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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

Archiv

Tag: Fotografie

Im Foto­mu­seum Win­ter­thur schaute ich mir mit eini­gen PhD-​​Kollegen vom IfA eine Aus­stel­lung von Robert Frank ([en] Wiki­pe­dia) an. Es war der krö­nende Abschluss der PhD semi­nar genann­ten Ver­an­stal­tung, bei der alle Dok­to­ran­den den Stand ihrer For­schun­gen darlegen.

Ich fand die Bil­der der zei­ti­gen Jahre sei­nes Schaf­fens sehr schön, aus­sa­ge­kräf­tige Schwarz-​​Weiß-​​Bilder mit sozi­al­ana­ly­ti­schem Hin­ter­grund. Der Höhe­punkt sei­nes Schaf­fens in die­ser Periode ist der Foto­band The Ame­ri­cans. Dafür reiste er in den 50ern zwei Jahre in ganz Ame­rika herum und wählte aus Tau­sen­den von Fotos die 83 aus, wel­che dann in die­sem Bild­band erschei­nen soll­ten. Er zeich­nete damit ein Por­trät Ame­ri­kas die­ser Zeit, mit den vie­len schwe­len­den Kon­flik­ten. Danach wurde er mehr und mehr expe­ri­men­tell und ver­schwom­men, auch im Fil­me­ma­chen ver­suchte er sich. Mich spra­chen die spä­ten Werke eher weni­ger an. Es kam mir so vor, als hätte er genug „klas­si­sche” Bil­der gemacht und wollte etwas Neues probieren.

Und Kafka lachte

Okt 2
Allgemein

Franz Kafka

Das Bild, wel­ches nor­ma­ler­weise von Franz Kafka (Wikipedia-​​Eintrag) gezeich­net wird, ist das eines erns­ten, melan­cho­li­schen und ver­stör­ten Man­nes mit einem sehr eigen­wil­li­gen Schreib­stil. Eine Beschrei­bung, die ich jüngst in Harry Mulischs Pro­ze­dur fand, bringt das gut auf den Punkt.

Er will sei­nen Blick abwen­den, aber da sieht er hin­ter dem Fens­ter von Num­mer 22 plötz­lich ein ganz andere Szene. Dort sitzt ein Mann von unge­fähr drei­ßig Jah­ren mit gestreck­ten, weit­ge­spreiz­ten Bei­nen vorn­über­ge­beugt am Tisch und schreibt so fie­ber­haft, dass er sich kaum die Zeit nimmt, die Feder ein­zu­tau­chen. Als er kurz auf­sieht, trifft den Rabbi der glän­zende, melan­cho­li­sche Blick sei­ner dunk­len Augen: Augen wie schwarze Pfüt­zen in einem Park, die dort nach einem Regen­schauer zurück­ge­blie­ben sind. Mit­ten durch sein schwar­zes Haar ver­läuft, weiße Kopf­haut zum Vor­schein brin­gend, ein exak­ter Schei­tel, als habe ein prä­zis arbei­ten­der Hen­ker dort Platz gemacht für das Beil, das sei­nen Schä­del spal­ten soll. Wie ist er unter die Alchi­mis­ten gera­ten? Der Rabbi hätte ihn am liebs­ten nach sei­nen Namen gefragt, aber dafür hatte er keine Zeit.

Es ist bequem, die­ses Bild. Jedoch stellt sich die Frage, ob das wirk­lich Kafka gerecht wird, ob es nicht nur ein Teil sei­nes Wesens war. Lei­der ist Kafka inzwi­schen zu einer Ikone gewor­den, die wenig Raum lässt für Gedan­ken, die von die­sem Leit­bild abwei­chen. Kurios ist, dass er sogar mit anar­chis­ti­schen Bewe­gun­gen in Ver­bin­dung gebracht wurde, also der „rote” Kafka tauchte da plötz­lich auf. Jedoch ist da wohl sehr wenig dran.

Die Besu­cher aus Prag

Judita und Jan sit­zen mir gegen­über, sie sind gerade ange­kom­men. Der Hos­pi­ta­lity Club brachte uns zusam­men, sonst hätte ich diese bei­den wun­der­ba­ren Men­schen aus Prag nie­mals getrof­fen. Sie arbei­tet für eine Zei­tung, das Kafka-​​Projekt, wel­ches sie zusam­men mit Jan, dem Foto­gra­fen, bestrei­tet, läuft neben­bei. Sie besu­chen alle Orte, an denen Kafka gewe­sen ist, die ihn inspi­riert haben kön­nen. Und auch Zürich ist dabei, Kafka war kurz hier, sozu­sa­gen auf der Durch­reise. Ob ihn das dau­er­haft ver­än­dert hat, wage ich nicht zu behaupten.

Wir reden Eng­lisch. Sie hat die­sen typi­schen Akzent der sla­wi­schen Spra­chen, sie dehnt bestimmte Vokale und auch die Beto­nung ist anders. Es klingt nett, ist aber auf Dauer etwas anstren­gend. Sie erin­nert mich ein wenig an Kris­tina mit ihrer röt­li­chen, brei­ten Brille (ist wahr­schein­lich ein unge­schrie­be­nes Gesetz im Kul­tur­be­reich), den kur­zen Haa­ren und den hel­len Augen. Jan spricht auch Deutsch, er ist schon etwas älter, sein Bart ist teil­weise grau. Die Haare trägt er extrem kurz, was ihn wie­derum deut­lich jün­ger macht. Seine Augen ste­hen weit aus­ein­an­der, die Lider sind meist zu einem Vier­tel geschlos­sen, was ihm einen leicht schläf­ri­gen Aus­druck verleiht.

Foto­gra­fie

Er foto­gra­fiert lie­ber ana­log, seine Erklä­rung dafür war sehr schön. Er meinte, dass man durch den Ver­brauch rea­len Film­ma­te­ri­als eher die Bil­der im Kopf hat. Man kann sie auch nicht vor­her sehen, was dazu führt, dass man mehr mit dem Kopf und der Vor­stel­lungs­kraft arbei­ten muss als bei einer digi­ta­len Kamera. Das stän­dige Foto­gra­fie­ren und sofor­tige Anschauen der Resul­tate unter­bricht die­sen Pro­zess. Außer­dem sind diese klei­nen Dis­plays trü­ge­risch, Bil­der sehen in ihnen deut­lich bes­ser aus als spä­ter in aus­ge­druck­ter Form. Ich fühlte mich bestä­tigt, viel­leicht bleibe ich doch noch län­ger bei der ana­lo­gen Kamera, auch wenn das Ein­scan­nen der Bil­der ein sehr zeit­auf­wän­di­ger Pro­zess ist.

Er zeigt mir einige sei­ner Auf­nah­men, alle­samt Dru­cke in schwarz-​​weiß. Schöne Gebäu­de­auf­nah­men für das Kafka-​​Projekt, Häu­ser, in denen Kafka gewohnt oder gear­bei­tet hat. Beson­ders ein­drucks­voll sind seine Bewe­gungs­auf­nah­men. Mit einem extrem dunk­len Graufil­ter schafft er es, auch tags­über zwei Minu­ten lang zu belich­ten und dadurch die Bewe­gung der Wol­ken sicht­bar zu machen. Zusätz­lich ver­wen­det er einen Rot­fil­ter, um das Him­mels­blau abzu­schwä­chen, somit kom­men die hel­len Wol­ken erst zur Gel­tung. Beson­ders gefällt mir die Auf­nahme einer Gasse, im Vor­der­grund ist unscharf ein orna­men­ta­les Git­ter zu sehen, mit einer schö­nen run­den, jugend­stil­haf­ten Form. Er schenkt es mir, weil es mir so sehr gefällt.

