TEZET Oer­li­kon

Es ist nicht weit vom Bahn­hof Oer­li­kon, das Gemein­schafts­zen­trum mit der cha­rak­te­ris­ti­schen Abkür­zung TEZET. Es befin­det sich in einem alt­ehr­wür­di­gen Haus in einem unspek­ta­ku­lä­ren Braun­ton. Als ich weit vor der abge­mach­ten Zeit dort schlen­dern ankomme, ist nicht viel los im Zen­trum. Zwei junge Mäd­chen in Sport­sa­chen kichern im Kel­ler, aber ein hand­ge­schrie­be­ner Zet­tel mit gro­ßen rosa Buch­sta­ben weist mir den Weg nach oben. Hel­les Trep­pen­haus, alles ange­schrie­ben, geräu­mige Toi­let­ten mit schwer ver­ständ­li­chen Sym­bo­len für Männ­lein und Weib­lein, ich muss mehr­mals hin­schauen und bin doch nicht ganz sicher, dass ich im rich­ti­gen ver­schwinde. Der Kurs­raum ist anonym und hell, es gibt viele und große Fens­ter, hel­les Par­kett, ansons­ten prak­ti­sche Sta­pel­ti­sche und Holz­stühle, Blech­schränke und auf den Schrän­ken alle mög­li­chen Spiel­sa­chen. Zwei Leute sind schon drin, wei­tere tref­fen ein.

Theo­rie

Wir sol­len Noti­zen machen, viele. Denn es gilt die Kau­sal­kette des Lernens:

Gesagt ist noch nicht gehört,
gehört ist noch nicht ver­stan­den,
ver­stan­den ist noch nicht ein­ver­stan­den,
ein­ver­stan­den ist noch nicht getan,
getan ist noch nicht beibehalten.

Das ist schon mal das erste, was wir auf­schrei­ben. Ich muss zurück an die Uni den­ken, und an die Schule. Denn nach­her kam es bei mir sel­ten vor, dass ich flei­ßig mit­schrieb. Ein­mal, bei einem Kun­den­ter­min hatte ich kein Schreib­zeug dabei, dann wäre es wich­tig gewe­sen, um Auf­merk­sam­keit zu signa­li­sie­ren. Und nach mei­nen Vor­trä­gen wäh­rend des Dok­to­rats schrieb ich immer emsig die Kom­men­tare mei­nes Profs mit. Aber ansons­ten ist mir diese ana­loge Art der Auf­zeich­nung fremd gewor­den und ich emp­fand es als erfrischend.

Ein wei­te­res Argu­ment für das Mit­schrei­ben ist die Ver­gess­lich­keit. Unser Gedächt­nis merkt sich nur 15% des Gehör­ten, 25% des Gese­he­nen, 60% des Gehör­ten und gleich­zei­tig Gese­he­nen und 75% des selbst gemach­ten. So in der Form habe ich schon oft Sta­tis­ti­ken ver­nom­men, jedoch hatte ich dar­aus immer abge­lei­tet, alles aus­zu­pro­bie­ren und mög­lichst selbst zu machen. Auf­schrei­ben ist aber mal ein Anfang und zwingt einen zur Ver­ar­bei­tung und Klarheit.

Neben den Noti­zen sol­len wir auch ein Tage­buch zu den ein­zel­nen Lek­tio­nen füh­ren und unse­rem Lei­ter schi­cken. Für mich bie­tet sich die­ses Web­log als Medium dafür an, gege­be­nen­falls ergänzt durch pri­vate Aufzeichnungen.

Der erste Eindruck

Eine aus­ge­wählte Stu­die [1] zeigt, dass man einige Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten von Men­schen sehr schnell, zum Bei­spiel anhand kur­zer Video­auf­nah­men, ana­ly­sie­ren kann. Von den fünf wich­ti­gen Charakter-​​Eigenschaften (Big Five) las­sen sich Gesel­lig­keit (Extro­ver­sion) und Offen­heit für neue Erfah­run­gen beson­ders gut ein­schät­zen. Weni­ger gut hin­ge­gen konn­ten die Test­per­so­nen Aus­sa­gen zu Neu­ro­ti­zis­mus, Gewis­sen­haf­tig­keit und Gut­her­zig­keit machen. Die Intel­li­genz eines Men­schen lässt sich eben­falls bereits nach kur­zem Ken­nen­ler­nen erstaun­lich gut beur­tei­len, beson­ders auf­schluss­reich ist die Art und Weise, wie die Beur­teil­ten Zei­tungs­schlag­zei­len lesen.

