Zum Inhalt springen

mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

Archiv

Tag: Macht

Im Rah­men des Zür­cher Thea­ter­spek­ta­kels besuchte ich heute die Römi­schen Tra­gö­dien der hol­län­di­schen Gruppe Toneel­groep Ams­ter­dam. Aus­gangs­punkt der ambi­tio­nier­ten Pro­duk­tion waren die drei Shakespeare-​​Tragödien Corio­la­nus, Julius Cae­sar, and Ant­ony and Cleo­pa­tra. Die Insze­nie­rung nutzte eine moderne Über­set­zung ins Hol­län­di­sche (soweit ich das anhand der deut­schen Simul­tan­über­ti­tel beur­tei­len kann) und stellte alle wesent­li­chen Cha­rak­tere in Business-​​Kleidung dar. Ort war eben­falls eine Business-​​Lounge, als Zuschauer konnte man sich frei bewe­gen. Ich pro­bierte das auch aus, jedoch spiel­ten die meis­ten Sze­nen dann doch auf der Bühne zwi­schen Lounge und Zuschau­er­raum, so dass man vom nor­ma­len Sitz­platz den bes­ten Blick auf die Gescheh­nisse hatte. Kame­ras fin­gen das Gesche­hen ein und stell­ten es auf Bild­schir­men in der Lounge dar, ich fand das aber mit der Zeit etwas anstrengend.

Anstren­gend ist über­haupt ein gutes Wort, da ich Hol­län­disch nicht wirk­lich ver­stand, musste ich stän­dig auf die Titel schauen. Und diese Tren­nung zwi­schen Schau­spie­ler und Text ist ein­fach anstren­gend, auch wenn man sich ein wenig daran gewöhnt. Aber man kann dem Gesche­hen ein­fach nicht so unmit­tel­bar fol­gen wie bei einem Stück, des­sen Spra­che man versteht.

Der abso­lute Höhe­punkt war die Grab­rede von Mar­cus Anto­nius, der nach Mar­cus Iunius Bru­tus spricht und seine Rede mit den berühmt gewor­de­nen Wor­ten „Freunde, Römer, Lands­leute, leiht mir euer Ohr” ein­lei­tet. Nach­dem Bru­tus dem Volk gerade erklärt hat, dass Cäsar nach der Allein­herr­schaft gegrif­fen hatte und seine Ermor­dung im Inter­esse der Repu­blik gele­gen hatte, kann Anto­nius mit einer flam­men­den Rede das Volk gegen die Atten­tä­ter ein­neh­men. Es war wun­der­voll insze­niert, er schmiss sein Manu­skript weg, setzte sich vor das Red­ner­pult hin, den Trä­nen nahe und sprach frei von der Leber weg. Dann ging er auch in den Zuschau­er­raum hin­ein, um den wah­ren Erben Cäsars nahe zu sein. Es war bewegend.

Anto­nius: Mit­bür­ger! Freunde! Römer! hört mich an:
Begra­ben will ich Cäsarn, nicht ihn prei­sen.
Was Men­schen Übles tun, das über­lebt sie,
Das Gute wird mit ihnen oft begra­ben.
So sei es auch mit Cäsarn! Der edle Bru­tus
Hat euch gesagt, daß er voll Herrsch­sucht war;
Und war er das, so war’s ein schwer Ver­ge­hen,
Und schwer hat Cäsar auch dafür gebüßt.
Hier, mit des Bru­tus Wil­len und der andern
(Denn Bru­tus ist ein ehren­wer­ter Mann,
Das sind sie alle, alle ehren­wert),
Komm ich, bei Cäsars Lei­chen­zug zu reden.
Er war mein Freund, war mir gerecht und treu;
Doch Bru­tus sagt, daß er voll Herrsch­sucht war,
Und Bru­tus ist ein ehren­wer­ter Mann.
Er brachte viel Gefangne heim nach Rom,
Wofür das Löse­geld den Schatz gefüllt.
Sah das der Herrsch­sucht wohl am Cäsar gleich?
Wenn Arme zu ihm schrien, so weinte Cäsar;
Die Herrsch­sucht sollt aus här­term Stoff bestehn.
Doch Bru­tus sagt, daß er voll Herrsch­sucht war,
Und Bru­tus ist ein ehren­wer­ter Mann.
Ihr alle saht, wie am Luper­cus­fest
Ich drei­mal ihm die Königs­krone bot,
Die drei­mal er gewei­gert. War das Herrsch­sucht?
Doch Bru­tus sagt, daß er voll Herrsch­sucht war,
Und ist gewiß ein ehren­wer­ter Mann.
Ich will, was Bru­tus sprach, nicht wider­le­gen;
Ich spre­che hier von dem nur, was ich weiß.
Ihr lieb­tet all ihn einst nicht ohne Grund;
Was für ein Grund wehrt euch, um ihn zu trau­ern?
O Urteil, du ent­flohst zum blö­den Vieh,
Der Mensch ward unver­nünf­tig! — Habt Geduld!
Mein Herz ist in dem Sarge hier beim Cäsar,
Und ich muß schwei­gen, bis es mir zurückkommt.

Aus­zug aus der Über­set­zung von August Wil­helm von Schle­gel

Das Dresd­ner Staats­schau­spiel spielt am 21. Juni das Stück „Richard III.” (Wil­liam Shake­speare). Wen jemand Lust hat mit­zu­kom­men, bitte mel­den. Anbei noch die Stückbeschreibung:

In Eng­land ist end­lich Frie­den, ein Frie­den, mit dem Richard, Her­zog von Glos­ter, nichts anzu­fan­gen weiß. So setzt er sich ein Ziel. Macht­wille und Ver­ach­tung aller gel­ten­den Nor­men wer­den von da ab seine Zukunft bestim­men. Zurück­ge­setzt von Natur und Men­schen, brennt Richard für »seine« Auf­gabe. Ent­schlos­se­nes Han­deln, über­le­gene Intel­li­genz, Vir­tuo­si­tät in der Fähig­keit, sich selbst Feinde gefü­gig zu machen, ebnen dem Her­zog von Glos­ter den Weg zur Macht, zum Königs­thron. Er wird Richard III sein. Lüge und Ver­rat, Mein­eid und Mord haben ihn beglei­tet, bis ihm, end­lich im Besitz der Krone, Angst vor dem Ver­lust des Throns den Blick für die not­wen­di­gen nächs­ten Schritte zum Macht­er­halt ver­stellt. Ein Ent­wurf für die Zukunft Eng­lands wäre not­wen­dig, Richard aber hat kein Pro­gramm für Frie­dens­zei­ten. Und so beginnt der unauf­halt­same Abstieg des macht­hung­ri­gen Richard III.