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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Ostern

Dresden

Mrz 20
Allgemein

Ich fahre wie­der in die Stadt, die einst meine Hei­mat war. Dies­mal spon­tan und heim­lich, mit­ten in der Nacht legen wir die weite Stre­cke zurück. Ein Kol­lege von mir fährt hin und ich möchte auch mal wie­der unter­wegs sein. Ich habe keine Ner­ven, vier Tage an einem Ort zu hocken, noch dazu bei schlech­tem Wet­ter. Dann lie­ber in Dres­den bei schlech­tem Wet­ter hocken und die alten Freund­schaf­ten pfle­gen. Haupt­sa­che unter­wegs und in Bewe­gung blei­ben. Leute tref­fen, Zeit zum Lesen haben, aus­schla­fen, die Rück­reise dann am Mon­tag. Wird Stress, sie­ben Stun­den im klei­nen Auto. Mein Kol­lege hat mich gewarnt, ent­we­der ich brächte eigene CDs oder es gäbe aus­schließ­lich Coun­try und Hip Hop zu hören. Ich habe keine eige­nen CDs dabei. Haupt­sa­che wach blei­ben beim Fah­ren. Mun­ter die Auto­bah­nen ent­lang sau­sen. Irgend­wo­hin, weg von mir, wie ich bin.

Im Gegen­satz zu Deutsch­land und den meis­ten ande­ren mir bekann­ten Län­dern gibt es hier in den USA keine Fei­er­tage zu Ostern. Ein­ge­bet­tet in zwei ganz nor­male Arbeits­wo­chen gibt es halt das Wochen­ende, wel­ches dann ent­spre­chend der Fami­li­en­tra­di­tion began­gen wird. Viele Men­schen zieht es in eine der zahl­rei­chen Kir­chen, angeb­lich sol­len bis zu 50 Pro­zent der US-​​amerikanischen Bevöl­ke­rung zu Ostern den Weg zum Got­tes­dienst fin­den. Der Oster­sonn­tag ist dann auch ent­spre­chend der Höhe­punkt aller Feierlichkeiten.

Um ca. 12 Uhr Mit­tag brachte mein Mit­be­woh­ner Rei­mund zwei kunst­voll bemalte Eier her­ein, die er vor unse­rer Tür gefun­den hatte. Eine nähere Inspek­tion ergab, dass es sich um echte Hüh­ner­eier han­delte, wel­che aus­ge­bla­sen, bemalt, mit Süß­wa­ren gefüllt und kunst­voll ver­packt wor­den waren. Ein Oster­gruß befand sich am Tat­ort, wobei beide Namen rich­tig geschrie­ben waren. Als ich um ca. 14 Uhr Orts­zeit zu Michael ging, um mich zum Ostereier-​​Suchen zu tref­fen, wurde mir klar, dass es sich nicht um einen Ein­zel­fall han­delte. An Michael’s Tür hin­gen zwei ähnlich gefer­tigte Eier, für ihn und seine Mit­be­woh­ne­rin Olyssa. Auch Simone, eine aus Bra­si­lien stam­mende Stu­den­tin, die sich zum Ostereier-​​Verstecken und –Suchen ein­ge­fun­den hatte, berich­tete von einem ähnli­chen Vor­fall. Die Unge­heu­er­lich­keit, Prä­zi­sion und Kunst­fer­tig­keit die­ser anschei­nend zusam­men­hän­gen­den Vor­fälle weckte unsere Neu­gier, so dass wir die nächste halbe Stunde eine Art Täter-​​Profil erstellten.

Die Per­son muss uns alle­samt ken­nen und dazu auch noch wis­sen, wo Simone wohnt. Denn bei der gro­ßen Anzahl Stu­den­ten­wohn­heime ist es nur mit dem erfor­der­li­chen Spe­zi­al­wis­sen mög­lich, ihre Tür zu fin­den. Des­wei­te­res deu­te­ten gewisse Hin­weise auf den Gruß-​​Zetteln auf eine weib­li­che Ame­ri­ka­ne­rin, da die Hand­schrift sehr ordent­lich und das Und-​​Zeichen in der ame­ri­ka­ni­schen Ver­sion aus­ge­führt war. Auch eine aus­ge­prägte Nei­gung zum Bas­teln, far­bi­gen Gestal­ten und Leute-​​Überraschen stell­ten wir als wesent­li­ches Charakter-​​Merkmal fest. Ver­schie­dene in Frage kom­mende Per­so­nen wer­den ohne Zwei­fel in nächs­ter Zeit anhand von Fin­ger­ab­drü­cken, DNA-​​Spuren oder ähnli­chen Merk­ma­len iden­ti­fi­ziert wer­den. Dann herrscht end­lich Gewiss­heit, wem diese unge­heu­er­li­che Tat zuzu­schrei­ben ist!

