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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Lesung

Im Rah­men einer sze­ni­schen Lesung lernte ich gemein­sam mit Freun­den das frühe Dürrenmatt-​​Stück Die Ehe des Herrn Mis­sis­sippi ken­nen. Ins­ge­samt fand ich das Stück mit­tel­mä­ßig, aber Dür­ren­matt ver­wen­dete einige span­nende Ansätze und Ideen, die ich gern dis­ku­tie­ren möchte.

Jede Haupt­per­son im Stück ver­kör­pert eine Idee oder Ideo­lo­gie. Mis­sis­sippi steht für bib­li­sche Gerech­tig­keit, Saint-​​Claude für Kom­mu­nis­mus, Übelohe für Liebe, Ana­st­asia für Jetzt­be­zo­genn­heit, Diego für Real­po­li­tik und Macht­wil­len. Die Hand­lung zwi­schen den Per­so­nen ist dem­zu­folge ent­we­der sym­bo­lisch als Aus­ein­an­der­set­zung von Ideen zu ver­ste­hen oder dient ledig­lich als Rahmen.

Die Anfangs­szene zeigt Ana­st­asia kurz nach dem Tod ihres ers­ten Gat­ten, eines Zucker­fa­bri­kan­ten. Mis­sis­sippi, der uner­bitt­li­che Staats­an­walt, besucht sie und wirft ihr vor, dass sie ihren Gat­ten ver­gif­tet habe. Sie leug­net, Mis­sis­sippi kann sie letzt­end­lich aber doch zu einem Geständ­nis bewe­gen. Er gesteht ihr, dass auch er seine Gat­tin umge­bracht habe, als Strafe für diese bei­den Morde bie­tet er ihr die Ehe an.

Ich fand diese Anfangs­szene sehr gelun­gen, sprach­lich sehr geho­ben und alle Regeln der Eti­kette wah­rend, aber doch bit­ter­böse in der Dar­stel­lung mensch­li­cher Abgründe. Jedoch sind es ja keine ech­ten Men­schen, son­dern Ideen, die da auf der Bühne wan­deln. Somit ist die Ehe zwi­schen Mis­sis­sippi und Ana­st­asia sym­bo­lisch zu ver­ste­hen, als Auf­ein­an­der­tref­fen von bib­li­scher Gerech­tig­keit und Wirk­lich­keit. Wäh­rend Mis­sis­sippi unauf­halt­sam Todes­ur­teile im Dienste sei­nes Gerechtigkeits-​​Ideals durch­setzt, wird Ana­st­asia zum Engel der Gefäng­nisse, indem sie den zum Tode Ver­ur­teil­ten Trost spen­det. Unnach­gie­bige Härte wird durch Mit­ge­fühl beglei­tet und erst dadurch real.

Saint-​​Claude ist ille­gal ein­ge­reist, um die kom­mu­nis­ti­sche Revo­lu­tion auch in dem Land anzu­fa­chen, wo das Stück spielt. Iro­ni­scher­weise bezeich­net Saint-​​Claude es als his­to­ri­sches Unglück, dass sich der Kom­mu­nis­mus aus­ge­rech­net in Russ­land fest­ge­setzt hat, was dazu am wenigs­ten geeig­net sei. Aber es ist ja nicht die letzte Revo­lu­tion, erst soll der Wes­ten kom­mu­nis­tisch wer­den, damit dann am Ende in einem wei­te­ren Schritt auch die Sowjet­union durch eine Revo­lu­tion wahr­haft kom­mu­nis­tisch wer­den wird.

Im Stück ken­nen sich Mis­sis­sippi und Saint-​​Claude von frü­her, als Söhne von Dir­nen fris­te­ten sie ihr Dasein in kal­ten Kel­ler­lö­chern. In die­ser Situa­tion fand Mis­sis­sippi eine Bibel und Saint-​​Claude „Das Kapi­tal”, wel­ches bei­den zur exis­ten­zi­el­len Lek­türe wurde. Über­spitzt könnte man sagen, dass Armut und Elend der Nähr­bo­den für alle Ideo­lo­gien sind und dass ledig­lich der Zufall dar­über ent­schei­det, wel­che Idee beim Ein­zel­nen verfängt.

Inter­es­sant ist nun die Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Kom­mu­nis­mus und bib­li­scher Gerech­tig­keit. Saint-​​Claude will Mis­sis­sip­pis Kopf, ent­we­der als Füh­rungs­fi­gur der kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gung oder als Vor­wand für den Auf­stand, wel­cher den Umsturz ein­lei­ten soll. Auf der sym­bo­li­schen Ebene könnte man also sagen, dass Kom­mu­nis­mus nichts mit Gerech­tig­keit zu tun hat, son­dern sie instru­men­ta­li­siert und über Lei­chen geht. Die ideo­lo­gi­sche Debatte ist im Stück dann auch expli­zit ent­hal­ten, der Wett­streit der Ideen somit klar erkennbar.

