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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Handlung

Am Anfang ist nichts, außer dem Wunsch Thea­ter zu spie­len. Keine Ein­schrän­kun­gen, keine Gren­zen. Ein Dut­zend Leute mit unter­schied­li­chen Vor­stel­lun­gen, ver­eint ledig­lich durch den Wunsch zu spie­len. Für mich war diese Leere am Anfang beängs­ti­gend, rein gar nichts ist gesetzt. Wün­sche, Vor­stel­lun­gen, Ängste — es ging zur Sache an die­sem ers­ten Wochen­ende einer neuen Theaterproduktion.

Ihr vier, nehmt ein klas­si­sches Stück und stellt in einer Stunde ein gro­bes Regie­kon­zept vor!” Wir wähl­ten Was ihr wollt von Wil­liam Shake­speare, das Buch lag gerade bereit und drei von uns hat­ten das Stück schon gese­hen. Zu Beginn waren wir sehr stark auf die Hand­lung fixiert, die Ver­wechs­lungs­ko­mö­die bedingt eine klare Ein­füh­rung der Figu­ren und wech­sel­sei­ti­gen Lieb­schaf­ten. Jedoch war die Auf­gabe ja eher eine andere, näm­lich ein Regie­kon­zept zu ent­wi­ckeln. Wir kamen dann über Illy­rien als exo­ti­sche See­fah­rer­pro­vinz zu einem medi­ter­ra­nen Cha­rak­ter und schließ­lich zu einem Wellness-​​Ressort im Jetzt. Außer­dem woll­ten wir das Meer mit Men­schen dar­stel­len, wel­che die bewusst­lose Viola am Anfang an den Strand trans­por­tie­ren. Im Laufe der Kon­zep­ter­stel­lung kam noch sehr deut­lich zum Vor­schein, dass den meis­ten Leu­ten der Bezug zu aktu­el­len The­men wich­tig ist. Aber das ließ sich ohne Wei­te­res ein­bauen, die als Mann ver­klei­dete Viola stieß das Gender-​​Thema an, ihre Suche nach Arbeit ließ uns auch die Wirt­schafts­krise und ableh­nende Briefe ins Auge fas­sen. Viel mehr ließ sich in der kur­zen Zeit gar nicht erar­bei­ten, aber es zeigte deut­lich, welch Poten­zial in einem Klas­si­ker liegt.

Die andere Vie­rer­gruppe beschäf­tigte sich mit dem Thema Angst, stellte also ein the­men­be­zo­ge­nes Regie­kon­zept vor. Todes­angst, Pho­bien und andere Ängste soll­ten in ein­zel­nen Sze­nen ver­deut­licht werden.

Im Grunde wird es wohl eine grund­le­gende Ent­schei­dung sein zwi­schen einem exis­tie­ren­den Stück als Basis oder einem Thema, zu dem wir frei Sze­nen impro­vi­sie­ren und dann zuneh­mend fixie­ren. Anders for­mu­liert ist es eine Ent­schei­dung zwi­schen dem Vor­rang einer Hand­lung oder eines The­mas. Bei­des birgt Risi­ken und Chan­cen, ich bin durch meine per­sön­li­chen Thea­ter­er­fah­run­gen aber ein­deu­tig für das Pri­mat der Handlung.

Woran erkennt man ein moder­nes Theaterstück?

  1. Am Ende sind nur noch 90% der Zuschauer da.
  2. Man ver­steht zu kei­nem Augen­blick, worum es geht.
  3. Das Stück ver­zich­tet auf solch alt­mo­di­sche Dinge wie eine Handlung.
  4. Es gibt viele tolle Licht­ef­fekte mit rie­si­gen Bea­mern, die man nicht versteht.
  5. Der Applaus ist dürftig.
  6. Es gibt sich auf run­den Bah­nen bewe­gende Vor­hänge, die man nicht versteht.
  7. Am Ende sieht das Büh­nen­bild zwar anders aus, aber es ist völ­lig unklar warum.
  8. Die live gespielte Musik ist dis­har­mo­nisch und an der Grenze des Erträg­li­chen, ein an– und abschwel­len­des Gebrummel.

Aber he, trotz allem fand ich das Stück Wal­king in the Limits (Heinz Reber, Frank Krug und Law­rence Wal­len) toll. Eben, weil ich nichts ver­stan­den habe. Und weil diese Grenz­er­fah­run­gen mir immer wie­der gehol­fen haben, noch komi­schere Bücher zu lesen und mich dabei völ­lig nor­mal zu fin­den. Was ist zum Bei­spiel schon Ulys­sus (James Joyce)? Ver­gli­chen mit heute Abend ein klar kon­stru­ier­ter Bana­li­tä­ten­ro­man. Und Zwölf­ton­mu­sik hat auch ihren Charme. Aber genug davon.