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Tag: Lesung

Auf­wär­men, Sinneserinnerung

Es begann wie immer, kör­per­li­ches Auf­wär­men, Stimme trai­nie­ren, Zazen. Aber die Sin­ne­ser­in­ne­rung ori­en­tierte sich am Stück. Wir hat­ten als Haus­auf­gabe das zweite Bild ana­ly­siert und soll­ten die Emo­tio­nen von dort mit Hilfe von Sin­ne­ser­in­ne­run­gen erar­bei­ten. Lei­der hatte ich wenig Zeit gehabt, ich wollte das Gefühl äußers­ter Satt­heit und Müdig­keit repro­du­zie­ren und erin­nerte mich an einen lange zurück­lie­gen­den Besuch im chi­ne­si­schen Restau­rant, nach dem ich mich extrem unwohl fühlte und den Rest des Tages im Bett ver­brachte. Es war aber keine kurze, hef­tige Emo­tion son­dern eher ein Kör­per­ge­fühl, eine Stim­mung, in die ich mich dadurch hineinversetzte.

Unser Lei­ter ver­suchte dies­mal sehr ein­dring­lich, uns aus dem Kon­zept zu brin­gen. Wir soll­ten ihn anspre­chen, er schubste uns, ließ laute Musik lau­fen – ich kam einige Male aus dem Kon­zept. Außer­dem soll­ten wir in der Emo­tion her­um­lau­fen und die ande­ren Teil­neh­mer anspre­chen, auch das war nicht ganz einfach.

Arbeit am Stück

Dies­mal ana­ly­sier­ten wir ein Bild näher, indem wir Abschnitte oder Sinn­pa­kete iden­ti­fi­zier­ten. Ein­fach Stri­che gezo­gen und Über­schrif­ten for­mu­liert. Es ist jedoch eine Kunst für sich, diese Über­schrif­ten zu fin­den, es gibt da natur­ge­mäß keine „rich­tige” Lösung. Nach die­ser inhalt­li­chen Auf­tei­lung such­ten wir nach den Emo­tio­nen der Figu­ren in der Szene. Auch da erge­ben sich Abschnitte und Umbrü­che. Die Emo­tio­nen sind eine wich­tige Basis, wir soll­ten auch aktive und reak­tive Emo­tio­nen unter­schei­den. Wich­tig ist, dass die akti­ven Emo­tio­nen gut erar­bei­tet wer­den, bei den reak­ti­ven kann man ja immer noch auf den Part­ner hoffen.

Zur Über­prü­fung der Emo­tio­nen setz­ten wir das Mit­tel der emo­tio­na­len Lesung ein. Wir lasen das Stück wie­der mit ver­teil­ten Rol­len und ver­such­ten die Emo­tio­nen mit anklin­gen zu lassen.

Als Haus­auf­gabe sol­len wir wei­ter an den Haupte­mo­tio­nen der Szene arbei­ten. Vor allem die akti­ven und die frü­hen Emotionen.

In der Erwär­mung ver­suchte ich das Gefühl von extre­mer Kälte zu repro­du­zie­ren. Das gelang mir recht gut, es war aber auch ein küh­ler, ver­han­ge­ner Tag. Wir soll­ten zusätz­lich zum neu­tra­len Text auch noch eine neu­trale Tätig­keit aus­füh­ren, näm­lich unter einem Stuhl durch krie­chen und zurück über den Stuhl stei­gen. Beim Krie­chen auf dem Boden war es ziem­lich kalt, so dass die Kälte nicht nur nach­emp­fun­den, son­dern auch echt war.

In der zwei­ten Hälfte lasen wir das Stück im Ensem­ble mit ver­teil­ten Rol­len. Nach jeder Szene dis­ku­tier­ten wir Inhalt, Emo­tio­nen, prä­gnante Wör­ter und Kon­flikt­po­ten­zial. Damit ent­steht schon mal ein recht tie­fes Ver­ständ­nis des Stü­ckes im Ensemble.

Für die im Juli star­tende Pro­duk­tion des Gess­ne­ral­lee Back­stage­pro­gramms sol­len alle Inter­es­sier­ten ein Moti­va­ti­ons­schrei­ben ein­rei­chen. Nur dann winkt ein Platz in der Kern­gruppe, dem Ensem­ble.

Die Teil­nah­me­kon­di­tio­nen sind recht hart for­mu­liert, neben dem Spie­len ist das Über­neh­men eines Res­sorts Pflicht, so dass die anfal­len­den Auf­ga­ben bei Finan­zen, Büh­nen­bau, Tech­nik, Orga­ni­sa­tion und Öffent­lich­keits­ar­beit auf viele Schul­tern ver­teilt wer­den. Im Grunde haben wir das beim aki­tiv auch immer so gehand­habt, jedoch die Leute zu Beginn keine der­ar­tige Ver­ein­ba­rung unter­schrei­ben las­sen. Es geht nicht anders, wenn man keine pro­fes­sio­nelle Infra­struk­tur im Rücken hat, und außer­dem sol­len alle Leute abge­schreckt wer­den, die nur mal eben die gro­ßen Stars sein wol­len. Dann lie­ber eine kleine Pro­duk­tion mit weni­gen Leu­ten, die auch mit anpacken.