Die dritte große Idee ist Liebe, ver­kör­pert durch Graf Übelohe. Er ist jedoch im Stück eher mar­gi­nal ein­ge­bun­den, Dür­ren­matt hat ihn etwas stief­müt­ter­lich behan­delt. Die Asso­zia­tio­nen die­ser Figur mit Jesus, Don Qui­jote, Albert Schweit­zer sind expli­zit und ein­deu­tig, die Figur selbst phi­lo­so­phiert über ihre Bestim­mung und bezich­tigt sich der Lächer­lich­keit. Köst­lich auch die Annahme, eine ein­zige Nacht mit Ana­st­asia mache sie zu sei­ner ewi­gen Geliebten.

Sprach­lich ist das Stück umständ­lich und alt­mo­disch, es lei­det dadurch enorm. Die Cha­rak­tere reden auch alle ähnlich geschwol­len, was das Stück unnö­tig schwer zu lesen und ver­ste­hen macht. Jedoch haben wir die lite­ra­risch gül­tige Fas­sung gele­sen, mög­li­cher­weise exis­tie­ren Büh­nen­fas­sun­gen, die diese Nach­teile nicht mehr haben.

Mein Fazit ist, dass ich die­ses Stück ungern spie­len möchte, ich bevor­zuge authen­ti­sches Spiel, was bei sol­chen Ide­en­stü­cken der fal­sche Ansatz ist. Den­noch ist die Grund­idee span­nend, ein Stück aus dem Wett­streit von Ideen zu ent­wi­ckeln und so etwas Zeit­lo­ses und All­ge­mein­gül­ti­ges zu schaf­fen. Aber was wäre dies, was ist die Prä­misse die­ses Stücks? Ideale schei­tern an der Wirk­lich­keit – etwas wenig.

Am Don­ners­tag lasen wir in erle­se­ner Runde einen wei­te­ren Klas­si­ker – Mac­beth von Wil­liam Shake­speare. In die­sem Arti­kel möchte ich gern meine Ein­drü­cke fest­hal­ten. Wir ent­schie­den uns für die Über­set­zung von Frank Gün­ther, wel­che eher treu als schön ist. Schil­ler ver­suchte sich auch daran und legte mehr Wert auf schöne Sprache.

Im Gegen­satz zu ande­ren Shakespeare-​​Werken gibt es bei Mac­beth nur wenige Zitate, die außer­halb des Wer­kes bekannt sind. Am ehes­ten viel­leicht noch der Mono­log des ver­ein­sam­ten, lebens­mü­den Tyran­nen, der teil­nahms­los vom Tod sei­ner Frau erfährt.

MACBETH:
To-​​morrow, and to-​​morrow, and to-​​morrow,
Creeps in this petty pace from day to day,
To the last syllable of recor­ded time;
And all our yes­ter­days have ligh­ted fools
The way to dusty death. Out, out, brief candle!
Life’s but a wal­king shadow, a poor player,
That struts and frets his hour upon the stage,
And then is heard no more. It is a tale
Told by an idiot, full of sound and fury,
Signify­ing nothing.

MACBETH:
Und mor­gen und dann mor­gen und dann mor­gen,
So kriecht’s im Schlei­che­schritt von Tag zu Tag
Zur letz­ten Silbe hin im Lebens­buch;
Und alles Ges­tern hat nur Narrn geleuch­tet
Beim Gang zu Dreck und Tod. Aus, aus klein Herz­lein!
Lebens ist nur ein Wan­der­schat­ten­schau­spiel;
Ein armer Komö­di­ant, der seine Zeit
Abstolzt und abschnauft auf der Bühne und
Nie mehr gehört wird dann; ist eine Mär
Aus einem Töl­pel­mund, voll von Getön
Und Toben, und bedeu­tet nichts.

Über­set­zung von Frank Gün­ther

MACBETH:
Mor­gen, Mor­gen
Und wie­der Mor­gen kriecht in sei­nem kur­zen Schritt
Von einem Tag zum andern, bis zum letz­ten
Buch­sta­ben der uns zuge­meß­nen Zeit,
Und alle unsre Ges­tern haben Nar­ren
Zum moder­vol­len Grabe hin­ge­leuch­tet!
– Aus, aus, du kleine Kerze! Was ist Leben?
Ein Schatte, der vor­über streicht! Ein armer Gauk­ler,
Der seine Stunde lang sich auf der Bühne
Zer­quält und tobt; dann hört man ihn nicht mehr.
Ein Mär­chen ist es, das ein Thor erzählt,
Voll Wort­schwall, und bedeu­tet nichts.

