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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Lyrik

Zu Ostern

Mrz 27
Allgemein

Der Oster­spa­zier­gang

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Früh­lings hol­den, bele­ben­den Blick,
Im Tale grü­net Hoff­nungs­glück;
Der alte Win­ter, in sei­ner Schwä­che,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dort her sen­det er, flie­hend, nur
Ohn­mäch­tige Schauer kör­ni­gen Eises
In Strei­fen über die grü­nende Flur.
Aber die Sonne dul­det kein Wei­ßes,
Über­all regt sich Bil­dung und Stre­ben,
Alles will sie mit Far­ben bele­ben;
Doch an Blu­men fehlts im Revier,
Sie nimmt geputzte Men­schen dafür.
Kehre dich um, von die­sen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen!
Aus dem hoh­len fins­tern Tor
Dringt ein bun­tes Gewim­mel her­vor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie fei­ern die Auf­er­ste­hung des Herrn,
Denn sie sind sel­ber auf­er­stan­den:
Aus nied­ri­ger Häu­ser dump­fen Gemä­chern,
Aus Hand­werks– und Gewer­bes­ban­den,
Aus dem Druck von Gie­beln und Dächern,
Aus der Stra­ßen quet­schen­der Enge,
Aus der Kir­chen ehr­wür­di­ger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gär­ten und Fel­der zer­schlägt,
Wie der Fluß in Breit und Länge
So man­chen lus­ti­gen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sin­ken über­la­den,
Ent­fernt sich die­ser letzte Kahn.
Selbst von des Ber­ges fer­nen Pfa­den
Blin­ken uns far­bige Klei­der an.
Ich höre schon des Dorfs Getüm­mel,
Hier ist des Vol­kes wah­rer Him­mel,
Zufrie­den jauch­zet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!

Johann Wolf­gang von Goethe

Paul Celan – Die Todesfuge

Nov 18
Allgemein

Im Rah­men der Lite­ra­tur­vor­le­sung Lite­ra­tur der Shoah beschäf­ti­gen wir uns mit der Todes­fuge von Paul Celan. Es ist für mich das beein­dru­ckendste Gedicht, das ich jemals gehört habe. Es ist so dicht gepackt mit Sym­bo­lik, wie­der­holt sich, vari­iert — ein genia­les Bei­spiel, was Lyrik alles aus­drü­cken kann.

Schwarze Milch der Frühe wir trin­ken sie abends
wir trin­ken sie mit­tags und mor­gens wir trin­ken sie nachts
wir trin­ken und trin­ken
wir schau­feln ein Grab in den Lüf­ten da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlan­gen der schreibt
der schreibt wenn es dun­kelt nach Deutsch­land dein gol­de­nes Haar Mar­ga­rete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blit­zen die Sterne er pfeift seine Rüden her­bei
er pfeift seine Juden her­vor läßt schau­feln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trin­ken dich nachts
wir trin­ken dich mor­gens und mit­tags wir trin­ken dich abends
wir trin­ken und trin­ken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlan­gen der schreibt
der schreibt wenn es dun­kelt nach Deutsch­land dein gol­de­nes Haar Mar­ga­rete
Dein asche­nes Haar Sula­mith wir schau­feln ein Grab in den Lüf­ten da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tie­fer ins Erd­reich ihr einen ihr andern sin­get und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tie­fer die Spa­ten ihr einen ihr andern spielt wei­ter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trin­ken dich nachts
wir trin­ken dich mit­tags und mor­gens wir trin­ken dich abends
wir trin­ken und trin­ken
ein Mann wohnt im Haus dein gol­de­nes Haar Mar­ga­rete
dein asche­nes Haar Sula­mith er spielt mit den Schlan­gen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meis­ter aus Deutsch­land
er ruft streicht dunk­ler die Gei­gen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wol­ken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trin­ken dich nachts
wir trin­ken dich mit­tags der Tod ist ein Meis­ter aus Deutsch­land
wir trin­ken dich abends und mor­gens wir trin­ken und trin­ken
der Tod ist ein Meis­ter aus Deutsch­land sein Auge ist blau
er trifft dich mit blei­er­ner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein gol­de­nes Haar Mar­ga­rete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlan­gen und träu­met der Tod ist ein Meis­ter aus Deutschland

dein gol­de­nes Haar Mar­ga­rete
dein asche­nes Haar Sulamith

Paul Celan

Auf den ers­ten Blick mag das sehr befremd­lich wir­ken, es ist auch zuge­ge­be­ner­ma­ßen kein leich­tes Gedicht. Die Ansätze für die Inter­pre­ta­tion sind viel­fäl­tig, ein paar fal­len mir noch ein:

  • Die „schwarze Milch” beschreibt die Grund­stim­mung, aus dem rei­nen Weiß wird dunk­les Schwarz, schon die Vor­stel­lung, schwarze Milch trin­ken zu müs­sen, ver­ur­sacht Übel­keit. Und diese schwarze Milch durch­zieht das gesamte Gedicht.
  • Der ein­zige Reim (blau — genau) ist am Ende des Gedichts zu fin­den. Sein Inhalt ist der Tod, der „Meis­ter aus Deutsch­land”, und die Genau­ig­keit der indus­tri­el­len Tötung. Damit bleibt von der deut­schen Kul­tur nur mehr der Tod übrig, die sys­te­ma­ti­sche Aus­lö­schung eines Volkes.
  • Mar­ga­re­the”, Anspie­lung auf Gret­chen, damit deut­sche Kultur
  • Sula­mith”, Anspie­lung auf jüdi­sche Kultur
  • spielt auf nun zum Tanz”, die Grund­form der Fuge ist eine musi­ka­li­sche Form, an die das Gedicht ange­lehnt ist, zudem ist es ein wei­te­rer Beleg der Gegen­über­stel­lung deut­scher Kul­tur und dem Unfass­ba­ren (Konzentrationslager)