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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Freiheit

Frei­heit ist ein schö­ner Begriff, er ist so posi­tiv besetzt, indi­vi­du­ell und gesell­schaft­lich zugleich. Und es lies­sen sich so viele schöne Kon­flikte erden­ken, die Sehn­sucht nach eige­ner Frei­heit könnte mit den Wün­schen der Fami­lie anein­an­der­ge­ra­ten (Die Glas­me­na­ge­rie) oder den Kon­ven­tio­nen der Gesell­schaft (Madame Bovary). All das sind zeit­lose Kon­flikte, die auch im Heute noch funk­tio­nie­ren und in denen sich jeder wiederfindet.

Statt­des­sen sehen wir Leute in selt­sa­men Kos­tü­men, die sich über Frei­heit echofie­ren. Man merkt den Dia­lo­gen an, dass sie durch Impro­vi­sa­tion ent­stan­den, sie reis­sen vie­les an und füh­ren nir­gends hin, sie wer­den ein­fach unter­bro­chen vom nächs­ten Ein­fall, vom nächs­ten Auf­tritt. Ein paar Emo­tio­nen ent­stan­den, ein als Pan­zer ver­klei­de­ter Mann ver­brei­tet Angst und Schre­cken, indem er die schwar­zen Bäume umwirft, um dann sofort char­mant zur Mit­wir­kung ein­zu­la­den. Frei­heit durch Zer­stö­rung des Beste­hen­den – das wol­len wir schon mal nicht, das ist böse. An einer Stelle gab es auch einen Kon­flikt, der clow­neske Typ griff den Pan­zer­typ an, der Streit blieb aber selt­sam abs­trakt und künst­lich. Oder wir schauen alle zusam­men auf die schwar­zen Büh­nen­tan­nen und sehen ver­schie­dene Dinge. Über­ra­schen­der­weise ist die Wahr­neh­mung ver­schie­den, wenn man dazu nur lange genug gedrängt wird.

Am Ende spiel­ten wir alle noch eine Szene aus der Schwei­zer Frei­heits­epos Wil­helm Tell, ich erwischte sogar die Haupt­rolle. Auf gros­sen Tafeln stand der Text, rot unter­legt war die eigene Rolle. Der Apfel­schuss, ein Höhe­punkt des Stücks zeigte impro­vi­sier­tes klas­si­sches Thea­ter, was der Regis­seur nicht mag. Anstatt den Schuss wir­ken zu las­sen, unter­brach der Panzer-​​Mann sofort mit der Bemer­kung, das alles sei feige. Klas­si­sches Thea­ter mit sei­nen Figu­ren und vor­ge­fer­tig­ten Tex­ten sei feige, da man sich dahin­ter versteckt.

Ich blieb als Zuschauer dis­tan­ziert, das Wir­ken die­ser selt­sam ver­klei­de­ten, see­len­lo­sen Figu­ren inter­es­sierte mich nicht. Es liess mich kalt, abge­se­hen von ein paar schö­nen Momen­ten. Denn die erfah­re­nen Schau­spie­ler (unge­fähr die Hälfte der Betei­lig­ten) hat­ten durch­aus Poten­zial und ich sah ihnen gern zu. Aber ohne einen Span­nungs­bo­gen, ohne eine Prä­misse (z.B. Frei­heit ist toll, Frei­heit führt zu Ver­blö­dung, Frei­heit ist wich­ti­ger als Fami­lie) bleibt so ein Abend eine Anein­an­der­rei­hung von Kli­schees. Am Ende las eine Dar­stel­le­rin das vor, was jeder am Ein­gang zum Thema Frei­heit gesagt hatte. Es bleibt also offen, was Frei­heit bedeu­tet, die Insze­nie­rung weiss es auch nicht und man hätte eigent­lich auch zu Hause blei­ben können.

