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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Harry Mulisch

Und Kafka lachte

Okt 2
Allgemein

Franz Kafka

Das Bild, wel­ches nor­ma­ler­weise von Franz Kafka (Wikipedia-​​Eintrag) gezeich­net wird, ist das eines erns­ten, melan­cho­li­schen und ver­stör­ten Man­nes mit einem sehr eigen­wil­li­gen Schreib­stil. Eine Beschrei­bung, die ich jüngst in Harry Mulischs Pro­ze­dur fand, bringt das gut auf den Punkt.

Er will sei­nen Blick abwen­den, aber da sieht er hin­ter dem Fens­ter von Num­mer 22 plötz­lich ein ganz andere Szene. Dort sitzt ein Mann von unge­fähr drei­ßig Jah­ren mit gestreck­ten, weit­ge­spreiz­ten Bei­nen vorn­über­ge­beugt am Tisch und schreibt so fie­ber­haft, dass er sich kaum die Zeit nimmt, die Feder ein­zu­tau­chen. Als er kurz auf­sieht, trifft den Rabbi der glän­zende, melan­cho­li­sche Blick sei­ner dunk­len Augen: Augen wie schwarze Pfüt­zen in einem Park, die dort nach einem Regen­schauer zurück­ge­blie­ben sind. Mit­ten durch sein schwar­zes Haar ver­läuft, weiße Kopf­haut zum Vor­schein brin­gend, ein exak­ter Schei­tel, als habe ein prä­zis arbei­ten­der Hen­ker dort Platz gemacht für das Beil, das sei­nen Schä­del spal­ten soll. Wie ist er unter die Alchi­mis­ten gera­ten? Der Rabbi hätte ihn am liebs­ten nach sei­nen Namen gefragt, aber dafür hatte er keine Zeit.

Es ist bequem, die­ses Bild. Jedoch stellt sich die Frage, ob das wirk­lich Kafka gerecht wird, ob es nicht nur ein Teil sei­nes Wesens war. Lei­der ist Kafka inzwi­schen zu einer Ikone gewor­den, die wenig Raum lässt für Gedan­ken, die von die­sem Leit­bild abwei­chen. Kurios ist, dass er sogar mit anar­chis­ti­schen Bewe­gun­gen in Ver­bin­dung gebracht wurde, also der „rote” Kafka tauchte da plötz­lich auf. Jedoch ist da wohl sehr wenig dran.

Die Besu­cher aus Prag

Judita und Jan sit­zen mir gegen­über, sie sind gerade ange­kom­men. Der Hos­pi­ta­lity Club brachte uns zusam­men, sonst hätte ich diese bei­den wun­der­ba­ren Men­schen aus Prag nie­mals getrof­fen. Sie arbei­tet für eine Zei­tung, das Kafka-​​Projekt, wel­ches sie zusam­men mit Jan, dem Foto­gra­fen, bestrei­tet, läuft neben­bei. Sie besu­chen alle Orte, an denen Kafka gewe­sen ist, die ihn inspi­riert haben kön­nen. Und auch Zürich ist dabei, Kafka war kurz hier, sozu­sa­gen auf der Durch­reise. Ob ihn das dau­er­haft ver­än­dert hat, wage ich nicht zu behaupten.

Wir reden Eng­lisch. Sie hat die­sen typi­schen Akzent der sla­wi­schen Spra­chen, sie dehnt bestimmte Vokale und auch die Beto­nung ist anders. Es klingt nett, ist aber auf Dauer etwas anstren­gend. Sie erin­nert mich ein wenig an Kris­tina mit ihrer röt­li­chen, brei­ten Brille (ist wahr­schein­lich ein unge­schrie­be­nes Gesetz im Kul­tur­be­reich), den kur­zen Haa­ren und den hel­len Augen. Jan spricht auch Deutsch, er ist schon etwas älter, sein Bart ist teil­weise grau. Die Haare trägt er extrem kurz, was ihn wie­derum deut­lich jün­ger macht. Seine Augen ste­hen weit aus­ein­an­der, die Lider sind meist zu einem Vier­tel geschlos­sen, was ihm einen leicht schläf­ri­gen Aus­druck verleiht.

