Zum Inhalt springen

mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

Archiv

Tag: Heimat

Ich liebe Bahn­fah­ren. Ich kann ein­fach nicht genug davon bekom­men. Unter der Woche fahre ich täg­lich weite Stre­cken mit der Bahn, sitze locker zwei Stun­den pro Tag in irgend­wel­chen Zügen. Aber das sind ja mehr so kleine Hop­ser, ver­gli­chen mit einer Fahrt nach Dres­den. Zehn Stun­den in ICEs ver­brin­gen – das ist die wahre Erfül­lung. Und so sitze ich jetzt in mei­nem stil­len Zim­mer, das völ­lig antriebs­los in Zürich her­um­steht und ver­misse das Gefühl, in Bewe­gung zu sein. Aber es sind ja nur wenige Stun­den Schlaf, die ich durch­hal­ten muss, dann geht es wie­der los mit pendeln…

In Dres­den habe ich vor allem Leute besucht, Fami­lie und Freunde. Schön war der sams­täg­li­che Klet­ter­aus­flug zu den Tys­saer Wän­den, mal wie­der Sand­stein spü­ren und bei schlecht gesi­cher­ten ein­fa­chen Rou­ten Angst krie­gen – ich bin es ein­fach nicht mehr gewöhnt. In der Schweiz sind die Rou­ten mit wesent­lich mehr Bohr­ha­ken ver­se­hen, aller zwei Meter hat man da einen Siche­rungs­punkt. So lang­sam gewöhne ich mich daran und halte die Sach­sen für völ­lig ver­rückt, sol­che unge­si­cher­ten Rou­ten zu klettern.

klettern

Sand­stein spü­ren in den Tys­saer Wänden

Am Sonn­tag machte ich mit ande­ren Leu­ten den Tha­rand­ter Wald in der Nähe von Dres­den unsi­cher. Bei strah­len­dem Son­nen­schein star­te­ten wir von Tha­randt eine Rund­wan­de­rung, die uns bis Gril­len­burg füh­ren sollte. Der berühm­teste Ver­tre­ter der Tha­rand­ter Forst­wis­sen­schaf­ten ist Hein­rich Cotta, er wurde nach sei­nem Tod unter 80 Eichen im Wald begra­ben. Auf jeden Fall hatte er eine schöne Arbeits­stätte und hat die moderne, nach­hal­tige Forst­wirt­schaft mit begrün­det. Der Begriff Nach­hal­tig­keit stammt ja ursprüng­lich aus der Forst­wirt­schaft, wo er durch nach­wach­sende Bäume sehr anschau­lich klar ist. Und die erste offi­zi­elle Erwäh­nung der Grund­idee geschah 1560 in der kur­säch­si­schen Forst­ord­nung. Die Sach­sen waren also die abso­lu­ten Vor­rei­ter in Sachen Nachhaltigkeit!

So sog ich also den Stolz auf meine alte Hei­mat in vol­len Zügen ein, um dann heute in über­vol­len Zügen wie­der in meine Wahl­hei­mat Schweiz zu reisen.

Es sah nicht gut aus an den Tagen vor Weih­nach­ten, das Ver­kehrs­chaos in Deutsch­land domi­nierte die Schlag­zei­len. Der Frank­fur­ter Flug­ha­fen musste an einem Tag alle Flüge absa­gen, die Deut­sche Bahn emp­fahl allen Rei­sen­den, lie­ber nicht zu rei­sen und auf den Auto­bah­nen sah es auch nicht gerade rosig aus. Aber die Bahn­ti­ckets waren gebucht, die Weih­nachts­tour geplant – nichts konnte mich aufhalten.

schneechaos

Schnee­chaos in Deutsch­land, selbst Kin­der hal­fen mit, die Autos freizuräumen.

Die nächt­li­che Fahrt von Ham­burg nach Bran­den­burg war die erste Prü­fung. Schnee­trei­ben auf der Auto­bahn, die Spu­ren kaum erkenn­bar, dich­ter Ver­kehr, wir fah­ren mit 50 km/​h, die Schei­ben­wi­scher rat­schen über die Wind­schutz­scheibe, Kon­zen­tra­tion, jeder Spur­wech­sel führt weg von den schnee­freien Fahr­spu­ren über einen rut­schi­gen Schnee­hü­gel, nie wie­der, Kon­zen­tra­tion, Schnee­trei­ben, wir fah­ren 70, immer­hin, es wird Mit­ter­nacht, die Auto­bahn zieht sich, warum fah­ren immer wir zur Fami­lie, Kon­zen­tra­tion, nicht müde wer­den, könnte man eigent­lich wirk­lich brem­sen jetzt, wenn es sein müsste? Dann Land­straße, ich hasse Bran­den­burg, abseits von allem, in einem die­ser lang­ge­zo­ge­nen Dör­fer steht plötz­lich ein Auto vor uns, Warn­blin­ker, nicht wei­ter­fah­ren, ein Last­wa­gen ist von der Straße gerutscht, es wird drau­ßen immer käl­ter und Glatt­eis plau­si­bel, wir dre­hen um, neh­men eine kleine Straße durch wei­tere Dör­fer, vor­sich­tig mit 50 fah­ren wir, ein­mal rutscht es, aber nur kurz, das Auto fängt sich wie­der, Kon­zen­tra­tion, immer wei­ter zu einer bes­se­ren Land­straße, wir nähern uns Bran­den­burg von Nor­den, die­ser Wald kommt mir bekannt vor, Kon­zen­tra­tion, abbie­gen, ankom­men, das war knapp, Mama war­tet auf uns, es ist zwei Uhr nachts, schlafen.

emdener haus

Gekipp­tes Archi­tek­tur­foto in Emden.

Fami­li­en­ge­sprä­che, stun­den­lang, eher Selbst­dar­stel­lung als Zuhö­ren, viel­leicht bin ich ein­fach nicht in der Stim­mung, aber ich bringe mich ein, selbst­dar­stel­le­risch kann ich auch, werfe Worte in den Raum, andere wer­fen andere Worte in den Raum, wir leben in ver­schie­de­nen Wel­ten, seit vie­len Jah­ren, die gemein­sa­men Jahre lie­gen lange zurück, es ist immer wie­der Arbeit, diese Neu­gierde auf­zu­brin­gen für das Leben der Ande­ren, selbst erzäh­len ist ein­fa­cher. Die Welt der Bran­den­bur­ger Chef­ärzte und Kran­ken­haus­af­fä­ren, die Welt von YFU und die­ser ande­ren Firma, gro­teske Cha­rak­tere und ergrei­fende Schick­sale neh­men kurz Gestalt an, bis es zum nächs­ten geht.

Grüne Klöße – der Inbe­griff von Weih­nachts­es­sen. Die Gans brau­che ich eigent­lich nicht, Klöße und Soße rei­chen aus. Viel­leicht noch etwas Rot­kraut als Farb­tup­fer. Die Klöße beste­hen aus gerie­be­nen und gekock­ten Kar­tof­feln. Es ist eine ganz spe­zi­elle Reibe, wel­che jedes Jahr zu Weih­nach­ten diese fei­nen Kar­tof­fel­fä­den her­vor­bringt, natür­lich von Hand betrie­ben. Und diese Fäden geben den Klö­ßen dann jene spe­zi­elle Kon­sis­tenz, die ich seit mei­ner Kind­heit mit Weih­nach­ten verbinde.

wunderkerze mit händen

Sil­ves­ter­stim­mung

Emden – nette Klein­stadt im abso­lu­ten Nord­wes­ten von Deutsch­land, etwas wei­ter nörd­lich liegt die Insel Nor­der­ney, wo unsere erste Manos-​​Klassenfahrt hin­ging. Es wird wär­mer, end­lich. Ich atme auf und genieße die Win­ter­sonne und das Wie­der­se­hen mit ande­ren Dresd­ner Freun­den. Ein ruhi­ges Sil­ves­ter, so rich­tig in Fei­er­laune ist kei­ner von uns. Der harte Kern von Emden – viel­leicht 40 Leute – ist mit uns am Hafen, Feu­er­werk gibt es trotz­dem reich­lich, so dass schon kurz nach Mit­ter­nacht ein Pul­ver­dampf über Emden liegt wie über den Fel­dern von Water­loo. Wir tra­gen nur mit ein paar Wun­der­ker­zen zur Luft­ver­schmut­zung bei.