Über­set­zung von Fried­rich Schil­ler

Schö­ner klingt dies im Ori­gi­nal, anbei ein Aus­schnitt aus der 1971er Ver­fil­mung von Roman Polan­ski.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Dem sieg­rei­chen Feld­her­ren Mac­beth wird durch drei Hexen geweis­sagt, dass er Than von Caw­dor und der­einst König würde. Nach­dem der erste Teil der Pro­phe­zei­ung ein­trifft, plant Mac­beth gemein­sam mit sei­ner Frau die Ermor­dung des amtie­ren­den Königs. Nach­dem die Tat voll­streckt ist, wird Mac­beth tat­säch­lich König. Jedoch kann er diese Würde nicht wirk­lich genie­ßen und wird zuneh­mend von Gewis­sens­bis­sen und Wahn­vor­stel­lun­gen gepei­nigt. Er sucht die Hexen erneut auf, diese pro­phe­zeien ihm, dass er solange sicher sei, bis der Wald von Dir­nam sich auf die Fes­tung Dun­si­nane zube­wege. Und kein Mann, von einer Frau gebo­ren, könne ihm etwas anha­ben. Der­weil for­miert sich Wider­stand, aus Eng­land mar­schiert ein Heer, um Mac­beth zu stür­zen. Zur Tar­nung tra­gen die Sol­da­ten Zweige vor sich her, so dass Mac­beth diese Pro­phe­zei­ung sich auch erfül­len sieht. Und im Duell mit Mac­duff erfährt Mac­beth, dass die­ser durch Kai­ser­schnitt auf die Welt kam. Schließ­lich tötet Mac­duff Mac­beth und stellt die gött­li­che Ord­nung wie­der her, die nach der Blut­tat in Frage gestellt wor­den war.

Im Gegen­satz zu ande­ren Shakespeare-​​Dramen ist Mac­beth leich­ter zugäng­lich und auch deut­lich kür­zer als bei­spiels­weise Ham­let oder König Lear. Mar­kant sind die Hexen­sze­nen, diese herr­lich fie­sen Geschöpfe brin­gen durch ihre zwei­deu­ti­gen Weis­sa­gun­gen die Hand­lung ins Rol­len und stür­zen Schott­land ins Chaos. Natür­lich könnte man auch auf die Hexen ver­zich­ten oder sie als innere Stim­men inter­pre­tie­ren, aber effekt­voll sind sie alle­mal, wie auch viele wei­tere Sze­nen und Sze­nen­wech­sel. Ein wei­te­rer Höhe­punkt ist der zotige Pfört­ner vom Beginn des drit­ten Aktes, wel­cher mit sei­nen der­ben Wit­zen die Stim­mung nach der Blut­tat auf­lo­ckert. Köst­lich auch die Selbst­be­zich­ti­gun­gen von Mal­colm, der sich als poten­zi­el­ler frauen– und geld­gie­ri­gen Ursu­pa­tor ver­un­glimpft, sollte er den Thron besteigen.

Auf der Nega­tiv­seite ist eigent­lich nur die Spra­che zu erwäh­nen. Frank Gün­ther hat größ­ten­teils eine gute Über­set­zung hin­ge­legt, aber Deutsch ist ein­fach sper­ri­ger und einige Ver­bum­stel­lun­gen erschwe­ren das Ver­ständ­nis erheb­lich. Das Vers­maß sollte halt bei­be­hal­ten wer­den, durch diese Ein­schrän­kung wird zwar der rhyth­mi­sche Cha­rak­ter gewahrt, aber eben auf Kos­ten der Ver­ständ­lich­keit. Die Schiller-​​Übersetzung ist wahr­schein­lich ange­neh­mer zu lesen.

Sehr gern sähe ich mal eine schöne Insze­nie­rung, die vom Pfauen (Sebas­tian Nüb­ling, 2008) war ein­fach nur geschmack­los. Lady Mac­beth wurde von oben bis unten mit blut­ro­ter Flüs­sig­keit besprüht, Zuschauer ver­lie­ßen den Saal, so bleibt man als Regis­seur im Gedächtnis.

