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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Max Frisch

Ein Gespräch auf dem Gip­fel (Vren­e­lis­gärtli) nach gemein­sa­mer Hel­den­tat – unse­rem Berg­füh­rer macht die Über­frem­dung Angst. Ich fühle mich damit immer gemeint, wenn nicht sogar ange­grif­fen. Als Deut­scher in der Schweiz bin ich ein Frem­der, einer von immer mehr. Und es gäbe da jetzt eine deut­sche Berg­füh­rer­schule, wel­che gerin­gere Löhne zahle und die Preise rui­niere. Was sagt man da? Die Aus­sicht ist schön hier oben und der Him­mel recht blau.

Mir behagt schon der Begriff nicht. Über­frem­dung hat einen bedroh­li­chen, aus­gren­zen­den Klang. Und in unse­rer Siebener-​​Seilschaft reprä­sen­tierte ich als ein­zi­ger Deut­scher das omi­nöse Fremde. Als Kunde von Schwei­zer Berg­füh­rern fühlte ich mich durch­aus will­kom­men, aber sobald Zuge­wan­derte in Kon­kur­renz tre­ten, läu­ten die Alarm­glo­cken. Die glei­che Dis­kus­sion erlebte ich vor eini­gen Jah­ren in Sach­sen, durch die Ost­erwei­te­rung der Euro­päi­schen Union sahen sich vor allem hand­werk­li­che Betriebe bedroht. Pol­ni­sche und tsche­chi­sche Flie­sen­le­ger und Bau­ar­bei­ter wür­den schon bald die Preise rui­nie­ren und in einer ohne­hin schon struk­tur­schwa­chen Region zusätz­li­che Arbeits­lo­sig­keit ver­ur­sa­chen. In der Schweiz sind die Deut­schen die Polen.

Max Frisch schrieb 1965 einen Text zum Thema Über­frem­dung. Damals waren es die Ita­lie­ner, wel­che in gro­ßer Zahl in die Schweiz kamen.

Ein klei­nes Her­ren­volk sieht sich in Gefahr: man hat Arbeits­kräfte geru­fen, und es kom­men Men­schen. Sie fres­sen den Wohl­stand nicht auf, im Gegen­teil, sie sind für den Wohl­stand uner­läss­lich. Aber sie sind da. Gast­ar­bei­ter oder Fremd­ar­bei­ter? Ich bin fürs Letz­tere: sie sind keine Gäste, die man bedient, um an ihnen zu ver­die­nen; sie arbei­ten, und zwar in der Fremde, weil sie in ihrem eige­nen Land zur­zeit auf kei­nen grü­nen Zweig kom­men. Das kann man ihnen nicht übel neh­men. Sie spre­chen eine andere Spra­che. Auch das kann man nicht übel neh­men, zumal die Spra­che, die sie spre­chen, zu den vier Lan­des­spra­chen gehört. Aber das erschwert vie­les. Sie beschwe­ren sich über men­schen­un­wür­dige Unter­künfte, ver­bun­den mit Wucher, und sind über­haupt nicht begeis­tert. Das ist unge­wohnt. Aber man braucht sie. Wäre das kleine Her­ren­volk nicht bei sich selbst berühmt für seine Huma­ni­tät und Tole­ranz und so wei­ter, der Umgang mit den frem­den Arbeits­kräf­ten wäre leich­ter; man könnte sie in ordent­li­chen Lagern unter­brin­gen, wo sie auch sin­gen dürf­ten, und sie wür­den nicht das Stra­ßen­bild über­frem­den. Aber das geht nicht; sie sind keine Gefan­ge­nen, nicht ein­mal Flücht­linge. So ste­hen sie denn in den Läden und kau­fen, und wenn sie einen Arbeits­un­fall haben oder krank wer­den, lie­gen sie auch noch in den Kran­ken­häu­sern. Man fühlt sich über­frem­det. Lang­sam nimmt man es ihnen doch übel. Aus­beu­tung ist ein ver­brauch­tes Wort, es sei denn, dass die Arbeit­ge­ber sich aus­ge­beu­tet füh­len. Sie spa­ren, heißt es, jähr­lich eine Mil­li­arde und schi­cken sie heim. Das war nicht der Sinn. Sie spa­ren. Eigent­lich kann man ihnen auch das nicht übel neh­men. Aber sie sind ein­fach da, eine Über­frem­dung durch Men­schen, wo man doch, wie gesagt, nur Arbeits­kräfte wollte. Und sie sind nicht nur Men­schen, son­dern anders: Ita­lie­ner. Sie ste­hen Schlange an der Grenze; es ist unheim­lich. Man muss das kleine Her­ren­volk schon ver­ste­hen. Wenn Ita­lien plötz­lich seine Grenze sper­ren würde, wäre es auch unheim­lich. Was tun? Es geht nicht ohne strenge Maß­nah­men, die kei­nen Betrof­fe­nen ent­zü­cken, nicht ein­mal den betrof­fe­nen Arbeit­ge­ber. Es herrscht Kon­junk­tur, aber kein Ent­zü­cken im Lande. Die Frem­den sin­gen. Zu viert in einem Schlaf­raum. Der Bun­des­rat ver­bit­tet sich die Ein­mi­schung durch einen ita­lie­ni­schen Minis­ter, schließ­lich ist man unab­hän­gig, wenn auch ange­wie­sen auf fremde Tel­ler­wä­scher und Mau­rer und Hand­lan­ger und Kell­ner und so wei­ter, unab­hän­gig (glaube ich) von Habs­burg wie von der EWG.

