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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

Archiv

Tag: Industrie

Vor ziem­lich genau einem Jahr begann ich bei der Hel­ve­ting AG, einem auf­stre­ben­den Schwei­zer Inge­nieur­büro. Mit dem Dok­tor­ti­tel in der Tasche, nach drei Wochen Arbeits­lo­sig­keit und mit­ten in einem JobBasis-​​Kurs der New­Pla­ce­ment GmbH wagte ich den Sprung ins rich­tige Berufs­le­ben. Und da bin ich nun und reflektiere.

Ein Jahr – drei Projekte

Zual­ler­erst erwar­tete mich der Sprung ins kalte Was­ser eines ambi­tio­nier­ten Groß­pro­jekts, es ging um die Neu­ent­wick­lung eines medi­zi­ni­schen Geräts. Ich war als Teil­pro­jekt­lei­ter von Anfang an stark gefor­dert. Nach der Kon­zept­phase ver­schob sich mein Schwer­punkt auf ein inter­nes Pro­jekt, ich ent­wi­ckelte in Rekord­zeit ein Sys­tem für die Zeit­er­fas­sung mit cake­PHP und Post­greSQL, wel­ches die exis­tie­rende Lösung mit Excel-​​Sheets ablöste.

Danach gab es noch ein zwei­mo­na­ti­ges Kun­den­pro­jekt mit einer Smart-​​Phone-​​Applikation, so dass ich schon an drei sehr unter­schied­li­chen Pro­jek­ten mit­ge­wirkt habe. Ab Novem­ber erwar­tet mich ein vier­tes Pro­jekt, dies­mal im Bereich Software-​​Tests und direkt beim Kun­den. Somit hat mich jetzt auch das Pen­del­schick­sal erwischt, mit einem 1. Klasse–Gene­ral­abon­ne­ment, WLAN im Zug und der Mög­lich­keit unter­wegs zu arbei­ten lässt sich das aber sicher­lich ertra­gen. Den­noch bedeu­tet es eine Umstel­lung, an die ich mich erst noch gewöh­nen muss.

For­schung vs. Industrie

Was sind nun die Unter­schiede zwi­schen For­schung und Indus­trie? Neu sind die Zeit­er­fas­sung und der Druck, in der geplan­ten Zeit ein Resul­tat zu errei­chen, mit dem der Kunde zufrie­den ist. Da ich aber lange Zeit an einem inter­nen Pro­jekt gear­bei­tet habe, traf das für mich nur zum Teil zu. Obwohl ich auch dort unter gro­ßem Druck stand, zum Stich­tag musste das Basis­sys­tem mit fir­men­kri­ti­schen Daten ste­hen und funk­tio­nie­ren. Das grund­sätz­li­che Pro­blem bei Pro­jek­ten für jemand ande­ren sind wech­selnde Anfor­de­run­gen. Und gerade beim Zeiterfassungs-​​System, mit dem alle arbei­ten, kom­men wöchent­lich neue Anfor­de­run­gen und Ver­bes­se­rungs­vor­schläge, so dass die gro­ßen Ent­wick­lungs­pro­jekte schnell mal auf­ge­scho­ben wer­den. In der For­schung war das anders, dort konnte ich wei­test­ge­hend selbst bestim­men, was ich mache und wann es gut genug ist, natür­lich immer im Dia­log mit den Team­kol­le­gen und mei­nem Doktorvater.

Der All­tag ist sehr ähnlich. Nach dem etwas län­ge­ren Arbeits­weg treffe ich in einer Büro­um­ge­bung mit vie­len am Com­pu­ter tip­pen­den und kli­cken­den Leu­ten ein. Ich starte meine per­sön­li­che Kiste hoch, che­cke Emails und arbeite wei­test­ge­hend selbst­stän­dig an mei­nen Pro­jek­ten. Mit­tags­pause, Bespre­chun­gen mit Kol­le­gen und Vor­ge­setz­ten, Prä­sen­ta­tio­nen, Fahr­ten zum Kun­den, Kon­fe­renz­teil­nah­men feh­len zuge­ge­be­ner­ma­ßen – im Grunde sehr ähnli­che Abläufe.

Und das Lösen von Pro­gram­mier­pro­ble­men ist auch gleich geblie­ben, ob nun mit Mat­lab, C++ oder PHP, stets stoße ich irgendwo an, ana­ly­siere, kon­sul­tiere das Inter­net, grenze ein und löse das Pro­blem, um auf das nächste zu tref­fen. Was mir ein biss­chen fehlt, ist der hohe Anspruch, den wis­sen­schaft­li­che Publi­ka­tio­nen an das For­mu­lie­ren und Lay­out von Doku­men­ten stel­len. Dafür fehlt schlicht die Zeit, obwohl der Abschluss­be­richt oder das Kon­zept eben­falls sehr wich­tige Doku­mente sind, für die der Kunde eine Menge Geld bezahlt. Aber für einen guten Bericht müsste man schon meh­rere Tage im Ange­bot rechnen.

Inhalt­lich habe ich eini­ges an Ent­wick­lungs­me­tho­dik gelernt, Android und Java ken­nen gelernt, außer­dem meine Fähig­kei­ten im Bereich Datenbank-​​Entwurf und Web­de­sign ausgebaut.

Frei­zeit

Meine Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten konnte ich zum größ­ten Teil bei­be­hal­ten, ich nahm an bis zu drei par­al­le­len Thea­ter­pro­duk­tio­nen oder –kur­sen teil. Der Sport kam etwas zu kurz, aber die Nähe zur Schlie­re­ner Klet­ter­halle konnte ich auch gut nut­zen, so dass momen­tan Klet­tern mein Aus­gleichs­sport ist.