Die nächste sze­ni­sche Lesung steht an, wir stür­zen uns auf „Die hei­lige Johanna der Schlacht­höfe” von Ber­tolt Brecht. In Anleh­nung an Jeanne d’Arc heißt die Titel­hel­din Johanna Dark, sie ver­sucht wäh­rend eines Streiks der Schlachthof-​​Arbeiter in Chi­cago die­sen den Glau­ben an Gott näher zu brin­gen. Ich denke, die The­men Streik und Reli­gion sind zeit­los und Brecht immer einen Lese­abend wert.

Damit wir alle die glei­che Fas­sung haben, schlage ich das Suhrkamp-​​Taschenbuch vor. Der Link führt euch direkt zur Pro­dukt­seite bei ama​zon​.de.

Auf­wär­men, Sinneserinnerung

Es begann wie immer, kör­per­li­ches Auf­wär­men, Stimme trai­nie­ren, Zazen. Aber die Sin­ne­ser­in­ne­rung ori­en­tierte sich am Stück. Wir hat­ten als Haus­auf­gabe das zweite Bild ana­ly­siert und soll­ten die Emo­tio­nen von dort mit Hilfe von Sin­ne­ser­in­ne­run­gen erar­bei­ten. Lei­der hatte ich wenig Zeit gehabt, ich wollte das Gefühl äußers­ter Satt­heit und Müdig­keit repro­du­zie­ren und erin­nerte mich an einen lange zurück­lie­gen­den Besuch im chi­ne­si­schen Restau­rant, nach dem ich mich extrem unwohl fühlte und den Rest des Tages im Bett ver­brachte. Es war aber keine kurze, hef­tige Emo­tion son­dern eher ein Kör­per­ge­fühl, eine Stim­mung, in die ich mich dadurch hineinversetzte.

Unser Lei­ter ver­suchte dies­mal sehr ein­dring­lich, uns aus dem Kon­zept zu brin­gen. Wir soll­ten ihn anspre­chen, er schubste uns, ließ laute Musik lau­fen – ich kam einige Male aus dem Kon­zept. Außer­dem soll­ten wir in der Emo­tion her­um­lau­fen und die ande­ren Teil­neh­mer anspre­chen, auch das war nicht ganz einfach.

Arbeit am Stück

Dies­mal ana­ly­sier­ten wir ein Bild näher, indem wir Abschnitte oder Sinn­pa­kete iden­ti­fi­zier­ten. Ein­fach Stri­che gezo­gen und Über­schrif­ten for­mu­liert. Es ist jedoch eine Kunst für sich, diese Über­schrif­ten zu fin­den, es gibt da natur­ge­mäß keine „rich­tige” Lösung. Nach die­ser inhalt­li­chen Auf­tei­lung such­ten wir nach den Emo­tio­nen der Figu­ren in der Szene. Auch da erge­ben sich Abschnitte und Umbrü­che. Die Emo­tio­nen sind eine wich­tige Basis, wir soll­ten auch aktive und reak­tive Emo­tio­nen unter­schei­den. Wich­tig ist, dass die akti­ven Emo­tio­nen gut erar­bei­tet wer­den, bei den reak­ti­ven kann man ja immer noch auf den Part­ner hoffen.

Zur Über­prü­fung der Emo­tio­nen setz­ten wir das Mit­tel der emo­tio­na­len Lesung ein. Wir lasen das Stück wie­der mit ver­teil­ten Rol­len und ver­such­ten die Emo­tio­nen mit anklin­gen zu lassen.

Als Haus­auf­gabe sol­len wir wei­ter an den Haupte­mo­tio­nen der Szene arbei­ten. Vor allem die akti­ven und die frü­hen Emotionen.

In der Erwär­mung ver­suchte ich das Gefühl von extre­mer Kälte zu repro­du­zie­ren. Das gelang mir recht gut, es war aber auch ein küh­ler, ver­han­ge­ner Tag. Wir soll­ten zusätz­lich zum neu­tra­len Text auch noch eine neu­trale Tätig­keit aus­füh­ren, näm­lich unter einem Stuhl durch krie­chen und zurück über den Stuhl stei­gen. Beim Krie­chen auf dem Boden war es ziem­lich kalt, so dass die Kälte nicht nur nach­emp­fun­den, son­dern auch echt war.

In der zwei­ten Hälfte lasen wir das Stück im Ensem­ble mit ver­teil­ten Rol­len. Nach jeder Szene dis­ku­tier­ten wir Inhalt, Emo­tio­nen, prä­gnante Wör­ter und Kon­flikt­po­ten­zial. Damit ent­steht schon mal ein recht tie­fes Ver­ständ­nis des Stü­ckes im Ensemble.