Es sind ein­fach zu viele, nicht auf der Bau­stelle und nicht in der Fabrik und nicht im Stall und nicht in der Küche, aber am Fei­er­abend, vor allem am Sonn­tag sind es plötz­lich zu viele. Sie fal­len auf. Sie sind anders. Sie haben ein Auge auf Mäd­chen und Frauen, solange sie die ihren nicht in die Fremde neh­men dür­fen. Man ist kein Ras­sist; es ist schließ­lich eine Tra­di­tion, dass man nicht ras­sis­tisch ist, und die Tra­di­tion hat sich bewährt in der Ver­ur­tei­lung fran­zö­si­scher oder ame­ri­ka­ni­scher oder rus­si­scher Allü­ren, ganz zu schwei­gen von den Deut­schen, die den Begriff von den Hilfs­völ­kern geprägt haben. Trotz­dem sind sie ein­fach anders. Sie gefähr­den die Eigen­art des klei­nen Her­ren­vol­kes, die ungern umschrie­ben wird, es sei denn im Sinn des Eigen­lobs, das die andern nicht interessiert.

Max Frisch, Über­frem­dung I, 1965

Also ich werde auf jeden Fall den Schwei­zer Berg­füh­rern die Treue hal­ten. Unvor­stell­bar, dass mir ein Berg­füh­rer auf Hoch­deutsch erklärte, wie ich den Kara­bi­ner ein­hänge, wie der dop­pelte Spie­ren­stich funk­tio­niert oder wel­che Klet­ter­tech­nik die beste ist. Das passt ein­fach nicht zusammen.

Das Thea­ter­kan­ton Zürich ist ein Wan­der­thea­ter, das mit sei­nen Pro­duk­tio­nen über­all im Kan­ton auf­tritt. Mit eini­gen Freun­den vom Thea­ter erlebte ich in Win­ter­thur die Insze­nie­rung von Max Frischs Don Juan oder Die Liebe zur Geo­me­trie. Es war ein wun­der­vol­ler Abend mit einer abso­lut gelun­ge­nen Insze­nie­rung. Es war ein­falls­reich, wit­zig, tra­gisch, authen­tisch, dis­tan­ziert, pathe­tisch, mensch­lich, grandios.

Das Stück ist dabei dra­ma­tur­gisch gar nicht so leicht zu packen. Don Juan ist bei Frisch ein unfrei­wil­li­ger Ver­füh­rer, der sich lie­ber mit Geo­me­trie beschäf­tigt. Und so wan­dert er in die­ser einen Nacht von Raum zu Raum, von Frau zu Frau, lässt auch die Frau sei­nes ein­zi­gen Freun­des nicht aus und hin­ter­lässt auch noch lau­ter Lei­chen. Die Wand­lung vom lächeln­den, geo­me­trisch begab­ten Träu­mer zum Ver­füh­rer und Mör­der geschieht sehr spon­tan in den ers­ten drei Akten. Danach wird die selbst insze­nierte Höl­len­fahrt des inzwi­schen älte­ren Don Juan gezeigt, am Ende sieht man ihn als ein­ge­sperr­ten Ehe­mann, der die Lau­nen sei­ner Frau ertra­gen muss.

So wit­zig die Idee ist, den Don Juan mal ganz anders zu inter­pre­tie­ren, so schwie­rig ist das Durch­hal­ten die­ser Linie und das Fin­den von Kon­flik­ten in die­ser Kon­stel­la­tion. Denn Don Juan offen­bart sehr wenig Todes­angst und auch die Liebe bedeu­tet ihm wenig. Es steht also wenig auf dem Spiel, außer dem Bank­rott sei­nes Haushalts.

Aber so nie­der­dra­ma­tisch die Vor­lage, so ide­en­reich und gelun­gen die Umset­zung. So schön kann Thea­ter sein, stö­rend ein­zig die Motor­rad­fah­rer und das Gejohle von Fußball-​​Fans.

