Zum Inhalt springen

mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

Archiv

Tag: Gedicht

Man muss den Din­gen
Die eigene, stille,
unge­störte Ent­wick­lung las­sen,
die tief von innen kommt,
und durch nichts gedrängt
oder beschleu­nigt wer­den kann;
alles ist aus­tra­gen –
und dann
Gebären…

Rei­fen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stür­men
des Früh­lings steht,
ohne Angst,
dass dahin­ter kein Som­mer
kom­men könnte.
Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Gedul­di­gen,
die da sind,
als ob die Ewig­keit vor ihnen läge,
so sorg­los still und weit…

Man muss Geduld haben,
gegen das Unge­löste im Her­zen,
und ver­su­chen, die Fra­gen sel­ber lieb zu haben,
wie ver­schlos­sene Stu­ben,
und wie Bücher, die in einer sehr frem­den Spra­che
geschrie­ben sind.

Es han­delt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Frage lebt,
lebt man viel­leicht all­mäh­lich,
ohne es zu mer­ken,
eines frem­den Tages
in die Ant­wort hinein.

Der Dank für die­ses inspi­rie­rende Gedicht geht an Marco. Man kann es auch sehr gut auf das Schau­spiel bezie­hen, beim Method Acting kommt es unter ande­rem auch dar­auf an, aus einem Zustand der inne­ren Ent­span­nung zu agie­ren. Das Über­spie­len ist das Haupt­pro­blem aller Schau­spie­ler, beson­ders der jun­gen. Und so erin­nert mich vor allem die erste Stro­phe an die als Schau­spie­ler – aber natür­lich auch als Mensch – anzu­stre­bende Grundgelassenheit.

Slow Dance

Mai 25
Allgemein

This poem was sent to me by my sis­ter, who is right now in Ala­bama in the United Sta­tes. There was an addi­tio­nal text say­ing it was crea­ted by a young can­cer pati­ent and that every email sent with this poem would result in a dona­tion. Kno­wing many hoa­xes (see hoax mes­sage on this spe­cial mes­sage, it was writ­ten by someone else) play­ing with the empa­thy of people I do not believe in this but I still found the poem nice. It just fit­ted since I spent the last days pro­gramming a robot shoo­ting balls and defen­ding, not having much time for anything else. So actually right now is the moment for me to slow down

SLOW DANCE

Have you ever wat­ched kids
On a merry-​​go-​​round?
Or lis­tened to the rain
Slap­ping on the ground?
Ever fol­lo­wed a butterfly’s erra­tic flight?
Or gazed at the sun into the fading night?

You bet­ter slow down.
Don’t dance so fast.
Time is short.
The music won’t last.

Do you run through each day
On the fly?
When you ask How are you
Do you hear the reply?
When the day is done
Do you lie in your bed
With the next hund­red cho­res
Run­ning through your head?

You’d bet­ter slow down
Don’t dance so fast.
Time is short.
The music won’t last.

Ever told your child,
We’ll do it tomor­row?
And in your haste,
Not see his sor­row?
Ever lost touch,
Let a good fri­endship die
Cause you never had time
To call and say, „Hi”

You’d bet­ter slow down.
Don’t dance so fast.
Time is short.
The music won’t last.

When you run so fast to get some­where
You miss half the fun of get­ting there.
When you worry and hurry through your day,
It is like an uno­pened gift.…
Thrown away.

Life is not a race.
Do take it slo­wer
Hear the music
Before the song is over.

Zu Ostern

Mrz 27
Allgemein

Der Oster­spa­zier­gang

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Früh­lings hol­den, bele­ben­den Blick,
Im Tale grü­net Hoff­nungs­glück;
Der alte Win­ter, in sei­ner Schwä­che,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dort her sen­det er, flie­hend, nur
Ohn­mäch­tige Schauer kör­ni­gen Eises
In Strei­fen über die grü­nende Flur.
Aber die Sonne dul­det kein Wei­ßes,
Über­all regt sich Bil­dung und Stre­ben,
Alles will sie mit Far­ben bele­ben;
Doch an Blu­men fehlts im Revier,
Sie nimmt geputzte Men­schen dafür.
Kehre dich um, von die­sen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen!
Aus dem hoh­len fins­tern Tor
Dringt ein bun­tes Gewim­mel her­vor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie fei­ern die Auf­er­ste­hung des Herrn,
Denn sie sind sel­ber auf­er­stan­den:
Aus nied­ri­ger Häu­ser dump­fen Gemä­chern,
Aus Hand­werks– und Gewer­bes­ban­den,
Aus dem Druck von Gie­beln und Dächern,
Aus der Stra­ßen quet­schen­der Enge,
Aus der Kir­chen ehr­wür­di­ger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gär­ten und Fel­der zer­schlägt,
Wie der Fluß in Breit und Länge
So man­chen lus­ti­gen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sin­ken über­la­den,
Ent­fernt sich die­ser letzte Kahn.
Selbst von des Ber­ges fer­nen Pfa­den
Blin­ken uns far­bige Klei­der an.
Ich höre schon des Dorfs Getüm­mel,
Hier ist des Vol­kes wah­rer Him­mel,
Zufrie­den jauch­zet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!