Aber zurück zu mei­nem Moti­va­ti­ons­schrei­ben, zu den Din­gen, die mich am Thea­ter rei­zen. Eigent­lich ist es ganz ein­fach — man stellt sich vor andere Leute und tut etwas. Aber die­ser Druck der vie­len beob­ach­ten­den Augen schafft eine para­doxe Situa­tion. Man ver­lernt unter die­sen Umstän­den sein nor­ma­les Ver­hal­ten und wird ange­spannt und künst­lich. Genau so, als wenn man sich auf sei­nen eige­nen Atem kon­zen­triert und den­noch ganz natür­lich ein– und aus­at­men möchte. Es funk­tio­niert nicht mehr, man muss alles neu lernen.

Als Freund der Lite­ra­tur bin ich anspruchs­vol­len Stof­fen und Tex­ten ohne­hin zuge­neigt und habe schon viele Dra­men als Buch ver­schlun­gen. Die Namen der Auto­ren und ihre Werke sind jener uner­schöpf­li­che Kos­mos, in dem ich mich gern auf­halte, um Neues zu ent­de­cken und Ver­bin­dun­gen zu Beste­hen­dem her­zu­stel­len. Es rei­zen mich die gro­ßen Namen wie Wil­liam Shake­speare, Fried­rich Schil­ler, Fried­rich Dür­ren­matt oder Ten­nes­see Wil­liams. Es rei­zen mich die gro­ßen The­men wie Ent­frem­dung, Eifer­sucht, Zunei­gung und Macht. Es reizt mich die Aus­ein­an­der­set­zung mit ver­gan­ge­nen Zei­ten und mensch­li­chen Schick­sa­len. Es ist letzt­lich diese Freude an Lite­ra­tur und die vie­len Ver­bin­dun­gen zur Bühne, die mich in die Fänge des Thea­ters trieb.

Am Beginn mei­nes Stu­di­ums (2000) begann ich mit Lesun­gen von Büchern im Freun­des­kreis. Mir war der Der Kon­tra­bass von Patrick Süs­kind in die Fin­ger gera­ten, ein Buch, wel­ches nach sei­ner direk­ten Büh­nen­um­set­zung gera­dezu schreit. Ich beschäf­tigte mich im Vor­feld auch ein biss­chen mit Stimm­übun­gen, um mich opti­mal auf diese erste Lesung vor­zu­be­rei­ten. Die große Her­aus­for­de­rung beim Lesen eines Buches ist das direkte Anspre­chen der Zuhö­rer durch mög­lichst inten­si­ven Blick­kon­takt, man muss den Text sehr schnell auf­neh­men, zwi­schen­spei­chern, um sich dann wie­der ganz dem Publi­kum wid­men zu kön­nen. Ich las sehr betont, um den Text mög­lichst span­nend wie­der­zu­ge­ben, ihn mit Leben zu fül­len, ihn zu inter­pre­tie­ren. Zusätz­lich ver­suchte ich auch stets, spie­le­ri­sche Ele­mente ein­zu­bauen, um ein wenig Abwechs­lung hin­ein­zu­brin­gen. Wei­tere Lesun­gen folg­ten, Das Gespenst von Can­ter­ville (Oscar Wilde), Der Sand­mann (Ernst Theo­dor Ama­deus Hof­mann), Mein Name sei Gan­ten­bein (Max Frisch), Die Schach­no­velle (Ste­fan Zweig), Publi­kums­be­schimp­fung (Peter Handke), Seide (Ales­san­dro Baricco) und Nove­cento (Ales­san­dro Baricco), man­che Lesun­gen hielt ich auch mehrmals.

Ange­kom­men in Zürich fand sich für meine Lesun­gen keine wirk­lich große Leser­schaft, ich schloss mich 2006 der Lai­en­gruppe aki­tiv an, die für ihre dama­lige Pro­duk­tion noch einen Schau­spie­ler suchte. So konnte ich mei­ner alten Lei­den­schaft auf neue Weise frö­nen. Im Laufe von vier Pro­duk­tio­nen lernte ich die Freu­den und Tücken des Thea­ters ken­nen. Wir spiel­ten Man kann nie wis­sen (George Ber­nard Shaw), Die Läs­ter­schule (George Brims­ley She­ridan), Da waren’s nur noch neun (Aga­tha Chris­tie) und Arka­dien (Tom Stop­pard). Meine vor­he­rige Beschäf­ti­gung mit Lesun­gen stellte sich dabei als hin­der­lich her­aus, denn über­trie­be­nes Beto­nen und Spie­len ist für die Bühne eher ungüns­tig. Dies wurde mir beson­ders bei unse­rer dies­jäh­ri­gen Pro­duk­tion bewusst, nach­dem ich im Vor­feld Bücher von Sta­nis­law­ski und Stella Adler gele­sen hatte. Diese bei­den Werke haben mir vor Augen geführt, wor­auf es wirk­lich ankommt beim Thea­ter, auf natür­li­ches Spiel und die authen­ti­sche Ver­kör­pe­rung der Rolle. Es sind die stil­len Momente, die mich im Thea­ter am meis­ten bewe­gen und die ich als Schau­spie­ler auch gern meis­tern möchte. Die lau­ten, pol­t­ri­gen Momente sind genauso not­wen­dig, denn erst der gekonnte Wech­sel zwi­schen bei­den Extre­men ver­mag jene Span­nung auf der Bühne zu schaf­fen, die eine gelun­gene Insze­nie­rung auszeichnet.