Die insze­nie­rende Kern­truppe nennt sich asu­per­he­ro­scape und setzt auf Irri­ta­tion. Ein kur­zer Blick auf die Web­seite demons­triert das ein­drück­lich. Ich denke, dass Irri­ta­tion feige ist, nicht klas­si­sches Thea­ter. Hin­ter Irri­ta­tion könnt ihr alles ver­ste­cken, denn die an die­sem Abend immer wie­der benutzte Irri­ta­tion ist kein Kon­zept son­dern eine Aus­rede für feh­len­des Handwerkszeug.

Der zweite Eigen­bei­trag zum Kurs Schrei­ben für Andere bestand darin, zum Mani­fest der Hirn­for­scher einen Bei­trag zu schrei­ben. Die Form war — wie immer — frei gestellt, ebenso der Publi­ka­ti­ons­rah­men. Das Mani­fest ver­öf­fent­lich­ten einige der füh­ren­den deut­schen Neu­ro­wis­sen­schaft­ler 2004. Sie schrie­ben über den Stand ihrer Wis­sen­schaft und die zu erwar­ten­den Erkennt­nisse in zehn, bzw. zwanzig-​​dreißig Jahren.

Die Gedan­ken sind frei

Bald sind die Gedan­ken nicht mehr frei. Denn schon in naher Zukunft wird die Vor­stel­lung vom freien Wil­len nicht mehr halt­bar sein. In 20 bis 30 Jah­ren – so füh­rende deut­sche Neu­ro­wis­sen­schaft­ler in ihrem „Mani­fest der Hirn­for­scher“ – wird sich der Dua­lis­mus von Geist und Kör­per leise ver­ab­schie­det haben, wider­legt durch wis­sen­schaft­li­che Befunde der Neu­ro­wis­sen­schaf­ten. Ein neues Men­schen­bild wird dann not­wen­dig sein. Wie die­ses jedoch aus­se­hen wird, wie es in immer weni­ger Frei­raum unver­stan­de­ner neu­ro­na­ler Vor­gänge sich ein­pas­sen wird, dar­über schwei­gen die Auto­ren des Manifests.

Durch die in den letz­ten Jah­ren erziel­ten Fort­schritte im Gebiet der Neu­ro­wis­sen­schaf­ten fühl­ten sich einige füh­rende deut­sche Neu­ro­wis­sen­schaft­ler ver­an­lasst, auf die Mög­lich­kei­ten, Gren­zen und Kon­se­quen­zen ihrer Wis­sen­schaft hin­zu­wei­sen. Dabei leg­ten sie mit dem „Mani­fest der Hirn­for­scher“ ein Doku­ment vor, das den Spa­gat zwi­schen wis­sen­schaft­li­cher Kor­rekt­heit und All­ge­mein­ver­ständ­lich­keit wagt. Dies resul­tiert in einer Mischung aus nur schwer ver­ständ­li­chen Abkür­zun­gen und Metho­den – wer kennt schon PET, EEG, MEG, Patch-​​Clamp-​​Technik und Xenopus-​​Oocyten-​​Expressionssystem – und anschau­li­chen Meta­phern. So ver­glei­chen sie die Bild­ge­bungs­ver­fah­ren, wel­che einen erhöh­ten Ener­gie­be­darf bestimm­ter Hirn­re­gio­nen fest­stel­len, damit, von einem Rech­ner die Leis­tung zu bestim­men, wäh­rend er bestimmte Auf­ga­ben löst. Die­ses Bild war gewählt, um die Begrenzt­heit die­ses Ver­fah­rens zu zei­gen, denn der genaue Ort von Akti­vi­tä­ten erklärt diese noch lange nicht grundlegend.

Posi­tiv zu wer­ten ist vor allem die Ehr­lich­keit, mit der die For­scher auf Gren­zen ein­ge­hen. So wären momen­tan zwar die oberste (Hirn­areale) und unterste Ebene (Neu­ro­nen) des Gehirns ganz gut ver­stan­den, aber völ­lig unklar sei das Zusam­men­wir­ken von Ver­bän­den von Neu­ro­nen, also der mitt­le­ren Ebene. Die gro­ßen Fra­gen der Neu­ro­wis­sen­schaf­ten nach der Ent­ste­hung von Bewusst­sein und Ich-​​Erleben, nach der Ver­knüp­fung von ratio­na­lem und emo­tio­na­lem Han­deln und nach dem freien Wil­len könn­ten aber nur beant­wor­tet wer­den, wenn auch auf die­ser mitt­le­ren Ebene Fort­schritte erzielt würden.