Wich­tig für die schau­spie­le­ri­sche Arbeit ist die Kennt­nis des eige­nen ers­ten Ein­drucks. Nur dann kann man ent­we­der damit arbei­ten oder aber – bei ent­ge­gen­ge­setz­tem Rol­len­pro­fil – bewusst gegensteuern.

Übung zum ers­ten Eindruck

Span­nend war die prak­ti­sche Umset­zung die­ses Kon­zepts. Bis dahin hatte vor allem Marco gespro­chen, der Kurs­lei­ter. Wir Kurs­teil­neh­mer waren mit Zuhö­ren und Noti­zen­ma­chen beschäf­tigt. Jetzt teilte uns Marco in Zwei­er­grup­pen ein, ich kam gegen­über Flu­rina zu sit­zen. Wir hat­ten ein paar Minu­ten Zeit, um den ande­ren anzu­schauen, dann soll­ten wir ihn vor­stel­len. Gespro­chen wurde kein Wort.

Ich kam mir vor wie Sher­lock Hol­mes im kürz­lich her­aus­ge­kom­me­nen Kino­film. Die neue Freun­din von Dr. Wat­son fragt Hol­mes, was er über sie aus­sa­gen könne. Und Hol­mes legt los, mit sei­ner Manie für Details kann er extrem viele rich­tige Aus­sa­gen tref­fen. Ich war weit davon ent­fernt. Beim Alter ver­schätzte ich mich extrem, beim deutsch-​​französischen Eltern­haus genauso. Aber dafür weiß ich jetzt, wie ich wirke: musi­ka­lisch, wil­lens­stark, zurück­hal­tend, farb­ver­ach­tend, sport­lich. Ich hatte meine schwar­zen Thea­ter­sa­chen und Turn­schuhe an, meine Fin­ger sind lang und erin­nern viele an die eines Pia­nis­ten und mein Gesichts­aus­druck an die­sem Abend war anschei­nend zurück­hal­tend und ent­schlos­sen zugleich.

Span­nend war, wie stark die Wahl von Klei­dung und Schmuck die ent­ste­hen­den Cha­rak­te­ri­sie­run­gen beein­flusste! Eine Gold­kette wurde gleich zum Beruf sti­li­siert, schwarz lackierte Fin­ger­nä­gel gaben Rät­sel auf und breit­bei­ni­ges Hin­set­zen wurde als raum­grei­fend interpretiert.

Span­nung und Entspannung

Schon lange wollte ich diese klas­si­sche Stanislawski-​​Übung mal sehen, an die­sem Abend war es soweit. Eine Teil­neh­me­rin sollte Lie­ge­stüt­zen machen und der Kurs­lei­ter fragte sie euro­päi­sche Haupt­städte ab. Bei Por­tu­gal war Schluss, sie konnte sich durch die kör­per­li­che Anstren­gung ein­fach nicht kon­zen­trie­ren. Danach mel­dete ich mich frei­wil­lig für eine ähnli­che Übung. Nach zwan­zig Lie­ge­stüt­zen sollte ich anspruchs­volle Kopf­re­chen­auf­ga­ben lösen. 12×27 war die erste, ich tippte erst auf 254, hatte mich aber ver­tan und kor­ri­gierte auf 324, das kor­rekte Ergeb­nis. 624 stellte mich vor grö­ßere Pro­bleme, aber letzt­lich kam ich auch da aufs rich­tige Resul­tat 15,5. Gene­rell fal­len sol­che Auf­ga­ben und Den­ken bei einer kör­per­li­chen Anstren­gung schwe­rer, die Gedan­ken quä­len sich müh­sam voran.

Wich­tig für den Schau­spie­ler ist die Fähig­keit der Ent­span­nung. Er muss sich kör­per­lich, emo­tio­nal und see­lisch ent­span­nen, damit er bereit für den künst­le­ri­schen Pro­zess ist. Die Ent­span­nungs­rou­tine ist dabei wie eine Trenn­scheibe zwi­schen dem All­tags­le­ben und der Rolle. Ziel ist es, sich leer zu machen wie ein wei­ßes Blatt Papier, auf dem sich das Kunst­werk ent­fal­ten kann.