Nach der Erstel­lung des Täter-​​Profils mach­ten wir uns dann auf in Rich­tung Brown-​​Farm, wo wir der kin­di­schen und heid­ni­schen Tra­di­tion des Eier-​​Versteckens und –Wie­der­fin­dens frö­nen woll­ten. Jeder hatte einige Eier besorgt, die es zu ver­ste­cken galt. Wir wähl­ten unter­schied­li­che Gebiete und gras­ten sie dann gemein­sam ab (ohne den Ver­ste­cker). Ich hatte in mei­ner aus­ge­präg­ten Liebe zur Natur Öko-​​Eier besorgt, sechs davon gekocht und mit lus­ti­gen Gesich­tern bemalt. Ich wählte recht ein­fa­che Ver­ste­cke und war dann doch über­rascht, wie lange Mischa und Simone such­ten, bis alle sechs Eier gefun­den waren.

Mischas Ver­ste­cke waren eine Spur schwie­ri­ger, erst exten­sive Hin­weise brach­ten uns auf die Spur aller zehn gefüll­ten Schokoladen-​​Eier. Er hatte stel­len­weise Eier mit Laub zuge­deckt, in Höh­lun­gen mit Spä­nen zuge­deckt und sons­tige fiese Tricks gebraucht, um uns auf die Fol­ter zu span­nen. Naja, dafür schmeck­ten die — im Übri­gen äußerst unge­sun­den und Karies-​​fördernden — Eier dann ent­spre­chend gut.

Die Krö­nung waren dann Simo­nes 72 (!) mit Süß­wa­ren gefüllte Plastik-​​Eier. Recht viele konn­ten wir schnell fin­den, jedoch waren etli­che im Gras ver­steckt, was mich schon auf die Dauer etwas depri­miert hat. Man läuft Schritt für Schritt durchs Gras und fin­det dann doch nichts. Am Ende gaben wir dann auf, obwohl noch ca. 8 Eier nicht auf­ge­fun­den wor­den waren. Aber selbst Simone konnte sie nicht mehr fin­den, und die Zeit drängte.

Auf jeden Fall weiß ich jetzt, wie ich meine Kin­der spä­ter mal zur Ver­zweif­lung trei­ben kann!

Rei­munds Gast­el­tern luden mich freund­li­cher­weise zum Oster-​​Essen (eas­ter din­ner) ein. Im groß­zü­gig ange­leg­ten Haus der Groß­el­tern saßen wir am lan­gen Tisch und genos­sen Schin­ken mit Honig­kruste, Spar­gel, über­ba­ckene Kar­tof­fel­schei­ben, frisch geba­ckene Bröt­chen, Frucht­kom­pott und selbst­ge­ba­cke­nen Rhabarber-​​Kuchen mit Vanille-​​Eis. Die Leute waren alle total freund­lich und offen, bevor wir anfin­gen, wur­den wir alle gefragt, wie wir Ostern vor einem Jahr ver­bracht hät­ten. Die meis­ten waren in Blacks­burg gewe­sen, Rei­mund und ich bil­de­ten da die exo­ti­schen Aus­nah­men. Ich dachte ursprüng­lich, dass ich Ostern mit mei­ner Fami­lie (oder Tei­len davon) in Dres­den ver­bracht hätte, jedoch ergab eine Recher­che im Palm, dass ich zu die­ser Zeit in Süd­afrika war. Ent­we­der an der Wild Coast oder in den Dra­kens­ber­gen — da bin ich nicht hun­dert­pro­zen­tig sicher. Tja, ein Jahr. Und vie­les liegt zwi­schen die­sen bei­den Osterfesten…

Das Gespräch gestal­tete sich dann ganz lus­tig, was auch durch zwei Chi­ne­sen (ehe­ma­lige Gasteltern-​​Beziehung) ver­ur­sacht wurde. So konn­ten wir mun­ter aller­lei Aspekte ver­schie­de­ner Staats-​​Systeme ver­glei­chen. Wohl gefüllt ver­ließ ich dann spä­ter mit Rei­mund das Haus und kul­lerte heimwärts.