weites land

Wei­tes Land bei Greet­siel am Neujahrstag

Nach­dem meine Tage an der ETH nun­mehr gezählt sind, suchte ich nach einer neuen Hei­mat für mein Web­log, wel­ches bis­her vom Web­log Ser­vice der ETH Zürich gehos­tet wurde. Es ist nun also auf dem von mir mit­ge­nutz­ten Ser­ver, eine nahe­lie­gende Lösung. Das ein­zige Pro­blem sind die vie­len Sicher­heits­lü­cken in der Weblog-​​Software, wel­che unse­rem Sys­tem­ad­mi­nis­tra­tor Schweiß­per­len auf die Stirn trei­ben. PHP, auf dem die Soft­ware Word­Press basiert, scheint sehr anfäl­lig für alle mög­li­chen Arten von Atta­cken zu sein. Aber war­ten wir ab, ob unser Ser­ver wirk­lich von Spam­mern geka­pert wird.

Auf jeden Fall ist mit die­sem Web­log eine ein­heit­li­che Web­prä­senz geschaf­fen, meine alte Home­page, die frü­her unter die­ser Adresse zu errei­chen war, hat aus­ge­dient. Ich habe jedoch aus­ge­wählte Inhalte über­nom­men, die Tage­bü­cher aus Blacks­burg fin­det ihr im Archiv (2002−03), eine Über­sicht aller Lesun­gen auf den sta­ti­schen Sei­ten (siehe Lesun­gen). Web­log und Home­page ver­schmel­zen also zu einem Ganzen.

Ich bin auf jeden Fall gespannt, was ihr vom neuen Design haltet.

Dresden

Mrz 20
Allgemein

Ich fahre wie­der in die Stadt, die einst meine Hei­mat war. Dies­mal spon­tan und heim­lich, mit­ten in der Nacht legen wir die weite Stre­cke zurück. Ein Kol­lege von mir fährt hin und ich möchte auch mal wie­der unter­wegs sein. Ich habe keine Ner­ven, vier Tage an einem Ort zu hocken, noch dazu bei schlech­tem Wet­ter. Dann lie­ber in Dres­den bei schlech­tem Wet­ter hocken und die alten Freund­schaf­ten pfle­gen. Haupt­sa­che unter­wegs und in Bewe­gung blei­ben. Leute tref­fen, Zeit zum Lesen haben, aus­schla­fen, die Rück­reise dann am Mon­tag. Wird Stress, sie­ben Stun­den im klei­nen Auto. Mein Kol­lege hat mich gewarnt, ent­we­der ich brächte eigene CDs oder es gäbe aus­schließ­lich Coun­try und Hip Hop zu hören. Ich habe keine eige­nen CDs dabei. Haupt­sa­che wach blei­ben beim Fah­ren. Mun­ter die Auto­bah­nen ent­lang sau­sen. Irgend­wo­hin, weg von mir, wie ich bin.

Grenze

Jan 1

Wo ist die Grenze zwi­schen Deutsch­land und der Schweiz? Für mich ist es der Moment, wenn ich zum ers­ten Mal jeman­den im Dia­lekt des Ziel­or­tes reden höre. Mit dem Zug ist das meist nach dem Umstei­gen in Frank­furt der Fall, plötz­lich redet jemand mit säch­si­schem Dia­lekt und ich weiß dann, wohin ich fahre. Der ver­traute Klang der Spra­che weckt dann die Erin­ne­run­gen an die alte oder neue Hei­mat. Rückzu war es dann ein Pär­chen, die sich auf Schei­zer­deutsch unter­hiel­ten, im ICE nach Basel weit vor der eigent­li­chen Grenze. Die tat­säch­li­che Grenze bemerkt man fast gar nicht, drau­ßen sah ich eine Zoll­sta­tion vor­bei huschen, zwei Zoll­be­amte gehen durch den Wagen, ent­spannt und mit des­in­ter­es­sier­tem Blick, die Wirk­lich­keit mit tau­sen­den Grenz­gän­gern pro Tag macht die Iso­la­tion der Schweiz zur Farce. Zumin­dest für Zug­rei­sende, wer Waren ein­füh­ren will, wird dann wahr­schein­lich mit einer ande­ren Grenze konfrontiert.