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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Jean-Paul Sartre

Für nächs­tes Jahr Juni ist wie­der ein Thea­ter­stück der Thea­ter­gruppe aki­tiv geplant. Wel­ches genau wird sich am nächs­ten Mitt­woch ent­schei­den. Momen­tan haben wir vier Kandidaten.

Moliere: Der Men­schen­feind (Über­set­zung von H.-M. Enzensberger)

Das Stück spielt ursprüng­lich am Pari­ser Hof, wo Höf­linge und Minis­ter um Ein­fluss und Macht buh­len. Die Eti­kette bestimmt das täg­li­che Leben, sie dik­tiert unbe­dingte Höf­lich­keit allen gegen­über, man will es sich ja mit nie­man­dem ver­scher­zen. Davon ange­wi­dert ist Alceste, der für Auf­rich­tig­keit und Ehr­lich­keit ein­steht. So kri­ti­siert er ein Gedicht des ein­fluss­rei­chen Oronte, der ihm dar­auf­hin das Leben schwer macht. Alceste ist jedoch eigent­lich in Celi­mene ver­liebt, die unan­ge­foch­tene Köni­gin der Gesell­schaft. Sie flir­tet mit allen und zieht auch sehr gekonnt über Leute her. Aus die­ser Kosn­tel­la­tion ent­wi­ckelt sich dann ein Kon­flikt, sie mag sich nicht fest­le­gen, er will sie über­zeu­gen, die­sem fal­schen Leben den Rücken zu keh­ren und mit ihm zu kommen.

Toll an die­sem Stück ist vor allem die Spra­che. Enzens­ber­ger ver­legte das Stück nach Bonn und in die Gegen­wart. Er behielt die gereimte Form bei, so hat seine Fas­sung exakt so viele Zei­len wie das Ori­gi­nal. Aber seine Über­set­zung ist sehr frei, eine inhalt­lich ange­lehnte Neu­fas­sung. Pro­ble­ma­tisch für unsere nun recht große Gruppe ist die begrenzte Anzahl an Rol­len. Es gibt haupt­säch­lich fünf Män­ner– und drei Frauenrollen.

Max Frisch: Don Juan oder die Liebe zur Geometrie

Frisch bear­bei­tete den klas­si­schen Don Juan–Stoff, in sei­ner Fas­sung erle­ben wir den jun­gen Don Juan, der am Tag sei­ner Hoch­zeit bei­nahe wider­wil­lig zu dem bekann­ten Mythos wird. Spä­ter insze­niert er als älte­rer Mann seine eigene Höl­len­fahrt, die letzte Szene sieht ihn als Ehe­mann und ein­ge­sperrt, da die Welt ihn für tot hält.

Schön ist, dass es recht viele Rol­len gibt, pro­ble­ma­tisch deren Ver­tei­lung. Die Titel­rolle ist schon recht groß und am Ende des ers­ten Abschnitts (Jugend Don Juans) ist eine Groß­zahl der Akteure tot.

Richard She­ridan: Die Lästerschule

Diese alte eng­li­sche Komö­die dreht sich um ein unglei­ches Brü­der­paar, die von ihrem aus Indien heim­keh­ren­den Onkel im Rah­men eini­ger Ver­wechs­lun­gen auf die Probe gestellt und belohnt/​entlarvt wer­den. Neben­schau­platz ist eine Salon­ge­sell­schaft, die sich im Läs­tern übt und in der einige Prot­ago­nis­ten verkehren.

