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mathias wellner

theater, schauspiel und bergsport

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Tag: Paul Celan

Die aktu­elle Aus­stel­lung des Strau­hof Zürich befasst sich mit Ton­do­ku­men­ten von Dich­ter­stim­men. Da es das noch nicht so lange gibt (tech­nisch bedingt), war die zeit­li­che Dimen­sion schon mal auf die ver­gan­ge­nen reich­lich 100 Jahre beschränkt. Inhalt­lich wur­den deutsch­spra­chige Auto­ren genom­men, aus Deutsch­land, Öster­reich und natür­lich der Schweiz. Die Auf­tei­lung des Mate­ri­als auf Räume wurde nach dem Kon­text vor­ge­nom­men, so gab es Gesprä­che, Lesun­gen, Reden, Dar­stel­lun­gen (bis hin zum Poe­try Slam), Rundfunk/​TV und andere Kategorien.

Das Schöne für mich war, dass ich viele „Bekannte” wie­der­sah und neue Ver­bin­dun­gen her­stel­len konnte. Unver­gess­lich Paul Cel­ans Todes­fuge, vor­ge­tra­gen vom Autor selbst mit sehr star­ker Beto­nung, lei­der unüb­lich für Lesungen.

  • Ulrike Mein­hof las 1967 einen Arti­kel zu den Stu­den­ten­un­ru­hen, journalistisch-​​literarisch,
  • Hein­rich Böll nahm in einem Tele­fon­in­ter­view 1977 Stel­lung zu der Durch­su­chung der Woh­nung sei­nes Soh­nes durch 40 Beamte eines Son­der­ein­satz­kom­man­dos (ein Denun­zi­ant hatte sei­nen Sohn belas­tet, Böll wurde geis­tige Nähe zu den Ter­ro­ris­ten vorgeworfen),
  • Christa Wolf spricht 1989 in Ber­lin zu den Demonstranten,
  • Peter Handtke belei­digt sein Publi­kum (die Publi­kums­be­schimp­fung habe ich 2004 zum Geburts­tag mit eini­gen Freun­den aufgeführt),
  • Tho­mas Mann spricht 1944 per Radio zu den Deut­schen, er legt dar, dass der Krieg ledig­lich nach Deutsch­land zurück kehre, die Bom­bar­die­rung sei­ner Hei­mat­stadt Lübeck recht­fer­tigt er mit Coventry,
  • Ernst Jandl spielt mit Sprache,
  • Joa­chim Rin­gel­natz sächselt,
  • Fried­rich Dür­ren­matt äußert sich kri­tisch über die Schweiz (die Ein­woh­ner seien zugleich Gefan­gene, Wär­ter und frei),
  • Max Frisch beob­ach­tet Neger (damals durfte er das noch so sagen) in New York und greift die Ungleich­be­hand­lung an,

Ansons­ten waren der Gestal­tung vor allem tech­ni­sche Schran­ken auf­er­legt. Da in eini­gen Kabi­nen Filme lie­fen, musste alles gut gedämpft sein, um die Stim­men der Dich­ter wir­ken zu las­sen. Dem­ent­spre­chend kam wei­ßes Poly­sty­rol und ähnli­ches Dämpf­ma­te­rial zum Ein­satz. Die Ästhe­tik der ein­ge­zo­ge­nen Wände hielt sich des­halb etwas in Gren­zen, aber im Vor­der­grund stan­den ja die Stimmen.

Paul Celan – Die Todesfuge

Nov 18
Allgemein

Im Rah­men der Lite­ra­tur­vor­le­sung Lite­ra­tur der Shoah beschäf­ti­gen wir uns mit der Todes­fuge von Paul Celan. Es ist für mich das beein­dru­ckendste Gedicht, das ich jemals gehört habe. Es ist so dicht gepackt mit Sym­bo­lik, wie­der­holt sich, vari­iert — ein genia­les Bei­spiel, was Lyrik alles aus­drü­cken kann.

Schwarze Milch der Frühe wir trin­ken sie abends
wir trin­ken sie mit­tags und mor­gens wir trin­ken sie nachts
wir trin­ken und trin­ken
wir schau­feln ein Grab in den Lüf­ten da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlan­gen der schreibt
der schreibt wenn es dun­kelt nach Deutsch­land dein gol­de­nes Haar Mar­ga­rete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blit­zen die Sterne er pfeift seine Rüden her­bei
er pfeift seine Juden her­vor läßt schau­feln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trin­ken dich nachts
wir trin­ken dich mor­gens und mit­tags wir trin­ken dich abends
wir trin­ken und trin­ken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlan­gen der schreibt
der schreibt wenn es dun­kelt nach Deutsch­land dein gol­de­nes Haar Mar­ga­rete
Dein asche­nes Haar Sula­mith wir schau­feln ein Grab in den Lüf­ten da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tie­fer ins Erd­reich ihr einen ihr andern sin­get und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tie­fer die Spa­ten ihr einen ihr andern spielt wei­ter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trin­ken dich nachts
wir trin­ken dich mit­tags und mor­gens wir trin­ken dich abends
wir trin­ken und trin­ken
ein Mann wohnt im Haus dein gol­de­nes Haar Mar­ga­rete
dein asche­nes Haar Sula­mith er spielt mit den Schlan­gen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meis­ter aus Deutsch­land
er ruft streicht dunk­ler die Gei­gen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wol­ken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trin­ken dich nachts
wir trin­ken dich mit­tags der Tod ist ein Meis­ter aus Deutsch­land
wir trin­ken dich abends und mor­gens wir trin­ken und trin­ken
der Tod ist ein Meis­ter aus Deutsch­land sein Auge ist blau
er trifft dich mit blei­er­ner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein gol­de­nes Haar Mar­ga­rete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlan­gen und träu­met der Tod ist ein Meis­ter aus Deutschland

dein gol­de­nes Haar Mar­ga­rete
dein asche­nes Haar Sulamith

Paul Celan

Auf den ers­ten Blick mag das sehr befremd­lich wir­ken, es ist auch zuge­ge­be­ner­ma­ßen kein leich­tes Gedicht. Die Ansätze für die Inter­pre­ta­tion sind viel­fäl­tig, ein paar fal­len mir noch ein:

  • Die „schwarze Milch” beschreibt die Grund­stim­mung, aus dem rei­nen Weiß wird dunk­les Schwarz, schon die Vor­stel­lung, schwarze Milch trin­ken zu müs­sen, ver­ur­sacht Übel­keit. Und diese schwarze Milch durch­zieht das gesamte Gedicht.
  • Der ein­zige Reim (blau — genau) ist am Ende des Gedichts zu fin­den. Sein Inhalt ist der Tod, der „Meis­ter aus Deutsch­land”, und die Genau­ig­keit der indus­tri­el­len Tötung. Damit bleibt von der deut­schen Kul­tur nur mehr der Tod übrig, die sys­te­ma­ti­sche Aus­lö­schung eines Volkes.
  • Mar­ga­re­the”, Anspie­lung auf Gret­chen, damit deut­sche Kultur
  • Sula­mith”, Anspie­lung auf jüdi­sche Kultur
  • spielt auf nun zum Tanz”, die Grund­form der Fuge ist eine musi­ka­li­sche Form, an die das Gedicht ange­lehnt ist, zudem ist es ein wei­te­rer Beleg der Gegen­über­stel­lung deut­scher Kul­tur und dem Unfass­ba­ren (Konzentrationslager)