Johann Wolf­gang von Goethe

Paul Celan – Die Todesfuge

Nov 18
Allgemein

Im Rah­men der Lite­ra­tur­vor­le­sung Lite­ra­tur der Shoah beschäf­ti­gen wir uns mit der Todes­fuge von Paul Celan. Es ist für mich das beein­dru­ckendste Gedicht, das ich jemals gehört habe. Es ist so dicht gepackt mit Sym­bo­lik, wie­der­holt sich, vari­iert — ein genia­les Bei­spiel, was Lyrik alles aus­drü­cken kann.

Schwarze Milch der Frühe wir trin­ken sie abends
wir trin­ken sie mit­tags und mor­gens wir trin­ken sie nachts
wir trin­ken und trin­ken
wir schau­feln ein Grab in den Lüf­ten da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlan­gen der schreibt
der schreibt wenn es dun­kelt nach Deutsch­land dein gol­de­nes Haar Mar­ga­rete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blit­zen die Sterne er pfeift seine Rüden her­bei
er pfeift seine Juden her­vor läßt schau­feln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trin­ken dich nachts
wir trin­ken dich mor­gens und mit­tags wir trin­ken dich abends
wir trin­ken und trin­ken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlan­gen der schreibt
der schreibt wenn es dun­kelt nach Deutsch­land dein gol­de­nes Haar Mar­ga­rete
Dein asche­nes Haar Sula­mith wir schau­feln ein Grab in den Lüf­ten da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tie­fer ins Erd­reich ihr einen ihr andern sin­get und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tie­fer die Spa­ten ihr einen ihr andern spielt wei­ter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trin­ken dich nachts
wir trin­ken dich mit­tags und mor­gens wir trin­ken dich abends
wir trin­ken und trin­ken
ein Mann wohnt im Haus dein gol­de­nes Haar Mar­ga­rete
dein asche­nes Haar Sula­mith er spielt mit den Schlan­gen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meis­ter aus Deutsch­land
er ruft streicht dunk­ler die Gei­gen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wol­ken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trin­ken dich nachts
wir trin­ken dich mit­tags der Tod ist ein Meis­ter aus Deutsch­land
wir trin­ken dich abends und mor­gens wir trin­ken und trin­ken
der Tod ist ein Meis­ter aus Deutsch­land sein Auge ist blau
er trifft dich mit blei­er­ner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein gol­de­nes Haar Mar­ga­rete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlan­gen und träu­met der Tod ist ein Meis­ter aus Deutschland

dein gol­de­nes Haar Mar­ga­rete
dein asche­nes Haar Sulamith

Paul Celan

Auf den ers­ten Blick mag das sehr befremd­lich wir­ken, es ist auch zuge­ge­be­ner­ma­ßen kein leich­tes Gedicht. Die Ansätze für die Inter­pre­ta­tion sind viel­fäl­tig, ein paar fal­len mir noch ein:

  • Die „schwarze Milch” beschreibt die Grund­stim­mung, aus dem rei­nen Weiß wird dunk­les Schwarz, schon die Vor­stel­lung, schwarze Milch trin­ken zu müs­sen, ver­ur­sacht Übel­keit. Und diese schwarze Milch durch­zieht das gesamte Gedicht.
  • Der ein­zige Reim (blau — genau) ist am Ende des Gedichts zu fin­den. Sein Inhalt ist der Tod, der „Meis­ter aus Deutsch­land”, und die Genau­ig­keit der indus­tri­el­len Tötung. Damit bleibt von der deut­schen Kul­tur nur mehr der Tod übrig, die sys­te­ma­ti­sche Aus­lö­schung eines Volkes.
  • Mar­ga­re­the”, Anspie­lung auf Gret­chen, damit deut­sche Kultur
  • Sula­mith”, Anspie­lung auf jüdi­sche Kultur
  • spielt auf nun zum Tanz”, die Grund­form der Fuge ist eine musi­ka­li­sche Form, an die das Gedicht ange­lehnt ist, zudem ist es ein wei­te­rer Beleg der Gegen­über­stel­lung deut­scher Kul­tur und dem Unfass­ba­ren (Konzentrationslager)