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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

Archiv

Tag: Kirche

Ein­mal ist immer das erste Mal – als ambi­tio­nier­ter Hob­by­fo­to­graf wird man gebe­ten, bei einer Hoch­zeit die Fotos zu machen. Damit ver­bun­den sind große Erwar­tun­gen, spe­zi­ell die Bil­der des Paa­res sol­len ja auf Schreib­ti­schen und in Brief­cou­verts lan­den, um für alle Zei­ten an die­sen Tag zu erin­nern. Ich tat mein Bes­tes am letz­ten Sams­tag, kämpfte mit wid­ri­gen Licht­be­din­gun­gen, der Ner­vo­si­tät aller Betei­lig­ten und der stän­di­gen Ein­satz­be­reit­schaft, falls jemand einen wich­ti­gen, doku­men­ta­ti­ons­wür­di­gen Bei­trag leistet.

Frauenkirchen-​​Mania

Nov 2
Allgemein

Über­all stößt man dar­auf, auf diese große Kup­pel im Her­zen von Dres­den. Ich fühle mich als Dresd­ner da schon irgend­wie betrof­fen, schließ­lich bin ich oft an der Bau­stelle vor­bei gelau­fen. Und als im letz­ten Win­ter die Aus­sichts­platt­form frei­ge­ge­ben wurde, zahlte ich die 5 Euro und sah mir Dres­den von die­sem ganz beson­de­ren Ort aus an. Schöne Fotos machte ich, der Elb­bo­gen links und der Elb­bo­gen rechts. Links stand noch ein ande­rer Foto­graf im Weg, wes­halb ich den rech­ten Elb­bo­gen mehr mag.

Construction Site Neumarkt

Bau­stelle am Neumarkt

Aber den­noch, irgend­wann reicht’s ein­fach. Und was bei der Eröff­nung abging, grenzt schon an einen Kult, wie er bis­her nur beim Lenin-​​Mausoleum in Mos­kau oder den Uffi­zien in Flo­renz anzu­tref­fen war. Tau­sende Men­schen ste­hen an, neh­men Stun­den in der Kälte auf sich, um einen Blick ins Kir­chen­in­nere wer­fen zu dürfen.

Bei einem Tele­fo­nat mit Kris­tina erfuhr ich noch ein paar wei­tere scho­ckie­rende Ein­zel­hei­ten. In der Eröff­nungs­nacht harr­ten Hun­derte Leute in Schlaf­sä­cken aus, um dann die Ers­ten zu sein. Eine bunte Samm­lung von Globetrotter-​​Mumien pflas­terte den Weg zum neuen säch­si­schen Hei­lig­tum. Und ich bin hier in Zürich, weit weg von die­sem gan­zen Rummel.

Aber das ist viel­leicht ganz gut so, sol­che tou­ris­ti­schen Attrak­tio­nen sind ohne­hin nicht für Anwoh­ner gedacht, eher für Bus­la­dun­gen von ergrif­fe­nen Tou­ris­ten aus aller Welt, die sich — noch immer ergrif­fen — ein Frauenkirchen-​​Shirt oder eine Frauenkirchen-​​Tasse oder was auch immer kau­fen. Als Erin­ne­rung. Kris­tina meinte, die Frau­en­kir­che wäre ein Pop-​​Denkmal (oder so ähnlich), und das passt schon ganz gut. Aber im Grunde war das doch klar, die Wand­lung des dunk­len Trüm­mer­ber­ges, des absto­ßen­den Mahn­mals zum lich­te­ren Wohlfühl-​​Ort, an dem nur gefal­tete Bro­schü­ren in 27 Spra­chen an die Grauen jener Bom­ben­nächte erin­nern. Und das auch nur ganz kurz und dezent zum Beginn, um dann auf die Ver­söh­nung, die Spen­den­be­reit­schaft aus aller Welt und die paar übrig­ge­blie­be­nen dunk­len Steine in der sand­stein­lich­ten Wand zu verweisen.

Aber ein biss­chen ergrif­fen bin ich doch. Ist ja schließ­lich meine Stadt, die da in aller Munde ist. So ein klei­ner loka­ler säch­si­scher Stolz glüht dann doch auf und viel­leicht wird ja auch alles gar nicht so schlimm, viel­leicht kann ja auch ich mal einen Blick in die Kir­che wagen, der tol­len Orgel zuhö­ren und ein­fach nur ergrif­fen sein.

Morgenstimmung

Okt 23
Allgemein

Ein ver­reg­ne­ter Sonn­tag hat begon­nen. Das all­mor­gend­li­che Ritual des Fensterladen-​​Zurückklappens gab mir einen Blick auf grauen Him­mel und umwölkte Berg­ket­ten frei. Kein guter Tag zum Drau­ßen­sein, zudem reg­net es noch. Auch das ist Zürich.

Die Glo­cke der Kir­che ist längst ver­klun­gen, direkt gegen­über, viel­leicht hun­dert Meter von mir, wird die hei­lige Messe gefei­ert. Es ist schon iro­nisch, dass die katho­li­sche Kir­che mir jetzt plötz­lich so nahe ist. Dabei ist die­ses Exem­plar, was ich mit einer Kopf­dre­hung nach rechts so unmit­tel­bar vor mir sehe, ein sehr schö­nes. In den 70ern ent­stan­den, klare For­men außen, mit einem spit­zen Turm, so spitz, als wolle er den Him­mel auf­spie­ßen. Innen Holz­ver­tä­fe­lung — wun­der­bare Atmo­sphäre, es knackt und arbei­tet stän­dig, wirkt leben­dig, schlicht und spar­ta­nisch. Der Vor­hof ein Fünf­eck, mit dem Turm an einer Seite, gegen­über vom Ein­gang, ist doch kein regel­mä­ßi­ges, die bei­den Sei­ten schei­nen parallel.

Was mache ich heute? Auf mei­ner Tafel hatte ich ges­tern vier Sachen notiert, alle sind sie geschafft, abge­hakt. Der Flug nach Ber­lin und zurück ist gebucht, damit wären die logis­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen für Weih­nach­ten gesetzt. Und im Novem­ber bin ich mal wie­der in Dres­den, die CityNightLine-​​Tickets hän­gen an der Pinn-​​Wand. Ein Buch habe ich noch been­det: „Das Buch des Vaters” von Urs Wid­mer. Es wird Thema nächs­ten Diens­tag sein, im Lite­ra­turzir­kel. Zum ers­ten Mal gehe ich dort hin, in der Hoff­nung, Men­schen zu fin­den, mit denen ich mich über Lite­ra­tur und ähnlich künst­le­ri­sche Dinge unter­hal­ten kann. Ein Aus­gleich zur Tech­nik, die mich sonst immer umgibt. Die AVETH-​​Homepage zie­ren jetzt auch zwei Texte von mir, zu rela­tiv aktu­el­len The­men, wel­che die Dok­to­ran­den der ETH betreffen.

Das gibt Raum. Raum für Kla­vier­spie­len, viel­leicht gehe ich auch in irgend­ein Museum, mir eine Aus­stel­lung anschauen. Es gibt was über Adal­bert Stif­ter. Kenne ihn sonst nicht, habe nichts von ihm gele­sen. Naja, eine wei­tere intel­lek­tu­elle Insel mit Ver­bin­dun­gen zu ande­ren Inseln. Ich fühle mich ein wenig träge. Was bedeu­tet Ent­span­nung? Ein­fach nichts tun? Kann ich mir schlecht vor­stel­len, ein­fach nur da zu sitzen.