Da ein gemein­sa­mes Auf­wär­men nicht immer gewähr­leis­tet ist, haben wir ein Ent­span­nungs­ri­tual ent­wi­ckelt, das man auch allein auf engs­tem Raum durch­füh­ren kann. Denn an einem Film­set geht es hek­tisch zu und not­falls muss ein Stuhl ausreichen.

Ent­span­nungs­ri­tual

  1. Ich sitze bequem auf dem Stuhl, fast so, als würde ich ein­schla­fen wollen.
  2. Durch lang­same Bewe­gun­gen mei­ner Glied­ma­ßen und mei­nes Kör­pers über­prüfe ich, wo es heute hakt. Sind die Beine noch schwer von der Rad­tour? Ist der Nacken ver­spannt vom Büro­job? Oder ste­cken mir noch die Lie­ge­stütze der Stanislawski-​​Übung in den Tri­zeps? Es kann jeden Tag etwas ande­res sein.
  3. Dann massiere/​dehne/​bewege ich die mehr oder weni­ger betrof­fe­nen Kör­per­teile und mache dabei unent­wegt Geräu­sche, um emo­tio­na­len Stress abzu­bauen und meine Stimme zu trainieren.
  4. Wenn ich mit dem gan­zen Kör­per durch bin, beginne ich eine ein­fa­che Zazen-​​Meditation. Ich atme zwei­mal tief durch, mache Kreise mit dem Ober­kör­per, die immer enger wer­den, bis ich mein Zen­trum gefun­den habe.
  5. Ich kon­zen­triere mich auf den Atem und zähle nach Belie­ben, aber maxi­mal bis zehn. Ich möchte eins wer­den mit der aktu­el­len Zahl, nichts ande­res existiert.
  6. Wenn die Medi­ta­tion nicht funk­tio­niert, geht es zurück zu 3.
  7. Nach der Medi­ta­tion geht es zu einer Sin­ne­ser­in­ne­rung. Ich erin­nere mich mög­lichst leb­haft an ein sinn­li­ches Erleb­nis, zum Bei­spiel das Zube­rei­ten und Genie­ßen von Tee.

Authen­ti­zi­tät

Ein Mensch ist gekenn­zeich­net durch seine Ver­gan­gen­heit, seine momen­tane psy­chi­sche Befind­lich­keit, seine Kör­per­lich­keit und sein aktu­el­les Bedürf­nis und Ziel. Für eine Rolle gilt es, diese Punkte stim­mig darzustellen.

Metho­den dafür sind

  • Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung
  • eigene Erfah­run­gen
  • Erfah­rung sam­meln, Hand­lung selbst machen
  • Erfah­run­gen jen­seits des Mach­ba­ren, Erleb­ten (z.B. Teu­fel) las­sen sich nur indi­rekt ange­hen durch Objektarbeit.

Sin­ne­ser­in­ne­rung

Wahr­neh­mun­gen wer­den dann leich­ter gespei­chert, wenn sie eine emo­tio­nale Bedeu­tung haben. Des­halb sind die meis­ten Sin­ne­ser­in­ne­run­gen emo­tio­nal gela­den. Ziel der Übung Sin­ne­ser­in­ne­rung ist es, den Gegen­stand wie­der zum Leben zu erwe­cken, als geschähe es in die­sem Moment erneut. Beim Aus­tes­ten am rea­len Objekt sollte man auf Details ach­ten und den Gegen­stand in eine neue Per­spek­tive befördern.

Übung zur Sinneswahrnehmung

Mit ver­bun­de­nen Augen den Raum erfor­schen, sich an die Sin­nes­ein­drü­cke erin­nern. Beson­ders inter­es­sant ist der Riech­sinn, der wenig gebraucht wird aber eine starke emo­tio­nale Bedeu­tung hat.

Auf­ga­ben

  1. Bewusst und mit allen Sin­nen durchs Leben gehen, Geruch, Tem­pe­ra­tur und Geräu­sche auf­sau­gen, Früchte unter­su­chen, Augen schlie­ßen und nur hören.
  2. Ent­span­nungs­übun­gen, Zazen praktizieren
  3. War­mes Getränk bewusst zube­rei­ten und genie­ßen für Sin­ne­ser­in­ne­rung am Anfang der nächs­ten Lektion

[1] Peter Bor­kenau, Anette Lieb­ler, Trait infe­ren­ces: Sour­ces of vali­dity at zero acquain­tance, Jour­nal of Per­so­na­lity and Social Psy­cho­logy. Vol 62(4), Apr 1992, pp. 645–657.