Ich mag Thea­ter. Es ist eine enorm viel­sei­tige Pas­sion, neben Lite­ra­tur kommt die Psy­cho­lo­gie beim Rol­len­ver­ständ­nis zum Ein­satz, die Geschichte klopft an, wenn der gewählte Stoff in ver­gan­ge­nen Zei­ten spielt, das Vor­stel­lungs­ver­mö­gen und die Phan­ta­sie sind stän­dig gefragt, doch zugleich ist Thea­ter­spie­len aber auch Hand­werk — kör­per­lich, denn am Ende steht man da auf der Bühne in sei­nem Kör­per und wird ange­schaut. Man muss ganz ent­spannt sein, ganz natürlich.

Ende vori­gen Jah­res ver­an­stal­tete die Kul­tur­stelle der ETH Zürich ein drei­tä­gi­ges Kul­tur­fes­ti­val, damals anläss­lich des 150-​​jährigen ETH-​​Bestehens. Damals las ich den Kon­tra­bass und war auch kur­zer­hand bei der Literatur-​​Jury eingeplant.

Um es kurz zu machen: die­ses Jahr war es genau so. Ein Unter­schied ist der Name der Ver­an­stal­tung, sie heißt jetzt Salon des Arts. Mit dem Bro­cken­haus konnte ein Spon­sor für die salon­mä­ßige Aus­stat­tung des Haupt­raums gefun­den wer­den. Und so bot sich dem Besu­cher beim Ein­tre­ten in besag­ten Raum der Anblick zahl­rei­cher Couch– und Ses­sel­ecken, in denen sich Leute unter­hiel­ten oder vor sich hin dämmerten.

Der zweite Unter­schied war das von mir gele­sene Buch. Nach dem Kon­tra­bass (Patrick Süß­kind) vori­ges Jahr die­ses Mal „Mein Name sei Gan­ten­bein” von Max Frisch. Habe ich in Dres­den auch schon zwei Mal gele­sen, also nichts wirk­lich Neues. Lei­der waren auch nur fünf unmit­tel­bare und wei­tere sie­ben bis zehn im gro­ßen Raum ver­streute Zuhö­rer zuge­gen. Den­noch, ein klei­ner Bei­trag zur Salon-​​Stimmung war getan.

Heute waren dann wohl die meis­ten Zuschauer da, als etli­che Tanz­auf­füh­run­gen am Abend statt­fan­den. Ich kam lei­der etwas zu spät, konnte aber doch noch einige Fotos machen. Ich habe mit Langzeit-​​Belichtung expe­ri­men­tiert, um die Tanz­be­we­gun­gen zumin­dest eini­ger­ma­ßen ein­zu­fan­gen. Aber seht selbst:

It’s his voice. He reads the book (The Great Gatsby, writ­ten by F. Scott Fitz­ge­rald), gets absor­bed in it. This Ame­ri­can voice, I somehow can still hear it. He car­ries the play, which lasts alto­ge­ther over 6 hours. I just saw the first half of it. He reads it all, every sin­gle word in it.

I know the book. I read it ear­lier this year and enjoyed the style. That is pro­bably the main rea­son why I chose to give this quite long play a chance. I could not moti­vate any­body to come with me, it seems a little bit too special.

This com­bi­na­tion of rea­ding and play is abso­lu­tely uni­que. I could not ima­gine a bet­ter way to do it. It never got boring, people ente­red the stage and went off, music play­ing, a wild party illus­tra­ted vividly and the cha­rac­ters just fit­ted. The group Ele­va­tor Repair Ser­vice is from New York and is one of the num­be­rous attrac­tions of the Thea­ter­spek­ta­kel in Zurich. Odd to men­tion, they were not allo­wed to play in New York, because ano­ther adapta­tion (2.5h, more like a musi­cal) got the exclu­sive licence.

After my first, more disap­poin­ting visit of a modern theatre piece at the Thea­ter­spek­ta­kel this one really was just great. I am loo­king for­ward to part two which will fol­low tomor­row afternoon.