Zu Ehren des bekann­ten Schwei­zer Schrift­stel­lers Max Frisch kon­zi­pierte das Thea­ter Neu­markt einen Abend mit impro­vi­sier­ten Sze­nen aus dem Werk Frischs. Das Kon­zept ging nicht auf, abge­se­hen von eini­gen weni­gen geglück­ten Sze­nen war der Groß­teil lang­wei­lig und unspektakulär.

Schus­ter, bleib bei dei­nen Leis­ten! Das möchte ich dem Thea­ter Neu­markt zuru­fen. Warum um Got­tes Wil­len lasst ihr genau die Leute spie­len, die keine Schau­spie­ler sind? Die nicht die Aus­bil­dung haben, nicht die Stimme, nicht die Erfah­rung, die es ein­fach braucht, um diese Sze­nen schnell und wir­kungs­voll zu impro­vi­sie­ren? Sie kleb­ten an den Text­blät­tern, kaum Blick­kon­takt zum Publi­kum, dilet­tan­ti­sches Spiel, kaum Ver­ständ­nis für die Emo­tio­na­li­tät der Szene. Wie auch, waren es doch all jene Ange­stell­ten, die am Thea­ter jen­seits der Bühne wir­ken, ange­fan­gen von der Direk­to­rin Bar­bara Weber, über den Tech­ni­schen Direk­tor Andreas Bögel bis hin zu aktu­el­len und ehe­ma­li­gen Prak­ti­kan­ten im kauf­män­ni­schen Bereich. Sicher tolle Leute, die in ihren Dis­zi­pli­nen Wun­der­dinge voll­brin­gen, aber aben keine Darsteller.

Dabei waren durch­aus inter­es­sante Texte dabei, zwei Sze­nen aus Mein Name sei Gan­ten­bein – einem mei­ner Lieb­lings­bü­cher. Auch Don Juan war ver­tre­ten, sogar mit den fech­ten­den Vet­tern, Mon­tauk, Bio­gra­fie: Ein Spiel. Schöne gehalt­volle Texte, die für das Impro­vi­sie­ren aber etwas zu kom­plex sind. Der Spa­gat zwi­schen Impro­vi­sa­tion und Repro­duk­ti­ons­thea­ter gelang ein­fach nicht. Und irgend­wie merkte man es auch den Dar­stel­lern an, sie pro­bier­ten sich aus, aber es wollte ein­fach nicht so recht zünden.

Aber so war die­ser Abend ein gutes Bei­spiel für die Ver­deut­li­chung und Wür­di­gung des künst­le­ri­schen Pro­zes­ses, denn von der ers­ten Lese­probe zur spiel­fer­ti­gen Szene ist es ein wei­ter Weg. So vie­les muss zusam­men kom­men, damit eine stim­mige Szene ent­steht. Der Text ist nicht mehr als ein Gerüst, inner­halb des­sen so vie­les nötig und mög­lich ist.

Salon des Arts

Dez 3
Allgemein

Ende vori­gen Jah­res ver­an­stal­tete die Kul­tur­stelle der ETH Zürich ein drei­tä­gi­ges Kul­tur­fes­ti­val, damals anläss­lich des 150-​​jährigen ETH-​​Bestehens. Damals las ich den Kon­tra­bass und war auch kur­zer­hand bei der Literatur-​​Jury eingeplant.

Um es kurz zu machen: die­ses Jahr war es genau so. Ein Unter­schied ist der Name der Ver­an­stal­tung, sie heißt jetzt Salon des Arts. Mit dem Bro­cken­haus konnte ein Spon­sor für die salon­mä­ßige Aus­stat­tung des Haupt­raums gefun­den wer­den. Und so bot sich dem Besu­cher beim Ein­tre­ten in besag­ten Raum der Anblick zahl­rei­cher Couch– und Ses­sel­ecken, in denen sich Leute unter­hiel­ten oder vor sich hin dämmerten.

Der zweite Unter­schied war das von mir gele­sene Buch. Nach dem Kon­tra­bass (Patrick Süß­kind) vori­ges Jahr die­ses Mal „Mein Name sei Gan­ten­bein” von Max Frisch. Habe ich in Dres­den auch schon zwei Mal gele­sen, also nichts wirk­lich Neues. Lei­der waren auch nur fünf unmit­tel­bare und wei­tere sie­ben bis zehn im gro­ßen Raum ver­streute Zuhö­rer zuge­gen. Den­noch, ein klei­ner Bei­trag zur Salon-​​Stimmung war getan.

Heute waren dann wohl die meis­ten Zuschauer da, als etli­che Tanz­auf­füh­run­gen am Abend statt­fan­den. Ich kam lei­der etwas zu spät, konnte aber doch noch einige Fotos machen. Ich habe mit Langzeit-​​Belichtung expe­ri­men­tiert, um die Tanz­be­we­gun­gen zumin­dest eini­ger­ma­ßen ein­zu­fan­gen. Aber seht selbst: