­gen, sonst fan­gen die Leute noch an, mich bei kör­per­li­chen Gebre­chen zu konsultieren.