Dass sie den­noch die Lösung die­ser Pro­bleme in Aus­sicht stel­len, kann man ent­we­der als gewagte Pro­gnose oder als Selbst­schutz betrach­ten. Denn wie in der Teil­chen­phy­sik exis­tiert auch in die­sem Feld ein Drang, immer grö­ßere und damit zwangs­läu­fig auch teu­rere Anla­gen auf­zu­bauen. Damit, so das Ver­spre­chen, könn­ten prä­zi­sere Mes­sun­gen (räum­lich und zeit­lich) durch­ge­führt wer­den, um den unge­lös­ten Geheim­nis­sen auf die Spur zu kom­men. Es stellt sich auch in den Neu­ro­wis­sen­schaf­ten die Frage nach Legi­ti­ma­tion, nach den ökono­mi­schen Gren­zen des Wissensdurstes.

Inter­es­san­ter­weise ver­glei­chen auch die Auto­ren diese bei­den Gebiete, jedoch mit ande­rer Absicht. Ähnlich wie klas­si­sche und Quan­ten­me­cha­nik ver­hiel­ten sich auch heu­tige Erklä­rungs­mo­delle für neu­ro­nale Pro­zesse und einer zukünf­tig not­wen­di­gen, ein­heit­li­chen „Theo­rie des Gehirns“.

Aber wenn der Ver­gleich mit der Teil­chen­phy­sik so gern und aus­gie­big gewählt wird, so drän­gen sich dar­aus resul­tie­rend auch Fra­gen auf. Inwie­weit kann man das Gehirn über­haupt ver­ste­hen? Die Phy­sik erfuhr durch die Quan­ten­me­cha­nik eine ein­heit­li­che, aber sehr abs­trakte Erklä­rung, durch den sto­chas­ti­schen Cha­rak­ter sub­ato­ma­rer Vor­gänge ver­schlie­ßen sich diese der genauen Mes­sung. Ähnli­ches ist für die Neu­ro­wis­sen­schaf­ten zu erwar­ten, da neu­ro­nale Netze einen hoch­dy­na­mi­schen, nicht­li­nea­ren Cha­rak­ter besit­zen und im Ver­bund neue Eigen­schaf­ten her­vor­tre­ten kön­nen. Und somit wird sich das, was eigent­lich inter­es­siert, für immer der For­schung ent­zie­hen. Wir wer­den nie­mals ver­ste­hen, wie ein Gedanke ent­steht und auch die Frage nach dem Bewusst­sein lässt sich bes­ten­falls anrei­ßen. Hier machen die Auto­ren im eige­nen Inter­esse groß­zü­gig Ver­spre­chun­gen, um sich auch die finan­zi­elle Zukunft ihrer For­schung zu sichern. Denn wenn in 20–30 Jah­ren das öffent­li­che Inter­esse um die Neu­ro­wis­sen­schaf­ten abneh­men wird, wer­den auch die Ver­teil­kämpfe um die knap­per wer­den­den finan­zi­el­len Res­sour­cen hef­ti­ger. So wie dies heute schon im Bereich der Phy­sik zu beob­ach­ten ist.

Doch selbst wenn wider Erwar­ten die Natur von Gedan­ken ent­schlüs­selt wer­den sollte, wenn Den­ken, Bewusst­sein, Vor­stel­lung und Phan­ta­sie als natür­li­che Vor­gänge erklär­bar sind, die Fas­zi­na­tion um die Schön­heit und indi­vi­du­elle Aus­prä­gung von Den­ken und Füh­len wird immer erhal­ten blei­ben. Schön­heit ist nicht wis­sen­schaft­lich erklär­bar. In die­ser Hin­sicht sind die Gedan­ken noch immer frei und wer­den es auch bleiben.