Kafka beglei­tet mich. Über­all sehe ich das blasse Gesicht, fühle mich kon­fron­tiert mit einem Mythos. Dabei habe ich gar nicht so viel von ihm gele­sen. Aber er wird mir lang­sam etwas sym­pa­thi­scher. Die bei­den mein­ten, viele sei­ner Zeit­ge­nos­sen hät­ten ihn als humor­vol­len Men­schen geschil­dert, des­sen tro­ckene, wohl­for­mu­lierte Ein­schät­zun­gen legen­där gewe­sen wären. Und viel­leicht lachte er auch oft und gern, nur ist das lei­der nie foto­gra­fiert wor­den. Aber eines ist sicher: Wenn es Web­logs damals schon gege­ben hätte — er hätte die­ses Medium genutzt.

Henri Cartier-​​Bresson

Jul 24
Allgemein

Henri Cartier-​​Bresson — ich liebe die­sen Namen. Und neben­bei war er auch noch Foto­graf, in der gan­zen Welt unter­wegs, um den ent­schei­den­den Augen­blick ein­zu­fan­gen. La moment decisive. Es reg­nete spä­ter, also hatte wohl auch ich den pas­sen­den Moment gewählt, um dem trü­ben Sonn­tag doch noch etwas abzu­ge­win­nen. Sport und Kul­tur, denn ich fuhr mit dem Fahr­rad, und rückzu heißt es immer, sich die­sen stei­len Berg hoch­schin­den, mein ganz per­sön­li­ches Tour-​​de-​​France-​​Erlebnis heute.

Henri Cartier-​​Bresson war auch Fran­zose, und Foto­graf, aber das sagte ich schon. Im Kunst­haus Zürich schaute ich mir eine Aus­stel­lung an, über Bres­son und den Bild­hauer Alberto Gia­co­metti. Sie kann­ten sich, waren zweit­weise Weg­ge­fähr­ten. Bres­son machte irgend­wann ein Por­trät des Bild­hau­ers, wun­der­volle Schwarz-​​Weiß-​​Aufnahmen, sie hin­gen gleich links nach dem Ein­gang. Ein Gesicht, so mar­kant. Dunkle Augen, vol­ler Kraft bli­cken sie einen an. Ein Archetyp.

Die Berüh­rungs­punkte zwi­schen den bei­den waren wenige, das ange­spro­chene Por­trait, Skiz­zen in Paris, einige Doku­mente. Des­halb erhielt jeder der bei­den noch einen eige­nen Bereich, in dem er mit sei­nem Haupt­werk ver­tre­ten war. Bres­son mit eini­gen sei­ner bekann­tes­ten Foto­gra­fien, Gia­co­metto mit die­sen sur­rea­lis­ti­schen Sta­tuen, Men­schen redu­ziert auf einen Strich mit rie­si­gen Füßen und mar­kan­tem Kopf. Ist schlecht zu beschrei­ben, war mir auch etwas zu abs­trakt. Bres­son — immer wie­der staune ich über die Kom­po­si­tion, alles Schwarz-​​Weiß, Licht und Schat­ten, For­men, Men­schen, Gesich­ter — es passt ein­fach immer.

Vori­ges Jahr im August fuhr ich nach Ber­lin, um eine Aus­stel­lung anzu­se­hen, die aus­schließ­lich Bres­son gewid­met war. Kurz zuvor war er gestor­ben, was die mediale Auf­merk­sam­keit für einen kur­zen Moment auf die­sen Foto­gra­fen lenkte. Mat­thias war gerade in Ber­lin, danach leg­ten wir uns den Tier­gar­ten und penn­ten. Es war ein­fach ein zu drü­cken­der Tag, die kurze Anstren­gung der Aus­stel­lung mit ziem­lich vie­len Besu­chern gab uns den Rest. Wir lagen da und schlie­fen, die Bil­der gin­gen mir durch den Kopf, alles Schwarz-​​Weiß, Komposition.