Fazit

Alles in allem bin ich zufrie­den, ich wollte mich in ver­schie­de­nen Pro­jek­ten in der Indus­trie aus­pro­bie­ren und Erfah­rung sam­meln, die wich­tigste Wäh­rung auf dem Arbeits­markt und das größte Manko eines frisch­ge­ba­cke­nen ETH-​​Absolventen. Von daher werde ich noch einige Zeit dabei blei­ben und regel­mä­ßig neu über­le­gen, ob und wann ich zurück in die deut­sche Hei­mat möchte.

Archi­tek­tur und Kunst in Bilbao

Städte, immer wie­der Städte. Klein und ver­träumt, groß und laut, modern und künst­le­risch, es gibt viele Kom­bi­na­tio­nen und Nord­spa­nien hat zwei­fel­los einige schöne Städte zu bie­ten. Die Mil­lio­nen­me­tro­po­len Madrid und Bar­ce­lona lie­gen wei­ter süd­lich, hier oben ist Bil­bao die größte Stadt und wegen des ent­spre­chen­den Ange­bots an Flü­gen auch Start– und Ziel­ort unse­rer Rund­reise. Bekannt ist die ehe­mals triste Indus­trie­stadt vor allem wegen des Guggenheim-​​Museums, wel­ches 1997 erbaut wurde.

Es ist ein Meis­ter­werk moder­ner Archi­tek­tur. Es gibt keine gera­den Linien an die­sem Gebäude, ein paar Schritte wei­ter offen­bart sich eine völ­lig neue Per­spek­tive. Und auch innen hat das Museum eini­ges zu bie­ten. Im Erd­ge­schoss war­ten Video– und Raum­in­stal­la­tio­nen auf die Besu­cher. Von Richard Serra stam­men rie­sige geo­me­tri­sche Gebilde aus Stahl, in die man hin­ein­ge­hen konnte. Die Wände neig­ten sich in ver­schie­dene Rich­tun­gen beim Fort­schrei­ten zum Mit­tel­punkt oder Aus­gang. Nun gut, so rich­tig umge­hauen hat mich das alles nicht. Wesent­lich span­nen­der waren die Bil­der aus dem frü­hen 20. Jahr­hun­dert, eins von Marc Cha­gall hing dort, ein paar kleine Picas­sos und — mein per­sön­li­cher Favo­rit — Die gelbe Kuh von Franz Marc.

El Bierzo

Allen, die abseits der aus­ge­tre­te­nen Pfade eine schöne Wan­de­run­gen erle­ben möch­ten, sei diese Gegend wärms­tens emp­foh­len. Sie liegt nord­west­lich von Leon am Rand der gleich­na­mi­gen Pro­vinz. Wir wähl­ten uns das Städt­chen Vega de Espi­na­reda als Basis. Im örtli­chen Tou­ris­mus­büro erhiel­ten wir neben Hotel­tipps auch drei selbst­ge­machte Wan­der­kar­ten für Tou­ren in der Umge­bung. Mit die­sen Schatz­kar­ten mach­ten wir uns dann auch auf den Weg.

Die längste Tour begann im beschau­li­chen Dorf Bur­bia. Wir park­ten unser Auto im Dorf und zogen mit der Schatz­karte los. Noch im Dorf gesell­ten sich zwei kleine Hunde zu uns, die uns fast auf der gesam­ten Wan­de­rung beglei­ten soll­ten. Unser Ziel waren die Seen auf einer Hoch­ebene und gele­gent­lich gab es sogar Weg­wei­ser dahin. Aber mit Schwei­ze­ri­schen Ver­hält­nis­sen war die Aus­schil­de­rung kei­nes­wegs zu ver­glei­chen, gele­gent­lich musste man mit gesun­dem Men­schen­ver­stand ent­schei­den. Die Faust­re­gel ist, lie­ber nicht abbie­gen. Denn die meis­ten Irr­tü­mer beim Wan­dern ent­ste­hen durch zu zei­ti­ges Abbiegen.

Die zweite von uns in Angriff genom­mene Wan­de­rung begann am Pass Puerto des Anca­res auf 1648 m. Die Wol­ken zogen von Nor­den direkt über den Pass, wir hat­ten aber Glück mit dem Wet­ter, es reg­nete nicht. Gegen Ende der Wan­de­rung zog es aber immer mehr zu und so ganz ohne Fern­sicht macht das Wan­dern dann halt doch wenig Spaß.

Picos de Europa

Aber unser eigent­li­ches Wan­der­ziel war der Natio­nal­park Picos de Europa gewe­sen, dafür hat­ten wir sogar einen Wan­der­füh­rer mit 50 Rou­ten. Unsere kühne Fahrt aus dem ver­reg­ne­ten Gali­zien zum Natio­nal­park wurde mit wun­der­schö­nem Wan­der­wet­ter belohnt. Schon vom Zelt­platz aus bot sich uns ein erhe­ben­der Anblick, der mein Berg­stei­ger­herz höher schla­gen ließ.

Die drei Tages­wan­de­run­gen in den Picos erfüll­ten alle unsere Erwar­tun­gen, sie waren abwechs­lungs­reich, anstren­gend, und hat­ten sogar teil­weise alpi­nen Cha­rak­ter. Unser höchs­ter Punkt war eine Schutz­hütte auf unge­fähr 2300 m. Auf dem Rück­weg zur Seil­bahn ver­stell­ten uns Berg­zie­gen den Weg.