Jean-​​Paul Sartre: Die Fliegen

Das Schwer­ge­wicht unter den zur Aus­wahl ste­hen­den Stü­cken greift den anti­ken Orest–Stoff auf. Fünf­zehn Jahre nach der Ermor­dung sei­nes Vaters Aga­mem­non durch des­sen Frau Klytäm­ne­s­tra und deren Lieb­ha­ber Ägist kehrt Orest in seine Hei­mat­stadt zurück. Er trifft seine Schwes­ter Elek­tra, die im Palast nied­rige Dienste ver­rich­ten muss und seine Mut­ter Klytäm­ne­s­tra. Die Stadt durch­lebt gerade den Jah­res­tag der Ermor­dung Aga­mem­nons, der neue König Ägist zele­briert die Reue anhand eines reli­giö­sen Ritu­als. Die Toten keh­ren für einen Tag aus dem Hades zurück und leben an der Seite der Bür­ger. Erst will Orest sich nicht ein­mi­schen, bald wächst in ihm jedoch der Wunsch nach Ver­gel­tung der Untat. Schließ­lich bringt er seine Mut­ter und Ägist um und flieht mit sei­ner Schwes­ter in einen Tem­pel. In der Nacht wer­den die bei­den von Eryn­nien geplagt, Elek­tra zer­bricht. Orest fühlt sich als freier Mann, tritt schließ­lich vor die Bür­ger und ver­lässt die Stadt, wobei er die Flie­gen mitnimmt.

Das Stück ist sowohl poli­tisch moti­viert (Auf­ruf zum gewalt­tä­ti­gen Wider­stand gegen das Vichy-​​Regime wäh­ren des Zwei­ten Welt­krie­ges) als auch durch Sar­tres Exis­ten­zia­lis­mus. Frei­heit und der Umgang mit eige­nen Fehl­ta­ten ste­hen im Mit­tel­punkt des Stückes.

Unlängst habe ich mich ein wenig mit Jean-​​Paul Sartre beschäf­tigt. Anstöße erhielt ich auf einem Rhetorik-​​Seminar der Friedrich-​​Ebert-​​Stiftung in Bonn. Ein Phy­si­ker aus Ber­lin stellte in einer sei­ner Reden das Kon­zept des Exis­ten­zia­lis­mus (Wikipedia-​​Eintrag) kurz vor, als des­sen bekann­tes­ter Ver­tre­ter Sartre gilt. Auch mein lang­jäh­ri­ger Mit­be­woh­ner Mat­thias hat mir spe­zi­ell die­ses Buch empfohlen.

Das Buch besteht aus einer fil­mar­tig erzähl­ten Hand­lung. Jeder Abschnitt ist mit sei­nem Ort über­schrie­ben, oft gibt es schnelle Hin– und Her­schnitte zwi­schen zwei Orten. Es geht um den Arbei­ter und Revo­lu­tio­när Pierre und Eve, die unglück­lich ver­hei­ra­tete Frau aus höhe­ren Krei­sen. Beide ster­ben, Pierre durch einen Ver­rä­ter, Eve wird von ihrem Mann ver­gif­tet. Das Jen­seits wird nun so beschrie­ben, dass die Toten unsicht­bar unter den Leben­den wan­deln und sich gegen­sei­tig wahr­neh­men kön­nen. Pierre und Eve tref­fen sich und ver­lie­ben sich inein­an­der. Sie erhal­ten eine zweite Chance auf­grund eines Aus­nah­me­pa­ra­gra­fen, da sie eigent­lich für­ein­an­der bestimmt gewe­sen waren. Sie haben 24 Stun­den Zeit und sol­len sich nur ehr­lich lie­ben. Aber beide wol­len bestimmte Dinge regeln, Pierre hat vom Ver­rat des für den nächs­ten Tag anbe­raum­ten Auf­stan­des erfah­ren, Eve möchte ver­hin­dern, dass sich ihr Mann an ihre junge Schwes­ter her­an­macht. Auch der Klas­sen­un­ter­schied ver­ur­sacht Zwis­tig­kei­ten. Am Ende kön­nen beide doch nicht aus ihrer Haut und ver­pas­sen die Chance.

Das Stück ist im Grunde kein rein exis­ten­zia­lis­ti­sches. Viel­mehr ist es dem Deter­mi­nis­mus ver­haf­tet, da die Figu­ren doch nicht über ihre Gren­zen gehen kön­nen und sich so die Ereig­nisse wie­der­ho­len. Die Geschichte nimmt ihren Lauf, gegen den erklär­ten Wil­len der Haupt­fi­gu­ren. Auf jeden Fall ein loh­nens­wer­tes Stück, das durch die unmit­tel­bare Hand­lung gut zu ver­ste­hen ist. Schwie­ri­ger fällt mir die genauere Interpretation.