Am Anfang ist nichts, außer dem Wunsch Theater zu spielen. Keine Einschränkungen, keine Grenzen. Ein Dutzend Leute mit unterschiedlichen Vorstellungen, vereint lediglich durch den Wunsch zu spielen. Für mich war diese Leere am Anfang beängstigend, rein gar nichts ist gesetzt. Wünsche, Vorstellungen, Ängste — es ging zur Sache an diesem ersten Wochenende einer neuen Theaterproduktion.
„Ihr vier, nehmt ein klassisches Stück und stellt in einer Stunde ein grobes Regiekonzept vor!” Wir wählten Was ihr wollt von William Shakespeare, das Buch lag gerade bereit und drei von uns hatten das Stück schon gesehen. Zu Beginn waren wir sehr stark auf die Handlung fixiert, die Verwechslungskomödie bedingt eine klare Einführung der Figuren und wechselseitigen Liebschaften. Jedoch war die Aufgabe ja eher eine andere, nämlich ein Regiekonzept zu entwickeln. Wir kamen dann über Illyrien als exotische Seefahrerprovinz zu einem mediterranen Charakter und schließlich zu einem Wellness-Ressort im Jetzt. Außerdem wollten wir das Meer mit Menschen darstellen, welche die bewusstlose Viola am Anfang an den Strand transportieren. Im Laufe der Konzepterstellung kam noch sehr deutlich zum Vorschein, dass den meisten Leuten der Bezug zu aktuellen Themen wichtig ist. Aber das ließ sich ohne Weiteres einbauen, die als Mann verkleidete Viola stieß das Gender-Thema an, ihre Suche nach Arbeit ließ uns auch die Wirtschaftskrise und ablehnende Briefe ins Auge fassen. Viel mehr ließ sich in der kurzen Zeit gar nicht erarbeiten, aber es zeigte deutlich, welch Potenzial in einem Klassiker liegt.
Die andere Vierergruppe beschäftigte sich mit dem Thema Angst, stellte also ein themenbezogenes Regiekonzept vor. Todesangst, Phobien und andere Ängste sollten in einzelnen Szenen verdeutlicht werden.
Stuhl by wellnair
Im Grunde wird es wohl eine grundlegende Entscheidung sein zwischen einem existierenden Stück als Basis oder einem Thema, zu dem wir frei Szenen improvisieren und dann zunehmend fixieren. Anders formuliert ist es eine Entscheidung zwischen dem Vorrang einer Handlung oder eines Themas. Beides birgt Risiken und Chancen, ich bin durch meine persönlichen Theatererfahrungen aber eindeutig für das Primat der Handlung.