Foto­gra­fie

Er foto­gra­fiert lie­ber ana­log, seine Erklä­rung dafür war sehr schön. Er meinte, dass man durch den Ver­brauch rea­len Film­ma­te­ri­als eher die Bil­der im Kopf hat. Man kann sie auch nicht vor­her sehen, was dazu führt, dass man mehr mit dem Kopf und der Vor­stel­lungs­kraft arbei­ten muss als bei einer digi­ta­len Kamera. Das stän­dige Foto­gra­fie­ren und sofor­tige Anschauen der Resul­tate unter­bricht die­sen Pro­zess. Außer­dem sind diese klei­nen Dis­plays trü­ge­risch, Bil­der sehen in ihnen deut­lich bes­ser aus als spä­ter in aus­ge­druck­ter Form. Ich fühlte mich bestä­tigt, viel­leicht bleibe ich doch noch län­ger bei der ana­lo­gen Kamera, auch wenn das Ein­scan­nen der Bil­der ein sehr zeit­auf­wän­di­ger Pro­zess ist.

Er zeigt mir einige sei­ner Auf­nah­men, alle­samt Dru­cke in schwarz-​​weiß. Schöne Gebäu­de­auf­nah­men für das Kafka-​​Projekt, Häu­ser, in denen Kafka gewohnt oder gear­bei­tet hat. Beson­ders ein­drucks­voll sind seine Bewe­gungs­auf­nah­men. Mit einem extrem dunk­len Graufil­ter schafft er es, auch tags­über zwei Minu­ten lang zu belich­ten und dadurch die Bewe­gung der Wol­ken sicht­bar zu machen. Zusätz­lich ver­wen­det er einen Rot­fil­ter, um das Him­mels­blau abzu­schwä­chen, somit kom­men die hel­len Wol­ken erst zur Gel­tung. Beson­ders gefällt mir die Auf­nahme einer Gasse, im Vor­der­grund ist unscharf ein orna­men­ta­les Git­ter zu sehen, mit einer schö­nen run­den, jugend­stil­haf­ten Form. Er schenkt es mir, weil es mir so sehr gefällt.

Kafka beglei­tet mich. Über­all sehe ich das blasse Gesicht, fühle mich kon­fron­tiert mit einem Mythos. Dabei habe ich gar nicht so viel von ihm gele­sen. Aber er wird mir lang­sam etwas sym­pa­thi­scher. Die bei­den mein­ten, viele sei­ner Zeit­ge­nos­sen hät­ten ihn als humor­vol­len Men­schen geschil­dert, des­sen tro­ckene, wohl­for­mu­lierte Ein­schät­zun­gen legen­där gewe­sen wären. Und viel­leicht lachte er auch oft und gern, nur ist das lei­der nie foto­gra­fiert wor­den. Aber eines ist sicher: Wenn es Web­logs damals schon gege­ben hätte — er hätte die­ses Medium genutzt.

Noch immer lese ich an die­sem Buch, eigent­lich wollte ich (das war so gegen Anfang Sep­tem­ber) bloß schnell diese bei­den schma­len Büch­lein — von Chris­tina aus­ge­lie­hen — durch­le­sen, um mich dann wie­der der Ent­de­ckung des Him­mels zu wid­men. Ges­tern habe ich wie­der einige Sei­ten geschafft und war begeistert.

Mulisch beschäf­tigt sich mit der Erschaf­fung von Leben und tut das in meh­re­ren Ebe­nen. Zum einen schreibt er am Anfang über das Schrei­ben an sich, über die Erschaf­fung von lite­ra­ri­schem Leben also. Es folgt die krasse Beschrei­bung einer Geburt, ein Aus­flug ins mit­tel­al­ter­li­che Prag um der Erschaf­fung des Golem durch Rabbi Löw bei­zu­woh­nen, momen­tan schreibt ein berühm­ter For­scher über die che­mi­sche Erzeu­gung einer sich selbst repro­du­zier­ba­ren „Zelle”. Ich bin gebannt und werde hof­fent­lich bald fer­tig mit dem Buch.